Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Wolfgang Brylla: Wie viel Realität und Ort darf sein im ZDF?

Heute ist mehr Lametta – „Versunkene Gräber“ meidet die Orte, an denen es angesiedelt ist

Das Zweite hat meine festliche Vorweihnachtsstimmung – im Zeichen von Erdnussflips und schönem Pils – so gründlich vermiest. Nicht dass ich mich im Vorfeld auf die neueste Romanverfilmung von Elisabeth Herrmann mit Jay Jay Liefers als Rechtsanwalt Vernau übermäßig gefreut hätte, gespannt wie ein Flitzbogen war ich allerdings, wie das ZDF-Produktionsteam einen geheimnisvollen Flecken Erde zu inszenieren vermag, den ich aus dem Effeff kenne. Leider erwies sich die TV-Novemberfolge „Versunkene Gräber“ als rabiater Stimmungskiller mit großem Kritikpotential und provozierte einmalmehr die Frage nach der Relevanz der topographischen Präzision im deutschen Fernsehkrimi. Wie viel geographische Authentizität, Realitätsnähe und echten Lokalkolorit verträgt eigentlich der Primetime-Krimi im Öffentlich-Rechtlichen (nicht)? 

Für diejenigen, die sich Herrmanns Kriminalroman von 2013, der sich auch als ‚historisierend‘ einstufen lässt, weil die Verbrechen auf der Gegenwartsebene nur mit einem virtuellen Zurückbeamen in die Vergangenheit, genauer ins Jahr 1945, gelöst werden können, noch nicht zu Gemüte geführt haben, sei an dieser Stelle eine kurze trailerhafte Zusammenfassung erlaubt. Die Freundin des Berliner Starrechstanwalts Joachim Vernau Marie-Luise, die sich auf ein kleines Techtelmechtel mit einem polnischen KfZ-Mechaniker und Weingutbesitzer Jacek einlässt, wird als Hauptverdächtige im Zusammenhang mit einem Mordfall im deutsch-polnischen Grenzgebiet mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. In einer ruinierten Friedhofskapelle im fiktiven polnischen Dorf Janekpolana wacht sie blutverschmiert neben einer männlichen Leiche auf, um wenige Stunden später in einem Krankenhaus zu landen.

Ihr Lover wird inhaftiert, nach Posen abtransportiert und von einer polnischen Anwältin mit guten Deutschkenntnissen vertreten. Beide – sowohl Marie-L. als auch J. – werden letztendlich freigelassen resp. freigesprochen (Notwehr), im Hintergrund spielt sich quasi Plot-subkutan jedoch eine andere Geschichte ab, die etwas mit dem deutschen Geschichtstrauma zu tun hat: mit der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee, mit dem Schicksal der deutschen Schlesier oder Ostpreußen und darüber hinaus ihrer ehemaligen Heimat, die nach dem Zweiten Weltkrieg meistens von Polen bewohnt wurde, die man aus dem Osten zwangsumsiedelte. Die polnischen Ostvertriebenen, die ihrer alten Heimstätte beraubt wurden, mussten in ihrer neuen polnischen ‚wiedergewonnen‘ – so damals das offizielle Wording – Deutsch-Heimat Fuß fassen und heimisch werden: Polnische Neu-Heimat auf deutschen Alt-Trümmern. Eine Heimat, die mit keinem einzigen deutsch-polnischen Friedensvertrag (ab)gesichert wurde. Deshalb hatten sich auch viele Deportierte vor der Rückkehr der Deutschen gefürchtet. Diese Angst wurde in Zeiten des Eisernen Vorhangs vor der westdeutschen Seite sogar selbst geschürt mit ihren zahlreichen Heimat- und Vertriebenenverbänden, die ‚ihren‘ verlorenen Ostgebieten nachweinten und eine Revision der bestehenden, aber nicht stabilen Grenzen anstrebten. Und das auf der Wetterkarte bis in die 1960er Jahre Deutschland immer noch im Tatbestand von 1937 mit Breslau, Oppeln und Stettin präsentiert wurde, hat die politische Debatte vor Brandts Kniefall alles andere als entsch­ärft.

Zurück jedoch zu „Versunkene Gräber“, zum Roman wohlgemerkt, bei dem die Diskussion um Umsiedlung-Neuansiedlung-Vertreibung angerissen, aber nicht auserzählt wird, was keinesfalls als Mangel der Story bewertet werden sollte. Ins narrative Zentrum Herrmanns rückt nicht der ewige, konfliktreiche deutsch-polnische Dialog bzw. dessen Fehlen, sondern die Straftat, infolge dessen man aufgefordert wird, im Gestern zu buddeln. Die Vergangenheit verbindet sich mit der Gegenwart allerdings nicht mithilfe des Historie-Primats, stattdessen vielmehr des… Weins. Das Fake-Dorf Janekpolana – BTW, eine Wörterkombination, die sogar im Polnischen für Kopfschütteln sorgt – lässt sich nämlich in der realen Region von Zielona Góra, das bis 1945 Grünberg in Schlesien hieß, in der schlesischen Weingegend schlechthin, verorten. Vor etwa 20 Jahren hat man die über 700 Jahre alte Weinbautradition, die auch im Zuge des Bevölkerungsaustausches in Vergessenheit geriet, wiederentdeckt. Seitdem pflegt man die Weinkultur, an den Oderhängen entstehen neue Weinberge, der Weinbau wurde zum Markenzeichen von Zielona Góra und Umgebung – keine 60 km Luftlinie von dem deutsch-polnischen Grenzpfahl, keine 180 km von Berlin entfernt. In derselben Spree-Metropole, in der ein gewisser Vernau seine Mandant:innen berät. 

Kein Interesse an einem Dreh im Nachbarland

Nutzte aber das ZDF die einmalige Gelegenheit, aufgrund der geographischen Nähe an originellen Orten, in der Weingutregion, zu drehen? Wollte das ZDF für seine Zuschauer:innen ein Stück fremder, jedoch trotzdem nicht ferner Provinz filmen? Hat das ZDF überhaupt an ein realistisches Setting jenseits von Berlin gedacht? Dreimal nö. Die Macher:innen der TV-Adaptation von „Versunkene Gräber“ waren sich zu schade, für die Hauptfilmaufnahmen ihr Nachbarland zu besuchen. Für solche Krimischmonzetten wie den Barcelona- oder Kroatien-Krimi werden zig Tausende von Euro verballert, nur um das Fernsehpublikum ins fantastische Katalonien oder nach Split zu transferieren und ein bisschen Mittelmeer-Feeling zu verbreiten. Im Falle von „Vernau“ schaltet man jedoch in den Sparmodus und baut das Filmset lieber in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt auf. Für den Osten scheint sich der TV-Krimi wenig zu interessieren. Statt etwas Neues zu wagen und nach frischen und anderen, vielleicht nicht so romantisch-prickelnden und in touristischer Hinsicht schönen Bildmotiven Ausschau zu halten, geht man kein Risiko ein. 

Aber Moment mal, es gibt doch den Usedom-Krimi, den Polizeiruf aus Frankfurt/Oder, den Masuren-Krimi… Ja, die gibt es, aber was vor einigen Jahren mit großen Erwartungen an den Start ging, und zwar mit dem Ziel, ein grenzübergreifendes und grenzüberschreitendes Crime-Narrativ aus der Taufe zu heben, das verlief im Sande. In den Grenzstreifen-Krimis findet das Grenzland kaum statt im Unterschied zum bevorzugten polnischen Bösewicht oder den polnischen Opferfiguren. Oder auch dann, wenn eine Wohnblocksiedlung gezeigt werden sollte. Oder ein heruntergekommenes Kaff. Bei den wenigen namenlosen kleinen polnischen Ortschaften wüssten selbst die Polen nicht, wo sie sich auf der Landkarte befinden sollten. Polnische Schauplätze werden hauptsächlich in der Totalen oder aus der Vogelperspektive gefilmt, wodurch weniger Distanzreduzierung, als vielmehr Distanzvergrößerung erzeugt wird. Eine Ausnahme bildet in diesem kriminellen Panoptikum das Masuren-Krimiprojekt, das sich in Pasym (Ermland-Masuren) ansiedelte. Im Masuren-Krimi wird aber die filmisch-narrative Funktion der wunderschönen Seenlandschaft auf ihr Wesen der… wunderschönen Seenlandschaft beschränkt. Zur Handlungskulisse beschnitten können Masuren ausschließlich als Freiluftmuseum dienen.

Das ZDF konnte sich in „Versunkene Gräber“ auf einen Schlag, mit wenig finanziellem Aufwand, dieser Tendenz bei der Darstellung polnischer Tatorte oder Handlungsräume widersetzen und einen anderen, realistische(re)n Umgang vorschlagen, bei dem in Polen von Polen erzählt wird. Was ist daraus geworden? Ein Fernsehkrimi, der jeder räumlich kodierten Authentizitätspraxis trotzt und auf entrealisierte Aufnahmen setzt, in denen deutsche Weinbauwirtschaftsbauten polnische vorgaukeln, und der auf diese Weise selbst auf jeden Realitätsanspruch verzichtet. Ohne es wahrscheinlich zu wollen.

Denn die Fehlerquote mit Blick auf die filmische Aufführung polnischer Ermittlungs- und Verbrechenräume ist leider höher als die Torausbeute beim Effzeh. Schnitzer gibt es jede Menge. Einen Durchschnittskrimizuschauer wird die Pleiten, Pech und Pannen-Show vermutlich kaum stören, weil sie den Erzählflow und die Handlungslogik nicht negativ beeinflusst und vom Organisatorischen auch wenig zum Ermittlungserfolg Vernaus beiträgt. Mich bringen jedoch solche unbewussten Montagepatzer und bewussten Schauplatz-Täuschungsmanöver auf die Palme, denn somit dankt man einerseits der Realismusforderung ab, andererseits offenbart man sein oberflächliches Interesse für den polnischen Nachbarn. 

Die Tatsache, dass Vernau die deutsche Ostgrenze mit seinem alten Mercedes Benz T nicht wie jeder Otto Normalverbraucher in Świecko überquert, sondern über die Stadtbrücke in Frankfurt (Oder)/Słubice, ist natürlicherweise seltsam, aber gleichzeitig auch dem Filmduktus geschuldet und nachvollziehbar: den Zuschauer:innen muss ikonographisch das Passieren der Grenze verdeutlicht werden. Dass aber derselbe Vernau die berühmte Jesus-Figur in Świebodzin von der Vorderseite bewundern kann, ist schon eine Pfuscherei, denn von der zweispurigen Semi-Autobahn S3 lässt sich nur der Hinterteil der riesengroßen Skulptur betrachten. Dasselbe gilt für die Autobahnausfahrt Poznań Centrum, die Vernau nimmt, um… in die Universitätsstadt Zielona Góra abzubiegen, von der nur ein unwesentlicher Kreisverkehr (of course aus der Vogelperspektive) gezeigt wird. Die angebliche „Klinika Zielona Góra“ hat mit dem realen Stadtkrankenhaus überhaupt nichts am Hut: ein anderes Gebäude, andere Krankenpfleger-Montur und vor allem anderer Name. In Polen heißen die meisten Staatskliniken nämlich Spitale („Szpital“).

… stattdessen topologisches Brimborium

So geht es im Fehlermarathon munter weiter. In einer Tiefgarage in Posen (Wielkopolska/Großpolen) stehen ausschließlich Fahrzeuge mit Nummernschildern aus der Woiwodschaft Lubuskie. Auf dem Weg nach Janekpolana fährt Vernau über die Oderbrücke in Cigacice, aber in entgegengesetzter Richtung… nach Posen zurück. Eine Filmfiktion ist zwar keine Wirklichkeit, aber auf solche kleinen (redundanten) Details und Nuancen könnte man schon Acht geben – auch der Fairness halber, denn so entsteht der Eindruck einer monokausalen filmischen Bevormundung. Bei den Berlin-Projektionen alles Hand und Fuß haben, bei dem Rest drücken wir halt ein Auge zu. Oder wir sehen einfach nicht hin wie bei Janekpolana, bei dessen literarischer Vorlage das Weinbergdorf Górzykowo Pate gestanden hat, und das Vernau ohne größere Umwege erreicht h­ätte, hätte er die erste rechts sofort nach der Cigacice-Brücke genommen… Für Janekpolana musste hingegen Vitzenburg in Querfurt mit seiner Burg, Weinbergkapelle und Pfarrkirche mit dem Grabstein von Johann Moritz von Heßler (ja, ja, gut in einer Filmszene zu erkennen) herhalten. Hätte man genauer recherchiert, wäre man auf unzählige verlassene Friedhöfe und Gotteshäuser im 30-km-Radius von Cigacice/Górzykowo gestoßen. Aber Vitzenburg liegt scheinbar näher an Berlin (200 Km) als Zielona Góra (180 Km)… Entfernung ist ja relativ. 

Das ZDF hat die Chance, die ihm Herrmann, die im Gegensatz zu den Filmverantwortlichen die polnischen Handlungsorte ihres Kriminalromans erkundete, versäumt, einmal die bewährten Patentrezepte und Mainstream-Erfolgskonzepte mit den allzu gut bekannten und sich immer im Teufelskreis wiederholenden Sequenzen von Dänemark oder Irland außen vor zu lassen und ins Regionalgrenzlandpolnische einzutauchen – mit seriösen Bildern und echten Locations, um sich auf dieser raumstrukturellen Grundlage wichtigen historischen sowie aktuellen Themenkomplexen zu widmen. Stattdessen tischt uns das ZDF ein topologisches Brimborium auf, einen Schein an räumlicher Plausibilität. Schlicht: funkelndes Lametta in der Vorweihnachtszeit. Passt schon irgendwie.

Wolfgang Brylla _ seine Texte bei uns hier.

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