Geschrieben am 1. November 2022 von für Crimemag, CrimeMag November 2022

Wolfgang Brylla schaut zwei deutsche Serien

Echt (kein) Hammer 

Mit dem Sechsteiler „Lauchhammer“ nahm die ARD das treue Mittwochs-Fernsehpublikum auf eine geheimnisvolle Reise ins Königreich der Schaufelradbagger und atemberaubenden Mondlandschaften. Außerdem durfte es natürlich kaum an einem Endlosschleife-Ost-Motiv fehlen. Ein bisschen DDR-Feeling kann ja nie schaden… Diesmal lud das Öffentlich-Rechtliche in die unergründete Lausitz ein, wo zu Hochzeiten des brandenburgischen Bergbaus ganze Dörfer von der Erdoberfläche wegradiert (oder einfach verlegt) wurden. Die Montanindustrie, einstmals größter Stolz der Region, an der Tausende Menschenschicksale hingen, trägt Mitverantwortung für den irreversiblen gesellschaftlichen sowie politischen Anti-Wandel im Osten. Welcome in the hell of hochgehyptem Fernsehfilmdurchschnitt.

Liest man sich die Online-Kritiken, die nach der Erstausstrahlung von „Lauchhammer“ erschienen sind, durch, fängt man an, an seiner eigenen Wahrnehmungskraft des Medialen zu zweifeln. Der Lausitzer Fernsehkrimi – nicht der erste und wahrscheinlich auch nicht der letzte, man erinnere nur z.B. an „Wolfsland“ mit seinen sweetie-Spaziergängen durch die aufgepimpte, sanierte wunderschöne Görlitzer Altstadt – wird fast ausdrücklich über den grünen Klee gelobt. Drehbuch: Weltklasse. Plot: Einwandfrei. Schauspieler:innenleistung: eins A. Bilder: spektakulär. Man schaut gerne darüber hinweg, dass das Erste mit „Lauchhammer“ einen konventionellen Retorten-Krimi aufgetischt hatte, der zwar im Rahmen seiner filmtechnischen Primetime-Möglichkeiten funktioniert, ohne den man allerdings auch problem- und bedenkenlos als Krimi-Zuschauer auskommen könnte. „Lauchhammer“ ist ein weiterer Beweis für die ARD-Serien-Redundanz. Irgendwie nett, irgendwie vorsehbar und irgendwie entbehrlich.

Was man dem Projekt von Regisseur Till Franzen, der BTW auch  für „Wolfsland“ verantwortlich zeichnet, auf keinen Fall vorwerfen kann, ist die unfassbare Pracht und Ästhetik der Bildaufnahmen. In der Totalen wird die ausgebaggerte Braunkohle-Lausitz in der Nähe der wirklich existierenden Kleinstadt Lauchhammer präsentiert, die Kamera schwingt über die Mulden und Gruben, die zu Gräbern werden, fängt die einerseits befremdliche, andererseits aber auch erschreckend anziehende Gruselnatur ein. Die Lausitz wird als eine längst vergessene und abgeschriebene ehemalige Bergbaugegend in Szene gesetzt, die in der DDR schon bessere Zeiten erlebte und für die die Wende weniger für einen Aufbruch ins Neue, stattdessen eher für einen wirtschaftlichen Abstieg ins Bedeutungslose stand. Klimawandel, Energiewende, Friday for Future gaben dem sorbischen Landstrich den Rest. Strukturschwach, sagen die einen. Abgehängt, sagen die anderen. In „Lauchhammer“ sprechen die Bilder allerdings eine völlig andere Sprache. Lausitz, gefilmt von oben, weiß sich als märchenhaft zu präsentieren trotz menschlicher Tragödien, die sich hinter solchen gespenstisch-arkadischen Zuständen abspielen. Es ist der Zauber des vor der Tür stehenden – oder schon eingeleiteten – Kollapses. Es ist die Schönheit des Grässlichen, des Dämonisch-Menschlichen.

Und wenn wir „Lauchhammer“ ausschließlich unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie Felix Novo de Oliveira mit den verschiedenen Kameraeinstellungen umzugehen weiß, so muss fairerweise zugegeben werden: good job. Mit demselben Prädikat kann man die Hauptdarsteller:innen versehen: Mišel Matičević, der mit seinem distanziert-gewalttätigen Charme zwar nicht in der Lage ist, die Zuschauer:innen in seinen Bann zu ziehen, aber zumindest einen Fixpunkt darstellt und mehr oder weniger eine Identifikationsfigur liefert, die man aufgrund ihrer Tücken und Macken nur sympathisch finden muss/kann/soll. Maik Briegand stammt selbstverständlich aus der Region, ist im Duzen-Flow unterwegs, kennt die lokalen Machenschaften aus dem Effeff und ist darüber hinaus der zweite Sohn einer lokalen Vopo-Größe a.D. (Uwe Preuß), die nach der Ausmusterung ganze Tage in ihrer kleinen Wohnung vor der Glotze mit einer Flasche Bier verbringt und nostalgisch über Damals sinniert. Überzeugen kann außerdem Odine Johne, die logischerweise als Kontrast und Pendant zu Maik entworfen wurde, und die statt auf instinktives Handeln und individuelle Erfahrungswerte lieber auf durchgeplante Ermittlerarbeit setzt (erstens, zweitens, drittens…).

Ach ja, und ein Mordfall bzw. Mordfälle muss bzw. müssen auch aufgeklärt werden. Infolge der routinierten Ermittlungsprozeduren geraten weitere Geschichtsfacetten und -schichten ans Licht, wodurch die Vergangenheitsebene angekurbelt wird. In den Plotverlauf werden diverse Flashbacks einmontiert, letztendlich zeigt sich – wer hätte das gedacht… -, dass die Mordgeschehen von Heute ihren Ursprung im Gestern haben. Somit wären wir in der DDR. Es sei nur so viel verraten, ohne spoilern zu wollen: schon wieder wird man mit dem Thema Incel, also mit toxischer Männlichkeit der ganz besonderen Sorte („Borowski und die Angst der weißen Männer“ lassen grüßen) konfrontiert, diesmal jedoch der Marke Made in GDR. Und unser Incel-Triebtäter benutzt in der Gegenwart wie schon vor dreißig Jahren dieselbe gute, alte Schwalbe, als würde dieses Ding aus Suhl nie kaputt gehen…

Die ARD kredenzt mit „Lauchhammer“ einen Abendkrimi, dem eigentlich das Potential zu einem durchaus anspruchsvollen Regionalkrimi mit Alleinstellungsmerkmal, im positiven Sinne, innegewohnt hätte, hätte er sich schematischen Erzählkonstruktionen und -schablonen entzogen. H­ätte, hätte, Moped-Kette. Im Endeffekt ist es eine filmische Abkürzung, für die sich die TV-Crew entschied, obwohl ihnen im Grunde viel Zeit und Raum für das Auserzählen ihrer Krimihandlung und die Profilierung ihrer Figurencharaktere zur Verfügung gestellt wurde. Stattdessen wird uns eine wenig überraschende zentrierende Erzählperspektive dargeboten, die sich auf das männlich-weibliche Polizistenduo kapriziert – er von hier, sie aus der ‚Fremde‘ -, das gegensätzlicher nicht hätte sein können. Die mysteriöse Männerstimme, die aus dem Off jede Folge kommentierend einführt, fungiert weder als erhellendes Faktum noch als relevanter Baustein des Spannungsaufbaus. Sie ist einfach nur da – und nervt mit ihren Binsenweisheiten und pseudophilosophischen Blabla-Floskeln.

Statt beispielweise die Geschichte aus der Sicht des Dorfdeppen Oliver (Lucas Gregorowicz) zumindest fragmentarisch-episodisch zu raffen, mit der man die Einzelsequenzen anders beleuchten und auf diese Weise eine gewisse Variabilität gewährleisten könnte, wird die Oliver-Figur als Handlungsbeiwerk missbraucht, die allerdings mit ihrem wichtigen Hinweis unsere Polizistencombo auf die Spur des verbrecherischen Miesepeters lotst (Schwalbe!). Dass der Tipp von einem als plemplem-Trottel verschrienen Eigenbrötler – in Wahrheit ist er schwer traumatisiert und leidet unter extremer Platzangst – kommt und somit die laufende Polizeiermittlung ad absurdum führt und ins Lächerliche zieht, setzt „Lauchhammer“ die Krone auf. Es ist keine intendierte Gattungsparodie, sondern vielmehr die Unfähigkeit mit derselben Gattung gekonnt zu operieren und von ihr Gebrauch zu machen. „Lauchhammer“ wird auf diesem Wege zur Lachnummer. Auch deswegen, weil die Mini-Serie mit ihrer eigenen kreierten, eher simplen Erzählwelt überfordert zu sein scheint. Mit anderen Worten: sie will viel zu viel im Krimiformat verpacken. Gesellschaftskritik, Geschichtsstudie, Klimathematik, Familiendrama, Generationenkonflikt, Drogenhandel etc. pp. Nicht dass das Genre nicht imstande wäre, unterschiedliche Problemstellungen GLEICHZEITIG ins Visier zu nehmen. Um dies jedoch erfolgreich über die Bühne zu bringen, benötigt man ein durchdachtes Ploting inkl. Inszenierungsstrategien. Bei „Lauchhammer“ mangelt es an beidem: Ostdeutschland als Handlungsbackground und Ambiente zieht nicht mehr. Die Lausitz muss ERZÄHLT und nicht nur bebildert werden, damit sie zu einem der Hauptakteure und nicht lediglich zum Statisten wird.

Fischt man in deutschen Fernsehgewässern, findet man jedoch ein sehr gelungenes Gegenbeispiel für die Standard-Misere des ARD-Krimis. Es handelt sich dabei um eine Streaming-Serie, die vom Feuilleton nicht so euphorisch aufgenommen und bewertet wurde wie „Lauchhammer“. Vielleicht auch deshalb, weil „Kleo“ das Kriterium Authentizität nicht die Bohne interessiert. Dabei legt man doch auf Authentizität beim Fernsehen einen sehr großen Wert… 

„Kleo“ ist viel mehr als nur die bloße deutsche Replik auf Tarantinos „Kill Bill“-Saga, obwohl Ähnlichkeiten und Anleihen nicht von der Hand zu weisen sind. Jella Haases Figur einer Ex-Stasi-Agentin (eines weiblichen Romeo-Agenten) auf persönlichem Rachefeldzug weniger gegen die DDR, die sie für ein paar Jahre hinter Gitter brachte, sondern gegen diejenigen Systemvertreter, die sie ohne mit der Wimper zu zucken zum Wohle der sozialistischen Wertegemeinschaft (und der Stärkung der Bauern-und Arbeiter-Diktatur) geopfert haben, ist von demselben Schlag wie Uma Thurmans Black Mamba. Zu tun bekommt man es jedoch mit keiner billigen 08/15-Kopie einer kultigen thrash-Serienkillerin von der Hollywood-Stange (eine hervorragende Hommage an die C-bis-Z-Movies, obgleich niemand ganz genau erklären kann, was einen A- von einem C-Film unterscheidet…), stattdessen mit einem zum großen Teil ausgereiften Figurenkonzept, das Skurrilität mit Ernsthaftigkeit und Sprachwitz mit Slapstick und Gag(a)fabrik vereint.

Denn die Netflix-„Kleo“, im Gewand der wilden Elektro-Plastik-Stilistik der späten 80er, sprengt den bis dato in der deutschen Filmfernsehbranche gängigen Darstellungsrahmen und bricht mit der aufgezwungenen Gattungsseriosität. Haase, die man u.a. aus „Fack ju Göhte“ kennt, scheint mit ihrem Baby-Face-Killer-Gesicht wie geschaffen dafür zu sein, der dominierenden Humorlosigkeit ein Schnippchen zu schlagen (mit Ausnahme solcher Kalauer-TV-Events wie der Münster-Tatort etc.) und bei der Redefinierung des Genres TV-Krimi bzw. TV-Thriller zu helfen. Die DDR bildet in „Kleo“ den Ausgangspunkt für die temporeiche Action und nicht, wie bei „Lauchhammer“, den Referenzpunkt und die thematische ‚Heimat‘, auf die man sich stets genötigt sieht, zurückgreifen. Als Mix oder Sample von solchen Blockbustern wie „Kill Bill“, „Atomic Blonde“, „Lola rennt“ oder „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (und ein bisschen auch „Das Leben der Anderen“) ist „Kleo“ weit mehr als nur ein geglücktes Serienexperiment zu begreifen, in dem gemordet wird bis der Rechtsmediziner kommt. „Kleo“ bietet eine Entschlackungskur für solche auf Hochglanz polierte Produktionen – vor allem aus der deutschen Filmwerkstatt – an und weiß vor allem in filmstruktureller Hinsicht zu punkten.

Die Hauptperspektive konzentriert sich zwar auf Kleo, den Handlungsmotor, aber sie ist gleichzeitig dauernd am Switchen. Mal rückt der Westberliner Kommissar und Möchtegern-Miami-Vice-Afficionado Sven Petzold (Dimitrij Schaad) in den Mittelpunkt, mal Kleos ehemaliger Verlobter Andi Wolf, mal Kleos Großvater. Und die Qualität der Rückblenden lässt sich kaum mit denen aus „Lauchhammer“ vergleichen: analeptisch wird in expressionistisch anmutenden einzelnen, jedoch zusammenhängenden Szenen Kleos Kindheit und FDJ-Jugend Revue passiert; diese Szenen sind zwar chronologisch nacheinander im filmischen Spannungsbogen sortiert, aber nicht dem Nacheinander, sondern dem wortwörtlichen Aufeinander billigt man eine größere Bedeutung zu. Die Bilder überlappen sich, wirken beschnitten, entkolorisiert, in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt. So bricht die zeitliche Abfolge in sich zusammen zugunsten einer fast musikalisch durchgetakteten comichaften Erzählordnung, die nicht vor Überzeichnung und einer Videoclip-Attitüde scheut, die zu kompositorischen Grundprinzipien erhoben werden. 

„Kleo“ (Regie: Viviane Andereggen und Jano Ben Chaabane) gehört deshalb zum absoluten Must see-Highlight 2022, der keine zweite Staffel (leider schon angekündigt) braucht, weil die grotesk-amüsante Mörder:ingeschichte nicht besser erzählt werden könnte, und zwar im Rhythmus des Walkmanns und der Synthesizer-Beats. Echt der Hammer – kein Lauch-Hammer. 

Wolfgang Brylla

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