Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Wolfgang Brylla gibt ein TESTOmonial

Der Banküberfall als Subgenre, an der ARD-Serie „Testo“ vergeigt

Immer derselbe Hundeblick. Immer dieselbe Pose eines auf alles gefassten Draufgängers, in dessen Augen sich jedoch eine seltsame Leere versteckt. Die einen würden sagen, ein Zeichen des gangsterischen Abgestumpftseins, die anderen Traurigkeit um sein eigenes Lebensschicksal. Seit der hochgefeuerten Serie „4 Blocks“ spielt Kida Khodr Ramadan häufig Verbrechertypen, deutsche Mafiosi mit Migrationshintergrund, die eben zwischen äußerlicher Brutalität und innerlicher Zerrissenheit changieren, wodurch die Ramadan-Filmfiguren durchaus an Sympathie gewinnen (k­önnen), obwohl sie im Grunde doch das Böse schlechthin repräsentieren. Nicht anders ist es in der neuesten Fernsehproduktion Ramadans, der ARD-Kurzserie „Testo“, die im presto-Tempo eine fast schon vergessene Kriminalgattung wiederbelebt: den (die/das? – whatever) Heist.

Denkt man das Motiv des Banküberfalls und den deutschen Kriminalfilm zusammen, so kommt ganz schnell auf Dominik Grafs Genreklassiker „Die Katze“ von 1988 mit Götz George in der Hauptrolle und der Graf’schen polysperspektiven Erzählweise, die mithilfe von Parallelkadrierungen eine ungeheuerliche Ereignisgleichzeitigkeit erzeugt, deren Spannungskurve durch ertönte Polizeifunksprüche aus dem Off noch bestärkt wird. Auch bei den sieben novellenartigen kurzen Folgen von „Testo“ (keine ist länger als 20 Minuten) scheint sich Ramadan – Hauptdarsteller, Co-Regisseur und Co-Autor in Person, wie es auf der Homepage des Ersten so schön heißt – zumindest teilweise orientiert zu haben. Nicht selten werden Simultanszenen, die sich in der von Keko (Ramadan) und Co. überfallenen Berliner Bankfiliale abspielen, in einer Parallelmontage zusammengeschnitten. Diese wird darüber hinaus (schon wieder) nicht selten im Stile einer Handkamera realisiert, die dämonische Geschwindigkeit und figurative Bewegung bewirken soll, tatsächlich aber deplatziert wirkt, weil in Wirklichkeit das Erzählen ins Stocken gerät. Es passiert: nichts. Die verewigte Bewegung ist eine fake-Bewegung – und diese steht im Einklang in dem Don’t-do-it-Modus der angerückten Polizeikräfte, die weitgehend zur Beobachtung verdammt sind. Abwarten als deutsches Erfolgsmodell der Gegenwart…

Mit solchen und ähnlichen subkutanen Verweisen auf das Filmwerk Grafs macht sich die ganze Produktionscrew von „Testo“ nur lächerlich, weil in keinem Punkt die TV-Fernsehserie dem Münchner Regisseur das Wasser reichen kann. Angefangen beim 08/15-Drehbuch, das den Heist-Erzählstandards folgt mit dem als Aha-Effekt am Ende angedeuteten Überraschungsmoment, wenn herauskommt, dass der Hauptermittler Schweinebacke (Ronald Zehrfeld) mit Keko ein gemeinsames Ding am Laufen hat. Polizisten, die sich mit Schwerverbrechern verbrüdern, ist bei weitem nichts Neues. Allerdings kann auch etwas Altbackenes interessant bzw. innovativ in Szene gesetzt und dargestellt werden. Im Falle von „Testo“ beschränkt sich die Ploting-Besonderheit auf wenige abstruse Einzelszenen, die im Grenzbereich des Komischen zu verorten sind. So bestellt bspw. Keko seinen 10-j­ährigen (?) Sohn vor das Bankgebäude, wo sie sich schon die Spezialeinheit versammelte, um mit ihm, wie versprochen, ein paar Minuten zu kicken. Nach dem Fußball-Spielchen steigt der Keko-Nachwuchs ganz normal in ein Taxi und fährt heim, als wäre ein Banküberfall – von seinem Vater verübt – Alltag. Business as usual in Berlin.

Zurück allerdings zu der Graf-Referenz. Nicht das Screenplay ist kaum Graf-würdig, dasselbe gilt für die Art und Weise der Story-Umsetzung und vor allem für das Feingefühl der Kameraführung, das bei „Testo“ eine Sechs, setzen, verdiente. Die Kamera switcht zwischen den Bankinnenräumen, wo die Geisel gefangen gehalten werden, dem Banktresor und dem Außenraum der Straße. Eigentlich ein ganz übersichtliches Setting, dem man als (Co-)Regisseur beherrschen müsste. Die Episodenhaftigkeit der Folgen, als würde jede Einzelfolge ein anderes Kapitel ausmachen, bestärkt den Eindruck eines fernsehfilmischen Kammerspiels mit wenigen Hauptfiguren.

Zu diesen zählen die üblichen Verdächtigen aus dem Ramadan-Clan: auf der Verbrecherseite Frederick Lau als Stulle, Mortel als Kongo, Stipe Erceg als Pepsi und der wie immer nuschelnde Veysel Gelin als Barro. Hinter jedem verbirgt sich eine persönliche (Leidens)Geschichte, die aber nicht nur nicht erzählt, sondern auch nicht angerissen wird. Kekos Sandkastenfreunde, die Stulles, Pepsis und Konsorten, werden auf ihre Gangster-Attitüde reduziert: ein Durchgeknallter, ein Rowdy, ein Verräter usw. Niemand ist aber an diesen festgelegten Rollen festgeklebt. Charaktere sind bei Ramadan austauschbar, was generell im Hinblick auf die Figurenentwicklung ein guter Erzählkniff wäre. In der Konzisität der Folgen geht jedoch dieses Element unter. Diesem Kürzungsprinzip ist des Weiteren die sprachliche Begrenztheit der Gangstertypen geschuldet. Der Dialog basiert auf „Wichser“ oder „Fick dich!“-Ausdrücken, die bis zum Gehtnichtmehr wiederholt werden und die weder eine gewisse street credibility, falls solche intendiert war, noch Verbrecherslang in der Manier des Gangsta-Rap imitieren, stattdessen ausschließlich die Limitation des Erzählens und die Unreife bei der Stoffvermittlung beweisen.

„4 Blocks“ schrieben deswegen deutsche Fernsehgeschichte, weil die Serie 2017 Niemandsland betrat und in der Lage war, eine mehr oder weniger schlüssige Geschichte zu kredenzen. „Testo“ dahingegen tischt keine Geschichte auf, sondern wenn schon explodierende Geschichtsschnipsel, die nicht zueinander passen, weil sie u.a. miserabel zusammenmontiert wurden. Und an Stellen, an Kipppunkten, an denen der Heist-flow noch gerettet werden könnte, wie in der Szene als die Bankangestellte Vanessa (Roby O. Fee) im Traum imaginiert, es k­äme zu einem Rollenwechsel und die Geisel würden Keko und seine Clique festschnüren, wird nach dem Rettungsanker nicht gegriffen.

Ein positiver Aspekt findet sich trotzdem in Bezug auf „Testo“. Sollte die erste – und hoffentlich einzige Staffel – als Testimonial gedacht worden sein, wie man eine Gangsterserie nach „4 Blocks“ nicht mehr drehen soll, so hat sie ihre Aufgabe hervorragend erfüllt.  Schade nur, dass die Heist-Gattung daran glauben musste. Was bleibt, ist der Hundeblick.

Wolfgang Brylla – seine Texte bei uns hier.

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