Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Bloody Chops – Februar 2025

Kurzkritiken zu aktueller Kriminalliteratur von: Hanspeter Eggenberger (hpe), Sonja Hartl (sh) und Thomas Wörtche (TW)

Schuld & Rache & Rock ’n’ Roll

(hpe) Köln, 1959. Die Stadt ist noch gezeichnet vom Krieg. Junge Menschen wie Adi, Gisela und Hagen trägt dazu der Rock ’n’ Roll interessiert der Rock ’n’ Roll mehr, der sie mit immer wieder neuen Rhythmen und Klängen fasziniert. Doch der Tod eines Freundes von Adi trübt die Stimmung der Jugendlichen: Karl wurde nach einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung der Republik von einem Auto angefahren und tödlich verletzt. Adi, der mit Karl unterwegs war, glaubt nicht an einen Unfall mit Fahrerflucht, sondern ist überzeugt, dass hinter dem Zusammenstoß brutale Absicht steht. Aus seinem Zimmer sieht er, wie nachts in der Autowerkstatt an einem „Barockengel“ (wie der Fünfzigerjahre-Oberklasse-BMW seiner Fomen wegen genannt wurde) wie der, der Karl erwischt hat, der beschädigte Kotflügel ausgetauscht wird. Da „man nicht zur Polizei geht“, wollen die Jugendlichen selbst herausfinden, wer der Fahrer ist.

In Tanz im Dunkel von Max Annas wird wohl zu Rock ’n’ Roll getanzt, im Dunkel treiben sich aber auch üble Figuren herum, die dem Nationalsozialismus nicht nur nachtrauern, sondern ihn zurückbringen wollen. Die des Nachts Hakenkreuze an Mauern pinseln, heimliche Versammlungen abhalten und ein Bild von Bundeskanzler Adenauer als Scheibe für ihre Schießübungen benutzen. Darunter sind sowohl alte Nazis wie auch junge Menschen.

Bei der Beobachtung des Barockengel-Besitzers kommen Adi, Gisela und Hagen einem mysteriösen Mann in die Quere, der ebenfalls im Dunkel der Stadt unterwegs ist. Er arbeitet eine Liste ab, auf der auch der BMW-Fahrer steht. Es ist eine Todesliste: Der Mann nimmt Rache an Kölnern, die in irgendeiner Art an der Enteignung und Vertreibung seiner Familie, der ein Kleidergeschäft gehörte, beteiligt waren. Darunter ist auch ein Pfarrer. Und der Polizist, der den Tod von Karl untersucht. Als Weihnachtsbescherung gibt es einen heftigen Showdown, bei dem alle noch lebenden heftig Protagonisten aufeinandertreffen.

Der in Köln geborene Max Annas, der sich in seinem Werk schon verschiedenen Themen der deutschen Historie gewidmet hat – etwa deutscher Kolonialismus zu Beginn des letzten Jahrhunderts, Rassismus in der DDR, Terrorismus in der BRD –, zeichnet in seiner stimmungsvollen und spannenden Geschichte ein facettenreiches Bild des Zeitgeistes und der politischen Realität im Deutschland der Fünfzigerjahre. „So war das in Westdeutschland im Jahr 1959. Niemand hatte eine Ahnung. Und natürlich nie eine gehabt.“

Max Annas: Tanz im Dunkel. Suhrkamp, Berlin 2025. 238 Seiten, 17 Euro

Ein kleines, schwarzes Juwel

(TW) Ámbar ist fünfzehn Jahre alt. Mit ihrem Víctor Mondragón zieht sie durch Argentinien. Sie ist die Heldin des gleichnamigen Romans von Nicolás Ferraro. Víctor Mondragón ist Gangster von Beruf, mit den Tätigkeitsfeldern Diebstahl, bewaffneter Raubüberfall, Drogenhandel. Seit Kindesbeinen schleppt er Ámbar mit sich, oft genug ist sie seine Komplizin, sie kennt kaum ein anderes Leben. Natürlich leidet sie auch unter dem ständigen Ortswechsel, nirgends kann sie Wurzeln schlagen, keine Freunde, keine Bildung, keine Ruhe in den schäbigen Hotels und anderen, oft obskuren Unterkünften finden. Die Situation verschärft sich, als Mondragóns bester Kumpel bei einem schiefgelaufenen Deal erschossen wird. Jetzt ist Ámbars Vater auf Rache aus, eine brachiale Jagd beginnt – und bald verkehren sich die Rollen: Victór und Ámbar werden selbst gejagt. Und ausgerechnet jetzt verliebt sie sich zum ersten Mal wirklich. Es kommt zum Showdown, irgendwo in der nordargentinischen Provinz, und Ámbar muss eine Entscheidung treffen.

„Ámbar“ ist eine wunderbare kleine novela negra.  Eine perfekt gelungene Mischung aus Coming-of-Age-Roman, Road Movie und knallhartem Gangsterroman. Ein Tochter-Vater-Drama in einer brutalen, muchomacho Gesellschaft, in der Frauen kaum etwas anderes übrigbleibt, als sich mit Gewalt durchzusetzen. Auch wenn der Roman 2003 spielt, bildet er die Gender- und Machtverhältnisse in einer patriarchalischen Gesellschaft allgemein gültig ab. Mit einem Hoffnungsschimmer am Ende. Ein kleines Juwel.

Nicolás Ferraro: Ámbar. (Ámbar, 2024) Dt. von Kirsten Brandt. Bielefeld 2025: Pendragon, 280 Seiten, 22 Euro.

Macht und Misogynie in nigerianischen Megachurches

(sh) Lagos, Nigeria: Der forensische Psychologe Dr. Philip Taiwo wird von seiner Schwester Kenny um Hilfe gebeten. Das Oberhaupt der evangelikalen Megachurch, die sie seit einiger Zeit besucht, wurde verhaftet. Bischof Jeremiah Dawodu wird vorgeworfen, seine verschwundene Frau ermordet zu haben. Kenny ist überzeugt: Der Bischof ist unschuldig. Widerwillig beginnt Philip Taiwo nachzuforschen – und entdeckt schon bald Widersprüche und Manipulationsversuche auf allen Seiten. Dann wird eine Leiche gefunden …

Die Spannung baut sich nur langsam auf, auch hat die Handlung einige Längen. Aber wie bereits in dem ersten Teil gelingt es Femi Kayode, sehr viel interessante Gedanken und letztlich auch Spannung aus der biographischen Situation seiner Hauptfigur zu ziehen: Lange Jahre hat Dr. Philip Taiwo mit seiner Familie in den USA gelebt, nun sind sie seit einiger Zeit wieder in ihren alten Heimat. Aber Nigeria ist ihnen fremd geworden. Somit blickt Taiwo aus einer doppelten Perspektive auf das Land und seine Gegebenheiten: Als jemand, der es kennt und zugleich außen vor ist. Zusammen mit dem wenig behandelten Einfluss der Großkirchen auf die nigerianische Gesellschaft liefert dieser Kriminalroman daher spannende Einblicke in das ostafrikanische Land.

Femi Kayode: Gaslight. (Gaslight, 2023). Aus dem Englischen von Andreas Jäger. München 2024: btb. 448 Seiten. 16 Euro.

Auf Jagd in Afrika

(sh) Der steinreiche Finanzmanager Hunter White ist ein leidenschaftlicher Jäger. Nur ein Nashorn fehlt ihm noch zu den sogenannten Big Five – fünf Tiere, die begehrte Jagdtrophäen sind. Dieses Nashorn will er zu Beginn von Gaea Schoeters hinterhältigem Roman in einem nicht näher benannten afrikanischen Land jagen. Doch Wilderer kommen ihm zuvor. Er ist wütend, sauer, fühlt sich betrogen. Als Entschädigung bietet ihm sein Jagdvermittler etwas anderes an. Die Big Six. Und zu ihnen gehört: ein Mensch.

Aus der Großwildjagd wird eine Menschenjagd – aus einem vermeintlichen Abenteuerroman eine perfide Geschichte über (Post-)Kolonialismus und Ethik. Dabei entwickelt „Trophäe“ einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Neben dem glänzenden, sehr durchdachten Aufbau des Romans trägt dazu vor allem bei, dass er keine einfachen Wahrheiten anbietet. Das zeigt sich schon bei der Hauptfigur mit dem sprechenden Namen Hunter White: Er ist ein erfahrener Jäger und weiß um die ethischen und moralischen Grauzonen. Aber er weiß auch, dass Jagd ein ökologischer Faktor ist. Dass die halbe Million Dollar, die die Lizenz zum Abschuss des Nashorns gekostet hat, den aufwendigen Umweltschutz rechtfertigt und teilweise bezahlt. Dennoch ist Hunter Whites Blick auf Afrika kolonial: Der Kontinent ist sein Abenteuerspielplatz, dazu da, seine Sehnsucht nach einem „echten“, einem „wilden“ Leben zu erfüllen. Und er hat ein Anrecht auf das Nashorn, weil er dafür bezahlt hat.

Das ist die Grundlage der folgenden Entwicklungen, die Gaea Schoeters konsequent zu Ende denkt. Mit dem Geld, das Hunter White für die Jagd auf einen Menschen ausgibt, würde er einem talentierten Jungen das Studium in den USA ermöglichen. Reicht ihm das als Rechtfertigung, einen Menschen zu töten? Wird er es tun?

Gaea Schoeters stellt unbequeme, aufrüttelnde Fragen. Sie seziert den (post-)kolonialen Blick auf den afrikanischen Kontinent und deckt Ambivalenzen auf. „Trophäe“ ist ein perfides, ein fesselndes Buch, das voller Verbrechen steckt – und noch lange nach dem Lesen verstört.

Gaea Schoeters: Trophäe. (Trofee 2020). Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Wien 2024: Zsolnay. 256 Seiten. 24 Euro.

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