
Kurzkritiken zu aktueller Kriminalliteratur von: Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Sonja Hartl (sh) und Alf Mayer (AM).
Leye Adenle: Spur des Geldes
Reda el Arbi: Asimovs Kindergarten
Andrea Camilleri: Riccardino. Commisssario Montalbano löst den Fall seines Lebens
Eliza Clark: Boy Parts
Vicki Hendricks: Chez Usher
Stephen King: Kein Zurück
J. Robert Lennon: Hard Girls
Molly Llewellyn, Kristel Buckley (ed.): Be Gay, Do Crime: Sixteen Stories of Queer Chaos
Davide Longo: Ländliches Requiem
Simon Mason: Ein Mord im November – Ein Fall für DI Wilkins
Sophie Morton-Thomas: Das Nest
Sara Paretsky: Wunder Punkt
Alexandra Wilson: Die feindliche Zeugin
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Lust an der ausgefeilten Groteske – und viel mehr
(TG) Geschätzt seit dem Jahr 2000 nehmen dystopische Romane, in denen Künstliche Intelligenzen (vulgo KIs) in irgendeiner Form die Macht übernehmen, stark zu. Die KI spielt zunehmend die Monsterrolle, die bisher den Zombies und anderen Halbtoten zukam. Das ist meistens nur für eingefleischte Sci-Fi-Fans interessant, doch hin und wieder schwappt das KI-Thema auch ins Krimi-Genre, sehr intelligent und auf aktuellstem technologischem Stand: Tom Hillenbrand mit seiner Hologrammatica-Trilogie (siehe THANATOPIA)
Mit Hillenbrand gemein hat der Zürcher Reda el Arbi (*1969 als Sohn eines algerischen Globetrotters und einer Schweizerin) die Idee, dass KIs die Menschheit vor sich selbst und dem Aussterben in der Klimakatastrophe retten sollen. Deshalb werden bei el Arbi große Teile der Welt im Jahr 2082, die geopolitisch entfernt der heutigen ähnelt, von Regierungs-KIs (EuroGov, PakIndGov etc.) gemanagt. Und wie bei Hillenbrand die Weltregierung haben es diese supervernünftigen superverantwortungsbewussten KIs mit einem Ausreißer zu tun. In Asimovs Kindergarten ist es eine sich ihrer selbst bewusste, anarchistisch handelnde Rebellen-KI namens KayN, die die schöne Ordnung der KI-Govs bedroht.
Um ihrer habhaft zu werden, soll ein Ermittlerinnen-Team aus Zürich (bekannt aus dem Vorläufer „Empfindungsfähig“ einen Computer-Nerd aufspüren, der einen Abschnitt von KayNs Code zu besitzen scheint. Das clandestine Eindringen von Lea Walker, Kanzleichefin mit elektronischer Armprothese, der Vollandroidin Cali und Leas Geliebter Melissa (Samurai der höchsten Stufe) in die fundamentalistischen, rassistischen und vor allem KI-feindlichen „Christlichen Staaten von Amerika“ beginnt mit einem Blutbad in einer Südstaatenkneipe, wächst sich zu einer Art Bürgerkrieg aus und steigert sich in der Schlussphase zu einer Verfolgungsjagd, in der die eh wie antike Götter agierenden KIs ihre Agentinnen unter atomaren Beschuss nehmen.
So weit, so splatterhaft. „Asimovs Kindergarten“ ist manchmal etwas weitschweifig und etwas schlicht geschrieben. Was die Lektüre trotzdem zum großen Vergnügen macht, ist el Arbis Lust an der ausgefeilten Groteske, sein Spaß an gekonnter Action (die auch vor Heldenopfern nicht zurückschreckt), seine Fabulierlust und nicht zuletzt ein Stück durchdachter und gut durchgespielter KI-Philosophie, die uns über die Monstervorstellungen ganz neu nachdenken lässt.
Reda el Arbi: Asimovs Kindergarten. Lectorbooks Zürich. 656 Seiten, 24 Euro. – Tobias Gohlis ist Sprecher und Begründer der Krimi-Bestenliste, sein Blog Recoil hier; ein Interview mit ihm zu ”20 Jahre Krimi-Bestenliste“ hier nebenan in dieser Ausgabe.
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Raffiniert, hart, witzig
(hpe) Eine für andere unverständliche E-Mail-Nachricht, die ihr im Spam-Ordner aufgefallen ist, wirft das geordnete Leben, das Jane Pool seit einigen Jahren sich zu führen bemüht, von einem Tag auf den anderen über den Haufen. Jane ist sofort klar, dass die Mail von ihrer Zwillingsschwester Lila kommt, mit der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat. Die Nachricht enthält ein Zitat aus einem Buch und eine Telefonnummer. Das Zitat führt Jane zu einer Zahlenkombination. Diesen Code gibt Jane ein, als sie von einem der letzten öffentlichen Telefone im Ort die Nummer aus der Mail anruft. Doch die Verbindung bricht sofort ab. Als Jane weggeht, klingelt das Telefon. „Du musst kommen“, sagt Lila. „Ich glaube, ich habe sie gefunden.“
„Sie“ ist die Mutter der Zwillingsschwestern, die die titelgebenden Protagonistinnen von Hard Girls sind. Es ist das zehnte Buch des US-Autors J. Robert Lennon (drei davon sind zwischen 1998 und 2005 ins Deutsche übertragen worden) und sein erster Thriller. In den USA ist bereits eine Fortsetzung erschienen: „Buzz Kill“.
Jane arbeitet in der Verwaltung des Colleges, an dem ihr Vater Professor ist. Sie lebt mit ihrem Mann in der Kleinstadt und versucht, ihrer Teenager-Tochter eine gute Mutter zu sein. Eine bessere, als ihre Mutter war. Die verschwand immer mal wieder, ließ ihre Töchter beim Vater zurück, und wenn sie wieder da war, kümmerte sie sich kaum um sie. Und eines Tages verschwand sie endgültig.
Lennon hat um die Zwillingsschwestern einen raffinierten Plot gebaut, der vom Aufwachsen der Zwillinge in der schwierigen Familie und ihrem Ausreißen und mehrjährigen Herumtreiben als Teenager, von der Rückkehr Janes nach einem Gefängnisaufenthalt in ein bürgerliches Leben und von der Suche der erwachsenen Zwillinge nach ihrer verschwundenen Mutter erzählt. Da sich diese Geschichten auf allen Ebenen parallel nach und nach entwickeln, sei hier nicht zu viel darüber verraten.
„Hard Girls“ ist zu einem wesentlichen Teil ein Familiendrama, ein Stück weit auch eine Coming-of-Age-Geschichte, enthält Elemente eines Roadmovies und ist am Ende doch ein Thriller, in dem gewisse Agentinnen und Agenten so geheim sind, dass nicht einmal ihre Familie davon etwas ahnt. Die Geschichte ist spannend und bietet Action, ist nicht oberflächlich, aber ziemlich vergnüglich. Denn Lennon würzt die komplexe Story mit reichlich Ironie und Sarkasmus, mit etwas Situationskomik und mit gewitzten Beschreibungen. Zum Beispiel so: „Die Musik in der Warteschleife des Dekans klang wie der Soundtrack eines Pornofilms aus den 70er Jahren, der mit einem Kassettenrekorder direkt vor dem Fernseher aufgenommen und fünfzig Jahre unter Wasser gelagert worden war.“
J. Robert Lennon: Hard Girls (Hard Girls, New York 2024). Aus dem Englischen von Stefan Lux. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 416 Seiten, 18 Euro.
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Eine heute selten gewordene Kombination
(JF) „Das Vergangene ist nicht tot, es ist noch nicht einmal vergangen.“ William Faulkners berühmte Sentenz aus dem Roman „Requiem für eine Nonne“ (1949) wird oft zitiert, aber selten beherzigt. Schon deshalb brauchen wir Detektivromane, in denen schmutzige Geheimnisse aller Art ans Tageslicht gezerrt werden. Ein Meister dieser Ermittlungspraxis war Ross Macdonalds Privatschnüffler Lew Archer. Und seine legitime Nachfolgerin ist seit vielen Jahren V. I. Warshawski aus Chicago, die von ihrer Erfinderin Sara Paretsky in bislang mehr als zwei Dutzend brisante Fälle verwickelt wurde.
„Pay Dirt“ heißt Warshawskis neues Abenteuer, das jetzt unter dem Titel Wunder Punkt auf Deutsch erscheint. Verantwortlich dafür ist Ariadne-Verlegerin Else Laudan, der das Werk der Amerikanerin zur Herzensangelegenheit geworden ist. Und recht so. Denn in Paretskys Romanen finden Gesellschaftskritik und spannende Unterhaltung auf eine heute selten gewordene Weise zusammen. Dazu gehört unbedingt der Glaube an das Gute im Menschen, aller Profitgier und Bösartigkeit mancher Zeitgenossen zum Trotz.
In „Wunder Punkt“ verschlägt es Warshawski wieder einmal ins provinzielle Kansas, wo man wenig Interesse daran hat, die wahre Geschichte rassistischer Gewalt, die den Bundesstaat bis ins 20. Jahrhundert prägte, aufzudecken. Die Detektivin ist von einem vorherigen Fall noch stark angeschlagen. Doch dafür, dass sie eigentlich wider Willen im Fall einer verschwundenen junger Sportlerin ermittelt, zeigt sie ausgesprochen hartnäckig. Und nichts anderes hätten wir von ihr erwartet.
Sara Paretsky: Wunder Punkt (Pay Dirt, 2024). Deutsch von Else Laudan. Ariadne. Hamburg 2025. 498 S. 25 Euro.
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Eine lange Suche
(TG) Der Italiener Davide Longo (*in Carmagnola bei Turin) hat mit dem genial versponnenen Corso Bramard, der es trotz unstandesgemäßer Bekleidung mit 33 zum jüngsten Commissario Italiens gebracht hat, und seinem geerdeteren Sidecick Ispettore Arcadipane noch einmal ein spannendes Ermittlerduo geschaffen, dessen Fälle so verschroben und brillant sind, dass sie es bisher alle vier auf die Krimibestenliste geschafft haben: von Der Fall Bramard 2015 bis zuletzt Am Samstag wird abgerechnet 2024.
Ländliches Requiem ist nun der fünfte Band und führt zurück in das Jahr 1987, als das Duo noch nicht richtig eingespielt ist. Dieses Prequel fällt in puncto Originalität des Plots etwas gegenüber den ersten vieren ab. Die leitenden Vorgesetzten geben sich mit der einfachsten Erklärung für den Mordanschlag auf den Manager Delarue ab (politisches Attentat, obwohl er als fürsorglicher Chef galt, der den Arbeitern wohlgesonnen ist). Und auch die Hintergründe (ein Herrenclub aus höchsten Kreisen mit einer sehr speziellen Form der Knabenliebe) ist nicht gerade der Spitzeneinfall. Was aber überzeugt, ist die Langwierigkeit der Suche, sind die qualvollen Umwege, die die beiden Ermittler zurücklegen müssen, bis sie auf die unerwarteten Täter kommen.
Davide Longo: Ländliches Requiem (Requiem di provincia, 2023). Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Felix Mayer. Rowohlt Verlag, Hamburg 2025. Hardcover, 528 Seiten, 26 Euro.
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Wahlmanipulationen und Gewalt gegen Frauen
(sh) Chief Douglas, der wahrscheinlich nächste Gouverneur des Bundestaates Lagos, besteigt mit seiner wesentlich jüngeren, schönen Geliebten ein Privatflugzeug. Und demütigt sie erst einmal: Er hat arrangiert, dass der Pilot der Maschine ihr Verlobter ist, der nichts von ihrem Verhältnis mit verheiratetem Politiker weiß. Doch Chief Douglas‘ fiese Genugtuung hält nicht lange an: Das Flugzeug stürzt ab und alle Insassen sterben.
In diesem irren, spektakulären Anfang von Leye Adenles Spur des Geldes steckt vieles, was seine Thriller auszeichnet: Mit scharfem Blick, oftmals gemeinem Witz und schnellen Schnitten erzählt er von den Menschen in Lagos. Von der wirtschaftlichen Ungleichheit, der Gewalt und Korruption. Und vor allem von skrupellosen, oftmals reichen Männern, die überzeugt sind, für sie gelten andere Regeln – und für die Frauen eher Dinge sind, über die sie verfügen.
Durch den Flugabsturz entsteht ein Vakuum: Fortan gibt es zwei aussichtsreiche Kandidaten für den Gouverneursposten, jeweils unterstützt von verschiedenen Interessensgruppen, die die Wahl zu ihren Gunsten manipulieren wollen. Einen der Kandidaten kennt man bereits aus dem ersten Teil von Adenles Thriller-Reihe: In „Zügel der Macht“ hat Chief Ojo unter anderem eine Frau zum Spaß so gut wie tot geprügelt und dann im Straßengraben entsorgen lassen. Seither will ihm die Juristin Amaka Mdabiwe das Handwerk legen: Sie kämpft für misshandelte und missbrauchte Frauen, kümmert sich um den Schutz von Sexarbeiterinnen. Und sie hat Fotos, auf denen Chief Ojo mit Minderjährigen zu sehen ist.
Kunstvoll verwickeln sich die Intrigen, Vorteilsnahmen und Manipulationen in diesem Thriller, oftmals gelenkt von alten Männern, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Chief Ojo, sein mächtiger Schwiegervater und die Partei des Gegenkandidaten haben es auf die Fotos und auf Amaka abgesehen. Aber sie lässt sich nicht einschüchtern: Sie ist die mutigste der vielen mutigen Frauen in diesem Roman, eine beeindruckende, kluge Protagonistin in einer guten Reihe. Aber auch Amaka muss letztlich manipulieren und betrügen, um zum Ziel zu kommen. „When Trouble Sleeps“ ist der Originaltitel dieses Thrillers – eine Anspielung auf Fela Kutis „Trouble Sleep Yanga Wake Am“. Darin singt er von dem Kampf der Unterdrückten, die zur Waffe greifen müssen, wenn die Mächtigen gegenüber ihrem Leid gleichgültig sind.
„Spur des Geldes‟ ist ein harter, schneller und raffinierter Thriller. Scharfsinnig schreibt Adenle über Lagos und Nigeria – über Lynchmorde, die Oberflächlichkeit der Reichen, Solidarität unter Frauen und die vielen Wege, eine Wahl zu manipulieren. Gerade im Zusammenspiel mit dem Vorgänger entdeckt man viele feine Verbindungen in der Handlung, und das flirrende, rauschhafte Bild des Landes wird zunehmend komplexer.
Leye Adenle: Spur des Geldes (When Trouble Sleeps, 2018). Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Interkontinental 2025. 350 Seiten. 24,50 Euro.
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Starke Atmosphäre
(TG) Der Roman Das Nest ist das zweite Buch von Sophie Morton-Thomas. Es spielt in Norfolk in der Randzone einer namenlosen kleinen Küstenstadt, wo sich ein Campingplatz mit Wohnheimen und eine Sippe Roma angesiedelt haben. Beide verbinden nur lose Wurzeln mit der kleinen Stadt des englischen Titels. Die Roma reparieren alles, was in kurzen Arbeitseinsätzen zu löten ist. Die präpubertären Kinder der beiden Familien, die auch im Winter und Frühjahr fest in der Wohnheimsiedlung hausen, besuchen dort die Grundschule, spielen aber lieber im Wald, im Marschland und am Meer. Das ist auch das eigentliche Gebiet, das die Sehnsüchte und Träume fesselt.
Was für die Kinder Spiel- und Jagdgelände ist für den jungen Rom Charlie und für Fran, die Besitzerin des Trailerparks, Raum für Vogelbeobachtung. Sie alle konzentrieren ihre Aufmerksamkeit, Sehnsüchte und Schutzinstinkte auf das Nest und Gelege einer seltenen Seeschwalbenart. Lange ergeht sich der Roman in den Schwärmereien der verschiedenen Vogelbeobachter und ihren diversen Vermutungen über das Tun anderer, bis sich in der zweiten Hälfte die Handlung beschleunigt. Zeitgleich sind die von den Kindern verhasste Lehrerin und Ellis, ehemals alkoholkranker Schwager der unzuverlässigen Erzählerin Fran, verschwunden. Als die Lehrerin erschlagen in der Vogelbeobachtungshütte Frans gefunden wird, werden die Roma verdächtigt (das bringt dem Roman den lobenden Blurb ein, „er stelle Vorurteile infrage“ – was immer das sein soll) und der abwesende Schwager.
Frans zunehmend unzuverlässige Darstellungen werden durch Beobachtungen des alten Roms Tad ergänzt, der zwar kaum mehr laufen kann, sich aber der verwahrlosten und hilfsbedürftigen Kinder annimmt. Aber auch sie verdunkeln eher das Geschehen, das allerhand Unheil (geköpfte Vögel, gestohlene Gelege) anhäuft.
Die Auflösung ist gelinde gesagt überraschend, die Stärke von „Das Nest“ liegt in der unheimlich-düsteren Atmosphäre, die alles erwarten lässt, auch das Unerwartete.
Sophie Morton-Thomas: Das Nest (Bird Spotting in a Small Town, 2024). Aus dem Englischen von Lea Dunkel. Pendragon Verlag, Bielefeld 2025. Klappenbroschur, 320 Seiten, 22 Euro.
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Gut gemeint
(hpe) Der King of horror wird mehr und mehr zum Krimiautor. Und Holly Gibney scheint zur Serienheldin zu werden. Nachdem Stephen King sie in der Bill-Hodges-Trilogie (2014–2016) als Nebenfigur erschaffen hatte, wurde sie knapp zwanzig Jahre später zur Titelfigur des Kriminalromans „Holly“ (2023). Nun ist die Privatermittlerin in Kein Zurück („Never Flinch“) erneut die Hauptprotagonistin.
Es ist eine ziemlich vertrackte Geschichte, die King da konstruiert hat. Die Polizei im fiktiven Buckeye City – „gelegentlich als Zweiter Schandfleck am See bezeichnet; der erste ist Cleveland“ – kommt einem Serienmörder nicht auf die Schliche. Der hat eine seltsame Mordserie brieflich angekündigt. Er wolle Unschuldige büßen lassen „für den ungerechtfertigten Tod eines Unschuldigen“. Der Mörder legt seinen zufälligen Opfern jeweils einen Zettel in die Hand mit dem Namen eines bzw. einer der Geschworenen, die Alan Duffrey zu Unrecht verurteilt haben. Duffney wurde dann im Knast getötet.
Ratlos weiht Polizeidetektivin Izzy Jaynes ihre Freundin Holly Gibney, deren scharfen Verstand sie schätzt, in den Fall ein. Holly kann sich nur beiläufig damit befassen, da sie kurzfristig von Kate McKay als Personenschützerin engagiert wird. Die feministische Buchautorin, die sich vehement gegen die Einschränkung des Rechts auf Abtreibung in den USA engagiert, wird auf ihrer Vortragstournee von radikalen Abtreibungsgegnern nicht mehr nur verbal attackiert. Jemand startet sehr ernstzunehmende Anschläge auf sie.
Da die McKay-Tour auch nach Buckeye City führen wird, wird schnell klar, dass der Autor die beiden Fälle dort irgendwie kollidieren lassen wird. Das dauert aber, wie bei King üblich, ein paar hundert Seiten. Um diese zu füllen, gibt es, sonst eher unüblich bei King, da und dort Längen, manchmal etwas gar viel Redundanz und etwas viel Details über einzelne Figuren.
Dass ein Star wie King das in den USA kontroverse und brisante Abtreibungsthema zu einem wichtigen Aspekt eines Buches, das von Millionen gelesen wird, macht, ist lobenswert. Und gut gemeint. Doch auch die besten Beweggründe machen noch nicht unbedingt einen guten Roman. „Kein Zurück“ ist durchaus lesbar, zählt aber nicht zu den besten Werken Kings.
Stephen King: Kein Zurück (Never Flinch, New York 2025). Aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne Verlag, München 2025. Hardcover, 639 Seiten, 28 Euro.
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Rückkehr einer Autorin: Tropische Schwüle, Poe ressurected
(AM) Erinnert sich jemand an Vicki Hendricks? Ihre ersten beiden Romane wurden bei uns übersetzt, „Der Mann im Waschsalon“ und „Heißer Sand“, aber das ist 25 Jahre her. „Doing it was the only thing that took my mind off wanting it, and a short time later the need would only be stronger“, weiß Sherri Parlay, das weibliche Raubtier in ihrem ersten schweißtreibendem Florida Noir. „Sexual heat was always a permanent in me, no escaping it“, steht da ebenfalls in „Miami Purity” (1995). Gute zehn Jahre liegt ihr vorletzter Roman „Fur People“ zurück, bei uns nicht mehr angepackt – dabei hatte sie einst einen fulminanten Einstand. Willeford-würdig. Dann kam „Iguana Love“, eben jener „Heißer Sand, zu dem Graham Caveney in Arena, London, unnachahmlich schrieb: „Hendricks’s first novel had James Ellroy ‚baying at the moon like a Florida coon dog.‘ This one will probably have him humping her leg. Part thriller, part porn, part redneck comedy, Hendricks’s novel is gleefully immoral, a style that relishes its own perversity and is seductive in its brutality. This is noir gone comic strip — an anarchic romp among sex and muscle that unashamedly brings the two together.“
Jetzt hat die gut Siebzigjährige für ihren siebten Roman in 30 Jahren sich an Edgar Allan Poe gemacht, interpretiert mit Chez Usher die berühmte Kurzgeschichte „The Fall of the House of Usher“ neu, versetzt das fiebrige Geschwisterdrama nach Key West. Arno Schmidt hat die 1839 zuerst erschienene Geschichte 1966 als „Der Fall des Hauses Ascher“ übersetzt.
Vicki Hendricks wäre nicht sie selbst, wenn die Freiheiten, die sie sich nimmt, nicht noch größer wären als das, was Arno sich herausnahm. Ihr Key West betrachtet sie durch das Auge eines schwulen Erzählers. Das Milieu, in das sie ihr Geschwisterpaar Roderick und Madeline setzt, ist reich und dekadent, und heutig. In diese Welt wird der Architekt August Dupin hineingezogen. Es wird ein dance macabre, ein Gothic Noir. Es ist ein Buch der Spiegelungen, der Zirkel auf dem Cover deutet das an. Noir-Charaktere – besonders bei Vicky Hendricks – sind Zwangs-Charaktere, sie haben sich nur bis zu einem bestimmten Punkt im Griff, wie tabuisiert auch immer ihre Triebe, Süchte und Begierden sind. Der Humor, der bei Poe nur unterschwellig simmert, wird hier vollends grotesk. „To Edgar (1809-1949)“, lautet die Widmung. „Many thanks for sharing your demons.“
Vicky Hendricks: Chez Usher. Fahrenheit Press, London 2024. 224 Seiten, Trade Paperback, 7,99 GBP. – Internetseite der Autorin.
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Courtroom-Drama, konnotiert
(TG) Wäre Alexandra Wilson keine Schwarze Barrister – das sind die Anwälte, die vor Gericht plädieren, Details erfährt man in ihrem Roman Die feindliche Zeugin – und würde die Klassen- und Rassenverhältnisse in His Majestys Großbritannien nicht so genau schildern, hätte dieses Courtroom-Drama vermutlich keinen Platz in Thomas Wörtches Suhrkamp-Edition gefunden.
Die Zwangslage des jungen Angeklagten (Schwarz, arm, erzogen von seiner Großmutter), der seine Kumpel nicht verraten kann und dafür Lebenslang riskiert, fesselt: Warum, zum Teufel, verschweigt er partout, dass er dem Niedergestochenen zur Hilfe gekommen ist? Sein Vorname Emmett, der an Emmet Till erinnert, signalisiert: unschuldiges Opfer einer rassistischen Gesellschaft. Auch die beiden anderen Schwarzen sind harten Zwängen ausgesetzt: Die Schwarze Junganwältin Rosa (verschuldet, gehetzt, mit sterbender Großmutter, Mutter im Knast, verantwortlich für einen kleinen Bruder) schwitzt unter der (eingebildeten) Geringschätzung ihrer Kollegen und dem Druck ihres ersten großen Mordprozesses. Und die dritte Schwarze (aus Kamerun, Putzfrau ohne Aufenthaltserlaubnis) fürchtet Polizei und Abschiebung, wenn sie zugunsten des Angeklagten aussagt.
Aber: wir wissen, dass seit den Abenteuern Perry Masons noch nie ein Anwalt oder eine Anwältin ein Courtroom-Drama verloren hat. Oder wie Rosas Grandma in sagt: „Gib nie jemand nich auf.“
Alexandra Wilson: Die feindliche Zeugin (The Witness, 2024). Aus dem Englischen von Karin Diemerling. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. Klappenbroschur, 366 Seiten, 18 Euro.
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Die Kunst des Endes
(JF) Eine Ermittlerfigur würdig abtreten zu lassen, das ist kein einfaches Unterfangen. Agatha Christie entschied schon während des Zweiten Weltkriegs, als sie selbst um ihr Leben fürchtete, dass Hercule Poirot seinem fiktiven Dasein selbst ein Ende setzen würde. Allerdings legte sie fest, dass „Curtain: Poirot’s Last Case“ erst nach ihrem eigenen Tod erscheinen sollte. Was nicht ganz klappte. Das Manuskript wurde 1975 noch zu Lebzeiten der Autorin aus dem Safe geholt und veröffentlicht.
Der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri (1925-2019) zeigte sich von der großen alten Dame des Rätselkrimis inspiriert und verabschiedete sich 2005 vorzeitig von seinem international erfolgreichen Ermittler Commissario Salvo Montalbano. Dessen letzter Fall Riccardino wurde allerdings nicht hinter einer Stahltür, sondern, glaubt man dem Nachwort, in einer schlichten Schublade in den Verlagsräumen aufbewahrt und erschien, dem Willen des Autors entsprechend, ein Jahr nach Camilleris Tod. Nun liegt die deutsche Übersetzung des Romans vor, in dem sich Montalbano nicht nur einer verzwickten Mordermittlung widmen darf, sondern auch reichlich Gelegenheit bekommt, seine Fiktionalität unter Beweis zu stellen. Denn Andrea Camilleri zeigt sich als leidenschaftlicher literarischer Spieler von Rang. Dazu gehört, dass er selbst als Figur auftritt und seinem Ermittler gehörig auf die Nerven geht. Als ob dieser nicht schon genug unter der Vervielfachung seiner Existenz als Roman- und Serienheld leiden würde. Und das zu unserem großen Vergnügen.
Andrea Camilleri: Riccardino. Commisssario Montalbano löst den Fall seines Lebens (Riccardino, 2020). Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler. Verlag Lübbe, Köln 2025. 302 Seiten, 25 Euro.
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Abtauchen ins Delirium
(TG) „Verführerisch und verstörend“ nennt Marcus Müntefering im Spiegel die Lektüre von Boy Parts der britischen Autorin Eliza Clark. Fünf Jahre ist es her, dass die Verkäuferin Clark aus ihrem Apple-Store ans grelle Licht der Berühmtheit trat. Auf Tiktok ging ihr Debüt viral.
Ex-Kunststudentin und Fetisch-Fotografin Irina Sturges wird angeboten, an einer Ausstellung in London teilzunehmen. Sie rekapituliert in „Boy Parts“ ihre Entwicklung und ihre Affären, ein Delirium aus Drogen, Sex und Fotografie. Spezialisiert ist sie künstlerisch / pornografisch auf die titelgebenden Boy Parts, wobei sie sich auf durchschnittliche schwabbelige Männer als Models konzentriert, die sie meist auf der Straße aufgabelt.
Marcus Müntefering zieht in seiner Rezension Parallelen zu Brett Easton Ellis und Ottessa Moshfegh. Ein düsteres Bild einer ziel- und sinnlosen Jugend, der nicht einmal Mord den befriedigenden Kick verschafft, auch nicht die (exzessiv wiedergegebenen) Posts in den Sozialen Medien.
Eliza Clark lebt inzwischen in London, arbeitet als Creative Writing Facilitator für junge Leute in der Arvon-Foundation, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und gefördert und hat seit 2020 zwei weitere Bücher veröffentlicht. Sonja Hartls Rezension von „Boy Parts“ hier.
Eliza Clark: Boy Parts (Boy Parts, 2020). Aus dem Englischen von Elena Helfrecht. Festa Verlag, Borsdorf 2025. Hardcover, 368 Seiten, 24,99 Euro.
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Queere crime wave
(AM) Auch schon wieder acht Jahre, dass Alissa Nutting zuletzt einen Roman vorgelegt hat. Ihr Fiction-Debut „Tampa“ mit einer transgressiven Noir-Femme fatale habe ich 2014 bei uns besprochen. Nach zwei gescheiterten Hetero-Ehen hat sie sich als schwul geoutet, war als Autorin und Showrunnerin an der Animationsserie „Teenage Euthanasia“ und der nach ihrem eigenen Roman entstandenen Komödie „Made For Love“ beteiligt. Jetzt endlich gibt es wieder eine Kurzgeschichte von ihr. In „Peep Show“ hat die Erzählerin Sex mit ihrer Freundin während ihnen der von ihr gestohlene Hund ihres Bosses zuschaut, den für einen Roboter hält, mit dem er sie beobachtet. Soll er ruhig gucken, und sich in Grund und Boden ärgern.
Die von Molly Llewellyn und Kristel Buckley herausgegebene Anthologie Be Gay, Do Crime versammelt Sixteen Stories of Queer Chaos, ist ein Folgeband von »Peach Pit: Sixteen Stories of Unsavory Women«, und mindestens ebenso over the top. Die „newest addition to the dyke aching genre“, zum Lesben-Schmerz-Genre, zeigt den Mittelfinger und inszeniert queere Verbrechen als Akt des Überlebens, als Protest oder Leidenschaft, Rettung oder Selbstjustiz, versprüht dabei jede Menge Spaß. Zu den Autorinnen zählen Anna Dorn, die Autorin von „Perfume & Pain“, „Exalted“ und „Vagablonde“, Myriam Gurba, Emily Austin, Myriam Lacroix, Soula Emmanuel, Temim Fruchter, Venita Blackburn, SJ Sindu, Sam Cohen oder Priya Guns mit der Story „Make Life Great Again“. Aurora Mattia stammt aus Hongkong, schreibt Country Songs und die Romane „Unsex Me Here“ und „The Fifth Wound“. Ihr work in progress heißt „Seven Come Eleven“. Von der Kanadierin Emily R. Austin stammt der Gedichtband „Gay Girl Prayers“. Die Nigerianerin francesca ekwuyasi wurde für „Butter Honey Pig Bread“ vielfach ausgezeichnet, die in London lebende Maame Blue stammt aus Ghana, ihr letztes Werk war der Roman „The Rest Of You“. Zweifellos werden wir von diesen Autorinnen wieder hören.
Molly Llewellyn, Kristel Buckley (ed.): Be Gay, Do Crime: Sixteen Stories of Queer Chaos. Dzanc Books, Ann Arbor, MI. 204 Seiten, 17,95 USD.
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Geschickt konstruiert
(TG) Der Autor Simon Mason (1962 in Sheffield geboren, lebt heute in Oxford) ist im deutschsprachigen Raum hauptsächlich durch seine Jugendbücher um die Quigleyfamilie bekannt. Jetzt, mit der Serie um die Detectve Inspectors gleichen Namens DI Wilkins, kann sich das ändern.
DI Ryan Wilkins, der Proll, ist die interessantere Figur. Während er aufgrund seiner mehr oder minder farbigen Trainingsanzüge wahlweise als Junkie, Arbeitsloser oder Kleinverbrecher angesehen wird, bingt er die adels- und kastenfixierte Society von Barnabas Hall und Oxford schwer durcheinander. Er kennt niemanden Wichtigen, hat nichts gelesen, deckt aber mit seinem unverfrorenen Mundwerk jede Heuchelei auf. DI Ray Wilkins, sein Schwarzes Gegenüber, ist gebildet, snobby, aufstiegsorientiert und im Klassen-Denken der höheren Polizeikreise geschult.
Der Fall ist geschickt konstruiert, eine Kombination von Campusroman, Whodunnit und Gesellschaftssatire (mit Seitenblick auf die Lage der trinkenden, aber herzlichen unteren Klassen). Um Ein Mord im November ist ein gewisses mediales Buhei entstanden, ein zweiter Band soll noch in diesem Jahr erscheinen. Der erste ist witzig, satirisch, schielt aber auch deutlich auf TV-Vermarktung. Bin gespannt auf den zweiten, wohin er ausschlägt.
Ein Bild gibt auch die Besprechung von Hanspeter Eggenberger, der das Satirische hervorhebt.
Simon Mason: Ein Mord im November – Ein Fall für DI Wilkins (A Killing in November, 2022). Aus dem Englischen von Sabine Roth. Penguin Verlag, München 2025. 400 Seiten, Klappenbroschur, 17 Euro.




















