
Gar nicht so kurze Kurzkritiken zu aktueller Kriminalliteratur von: Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG) und Alf Mayer (AM):
Anna Bailey: Unsere letzten wilden Tage
Jon Bassoff: Todestaufe
Timo Blunck: Ein kleines Lied über das Sterben
Jerome Charyn: Ravage & Son
Jonathan Coe: Der Beweis meiner Unschuld
Louise Doughty: Deckname Bird
Andreas Izquierdo: Über die Toten nur Gutes. Ein Trauerredner ermittelt
Jill Johnson: Nachtschattengewächse
Alan Parks: Möge Gott Dir vergeben
Gustavo Faveròn Patriau: Unten leben
Royston Reeves: Ich war’s nicht
Arno Strobel: Welcome Home
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Ein Meister kehrt zurück in sein Revier
(TG) Jerome Charyn (1937 geboren und damit sagenhaft produktive 88 Jahre alt) ist mein Favorit ever. Über seine Sidel-Saga durfte ich 2013 mit ihm in seinem Appartment in Greenwich Village/Manhattan einge Stunden sprechen – es war pures Vergnügen. Nach etlichen Roman-Ausflügen in politische und Literatur-Geschichte ist Charyn nach knapp zehn Jahren wieder in das Genre zurückgekehrt, das er mit seinen Sidel-Romanen revolutioniert hat wie wenige andere.
Diesmal stehen nicht die Cops, sondern die Gangster und die Mächtigen im Zentrum, Juden allesamt. Ravage ist der Hausbesitzer, der seine Kampfkatze liebt wie eine Prinzessin, den Mieterinnen seiner Bruchbuden in der Lower East Side, dem Ghetto der aus Ostueropa eingewanderten Junden, Sex gegen Mietnachlass abpresst. Bis er sich unsterblich in Manya verliebt, sie in den Wahnsinn treibt. Was er nicht weiß: Er hat einen Sohn mit ihr.
Jahre später ist dieser Benjamin Detektiv der „Kehilla“ (eigentlich „Gemeinde“, hier die Privatpolizei der reichen deutschstämmigen Juden im nördlichen Manhattan) und soll mit seinem Bodyguard, dem (historischen) Gangster Monk Eastman einen Frauenschänder jagen, dessen verbrecherisches Treiben den Bau eines neues Kaufhauses von Woolworth behindert. Eine wilde Mixtur von realen historischen und genial erfundenen Figuren, als hätte Marc Chagall im New York um die Jahrhundertwende einen Krimi geschrieben.
Genug des Schwärmens: Lesen Sie mit Ravage & Son einen, hoffentlich nicht den letzten, Krimi des Meisters der halluzinatorischen Imagination New Yorks.
Jerome Charyn: Ravage & Son (Ravage & Son, 2023). Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Herausgegeben von Thomas Wörtche Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. Klappenbroschur, 334 Seiten, 18 Euro.
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Politsatire als Whodunit
(hpe) Um Liz Truss geht es eigentlich nicht in Der Beweis meiner Unschuld. Dass der neue Roman von Jonathan Coe aber genau während der ebenso kurzen wie desaströsen Amtszeit von Truss als britische Premierministerin spielt, ist kein Zufall. Das Buch ist zwar vordergründig ein Whodunit, den Hintergrund bildet aber die Entwicklung des Konservatismus seit Thatcher und Reagan bis in die heutige Zeit. Diese Bewegung, die sich immer mehr von der Wahrheit verabschiedet, ist das Hauptthema des linken Bloggers und Journalisten Christopher Swann. Dieser wird auf einem alten Landgut, wo er eine Konferenz einer rechten Organisation, besucht, ermordet. Dort hat Swann sich bei ein paar Leuten unbeliebt gemacht, bevor er erstochen wird. Dem Besitzer des Gutes weist er die Sklavenhändlervergangenheit seiner Vorfahren nach, er kann beweisen, dass die Kongressveranstalter das britische Gesundheitssystem NHS an die Privatindustrie verhökern wollen, und auch mit einem seltsamen Professor, der über einen vergessenen konservativen Schriftsteller referieren soll, legt er sich an.
Das sind schon eine ganze Menge Themen für einen Roman, doch Coe bringt auf seine unnachahmliche Art, die von augenzwinkernd über ironisch bis sarkastisch geht, noch viel mehr unter. Das beginnt bei Kleinigkeiten wie den sich stetig wiederholenden Sicherheitsdurchsagen in Zügen und geht bis zu bedeutenden Themen rund um den Literatur-, Universitäts- und natürlich Politbetrieb. Dabei spielt er auch noch mit verschiedenen literarischen Genres: Der Mord auf dem Landgut wird zum Cosy-Krimi, die Erinnerungen eines Kommilitonen zu einer Dark-Academia-Geschichte, und eine Autofiktion zweier junger Frauen geht der Lösung des Mordfalls nach.
Auch wenn man vielleicht nicht jede Anspielung mitbekommt und nicht zu jedem Seitenhieb den Hintergrund im Detail kennt: Dank Coes überschäumendem Ideen-Cocktail bietet der originelle Mix aus Whodunit-Krimi und Politsatire nicht nur ein durchaus ernst gemeintes Gesellschaftsbild, sondern auch ein unterhaltsames Lesevergnügen.
Jonathan Coe: Der Beweis meiner Unschuld (The Proof of My Innocence, 2024). Aus dem Englischen von Cathrine Hornung. Folio Verlag, Wien und Bozen 2025. 409 Seiten, 28 Euro.
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Rundum überzeugende Spannungsliteratur
(JF) Dass Heather Berriman ihr Verschwinden sorgfältig vorbereitet hat, mag ein Erbe ihres Vaters sein. Der nämlich präparierte seine Ehefrau bereits am Morgen nach der Hochzeit für den Krisenfall. Einschließlich Codewort. Als Heather davon erfährt, ist ihr Vater bereits im Ruhestand. Aber noch immer auf der Hut. Denn als langjähriger Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes fällt es ihm schwer, alte Gewohnheiten abzulegen. Und nun arbeitet Heather selbst für die klandestine Organisation. Ein Schreibtischjob wie viele andere könnte man meinen. Aber nicht ungefährlich. Denn ihre Abteilung ist spezialisiert auf Maulwürfe und andere potentielle Überläufer. Deshalb weiß sie, was zu tun ist, als sie selbst in das Visier der internen Ermittlung zu geraten scheint. Sie taucht unter.
Louise Doughty schildert in ihrem aufregenden Agententhriller Deckname Bird nicht nur Heathers abenteuerliche Flucht über Schottland bis nach Norwegen und Island, sondern auch die lebenslange Suche einer Frau nach Identität und Zugehörigkeit, ohne ihre Unabhängigkeit zu verlieren. Dass Doughty ihre Heldin selbst erzählen lässt, ist deshalb nur folgerichtig. Heathers ökonomischer Umgang mit biografischen Informationen ist ein elementarer Bestandteil der ihrer narrativen Strategie. So entsteht auch sprachlich überzeugende Spannungsliteratur par excellence, von Astrid Arz souverän in ein sehr gut lesbares Deutsch gebracht. Und es wundert nicht, dass Louise Doughty zu den erfolgreichsten Autorinnen des Genres gehört.
Louise Doughty: Deckname Bird. Thriller. (A Bird in Winter, 2023). Aus dem Englischen von Astrid Arz. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp, Berlin 2025. 390 Seiten, 18 Euro. – Siehe auch die Besprechung von Sonja Hartl in dieser Ausgabe, d. Red.
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Harry McCoy zum Fünften
(hpe) Schon beim ersten Band „Blutiger Januar“ (2018) stellte sich die Frage, wie der Glasgower Detective Harry McCoy bei seinem Lebenswandel die zwölf Bände, auf die die Reihe von Alan Parks angelegt ist, überstehen kann. Jetzt liegt bereits der fünfte Titel vor, Möge Gott dir vergeben, und McCoy lebt noch. Allerdings nur knapp. Er kommt gerade aus dem Krankenhaus, wo er mal nicht wegen einer Prügelei, sondern wegen eines Magendurchbruchs mehrere Wochen verbracht und zwölf Kilo an Gewicht verloren hat. Er wäre noch ein paar Wochen krankgeschrieben, um sein blutendes Magengeschwür zu kurieren. Doch er lügt sich bei seinem Chef
gesund und nimmt vorerst seine Arbeit, dann nach und nach das – von den Ärzten natürlich streng verbotene – Saufen wieder auf. In zehn Tagen im Mai 1974 drückt nicht nur der Dauerregen in Glasgow McCoy derart aufs
Gemüt, dass er ein bisschen Betäubung braucht, sondern auch ein entsetzliches Verbrechen. Ein Frisiersalon wurde von drei Teenagern abgefackelt. Dabei kamen mehrere Frauen und Kinder ums Leben. Die Täter sind rasch gefasst. Der Mob will sie hängen sehen. Der Gefangenentransport wird überfallen, die drei Jungen werden befreit.
Dann liegt der erste von ihnen zu Tode gefoltert auf der Straße. Bald erkennt McCoy, dass der vorgebliche Rachemord wohl eher eine Aufräumaktion der Auftraggeber des Brandes ist. Dies führt ihn die Welt der rivalisierenden Gangster in Glasgow, in die er ziemlich gute Beziehungen hat. Diese Szene in der schottischen Stadt verändert sich gerade: „Die ganzen altgedienten Gangster rissen sich ein Bein aus, um auf die legale Seite zu wechseln.“
Harry McCoy ist die Sorte Cop, dem es wichtiger ist, das Richtige zu tun, als Gesetze durchzusetzen. Einmal mehr entfernt er sich weit von den Regeln von Polizei und Justiz, um so etwas wie ein bisschen Gerechtigkeit durchzusetzen. Davon erzählt Alan Parks hart und direkt, atmosphärisch dicht, aber auch mit trockenem Humor.
Alan Parks: Möge Gott Dir vergeben (May God Forgive, 2022). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Polar Verlag,
Stuttgart 2025. 421 Seiten, 26 Euro.
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Erlösung ist nicht vorgesehen
(JF) Jon Bassoff, Autor von zehn Romanen, unterrichtet Englisch an einer High School. Ob die Geschichte des Feuerwehrmannes Holt Davidson, die er in seinem Roman Todestaufe erzählt, auf persönlichen Erfahrungen beruht, ist für das Verständnis des Buches irrelevant. Doch als Verkaufsargument scheint die Authentizität literarischer Texte zunehmend von Belang zu sein, wie jetzt im August im Feuilleton der FAZ zu lesen war.
Aber „Todestaufe“ ist kein „Memoir“, sondern ein kunstvoll konstruierter Roman, dessen Darstellung familiären Unglücks gleichwohl erschreckend wirklichkeitsnah erscheint. Die Handlung selbst aber, fasst man sie auf möglichst abstraktem Niveau zusammen, wirkt auf seltsame Weise vertraut. Ein Mann geht einem Geheimnis auf den Grund, um letztendlich mit seiner eigenen Schuld konfrontiert zu werden. Dass ihm vergeben wird, lindert sein Leid nicht. Und anders als seine Mutter, deren Suizid der Anlass für Holt Davidsons Reise in die Vergangenheit war, sieht er keinen Ausweg darin, sich umzubringen. Oder denjenigen, mit dessen verantwortungslosem Handeln eine fatale Ereigniskette ihren Anfang nahm, büßen zu lassen. Denn in der finsteren Welt des Noir, die Jon Bassoff perfekt zu gestalten versteht, ist Erlösung nicht vorgesehen.
Jon Bassoff: Todestaufe (Beneath Cruel Waters, 2022) Aus dem Amerikanischen von Sven Koch. Polar Verlag, Stuttgart 2025. 325 Seiten, 17 Euro.
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Gigantisches literarisches Kaliber
(TG) 600 eng bedruckte Seiten im Bibelformat, ein Kilo Gewicht. Und gigantisches literarisches Kaliber. Mit Unten leben betritt ein Autor das deutschsprachige Terrain, der es mit den großen Lateinamerikanern aufnehmen kann und will. Gustavo Faverón Patriau (Namen merken!) wurde 1966 in Lima, Peru, geboren, promovierte an der Cornell University über spanische Literatur und unterrichtet lateinameikanische Literaur am Bowdoin College in Maine. In den USA und der Spanisch sprechenden Welt ist er als Herausgeber, Romancier, Wissenschaftler bekannt. Entdeckt und übersetzt wurde dieses gewaltige deutschsprachige Debüt von dem Scout und Ex-Buchhändler Manfred Gmeiner – hoch zu loben!
George W. Bennett ermordet 1992 in Lima einen Rainer Enzensberger(!). Bennetts Vater war Folterer und Designer von Keller-Gefängnissen bei diversen südamerikanischen Diktatoren, ausgeliehen von der CIA. Hintergründe, Vor- und Nachgeschichte dieses Mordes und der vielfältigen Spekulationen und Dokumente darüber, die Geschichte von Nazi-Verbrechern, Sadisten und Phantasten ist Gegenstand dieses ausufernden Romans, dessen Schauplätze sich über die beiden Subkontinente Amerikas erstrecken – von einer Bibliothek samt exotischem Garten in Maine bis zur Kultstätte, die bolivianische Indigene dort errichtet haben, wo Che Guevara ermordet wurde. Überwölbt, paraphrasiert, kommentiert wird diese Erzählung von Gewalt über die Schmerzgrenze hinaus von einer phantasmagorischen Literaturgeschichte Lateinamerikas.
Theodor W. Adorno hat – sehr vereinfacht gesagt – das Inkommensurable als Kennzeichen einer wirklich modernen Literatur und besonders einer Literatur nach Auschwitz angesehen. So ein buchstäblich unverdauliches, unverfilmbares, gigantisches, großartiges Werk ist„Unten leben“.
Gustavo Faveròn Patriau: Unten leben(Vivir abajo, 2019). Aus dem Spanischen von Manfred Gmeiner. Literaturverlag Droschl, Wien 2025, 602 Seiten, 34 Euro.
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Multiperspektivisch, queer und allen Klischees zum Trotz
(JF) Nach letzter Zählung leben in Assumption Parish, einem Landkreis im südöstlichen Louisiana, um die 20.000 Menschen und wahrscheinlich erheblich mehr Alligatoren. Hier hat Anna Bailey, 1995 in der idyllischen englischen Grafschaft Gloucestershire geboren, das fiktive Nest Jacknife angesiedelt. Und mit allem ausgestattet, was es für einen zünftigen Southern Noir braucht, von korrupten Polizisten über dysfunktionale Familien bis zu drogendealenden Biker-Nazis. Arbeit gibt es in einer nahegelegenen Kunststofffabrik, deren Ausdünstungen kilometerweit zu riechen sind. Wer es geschafft hat, diesen unwirtlichen Ort zu verlassen, bleibt wohlweislich für immer fort.
Auch die Journalistin Loyal wäre nicht nach vielen Jahren in der Großstadt nach Jacknife zurückgekehrt, um bei der winzigen Lokalzeitung zu arbeiten, würde die Demenzerkrankung ihrer Mutter sie nicht dazu zwingen. Dass kurz nach ihrer Ankunft die Leiche ihrer einstmals besten Freundin gefunden wird, ist ein klassischer Auftakt für einen Kriminalroman, der auf bewährte Handlungsmuster zu setzen scheint. Unterstützt von ihrem Kollegen Sasha beginnt Loyal zu ermitteln und entdeckt, dass ihr Heimatort im Kern so verrottet ist, wie sein Äußeres vermuten lässt. Überraschungen gibt es dennoch. Denn Anna Bailey gestattet ihren Figuren ein unberechenbares Eigenleben. Vor allem, was ihr Liebesleben angeht. Und das macht den Reiz dieses multiperspektivisch erzählten Romans aus. Wer wissen will, wie sich Genreklischees unangestrengt ins Queere wenden lassen, sollte Unsere letzten wilden Tage lesen.
Anna Bailey: Unsere letzten wilden Tage (Our Last Wild Days, 2025) Aus dem Englischen von Julian Haefs. Rütten & Loening, Berlin 2025. 382 Seiten, 22 Euro.
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Debut mit Spaßfaktor
(JF) Seit Bret Easton Ellis Schocker „American Psycho“ (1991) weiß man von der unheilvollen Wirkung, die Popmusik der 1980er Jahre auf moralisch ungefestigte Charaktere haben kann. Dass die mysteriöse Amateurköchin Josepha in der Schlitzergroteske Ein kleines Lied vom Sterben von Timo Blunck nur eine „Greatest Hits“ CD von Hall & Oates zu besitzen scheint, wirkt allerdings im Vergleich mit Patrick Batemans umfänglicher Playlist eher dürftig.
Auch ihre mörderische Praxis unterscheidet die attraktive Hundebesitzerin von dem Serienkiller aus Easton Ellis‘ einst indiziertem Roman. Schon was die Auswahl der Opfer angeht. Denn Josepha hat es ausschließlich auf paarungswillige Männer abgesehen. Doch wenn sie eines ihrer edlen japanischen Kochmesser oder gar eine Kettensäge schwingt, ist der Effekt gruselig genug, um zarter besaiteten Gemütern den Spaß an der Lektüre zu verderben. Wer allerdings solche Szenen kombiniert mit einer zünftigen Detektivgeschichte als kunstvoll arrangierte Albernheit zu goutieren versteht, wird mit dem Krimidebüt des vieltalentierten Musikers (Palais Schaumburg u. a.) seinen Spaß haben.
Timo Blunck: Ein kleines Lied über das Sterben. Emons Verlag, Köln 2025. 319 Seiten, 16 Euro.
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Die Giftpflanzenprofessorin
(hpe) Eine etwas schrullige englische Professorin, die sich auf toxische Pflanzen spezialisiert hat und in einen mysteriösen Giftmordfall verwickelt wird? Klingt nach cosy crime. Doch so cosy, wie man zunächst befürchten
mag, ist der Roman „Devil’s Breath“ von Jill Johnson, der jetzt unter dem Titel Nachtschattengewächse auf Deutsch vorliegt, dann doch nicht.
Professorin Eustacia Rose spricht es zwar nie aus, aber sie ist offensichtlich von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen: „Seit jeher komme ich mit Pflanzen besser aus als mit Menschen und neige dazu, Menschen nach
Pflanzen zu benennen, denen sie am meisten ähneln.“ Mühe bereitet ihr auch das Deuten von Emotionen. Was die Icherzählerin auch nie direkt anspricht, ist ihre Homosexualität. Vor einem Jahr hat Rose ihren Job an der Uni verloren. Was dort passiert ist, erfährt man erst nach und nach, als sie erneut mit dem Polizeidetektiv zu tun bekommt, der schon die Kontaminierung ihres Universitätslabors mit Pflanzengift untersucht hatte.
Ihr Studium giftiger Gewächse führt sie seit dem Jobverlust privat weiter. Auf dem Dach über ihrer Wohnung in London hegt und pflegt sie toxische Pflanzen. Von Dach aus beobachtet sie mit einem leistungsstarken Teleskop ihre Nachbarschaft. Dabei weckt eine schöne, junge Frau in einem Reihenhaus ihr besonderes Interesse. Sie sieht wechselnde Männerbesuche und wie der jungen Frau Gewalt angetan wird. Sie sorgt für ein scheinbar zufälliges Kennenlernen, wobei sie sich später fragen wird, ob nicht umgekehrt die junge Frau sie im Visier hatte. Nachdem sie ihr ihren geheimen Garten gezeigt hat, bricht jedenfalls das Chaos los: Der Garten wird bei einem Einbruch verwüstet, einzelne Pflanzen werden gestohlen. Ein alter Bekannter der Professorin stirbt durch Pflanzengift.
Und der Detective steht wieder auf der Matte.
Jill Johnson hat für ihren ersten Krimi (ihr zweiter Roman) eine originelle Variation des seit Hitchcocks Film „Rear Window“ („Das Fenster zum Hof“; nach einer Shortstory von Cornell Woolrich) klassischen Genre-Topos des Voyeurs mit dem Fernrohr ausgeheckt. Hier ist es eine lesbische Voyeurin, die sich durch ihre Beobachtungen in fatale Verstrickungen ziehen lässt. Im Wesentlichen ist „Nachtschattengewächse“ ein Whodunit, der etwas holzschnittartig geplottet ist – wobei comicartig wohl treffender ist, war die Autorin doch lange Jahre im Comic-Business tätig. Dass auch Pflanzen zu ihren Leidenschaften gehören, ist unübersehbar, doch der spannend und
mit trockenem Humor erzählte Roman lebt vor allem von der eigenwilligen Protagonistin. Ob sie ihr genügend weitere Facetten abgewinnen kann, damit sie interessant bleibt, muss sich weisen – „Nachtschattengewächse“
ist der erste Band einer Reihe; in England liegen bereits zwei weitere Bände vor.
Jill Johnson: Nachtschattengewächse (Devil’s Breath, 2023). Aus dem Englischen von Stefanie Kremer. Atrium Verlag, Zürich 2025. 336 Seiten, 24 Euro.
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Ausgeprägter Sinn für situative Komik – und mehr
(JF)Sie haben einander viel zu verzeihen, die Figuren in dem originellen Kriminalroman Über die Toten nur Gutes von Andreas Izquierdo. Doch bis dahin will noch so manche Lebenslüge aufgedeckt werden. Und, nicht zu vergessen, ein als Verkehrsunfall getarnter Mord aufgeklärt. All das gestaltet sich rechtschaffen mühsam, wird aber sehr unterhaltsam in Szene gesetzt. Denn Mads Madsen, Trauerredner und Amateurermittler, hat zwar eine schöne Stimme und einen ausgefallenen Kleidungsgeschmack, doch der geborene Detektiv ist er nicht. Zudem mangelt es ihm an der passenden, hier wörtlich zu verstehenden, Schlagfertigkeit. Also hat er einiges einzustecken, bis er seinem eigentlichen Gegner, einem wirklich bösartigen Gangster, gegenüber steht.
Und auch hier sieht es zunächst nicht gut für ihn aus. Doch der Autor fühlt mit seinem Publikum und gönnt ihm ein in Maßen glückliches Ende. Schließlich hat er vorher schon einige Figuren mit Identifikationspotential über die Klinge springen lassen. Und Andreas Izquierdo, ein Erzähler mit einem ausgeprägten Sinn für situative Komik und der dieser innewohnenden Tragik, weiß, was sich gehört.
Andreas Izquierdo: Über die Toten nur Gutes. Ein Trauerredner ermittelt. DuMont Buchverlag, Köln 2025. 315 Seiten, 18 Euro.
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Tödliche Begegnung
(hpe) Nach ein paar Bieren mit ein paar Kollegen aus der Werbeagentur gerät Will auf dem Weg zum Bahnhof in eine kurze Auseinandersetzung mit einem Betrunkenen. Er haut ihm eine rein, der Mann stürzt. Und steht nicht mehr auf. Er atmet nicht mehr, Will findet keinen Puls. Kameras, sonst allgegenwärtig, sieht Will keine in der Gasse. Und er macht sich davon, nimmt an der nahen Station den Zug nach Hause.
Will ist der Icherzähler im Psychothriller Ich war’s nicht, dem Debüt des Werbetexters und -strategen Royston Reeves. Will stellt sich als eigentlich netten Typen dar, dem eine Art dummer Unfall passiert ist, der sein Leben zerstören könnte. Auf der Suche nach Zeugen taucht die Polizei in der Werbeagentur auf. Will war von Überwachungskameras vor und nach der Gasse erfasst worden. Er sagt, er habe nichts von dem Vorfall
mitbekommen. Nach einiger Zeit erfährt er, dass ein Verdächtiger verhaftet worden ist. Er wird hin und her gerissen zwischen Erleichterung und noch schlechterem Gewissen. Als er glaubt, die Sache hinter sich lassen zu
können, meldet sich jemand bei ihm, der ein Video von Wills kurzer Auseinandersetzung hat. Solly, wie er sich nennt, ist ein schmieriger Typ, der mit professionellem Equipment durch Fenster in der Nachbarschaft
filmt. Zufällig hat eine seiner Kameras Wills „Unfall“ erfasst. Mit Will will er angeblich nur darüber reden. Die beiden treffen sich mehrmals, Solly übt mehr und mehr Druck aus auf Will. Und auch die Polizei kreuzt immer mal
wieder bei ihm auf.
Die Geschichte ist geschickt geplottet und aus Wills Perspektive so erzählt, dass die alptraumhafte Bedrohung, die ihn zunehmend peinigt, spürbar wird. Dabei geht es auch um die Frage, was moralisch vertretbar und verkraftbar ist, wenn es um den Selbsterhalt geht. Das macht den Thriller nicht nur spannend, sondern gibt ihm auch eine gewisse Tiefe.
Royston Reeves: Ich war’s nicht (The Wheaterman, 2023). Aus dem Englischen von Maria Poets. Scherz, Frankfurt am Main 2025. 315 Seiten, 18 Euro.
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Funktionale Grundeinrichtung
(JF) In einer Neubausiedlung geht ein Mörder um, der seinen Opfern die Kehle aufschlitzt und sie ausbluten lässt. So viel Drastik muss sein. Denn wir befinden uns im Land der Psychokiller. Und da geht es schaurig zu. Ein verlässlicher Gestalter dieses literarischen Raums ist der Schriftsteller Arno Strobel.
Die Einrichtung ist entsprechend funktional. Das passt zu den Grundrissen der Eigenheime, die der Täter, dessen Identität am Ende des Romans zuverlässig enthüllt wird, heimsucht. Auch die Frage des Motivs wird geklärt. Dass der Autor zuvor eine falsche Fährte gelegt hat, versteht sich. Überraschend wäre es, wenn sich dieser Anfangsverdacht letztlich als begründet erweisen würde. Doch es kommt, wie es kommen muss.
Wer Welcome Home, den neuen Thriller von Arno Strobel liest, wird nicht enttäuscht werden. Was auch immer das heißen mag.
Arno Strobel: Welcome Home. Psychothriller. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 350 Seiten, 18 Euro.












