Geschrieben am 1. Juni 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2025, News

20 Jahre Krimi-Bestenliste – Fragen an Tobias Gohlis

„Das Bewusstsein für gute Kriminalliteratur gefördert“

Alf Mayer hat einige Fragen an Tobias Gohlis zu 20 Jahren Krimi-Bestenliste

Die Krimi-Bestenliste ist weltweit die einzige regelmäßig erscheinende Best-of-Auswahl von Kriminalromanen, die von einer Jury erstellt wird, die ausschließlich aus Literaturkritikern besteht. Jetzt im März 2025 ist sie 20 Jahre alt geworden. Jurymitglied Alf Mayer hat dazu Tobias Gohlis, dem Begründer und Sprecher der Krimi-Bestenliste, einige Fragen gestellt.

2011, im Juni, erschien die 75. Ausgabe der Krimi-Bestenliste, damals noch KrimiZEIT-Bestenliste genannt. CulturMag-Verleger Jan Karsten führte dazu ein – weithin heute noch gültiges – Gespräch (Qualitätsorientierung im Neuerscheinungs-Tsunami) mit Tobias Gohlis und dem Jurymitglied Thomas Wörtche. Der ist inzwischen Herausgeber einer Krimireihe bei Suhrkamp, hat seinen Jurysitz längst abgegeben. Sonja Hartl und Alf Mayer aus der CrimeMag-Redaktion gehören der Jury an; hier bei CrimeMag veröffentlichen wir jeden Monat die aktuelle Krimi-Bestenliste. Ein Gespräch also auf freundlichem Terrain.

Davor aber noch ergänzende Hinweise:
Am 7. März 2025 gab es dazu in der Sendung „Lesart“ bei Deutschlandfunk Kultur das Gespräch „Die Krimis neben dem Mainstream herausheben“ (Audio hier) mit Tobias Gohlis und Deutschlandradio-Redakteur und Juror Kolja Mensing, der dabei hervorhob, aus wie vielen Weltregionen Krimis inzwischen auf der Krimi-Bestenliste vertreten sind.
Am 1. April 2025 schrieb Jurymitglied Sylvia Staude in der „Frankfurter Rundschau“ zum Jubiläum: Aus der Menge die Perlen (Bezahlschranke).
Am 2. Mai 2025 erschien im Börsenblatt ein Interview mit Tobias Gohlis und Jurymitglied Katrin Doerksen, das Nils Kahlenfeldt geführt hatte: „Wir zeigen euch die besten Krimis!“ (Bezahlschranke).

Tobias Gohlis informiert auf seinem Blog Recoil regelmäßig zu den Titeln der Krimi-Bestenliste, dort lässt sich auch ein aktuelles PDF herunterladen. Das Archiv der der Krimi-Bestenliste, eine wahre Schatzkammer der Kriminalliteratur, findet sich zurück bis 2005 hier.

Tobias Gohlis © Marco Grundt

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Alf Mayer: 20 Jahre Krimibestenliste, das sind 20 x 12, also 240 Monats-Bestenlisten und dazu 19 Jahres-Bestenlisten. Rechne ich das richtig? Und kannst du das mit einigen weiteren Zahlen ergänzen?

Tobias Gohlis: Deine Rechnung haut hin. Das sind geschätzt 20 x 65 = 1300 Titel, die es auf die Krimibestenliste geschafft haben. Davon etliche mehrmals, da jedes Jurymitglied ja insgesamt drei Mal für das selbe Buch stimmen kann. Von diesen 1300 Büchern sind geschätzt etwa ein Fünftel deutschsprachige Titel. Der Rest ist international, mit großer angelsächsischer Mehrheit. Verschiebungen: in den letzten Jahren sind vermehrt Titel aus kleinen Literaturen (Barbados, Jamaika, Pakistan, Malaysia, Bangla Desh, Haiti…) oder noch wenig übersetzten Kriminalliteraturen großer Länder (Indien, Nigeria) hinzugekommen. Außerdem sind irische und australische Titel übers Jahr immer fester Bestandteil der Liste.

Wie steht es mit dem ja oft kritisch angemahnten Anteil weiblicher Autoren?

Das Verhältnis weiblicher zu männlichen Autoren hat sich in den letzten Jahren auf 3 zu 4 eingependelt. Am Anfang stand es eher 3 zu 7.

Die Krimi-Bestenliste hatte im Lauf der Jahre verschiedene Medienpartner. Können wir einen Schnelldurchlauf haben?

Im Rückblick ergibt sich eine kleine Mediengeschichte der Jahre 2005 bis 2025: Begonnen haben wir mit einem Herausgeber-Trio aus Rundfunk, Print und Internet: Nordwestradio (Kulturradio von NDR und Radio Bremen, gibt es heute nicht mehr), DIE WELT und arte (Deutschland, Sitz in Baden-Baden). Solange die WELT dabei war (2005-2010), hießen wir „KrimiWelt-die zehn besten Krimis des Monats“ oder schlicht „KrimiWelt-Bestenliste„. Nach dem Ausscheiden der WELT gab es ein Interregnum (Dezember 2010 bis Februar 2011) mit Nordwestradio und arte.

Mit dem neuen Printerausgeber DIE ZEIT wurden wir im März 2011 zu „KRIMIZEIT – die zehn besten Krimis des Monats“, oder kurz: die „KrimiZEIT-Bestenliste„. Im Dezember 2011 stieg dann arte aus dem Herausgebergremium aus; die Krimibestenliste hatte seitdem keinen eigenen Internetauftritt, die neuen Titel wurden sehr oft im Nordwestradio besprochen, und etliche Titel wurden in meiner monatlichen Kolumne in der ZEIT behandelt.

Im Dezember 2016 erschien die letzte gemeinsam von ZEIT und Nordwestradio herausgegebene Monatsliste, gekrönt von einer ebenfalls noch gemeinsamen KrimiZEIT-Bestenliste 2016. NDR und Radio Bremen hatten ab Januar 2016 ihre Kooperation im gemeinsamen Kulturprogramm Nordwestradio aufgegeben. Mit dem Ende dieses letzten Gründungsherausgebers und dem Ausscheiden der ZEIT zum Jahresende 2016 mussten neue Herausgeber gefunden werden: Im Print wurde es die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, neuer Rundfunkpartner wurde Deutschlandfunk Kultur, der nicht nur eine regelmäßige Funkberichterstattung übernahm, sondern auch die Krimibestenliste wieder online verfügbar machte. Die Frankfurter Allgemeine hielt bis Ende 2020 durch.

Seitdem ist Deutschlandfunk Kultur der einzige Herausgeber und präsentiert die Krimibestenliste online unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/rezensionen-des-monats als PDF. Dort sind auch Rezensionen zu einzelnen Titeln des Monats nachzuhören und die Texte dazu als PDF aufzufinden.

Wenig oder kaum verändert aber hat sich das Abstimmungsverfahren. Auch hier bitte die Kurzvorstellung.

Für die Auswahl der zehn besten Kriminalromane des Monats gelten folgende Regeln: Einmal im Monat benennt jedes Jury-Mitglied vier aktuelle Kriminalromane und bewertet sie mit 7, 5, 3 oder 1 Punkten. Neben der Gesamtpunktzahl pro Titel wird berücksichtigt, wie viele Kritiker in einer Abstimmungsrunde für dasselbe Buch votiert haben. Jeder Kritiker darf insgesamt drei Mal für das gleiche Buch stimmen. Voten für Bücher, an deren Produktion oder kommerzieller Verbreitung der Kritiker beteiligt ist, sind ausgeschlossen. Zwischen Kriminalromanen in der Originalsprache Deutsch und Übersetzungen wird kein Unterschied gemacht.

Aus eigener Erfahrung als Jurymitglied (und auch in anderen Gremien) kann ich nur bestätigen, wie effektiv und weise sich die Voten für die Krimi-Bestenliste zu so etwas wie Schwarmintelligenz fügen – und dann gibt es ja noch dich als Jurypräsidenten. Was steht hier in deiner Macht?

Im Grunde überprüfe ich nur die Einhaltung der Regularien, achte z.B. darauf, dass die votierten Titel auch tatsächlich am 10. des Monats lieferbar sind oder dass niemand mehr als drei Mal für das selbe Buch stimmt.

Ich bin der Letzte, der abstimmt. Das hat seinen Sinn: Ich sorge im Zweifelsfall durch eine gerade Zahl (Statt 7 Punkten 6 usw.) dafür, dass möglichst keine Dopplungen vorkommen und eine „schöne“ Liste mit einer Reihenfolge von 10 bis 1 rauskommt.

Wie tauscht sich die Jury aus? Gibt es Streitfälle?

Dadurch, dass alle Voten in einem Dokument zusammengestellt werden und dieses den Jurymitgliedern nach der Abstimmung (zusammen mit der Excel-Tabelle der Wertungen) zugeschickt wird, kann jedes Jurymitglied vergleichen, wofür die anderen gestimmt haben und sich evtl. diesem Votum anschließen. Parallel zu diesem Austausch post festum haben wir eine Mailingliste, auf der vor der Abstimmung meist Empfehlungen oder Vorschläge für neue Titel gemacht werden. Je nach Arbeitsbelastung beteiligen sich einige oft, andere nicht. Streitfälle gibt es nur ganz selten, meist über die Frage, ob es sich noch um einen Krimi handelt. Leider wird im Vorfeld nur sehr selten gestritten, die Entscheidungen fallen weniger arbeitsintensiv per Abstimmung.

Auseinandersetzungen entstehen immer wieder über die Frage, ob nach langer Zeit wieder neu aufgelegte Titel votiert werden können, weil sie so toll sind. Nein. Einzige Ausnahme waren einige Romane von Ross Thomas. Die deutschen Erstausgaben der 80er Jahre waren oftmals so verstümmelt, dass die Neuübersetzungen im Alexanderverlag mit manchmal mehr als 60 Prozent neuem Text als deutsche Erstausgaben behandelt werden mussten.

Wie schafft es ein Titel auf die Krimi-Bestenliste?

Durch genügend Stimmen von genügend vielen Jurymitgliedern.

Was ist ein wirklich guter Kriminalroman?

Da hat jede und jeder seine persönlichen Kriterien. Objektiv ist das kaum zu qualifizieren. Immer wieder werden neue Listen der 100 xy besten Kriminalromane erstellt. Wir haben es einfacher: Wir müssen ja nur in jedem Monat neu die jeweils besten des Monats herausfinden. Allgemein  geprochen suchen wir nach thematisch ausgefallenen, literarisch innovativen und gut gearbeiteten Titeln.

Negativ lässt es sich einfacher sagen: keine oder wenig Klischees. Keine Klischees über Gut und Böse, keine Klischeefiguren, überhaupt wenig Formelhaftes, es sei denn es wird damit gespielt oder sie werden dekonstruiert. (Was seine eigenen Tücken hat.)

Damit uns möglichst auch kein guter Roman entgeht, haben wir die Regel, dass alle Titel bis zu einem Jahr alt sein dürfen.

Was ein Kriminalroman ist, ist schon leichter, aber auch nicht leicht zu bestimmen. Thomas Wörtche, der jahrelang Mitglied unserer Jury war, bis er Herausgeber einer erfolgreichen Krimireihe bei Suhrkamp wurde, hat für das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft ff. Definition verfasst: „Thematisch definierte Form erzählender Prosa seit dem späten 19.Jh…. Der Kriminalroman handelt in sowohl typologisierten als auch ‚freien‘ Erzählmustern von Verbrechen und deren Aufklärung.“

In einfachem Deutsch: Krimi ist alles, was bei genauerer Betrachtung wie ein Krimi aussieht und von einem Verbrechen erzählt, sei es erfunden, geträumt, blutig real oder cozy. Egal, wer es erzählt oder wie es erzählt wird. Das ist eine einfache und handhabbare Definition. Deshalb steht in unseren Regularien, dass Krimi im Zweifelsfall das ist, für was die Jury stimmt.

Wie hoch ist dein persönlicher Dissenzpegel? Oder bist du immer mit allen Titeln auf der Krimi-Bestenliste einverstanden?

Mein Dissenzpegel ist erstaunlich gering. Ich bin ja der einzige, der alle Titel auf der Liste gelesen hat, weil ich zu jedem den Kommentar von 300 Zeichen verfassen muss. Und ich staune, wie oft mir selbst die Titel gefallen, denen ich anfangs skeptisch gegenüberstand. Trotzdem verfluche ich manche Juryentscheidung. Sagen wir: in einem von fünfzehn Fällen muss ich etwas lesen und kommentieren, was ich für indiskutabel erachte.

Da eine Monatsliste immer von zufälligen Stimmabgaben abhängt (beratende Diskussion vor der endgültigen Auszählung gibt es nicht), tritt relativ häufig der Fall ein, dass die Mehrheit der Jury für die ersten Beiden votiert, die dann sehr viele Stimmen auf sich vereinen. Da reichen dann schon mal am unteren Ende der Wertungsskala zwei mittlere Voten (5+3 gewertet x 2 = 16), um einen siebten Platz zu bekommen. Was aber nicht heißt, dass nur alle Plätze höher als 5 etwas zählen: Auf der Liste sind die zehn besten Krimis des Monats, und das ist für jeden eine Auszeichnung.

Eine Aussage von dir von 2005: Die Krimi-Bestenliste erfüllt gerade im Bereich deutschsprachiger Kriminalliteratur eine wichtige Korrekturfunktion gegen den Mainstream. – Gilt das noch?

Vielleicht nicht ganz so vollmundig, wie das damals zu Beginn formuliert war.  Der Mainstream wird in seiner unsäglich dummen, formelhaften Breite von unseren Wertungen überhaupt nicht berührt. Da spielen Marketing, Booktok und andere Beeinflussungsmechanismen (US-Präsidenten als Krimiautoren! Destinations- oder Zielgruppenkrimis, Online-Lesezirkel …) eine gewichtigere Rolle.

Worauf wir vermutlich ein gewissen Enfluss haben, würde ich das obere Qualitätsviertel des Krimi-Marktes nennen: handwerklich gut geschriebene, oft einfallsreiche Krimis, denen es aber zur Krimibestenliste manchmal an zuviel Verneigung vor dem Publikumsgeschmack fehlt oder an dem richtigen Verlag oder an dem passenden Klappentext. In diesem Segment orientieren sich Autoren, Kritiker und Lektoren schon an unseren Wertungen. Da tragen wir schon zur Geschmacksbildung bei. Aber der Mainstream wird von Autoren gebildet, die denken, nichts sei einfacher, als mal (im Ruhestand!) einen Krimi zu schreiben und von Konzernverlagen, deren KIs und Controller dem neuestem Hype hinterherproduzieren.

Wenn du zurückblickst: Was hat sich seit 2005 auf dem Markt und auf der Liste verändert?

Die Krimi-Bestenliste hat ein klarer umrissenes Bewusstsein für gute Kriminalliteratur gefördert. Weil sie durch ihre Existenz auch dazu beiträgt, dass ein genügend großes und langsam aber stetig wachsendes Publikum nach dieser Qualität fragt und damit kleineren und größeren Verlagen (und Buchhandlungen) überhaupt die Möglichkeit gibt, literarische Kriminalliteratur herzustellen und zu vertreiben.

Gleichzeitig haben sich die Schwerpunkte verschoben. Kriminalliteratur als populäre sozialkritische Aufklärungsliteratur hat an Bedeutung verloren. Schon vor 2005 aber auch danach sind viele Krimireihen vom Markt verschwunden.

Print ist ja nur eine Form von Krimi. Der findet ja viel mehr in Serien, TV, Podcasts und True-Crime-Magazinen statt. Letztere haben meines Erachtens sogar einen Teil des früher Krimi-Fiktion lesenden Publikums eingesogen.

Die Themen sind vielfältiger geworden, haben eigene Blasen gebildet: historische Krimis, Metoo, „lustige“ Krimis – Phänomene, die nur am Rande die Krimibestenliste tangiert haben.

Was eindeutig gewachsen ist: Kriminalliteratur aus dem globalen Süden, kleineren Sprachen und Regionen. Was erstaunlicherweise nicht gewachsen ist: der Anteil an europäischer nicht-angelsächsischer Kriminalliteratur. Spanien, Frankreich, Italien, Schweden – da kommt immer mal was vor, aber eher vereinzelt, was cum grano salis auch für die lateinamerikanischen Romane gilt.

Wie Literaturkritik insgesamt hat auch die Krimikritik an festen Sendeplätzen, Kolumnen o.ä. verloren. Vieles ist, wenn auch nicht in gleicher Qualität, in Online-Formate gewechselt, wie ja auch die Krimi-Bestenliste selbst, die seit 2021 nur noch online verfügbar ist (hier allerdings nicht vergessen: das in Handarbeit erstellte PDF zum Aushang in Buchhandlungen.)

Und woran war die Krimi-Bestenliste mitbeteiligt?

Kommerziell der größte Erfolg war Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ März ff. 2006. An Arne Dahls oder Garry Dishers Erfolg waren wir auch nicht unbeteiligt. Unsere Stärke bestand und besteht darin, gute Autoren und ihre Bücher bekannt zu machen. Deren Zahl geht in die Hunderte.

Man müsste sie also heute noch einmal erfinden?

Nein, es gibt sie ja. (Und für den diskursiven Austausch gibt es das CrimeMag.)

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