Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

Bloody Chops – Kurzbesprechungen November 2025

Gar nicht so kurze Kurzkritiken zu aktueller (nicht nur) Kriminalliteratur von: Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Sonja Hartl (sh), Roland Keller (rok), Alf Mayer (AM), Frank Schorneck (FS) und Thomas Wörtche (TW):

René Anour: Der Doktor und der liebe Mord
Sash Bischoff: Sweet Fury – Zärtlich ist die Rache
Esther Brand: Schneeengel
Charles den Tex: Repair Club – Der Countdown läuft
Heather Gudenkauf: Ein unerwarteter Gast
Mick Herron: Down Cemetery Road – Zoë Boehm ermittelt in Oxford
Denzil Meyrick: Der Tote im Kamin
Regina Nössler: Ein widerliches kleines Gefühl
Thomas Pynchon: Schattennummer
Marina Schwabe: Rift
Lavie Tidhar: Adama
Christof Weigold: Der deutsche Tycoon

Hier geht es zu den Bloody Chops der letzten Monate: Oktober (7), September (12), Juli/ August (13), Juni (9), Mai (11), April (8), März (3), Februar 2025 (4). Macht zusammen bisher 74 Kurzkritiken, die meisten in der Länge eines drei- oder vierspaltigen Zeitungsartikels. Die FAZ mit ihrer monatlichen Krimi-Seite kommt auf jeweils vier Texte. Und bei uns sind die großen Einzelbesprechungen noch gar nicht mitgezählt (siehe z.B. dieses Mal zu James Lee Burke, Susanne Tägder, T.C. Boyle oder Jake Lamar). Im Jahresrückblick gibt es dann Bilanz.

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Ein Ausnahme-Roman

(TG) Die Gewaltgeschichte Israels in drei Romanen, und zwar in der Chronologie rückwärts, erzählt Lavie Tidhar. Sein Roman „Maror“ beginnt Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und springt in der Zeit vorwärts und rückwärts bis 2008 (Alf Mayers Besprechung bei uns hier: „Wer eine Nation aufbaut, muss Opfer bringen“). Adama setzt 2009 mit dem Tod Esthers in Miami ein. Ihre Tochter Hanna findet ein alte Holzschachtel, auf der der Name Wissotzky steht. Hanna fragt sich, wer ihre Mutter war und was es mit dieser Schachtel auf sich hat. In weiten, wieder anachronistischen Sprüngen geht Tidhar in Esthers Familiengeschichte zurück, die einer jüdisch-ungarischen Familie, die durch den Holocaust zersprengt wurde. Überlebende treffen nach und nach im Kibbuz Trashim ein. Familien- wird zur Vor- und Frühgeschichte Israels, zeitlich beginnend 1945. Eine Geschichte von rigorosem Selbstbehauptungswillen in feindlicher oder als feindlich wahrgenommener Umgebung, von Überlebens- und Vertreibungskämpfen, von der dunklen, gewalttätigen Seite des Kibbuzlebens.

Im Mittelpunkt der Erzählungen in „Adama“ steht die Matriarchin Ruth, eine israelische Mutter Courage, die alles Legale und Illegale tut, um den Kibbuz durchzubringen, und im Zweifel die eigenen Kinder opfert. Um aus den Geheimnissen der Jury-Entscheidungen zu plaudern: noch nie in der mehr als zwanzigjährigen Geschichte der Krimibestenlisten-Jury hat es einen Titel gegeben, der so viele Stimmen wie „Adama“ bekommen hat. Es ist brandaktuell, tragisch und doch Kriminalroman. Ein Wunder.

Auf Englisch ist inzwischen der dritte Band erschienen. Er heißt „Golgatha“ und setzt mit der frühen jüdischen Besiedlung Palästinas 1882 ein und endet auf den Trümmern Jerusalems nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948, der 1949 die Grüdung des Staates Israel zur Folge hatte. Auf Tidhars Homepage heisst es: „Before Jerusalem, before Jericho, there has always been Golgotha.” Lavie Tidhakennt es aus eigenem Erleben: Er wurde 1976 in einem Kibbuz ähnlich dem fiktiven Trashim im nördlichen Israel geboren, laut Wikipedia (deutsch) war seine Mutter eine Displaced Person. Einige Passagen in „Adama“, vor allem aus der Zeit der Kindererziehung, glühen vor Empörung.

Lavie Tidhar: Adama (Adama, 2024). Aus dem Englischen von Conny Lösch, herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. Hardcover, 425 Seiten, 22 Euro.

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Fröhlich anarchistischer Klamauk, aber kaum Drive

(TW) Thomas Pynchon war für mich immer ein Faszinosum, das ich gleichzeitig immer skeptisch beäugte. „Gravity´s Rainbow“ fand ich damals, 1973/1974 grandios. Aber da war ich noch jung und beeindruckbar. Später machte mich das ganze Gewese um die Person Pynchon eher mürrisch (was natürlich den Texten gegenüber ungerecht ist, aber nu …). 2009 kam „Inherent Vice“, ein Kriminalroman, den ich technisch bewundern konnte, aber nur Virtuosität war mir nicht genug. Und jetzt also Schattennummer, auch wieder mit einem Privatdetektiv, diesmal heißt er Hicks McTaggart, in der Hauptrolle.

Wir sind im Jahr 1934, Al Capone sitzt im Knast, die Unterwelt von Chicago bis Milwaukee ist in Aufruhr. McTaggert soll die Tochter des „Al Capone des Käses“, ein verbrecherischer Käse-Tycoon, finden, die sich nach Europa abgesetzt hat. Das mit dem Käse-Paten kann man lustig finden – oder auch nur albern. Anyway, die Handlung, gespickt mit Gadgets, die schwer an Cyberpunk erinnern (Tragschrauber), mäandert durch das faschistische oder gerade noch präfaschistische Europa, nach Wien, nach Budapest, nach Transsylvanien und Fiume. Antisemitische Mordbanden ziehen schwer motorisiert durchs Land (Mad Max lässt grüßen), es gibt nette Orgien, Profikiller, exzentrische Geheimagenten, femmes fatales, dämliche Polizisten, einen Vampirlehrling und einen mechanisierten Kampf-Golem und ….und …und. Pynchon spielt so ziemlich auf alles an, was nicht schnell genug  auf die Bäume kommt – Film, Musik, Literatur, Geschichte, Aviatik, Waffenkunde, you name it. Das ist hin und wieder witzig, ausgetüftelt, ab- und ausschweifend. Für die beiden Übersetzer Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren eine Wahnsinnsarbeit, super.

Nacherzählen funktioniert natürlich nicht. Eben so wenig wie die Suche nach allerlei Sinnstiftungen, Parabelhaftem oder sonstigem literarisch-epistemologischen Trost. Das soll vermutlich so sein. So viele Spuren, Zeichen, Verweise, Assoziationen, auf dass kein Mensch in diesem Labyrinth durchblickt. Im günstigsten Fall fröhlich anarchistischer Klamauk. Aber weil kaum Drive und Dynamik vorhanden sind, anstrengend. Was in diesem Fall nicht unbedingt ein Kompliment ist.

Thomas Pynchon: Schattennummer (Shadow Ticket, 2025). Deutsch von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Hamburg 2025. 397 Seiten, 26 Euro.

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Kunststück – gelungen

(TG) Wieder ein Buch, dessen deutscher Untertitel Serialität signalisiert. Niederländische Leser kennen Charles den Tex, den deutschsprachigen muss man diesen raffinierten Autor mit allen Tricks bekannt machen. (Bald werden Bücher nur noch gelesen werden, wenn sie verfilmt oder von Schauspielern eingeleitet oder ihren Ghostwritern geschrieben sind – siehe zum Beispiel gerade „Down Cemetery Road“.)

„Trauma“ – der niederländische Originaltitel enthält die tiefere Dimension von Repair Club – Der Countdown läuft. Vordergründig geht es um einen spannungsfördernden Countdown. Ein Afghane drückt Exgeheimdienstchef John Antink einen Zähler in die Hand: 355 Stunden hat er den Zeit, den Schützen ausfindig zu machen, der auf einem Foto eine erschossene Afghanin und ihr schreiendes Kind zeigt.

Den Tex gelingt das Kunststück, diesen spannenden Countdown, eine weitere, damit verbundene Geheimdienstoperation und die verzweifelte Suche John Antinks nach dem Augenblick der Aufnahme so miteinander zu verknüpfen, dass alle Stränge eine plausible Auflösung finden. Übrig bleibt Schuld: die Verwicklung der Niederlande und seines Geheimdienstes in den Irakkrieg, das Versagen, nach der überstürzten Flucht der USA aus Afghanistan die lokalen Hilfskräfte zu schützen. Der Roman spielt in den Monaten davor und versöhnt mit einer schönen, märchenhaften Geste.

Dieser zweite, auf Deutsch erschienene „Repair Club“ ist noch besser als der erste, hoffentlich bleibt den Tex bei diesem Niveau! Ein dritter ist schon angekündigt. Zeit für die ersten beiden.

Charles den Tex: Repair Club – Der Countdown läuft (Trauma, 2023). Aus dem Niederländischen von Simone Schroth.  Harper Collins, Hamburg 2025. 464 Seiten, 14 Euro.

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Meisterwerk, klein und bescheidenumso schöner

(FS) Ein Geschwisterpaar auf einem Roadtrip durch die USA – ein Kindheitstraum, ein knapp bemessenes Tagesbudget und ein sich schließendes Zeitfenster: Marina Schwabe erzählt in ihrem vorab mit dem Jürgen Ponto-Preis ausgezeichneten Debütroman Rift von einem emotional aufgeladenen Abschied. Ich-Erzählerin Zuzanna fliegt mit ihrem Bruder Janko nach New York. Die Stadt, dieser aus Filmen bekannte Sehnsuchtsort, zeigt ihnen direkt, wie schlecht sie auf diese Reise vorbereitet sind. Zuzanna hat versäumt, ein Hostel-Zimmer zu buchen und die Suche nach einer Unterkunft wird zur ersten Herausforderung. Wir lernen direkt zu Beginn Jankos autistische Wesenszüge kennen: Er braucht seine festen Rituale, durchquert die Häuserschluchten mit einem Soundtrack aus zehn Songs einer britischen Band auf den Kopfhörern. Er lernt Netzpläne von U-Bahnen auswendig, ebenso Landkarten. Er benötigt feste Strukturen, um durch den Tag zu kommen. Vor allem jedoch ist er todkrank, hat nur noch wenige Monate zu leben. Die Stadt fordert ihm ein hohes Maß an Kraft und Energie ab, seine Schwäche bestimmt das Tempo des Reisens. Denn auch, wenn dieser Trip an der Ostküste startet, ist der Pazifik das Ziel ihrer Sehnsucht.

Diese Ausgangslage birgt die immanente Gefahr von Kitsch, doch Schwabe gelingt eine wunderbar leichte Balance von Melancholie, Sentimentalität und ja, auch Humor. Von den Hostels wechseln die Geschwister aus Kostengründen zum Couchsurfing, was zu wunderbaren Begegnungen mit Amerikanern führt. Die beiden Mittdreißiger treffen auf Hilfsbereitschaft und ebenso auf unausgesprochenes Mitgefühl. Sprach- und Mentalitätsbarrieren führen zu Missverständnissen, zu mal skurrilen, mal zauberhaften Situationen. Die einzelnen Episoden auf den Etappen der Reise erfüllen alle Erwartungen an einen literarischen Roadtrip bis hin zum Fund eines Geldbündels in der Matratze eines Motelzimmers. Doch Marina Schwab begeht nicht den Fehler, sich in einer Nebenhandlung zu verlieren, sondern behält den Fokus auf ihren beiden Protagonisten. Zum dritten Protagonisten des Romans wird die Landschaft. Zuzanna, Vulkanologin und Glaciologin, hat einen genauen Blick für die geologischen Verwerfungen, nicht zuletzt nimmt der Titel das geologische Motiv tektonischer Verschiebungen auf. In Relation zur Erdgeschichte scheint selbst das Schicksal Jankos zu verblassen.

Ein leiser, entschleunigter und hochliterarischer Roman mit durchweg stimmigen und nie überfrachteten Bildern. Trotz des Themas und unausweichlichen Endes zuversichtlich, tröstend und lebensbejahend. Ein kleines, bescheidenes Meisterwerk.

Marina Schwabe: Rift. Steidl Verlag, Göttingen 2025.160 Seiten, 24 Euro.

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Nössler

Bis es an der Tür klopft

(TG) Die Autorin Regina Nössler hat ihr Epizentrum in Berlin leicht verschoben: von Kreuzberg nach Schöneberg in die Kulmer Straße. Dort wohnt Evelyn, selbstzufrieden nach Trennung von der Freundin, die sie nervte. Bis eines Tages Jennifer an die Tür klopft, und sich angesichts des unverhofften Wiedersehens Ein widerliches kleines Gefühl in ihr breit macht. Jennifer will die „alte Freundschaft“ aus Grundschulzeiten wiederbeleben. Was sie auch will: Schnorren, nie gewährte Anerkennung finden.

Das begreift Evelyn zu spät, und schon ist wieder einer dieser unheimlichen Nössler-Krimis zu Ende, die das ganze Elend und die Bösartigkeit der Welt in einer dieser selten zu mietenden Mittelstands-Wohnungen zu konzentrieren vermögen.

Regina Nössler: Ein widerliches kleines Gefühl. Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen 2025. 333 Seiten, Klappenbroschur, 14 Euro. – Verlagsinformationen zur Autorin hier.

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Vom Marketing nicht abschrecken lassen

(JF) Inspector Frank Grasby ist ein Mann mit Fehlern, unbeherrscht, ein bisschen eingebildet und gelegentlich auch richtig tölpelhaft. Aber weil er kein  Dummkopf ist, weiß er um seine Defizite. Was nicht heißt, dass sie ihm nicht immer wieder in die Quere kommen. Grasby ist die Hauptfigur in drei historischen Kriminalromanen des in diesem Jahr überraschend verstorbenen schottischen Schriftstellers Denzil Meyrick (1965-2025). Angesiedelt in der rustikalen Landschaft North Yorkshires während der frühen 1950er Jahre wirken sie zwar oberflächlich wie ein weiterer Versuch von der aktuellen Popularität des Wohlfühlkrimis zu profitieren, unterscheiden sich aber schon aufgrund ihres Gespürs für die sozialen Verwerfungen der Nachkriegszeit in Großbritannien von durchschnittlichen „Cozy“-Schmökern“.

Das Erzählverfahren ist entsprechend aufwendig: Ein entfernter Verwandter, dessen Identität ungeklärt bleibt, tritt als Herausgeber des in zwei Holzkisten verwahrten schriftlichen Nachlasses des Ermittlers auf. Dazu gehören Aufzeichnungen zu einzelnen Fällen ebenso wie Polizeiberichte, Vernehmungsprotokolle und andere Papiere, genug Material für gleich mehrere Bücher, deren erster Band, Der Tote im Kamin, nun auf Deutsch erschienen ist.

Dass Titel und Aufmachung an die Detektivliteratur des so genannten Goldenen Zeitalters erinnern, gehört zur Marketingstrategie. Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Was Frank Grasby, von York in das abgelegene Dörfchen Elderby strafversetzt, erlebt, ist ebenso überraschend wie abgründig. Denn hinter den zwei Mordfällen, deren Aufklärung zu hintertreiben ihm von höherer Stelle nahegelegt wird, stecken politische Machinationen der übelsten Art. Dass es Grasbys im Präsens gehaltener Erzählung dennoch nicht an Spannung, Selbstironie und Situationskomik mangelt, zu der auch die leicht antiquiert wirkende Wortwahl der Übersetzung ausgezeichnet passt,  macht den Roman zu einer ebenso unterhaltsamen wie instruktiven Lektüre. Und es ist höchst bedauerlich, dass Grasby nur noch zwei Einsätze vergönnt sind.

Denzil Meyrick: Der Tote im Kamin (Murder at Holly House, 2023). Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt. DuMont Buchverlag. Köln 2025. 380 Seiten, 20 Euro.

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Doppelt überraschend

(TG) Dass Sash Bischoff eine erfolgreiche Theater-Autorin und Regisseurin ist, merkt man ihrem Debüt-Roman Sweet Furyan. So viele Doppelrollen, Twists und Intrigen auf 400 Seiten und dazu zahlreiche Anspielungen an F.S. Fitzgeralds zweiten großen Roman „Zärtlich ist die Nacht“, geschickt untermauert mit ebensolchen nicht literarischen auf die persönliche Karriere in Princeton – das muss man erst mal hinkriegen.

Wie schreibt man einen feministischen Racheroman nach den Aufdeckungen von Mee Too? Vielleicht so: Man beschreibt die Dreharbeiten zu einer auf feministisch gewendeten Version des Fitzgerald-Romans (den man, da 1934 erschienen, leicht des male chauvinism überführen kann), doppelt den Plot in der Realität, um dort die Rache an dem male chauvinismd er Elite-Universität Princeton zu vollziehen – selbstverständlich völlig unerwartet.

Sash Bischoff: Sweet Fury – Zärtlich ist die Rache (Sweet Fury, 2025). Aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann. Fischer Verlag, Frankfurt 2025. 400 Seiten, Hardcover, 24 Euro.

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Romantisch im besten Sinne

(JF) Junge Frauen in Bedrängnis, und ein weißer Ritter, der ihnen zur Hilfe eilen könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. Selbsthilfe ist gefragt, doch die führt nicht immer zu einem glücklichen Ende. Ella, zum Beispiel, gelingt es unter traumatischen Umständen, ihrem gewalttätigen Stiefvater in Finnland zu entkommen, nur um in den Fängen einer Sekte zu landen, die tief im deutschen Wald, nahe der tschechischen Grenze, einem bizarren Wolfskult frönt. Dort war auch die schwarze Amerikanerin Amari zu Gast, bis sie fortgejagt wurde. Denn wer die falschen Fragen stellt, bekommt den Zorn der Betreiber zu spüren. Und die schrecken vor nichts zurück. Nun irrt Amari allein auf sich gestellt durch die fränkische Provinz, wo es alles andere als harmlos zugeht.

Die Berliner Schriftstellerin Silke Andrea Schuemmer bedient sich für ihr spannungsliterarisches Debüt gleich bei mehreren Genres. Ihr Roman Schneeengel, den sie jetzt unter dem Pseudonym Esther Brand veröffentlicht hat, ist finsteres Märchen, Räuberpistole und Psychothriller zugleich. Eine wilde, aber nicht zuletzt deshalb sehr unterhaltsame Mischung, romantisch im besten Sinne. Denn die Autorin versteht sich auf atmosphärisches Erzählen. Und sie weiß, mit Sprache umzugehen. Was in diesem Marktsegment nicht selbstverständlich ist.

Esther Brand: Schneeengel. Thriller. Heyne, München 2025. 318 Seiten, 13 Euro.

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Tierisch Morbides aus Wien

(rok) Der Titel Der Doktor und der liebe Mord klingt wie ein Zielgruppen-Anpeiler für alle, die noch wissen, was die „Schwarzwaldklinik“ ist oder sich heute von der heilen Serienwelt der Götter in Weiß bei ARD und ZDF sedieren lassen. Das brave rororo-Cover mit einem Pferd, das freundlich auf die Beine eines Mordopfers blickt, samt dem Untertitel Ein Tierarzt-Krimi, ist ein klares Versprechen: Freigegeben für Herzpatienten, der Nachtschlaf ist auch ohne Baldrian gesichert. Keine Metzeleien stören, deren Blutströme geistige Auswürfe auf Bestsellerlisten schwemmen.

Damit wäre eigentlich fast alles gesagt. Dennoch lohnt sich ein tieferer Blick in das Buch, das mehr als nur ein harmloser Krimi mit tierischer Note ist, sondern ein schräger, morbider Streifzug durch Wien, gepaart mit tiefer Kenntnis des fachlichen Metiers. René Anour ist nicht nur forschender Veterinärmediziner, der in seinem Sachbuch „Das Arche-Noah-Prinzip“ das Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt im Bereich der Gesundheit untersucht – von ihm stammen auch historische Krimis, etwa die Krimireihen mit dem französischen Commissaire Campanard und mit der Wiener Totenärztin Fanny Goldmann, die um 1900 spielen.

Nach langem Vorlauf zur Sache: In „Der Doktor und der liebe Mord“ ist eine fröhlich-morbide Weltsicht spürbar, die zu Wien gehört wie der Prater. Auch die Absurdität, die man in Wien „das Leben“ nennt und in der sich Wolf Haas’ Figuren so wohlfühlen, ist präsent. Einen kräftigen Schuss davon haben auch Anours Personen abbekommen. Im Mittelpunkt steht der naiv-schusselige Tierarzt Severin, der aus Versehen seinen korrupten Gnadenhof-Chef ins Jenseits befördert. Was folgt, ist ein absurd-komisches Szenario: Die resolute osteuropäische Putzfrau erkennt sein Talent und will ihn als Killer vermarkten. Ihr schwebt nichts weniger vor, als ein Apple für Auftragsmorde zu gründen.

Um den wenig tötungsfreudigen Tierarzt in der Spur zu halten, stellt sie ihm eine Schrankwand aus Muskeln, krimineller Vergangenheit und kindlichem Gemüt zur Seite. Was auch nötig ist – denn Severin verliebt sich ausgerechnet in seine Zielperson und bringt damit die geplanten Erlöse des Killer-Start-ups und die Rettung des Gnadenhofs ins Wanken. Spannend ist vor allem, wie Severin aus dieser Nummer rauskommt, nicht zum Mörder wird – und auch noch den Gnadenhof rettet. Autor Anour führt mit echtem Wiener Schmäh durch die Handlung und setzt zum Finale tierische Kräfte frei.

Fazit: ein morbid-grotesker Ausflug in die dunklen Seiten der Wiener Tier- und Menschenwelt.

René Anour: Der Doktor und der liebe Mord. Ein Tierarzt-Krimi, Rowohlt Verlag, Hamburg 2025. 384 Seiten, 14 Euro.

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Spiel mit falschen Erwartungen

(TG) Der deutsche Titelzusatz Zoë Boehm ermittelt in Oxford klingt zwanghaft und weckt falsche Erwartungen: Nur dreimal taucht die erste Serienheldin von Mick Herron in seinem Debütroman auf, davon nur einmal in Oxford. Unmissverständlich will damit der Diogenes-Verlag den Beginn einer Reihe auf Deutsch annoncieren, die realiter vor 22 Jahren in Großbritannien gestartet ist – und gerade als Serienverfilmung startet.

Ich finde, an dieser etwas ausschweifend erzählten Flucht einer Hausfrau von Oxford nach Schottland vor einer mörderischen, geheimen Geheimdienstabteilung ist das Spannende der miterzählte Background, der auf den Meister der späteren „Slow Horses“–Serie vorausweist. Mit Mord und Totschlag soll nämlich vertuscht werden, dass die britische Regierung ähnliche Chemiewaffen an Menschen getestet hat, die später der Rechtfertigung zum völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak werden sollten, obwohl man sie dort nie gefunden hat. Das Buch ist zeitgleich mit diesem Krieg 2003 erschienen, spielt aber zwei Jahre früher bei dem fast ebenso dubiosen 1. Golfkrieg, den die USA nach dem Anschlag auf die Twin Towers angezettelt haben (übrigens der bisher einzige und erste Fall der praktischen Anwendung des NATO-Artikels 5).

Diesen Hintergrund sollte – jetzt werde ich moralisch – man im Hinterkopf haben, wenn man sich an der eleganten Sprache, den skurrilen Einfällen und überhaupt der literarischen Qualität Herrons, die hier schon zu ahnen ist, erfreut. – Hinter der Bezahlschranke Marcus Müntefering im Spiegel mit dem schönen Titel „Ein Genie schreibt sich warm“.

Mick Herron: Down Cemetery Road – Zoë Boehm ermittelt in Oxford (Down Cemetery Road, 2003). Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Mit einem Vorwort von Emma Thompson. Diogenes Verlag, Zürich 2025. Paperback, 560 Seiten, 15 Euro.

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Lotse durch den Sündenpfuhl

(JF) Hollywood 1932. Die Weltwirtschaftskrise hat auch die Filmindustrie erwischt. Zwar nicht so heftig wie den Rest des Landes, aber die fetten Jahre der Illusionsfabrik scheinen vorerst Geschichte. Darben muss auch Hardy Engel, derzeit Privatdetektiv ohne Job. Doch dieser bedauernswerte Zustand dauert nicht allzu lange an, denn Paul Levy aus Wandsbek, der Engel schon 12 Jahre zuvor bei der Einreise in die USA behilflich war, ist inzwischen unter dem Namen Paul Bern vom Schauspieler und Drehbuchautor zum einflussreichen Filmproduzenten aufgestiegen. Und natürlich hat er einen Auftrag für seinen verarmten Landsmann.

Der deutsche Tycoon von Christof Weigold ist der fünfte Fall für den fiktiven Ermittler Hardy Engel. Authentischen Stoff, vom Autor akribisch recherchiert, gibt es ja genug. Auch Paul Bern ist eine historische Figur. Nicht nur als Filmmogul, sondern auch als Ehemann Jean Harlows ist er in die Sittengeschichte Hollywoods eingegangen. Die Ehe mit dem glamourösen Star dauerte nur wenige Monate. Am 5. September 1932 wurde Paul Berns Leiche gefunden, die Todesursache war ein Kopfschuss. Dass es sich, wie damals schnell behauptet, um Selbstmord handelte, ist umstritten. Zu dubios der angebliche Abschiedsbrief, zu stark das Interesse der Produktionsgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer, einen Skandal um Harlow zu verhindern. 

Ein idealer Fall für Hardy Engel, der sich, wie sollte es anders sein, durch Loyalität, Aufrichtigkeit und Edelmut auszeichnet. Als Lotse durch den Sündenpfuhl agiert er so gewissenhaft, dass es für 600 anekdotenreiche Seiten reicht. Entsprechend langwierig gestaltet sich die Aufklärungsarbeit, deren Ergebnis zwar unsere Neugier, nicht aber unseren Sinn für Gerechtigkeit befriedigt. Aber so soll es sein. Wer Kenneth Angers Chronique scandaleuse „Hollywood Babylon“ mit voyeuristischem Vergnügen gelesen hat, wird auch an den Fällen des Hardy Engel seines Freude haben.

Christof Weigold: Der deutsche Tycoon. Kampa Verlag, Zürich 2025. 608 Seiten, 26 Euro.

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Irgendwo in den USA

(sh) Anfangs durchzieht eine bemerkenswerte dräuende Drohung Heather Gudenkaufs Ein unerwarteter Gast – obwohl Setting, Erzählweise und auch Handlung vertraut sind: In der Gegenwart arbeitet die True-Crime-Autorin Wylie Lark in einem abgeschiedenen Farmhaus an ihrem neuen Buch. Inmitten eines Schneesturms taucht auf einmal ein Kind bei ihrem Haus auf – es spricht nicht, ist halb erfroren, ängstlich und argwöhnisch. Wylie ahnt, dass es in Gefahr ist. Aber von wem geht diese Gefahr aus? Auf einer zweiten Erzählebene geschieht im August 2000 in einem Farmhaus ein schreckliches Verbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt ist. Und auf einer dritten Ebene werden eine Mutter und ihre Tochter gefangen gehalten.

Natürlich ist von Anfang an klar, dass die verschiedenen Erzählstränge zusammenhängen – aber Heather Gudenkauf baut so viel Spannung auf, weicht innerhalb der bekannten Motive gerade genug ab und lässt so viele Unwägbarkeiten, dass es mehrere Möglichkeiten dafür gibt. Doch dann taucht ein weiterer Gast bei Wylie auf – und damit kippt das Buch in Erwartbares und Vorhersehbares. Das ist sehr, sehr schade. Denn bis dahin war „Ein unerwarteter Gast“ eine vielversprechende Entdeckung. Aber leider nur eine halbe.

Heather Gudenkauf: Ein unerwarteter Gast. Übersetzt von Tanja Ohlsen. Foliant 2025. 368 Seiten. 22 Euro.

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