Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

Bloody Chops – Mai 2025

Kurzkritiken zu aktueller Kriminalliteratur von: Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Sonja Hartl (sh), Alf Mayer (AM) und Roland Keller (rok).

Leye Adenle: Spur des Geldes
Jochen Brunow: Verdeckte Spuren
Dahlia de la Cerda: Reservoir Bitches
Candice Fox: Devil’s Kitchen
Tom Hillenbrand: Thanatopia
Waldi Lehnertz: Mord am Schätztag
Liz Moore: Der Gott des Waldes
Dolores Redondo: Wenn das Wasser steigt
Leif Tewes: Herzkiller
Dirk Schmidt: Die Kurve
Uketsu: Hen na E – Seltsame Bilder

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Verdammt heiße Kochstelle

(TG) Candice Fox, 1980 in New South Wales geboren, ist schon seit längerem eine weltweit anerkannte Top-Thriller-Autorin. Im Unterschied zu Lee Child, mit dem  man sie, was Spannungn, Tempo und Action betrifft, vergleichen kann, setzt sie nicht auf eine Serienfigur, sondern auf ein Muster. Das lautet: Toughe Frau in wüst männlicher Umklammerung.

Devil’s Kitchen erinnert mich in vieler Hinsicht an ihren ersten Roman „Hades„. Darin sitzt ein extrem erratischer, despotischer, mörderischer Mann auf einer Müllkippe bei Sydney. Diesem Hades ähnelt der Chief der Feuerwehr-Einheit Engine 99, die in New York Brände legt, um die Räume hinter und im Feuer auszurauben.

Auch dieser Matthew ist unerbittlich hart, hat aber eine schwache Stelle: Er setzt ständig neue Kinder mit neuen Frauen in die Welt. Auch die anderen Mitglieder der Crew haben ihre Schwachstellen, an denen die scheinbar aus Teflon geschaffene Agentin Andy Nearland ansetzen kann. Sie arbeitet frei für das FBI, ihre Achillesfersen sind ein eifersüchtiger Führungsoffizier und ihr Mitleid mit verfolgten Frauen. Das reizt sie besonders bei dem riskanten Unternehmen, als im Schnellkurs ausgebildete Feuerwehrfrau die räuberische Bande zu unterwandern. Ben, einer von ihnen, sucht nämlich verzweifelt nach der Frau und ihrem Sohn, die er in sein Herz geschlossen hat.

Drama tonnenweise, aber die Kombination von Feuerwehrheldentum, Räuberei und bösartigem Machotum macht „Devil’s Kirchen“ zur verdammt heißen Kochstelle.

Candice Fox: Devil’s Kitchen (Devil’s Kitchen, 2024). Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. Klappenbroschur, 432 Seiten, 18 Euro. – Siehe auch das Blog Recoil von Tobias Gohlis.

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„Geld ist Macht, dabei ist es nichts als Papier“

(hpe) Chief Adio Douglas soll nach den gängigen Regeln der Wahlmanipulation der nächste Gouverneur des nigerianischen Bundesstaates Lagos werden. Jetzt will er sich mit einem Privatjet in die Hauptstadt Abuja zu einem Treffen mit dem Präsidenten fliegen lassen. Auf die Reise nimmt der verheiratete Politiker Titi mit, eine junge Frau, die ihm zu Diensten ist. Was Douglas weiß, Titi aber nicht: Der Pilot heute ist Titis Freund. Dem Douglas Titi als „meine Freundin“ vorstellt. Und das schockierte Schweigen der beiden fies genießt. Der Flug endet wenige Minuten nach dem Start: Der Jet stürzt ab. Und zwar genau auf Douglas’ Villa.

So beginnt Spur des Geldes, der zweite Lagos-Thriller des in London lebenden nigerianischen Autors Leye Adenle. Dieser Teil zwei einer Trilogie um die Juristin Amaka, die sich für missbrauchte und misshandelte Frauen einsetzt; kann problemlos gelesen werden, ohne den ersten, „Zügel der Macht“, zu kennen.

Das Tempo und die Brutalität der ersten drei Seiten setzen sich über die nächsten gut dreihundertfünfzig Seiten ungebremst fort. Lynchmorde, Straßenkämpfe, Korruption, Erpressung und mieseste Machtspiele sind alltäglich. Junge Frauen werden benutzt und danach schon mal tot oder – was Amaka in ihre Karten spielt – vermeintlich tot in einem Straßengraben deponiert. Amaka kommt Malik auf die Spur, der irgendwo weit außerhalb der Stadt in einem versteckten Anwesen einen exklusiven Privatklub betreibt, sozusagen ein „Generalkonsulat von Sodom und Gomorrha mitten im Wald von Nigeria“. Die Eskapaden von Politikern geben Malik Material gegen sie in die Hand. Derweil stößt Amaka auf ein Video, in dem derjenige, der bei den Gouverneurswahlen den abgestürzten Kandidaten beerben soll, ein Kind missbraucht. Es dauert nicht lange, bis Amaka ins Visier von Malik und der politischen Hintermänner des Kinderschänders gerät. Sie geht zur politischen Konkurrenz. Und heckt für die Wahlen eine raffinierte Manipulation aus.

Leye Andele würzt seine abgrundtief böse Geschichte voller Gewalt geschickt auch mit leicht romantischen Szenen. Es kommen nicht nur hinterhältige, machtgierige Männer vor, sondern es gibt auch echte Freundschaften. Und Solidarität unter Frauen. Andele erzählt schonungslos, aber nicht voyeuristisch. Und er stellt sich mit seiner Protagonistin klar auf die Seite der Frauen. „Skrupellose Dinosaurier, deren Einmischung in die politischen Systeme Nigerias Entwicklung verhindert“, stellt er gnadenlos bloß. Er zeigt, wie Wahlmanipulation in einem Land wie Nigeria funktioniert. Und dass es letztlich bei allem um Macht geht. Und um Geld. Oder, wie der politische Chef des neuen Gouverneurskandidaten einmal sagt: „Geld ist Macht, dabei ist es nichts als Papier.“

Leye Adenle: Spur des Geldes (When Trouble Sleeps, 2018). Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. InterKontinental, Berlin 2025. 370 Seiten, 24,50 Euro.

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Herzgefährdend

(TG) Dass es bis heute nicht gelungen ist, die Identität des mangels anderer Indizien „Bible John“ genannten Serienmörders zu entschlüsseln, ruft immer wieder ehrgeizige Autorinnen und Autoren auf den Plan, die ihre Version der Lösung entwerfen.

Angeregt von Ian Rankins „Das Souvenir des Mörders“ (Black and Blue, 1993) stellt sich Dolores Redondo vor, Inspector Noah Scott Sherrington, vertraut mit den modernen FBI-Theorien über Serienmörder, ein Profiler der ersten Stunde, würde ermitteln, dass der lange von ihm gesuchte Bible John ein gewisser John Clyde sei, würde ihn verfolgen und an dem See, wo er die Leichen seiner Opfer verbuddelt hat, stellen. In dem Moment, wo Noah John schnappt, erleidet er einen Herzinfarkt, John flieht, und Noah wird nur durch Zufall gerettet. Er schließt, das John per Schiff nach Bilbao geflohen ist und folgt ihm, im Bewusstsein, wegen einer angeborenen Herzinsuffizienz jederzeit tot umfallen zu können.

Wenn das Wasser steigt – sprechender ist der Originaltitel „Warten auf die Sintflut“ – verwandelt sich in ein langes Katz- und Mausspiel in Bilbao. Kunstvoll schlingert die Erzählung zwischen lebensbedrohlichen Herzattacken (berührend: der vierzigjährige Noah lernt eine tolle Frau kennen und traut sich nicht, sie zu lieben, weil er einen Infarkt riskiert), neuen Freundschaften des Inspectors und weiteren Morden samt ihrer Vertuschung durch John. Auf einer anderen Ebene, betitelt „Der Junge“, rekonstruiert Redondo eine plausible Psychogeschichte des Serienmörders, der von mehreren Frauen religiös und sexuell manipuliert worden ist.
Tolles Buch. Meiner erster, bestimmt nicht der letzte Roman von ihr, den ich lesen werde.

Dolores Redondo: Wenn das Wasser steigt (Esperando al diluvio, 2022). Aus dem Spanischen von Anja Rüdiger. Verlag btb, München 2025. 556 Seiten, 17 Euro.

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Zweitverwertungs-Morde vom Trödler

(rok) Dank Waldi (Walter) Lehnertz gibt es jetzt in Deutschland das Genre des Antiquitäten-Krimis. Anscheinend hat das gefehlt, denn bereits sein Debüt, „Mord im Antiquitätenladen”, machte ihn, so die stolze Werbung von Rowohlt, zum Spiegel-Bestseller-Autor. Freilich half dabei auch seine Bekanntheit als 80-Euro-Waldi aus der ZDF-Soap „Rares für Bares”. Sein bodenständiges Auftreten als Trödler hat er mühelos in einen freundlich-jovialen Plauderstil übertragen, was schon das Cover seines neuen Krimis „Mord am Schätztag” widerspiegelt. Von der rechten oberen Ecke verspricht Lehnertz fröhlich lachend, dass sein Buch mindestens so viel Vergnügen macht wie seine TV-Auftritte. Wer könnte da Widerstehen.

Der Titel umschreibt den Ausgang der Handlung präzise. Beim größten Publikumsandrang am Schätztag fällt Lehnertz altes Ego, der Antiquitätenhändler Siggi Malich, über eine Leiche, die ihm verwechselnd ähnlich sieht. So stellt sich zu Beginn des Eifel-Trödel-Krimis die Frage, ob Siggi das eigentliche Ziel des Mörders ist. Zusammen mit seiner Freundin Doro und Freund Anton muss er dies auf fröhlich-amüsanter Mörderjagd über 300 Seiten lang klären. Das liest sich, als hätten sich Miss Marple & Co. sich in die Eifel verirrt.

Macht nichts, schließlich dreht sich alles um alten Trödel. Wer kann, angesichts dem Ruf zur Nachhaltigkeit, schon etwas gegen Zweit- und Mehrfachverwertung haben? Dem Publikum von 80-Euro-Waldi, das leichte, pfiffige Unterhaltung liebt, gefallen anscheinend seine Krimis, wie die Zahlen bestätigen. Ja, warum nicht? Es gibt auch Liebhaber für halbtrockene und süße deutsche Spätlese, die sich dem Keltern nicht widersetzt.

Waldi Lehnertz: Mord am Schätztag. Rowohlt Verlag, Hamburg 2025. 302 Seiten, 14 Euro.

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Kein Krimirätsel zum Mitraten

(hpe) Im Newsletter der Berliner Krimibuchhandlung Hammett las ich über den Roman Hen na E – Seltsame Bilder des Japaners Uketsu: „’Rätselhafte Bilder’ [!] ist die Buchform eines Logikrätsels. Es besteht aus fünf miteinander verbundenen Kurzgeschichten, in denen Leser*innen mithilfe von Bildern und logischen Hinweisen verschiedene Rätsel rund um eine Familie analysieren und lösen können.“ Womit mein Interesse an dem Buch tot war. Bis ich auf einen Hinweis der Krimibestenliste-Jurykollegin Katrin Doerksen doch reinschaute und rasch feststellte, dass die Hammett-„Empfehlung“ Quatsch ist. Manches in dem Buch ist zunächst zwar durchaus rätselhaft, ein Rätselspiel ist es aber zum Glück überhaupt nicht.

Am Anfang steht eine Kinderzeichnung, die von einer Psychologin analysiert wird. Das Bild hat vor vielen Jahren ein Mädchen gezeichnet, das als Elfjährige seine Mutter ermordet hatte. Die Kombination von Bildern oder anderen grafischen Elementen mit dem Text sind sozusagen das Markenzeichen des Autors und YouTubers, der sich Uketsu nennt und nur maskiert auftritt; sein wirklicher Name ist nicht bekannt. „Seltsame Bilder“ ist sein zweiter Roman und der erste, der weltweit erscheint, nachdem seine Bücher in Japan Millionenbestseller geworden sind.

„Seltsame Bilder“ ist zwar teilweise durchaus ein „Whodunit“, aber nicht im Sinne, dass die Leserschaft dank verschiedener Hinweise einen Fall „lösen“ könnte. Die Geschichte, die Uketsu erzählt, ist komplex, sie ist zudem düster und mehr Noir als Vergnügungskrimi. Die Handlungsstränge der einzelnen Kapitel, in denen neue Protagonisten auftreten, werden nach und nach zusammengeführt und offenbaren menschliche Abgründe. Es geht um eine ganze Reihe von Morden über eine längere Zeit, die, wie sich zeigen wird, alle miteinander zusammenhängen – ohne dass es aber eine Serienkillerstory wäre. Hinter der Mordgeschichte stecken gesellschaftliche Themen, deren öffentliche Behandlung in Japan nicht unbedingt alltäglich ist, wie Kindsmissbrauch, sexuelle Gewalt, prekäre Familienverhältnisse, Traumata und Suizid. Nebenbei geht es auch um Herausforderungen der Mutterschaft, um toxische Männlichkeit und um die Probleme junger Menschen, die keinen ihrer Ausbildung entsprechenden Job finden.

Die verschiedenen Zeichnungen sind nicht einfach illustrativ, sondern Elemente, die in der Geschichte inhaltlich eine Rolle spielen. Andere grafische Elemente fassen teils lediglich einzelne Fakten, beispielsweise Zeitabläufe, zusammen. Die Sprache wirkt zunächst simpel, doch sie erweist sich letztlich einfach als sehr nüchtern und akkurat beschreibend – die Ereignisse wirken ohne spektakuläre Schilderung schrecklich genug. Ein literarisches Highlight ist „Hen na E – Seltsame Bilder“ zwar nicht, aber die außergewöhnliche Form hat ihren Reiz, und die vielschichtige Geschichte fasziniert im Verlauf zunehmend.

Uketsu: Hen na E – Seltsame Bilder (変な絵 [Hen-na E]. 2022). Aus dem Japanischen von Heike Patzschke. Lübbe, Köln 2025. 271 Seiten, 24 Euro.

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Autor mit unerschöpflicher Phantasie

(TG) Wer die vorausgegangenen Romane „Hologrammatica“ und „Qube“ von Tom Hillenbrand gelesen hat, weiß, dass Menschen, die die technischen und pekuniären Mittel dazu haben, ihr Gehirn, quasi sich selbst, in die Körper Verstorbener oder Getöter hochladen können und eine befristete Zeit in dieser Verkörperung ihrer selbst tun und lassen können, was sie wollen. (Wie diese euphemistisch „Gefäße“ genannten Zweit-, Dritt- oder Viertkörper beschafft werden, bleibt tunlichst verborgen.) Also auch Verbrechen begehen – oder getötet werden.

Solche gleichartigen Klone zieht Kommissar Landauer gleich doppelt aus der blauen Donau und muss nun dem auf die Sprünge kommen, was die Erfindungen eines dritten Bandes in Tom Hillenbrands HOLOGRAMATICA-Serie rechtfertigt. Sogenannten Deathern ist es nämlich mit sehr fortgeschrittener KI gelungen, durch Selbstmord in jenen Schattenbereich vorzustoßen, der zwischen dem physischen Exitus und dem tatsächlich Absterben der Seele siedelt. Christen nannten diesen Bereich Hölle oder Himmel, die Deather nennen ihn wie die alten Griechen Kimmerien.

Nicht nur in dieses Schattenreich, sondern auch in noch ganz andere Welten, in denen nämlich ewiges Leben möglich scheint, stößt Hillenbrands unerschöpfliche Phantasie vor. So dass der Verlagswerbetext mit Recht fragen kann: „Wenn Menschen dank künstlicher Intelligenz ewig leben können – werden sie es auch wollen?“
Wundersam verknüpft der „fantastische Realist“ Hillenbrand in Thanatopia bis an die physIkalischen und technischen Grenzen weitergedachte Science-Fiction mit philosopischen Fragen und harter Detektivarbeit, die nicht nur von übergewichtigen 75jährigen Wiener Kommissaren, sondern auch von bereits aus den Vorläufern bekannten Quants geleistet wird. Was das ist, erläutert ein kleines Lexikon. Noch mehr zu empfehlen: die Lektüre aller drei Bände.

Tom Hillenbrand: Thanatopia. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025. 380 Seiten, 18 Euro.

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Ganz wunderbar verortet

(AM) Wer „Die Chinesin“ von Jochen Brunow mochte (hier von mir besprochen), erfährt in Verdeckte Spuren die Vorgeschichte, erfährt vom Spagat des zwangspensionierten Ex-Polizisten Beckmann zwischen Berlin und Sardinien, erfährt vor allem, WIE dicht, genau verortet und poetisch ein Kriminalroman sein kann.

Jochen Brunow ist ein Erzähler. Auch für das Unsichtbare. Immer schon gewesen. Ich lernte ihn als Filmkritiker kennen. Dann wurde er Mitbegründer der Zeitschrift „Filme“, der Anspruch an die Texte dort hoch, so ernst genommen wie das Filmemachen selbst. Er gehörte zu den Gründern des VDD, des Berufsverbands der Drehbuchautoren, rief 1987 die Berliner Drehbuchwerkstatt mit ins Leben, wurde Seminarleiter, Juror und Stoffbetreuer, Dozent für Dramaturgie und Drehbuch an der DFFB in Berlin und der ZHDK in Zürich. Immer schon interessierten ihn auch Musik und ihre Verbindung mit dem Film. Und jetzt also nach Drehbucharbeit („Filmemachen auf Papier“, nennt es Frank Daniel), vielen Reisen, darunter auch länger Neuseeland, Kriminalromane. Schauplatz: Sardinien, ganz viel Sardinien, und Berlin. Nicht das Übliche. Nicht das übliche Möchtegern und Auch-ein-Reiseziel-Roman. Ganz stark, von Anfang an, sind hier Ort und Zeit.

Gerhard Beckmann, 61, vorzeitig pensionierter Ex-Polizist aus Berlin, hat Sardinien zu seiner zweiten Heimat gemacht, will dort seine Ruhe. Will sich an die Stille lehnen und im Freiluftkino die Augen schließen, wenn er an seine tote Frau Anna denkt. Erst aber explodiert ein Schuss, gleich auf Seite Drei, als Beckmann in einem Stausee badet. Hatte das ihm gegolten? Ist das Baden hier verboten? Er sieht einen Mann, schemenhaft, der eine Waffe wegpackt und wegfährt. Beckmann steckt die Szene weg. Trifft sich mit dem jungen Journalisten David Richter, der eigens aus Berlin angereist ist und ein Porträt über ihn machen will, auf die Gründe für seinen Abgang neugierig ist. Nun ja, da wurde vielleicht zu heiß ermittelt. Korruption am BER, im Sicherheitsbereich. Clan-Milieu, Geldmaschine. Berge von Geschäftsunterlagen und Kommunikationsdaten. Beckmann und sein Kollege Schäfer haben das alles in Sicherheit gebracht, es muss nur jemand auswerten. Richter ist interessiert.

Und das weckt schlafenden Hunde. Zwischen Sardinien und Berlin oszillierend zieht der Fokus der Handlung sich immer weiter auf. Viele Kleinigkeiten und Details, flirrende Einzelheiten, Hintergrund, Musik und Kultur,  Sonne und Staub, viel Sardinien, immer ein genauer „sense of place“ geben der Lektüre die wunderbare Körnigkeit eines echten Kinofilms.

Jochen Brunow: Verdeckte Spuren. Ars vivendi, Cadolzburg 2025. 320 Seiten, 18 Euro. – Seine Internetseite hier.

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Bleihaltiges Spektakel

(JF) Tom arbeitet als Auftragskiller. Und er lebt nicht schlecht damit. In der Tiefgararge steht ein britischer Luxussportwagen und im Weinglas schwappt ein Primitivo von exzellenter Qualität. Doch einmal verfehlt er sein Ziel. Was an sich schon schlimm genug wäre. Hochriskant ist die Situation allerdings, weil sich der Mordprofi verliebt hat. Natürlich in die falsche Frau. Ein Werk des Zufalls und die Plotidee des Autors Leif Tewes, der mit seinem Kriminalroman „Herzkiller“ ein ziemlich bleihaltiges Spektakel vorlegt.

Mit von der Partie sind organisierte Kriminelle vom Balkan, korrupte Politiker und ein wackeres Polizeiteam. Wie es dessen Chef versteht, die verfahrene Situation in einem blutigen Finale eskalieren zu lassen, ist mit einigem Aufwand als furioses Genrestück arrangiert, dessen Lektüre keinen Anlass zur Reue gibt.

Leif Tewes: Herzkiller. Mainbook Verlag, Frankfurt am Main 2025. 230 Seiten, 14 Euro.

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Der Pate von Herne

(sh) Die „Kurve‟ ist ein Jugendtreff in Herne. Leiter Carl hat eine Vision: Er will reich sein. Und das wird er, seinen Abwägungen zufolge, am besten mit kriminellen Aktivitäten. Mit Drogenhandel in Herne fängt er an, mittlerweile koordiniert er von Monte Carlo aus vor allem kriminelle Dienstleistungen für andere Verbrecher. Sein Team besteht aus den ehemaligen Besuchern des Jugendzentrums, die er damals in Herne rekrutiert hat – und die auch heute als Erwachsene noch machen, was Carl ihnen sagt.

So steht der hochintelligente Ridley einem sehr alten Mafioso bei, der gerade einen Attentatsversuch überlebt hat und Deutschland bereist. Und die gewiefte Betty, die in Berlin um ihre große Liebe trauert, soll herauszufinden, wer die Tochter eines amerikanischen Gangsters ermordet hat. Dazu kommen weitere Helfer, die – je nach Bedarf – hacken oder foltern. Möglicherweise hängen die verschiedenen Aufträge und Aktivitäten zusammen. Aber das ist ohnehin zweitrangig in diesem Kriminalroman: Dirk Schmidt errichtet in „Die Kurve‟ eine derart künstlich-realistische Welt, dass in ihr alles plausibel erscheint.

Das gelingt ihm durch eine glatte, coole Sprache. Aber die auf Hochglanz polierte Oberfläche offenbart nach und nach wohlgesetzte Risse: Ridley und Betty sind effiziente Kriminelle, zugleich aber traumatisierte, kaputte Figuren. Auch die Szenerie ist glatt, bis hin zu sympathisch-treffenden Klischees: In Italien schmeckt einfach jeder Kaffee so viel besser und es gibt sogar echten Parmesan auf Autobahnraststättensandwiches. Daneben gibt es jedoch unwiderstehliche Beobachtungen: dass Berlin zum Beispiel nicht nur nicht schön ist, sondern noch nicht einmal den Willen zur Schönheit hat.

Es sind diese kleinen Brüche, die dafür sorgen, dass man weiterliest. So ist Carl kein charismatischer krimineller Mastermind, sondern ein eitler, schmieriger, opportunistischer und egozentrischer Typ, der gutes Essen schätzt und Monte Carlo wegen des Namens – „Carl-o‟ – liebt. Auch sind die Handlungsstränge trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit erschreckend konsequent.

Wenn sich dann am Ende die Möglichkeit für Carl und sein Team ergibt, aus der ganzen Sache auszusteigen, hofft man fast, dass sie und Dirk Schmidt noch ein bisschen weitermachen.

Dirk Schmidt: Die Kurve. Suhrkamp 2025. 275 Seiten. 17 Euro.

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Die Geschichtensammlerin

(sh) Alle drei Stunden wird in Mexiko eine Frau ermordet – sieben Frauen pro Tag. Diese Statistik steht am Ende von Dahlia de la Cerdas Kurzgeschichtenband „Reservoir Bitches“, in dem sie Frauen aus Mexiko erzählen lässt: Frauen, die abtreiben, die ermordet werden, die morden. Prostituierte, Schülerinnen, Töchter korrupter Politiker und Drogenhändler. Sie eint, dass sie sich nicht die Deutung über ihre Geschichte nehmen lassen.

„Roman aus Storys“ ist der treffende Untertitel von Dahlia de la Cerdas „Reservoir Bitches“. Alle Kurzgeschichten sind aus der Ich-Perspektive von Frauen erzählt, gelegentlich wird ein Gegenüber adressiert. Dadurch entsteht der Eindruck von Mündlichkeit und Nähe. Einige der 13 Kurzgeschichten sind miteinander verbunden. Am deutlichsten zeigt es sich bei vier Storys, die mit dem Namen der jeweiligen Erzählerin übertitelt sind: Yulianas Schulfreundin Regina wird von ihrem Freund ermordet. Aber Yulianas Vater – ein Drogenhändler – will diese Tat nicht rächen: zu einflussreich ist der Pate des Täters. Also beauftragt Yuliana ihre Leibwächterin damit, die ausgebildeten Sicaria La China. Reginas Schwester indes bereitet sich auf ein Leben an der Seite eines aufstrebenden Politikers vor.

Wie ein Kurzroman lesen sich diese vier Geschichte, im Mittelpunkt steht ein Femizid. Zugleich geben sie Einblicke in die Oberschicht: Bis auf La China leben sie alle im Luxus. Ihre Leben drehen sich um Popularität, Macht und Aussehen. Schönheitsoperation im Alter von 17 Jahren sind selbstverständlich, Haut- und Haarfarbe entscheiden über Image und Beliebtheit. Aber die patriarchale Gesellschaft Mexikos ist gnadenlos: Ein einziger „Fehler“ kann das Leben einer Frau für immer ruinieren.

Dahlia de la Cerda beschränkt ihren Blick nicht auf die Bessergestellten. Andere Erzählerinnen kämpfen um ihr materielles und auch physisches Überleben. Minderjährige Mütter, die auf falsche Versprechungen reinfallen; eine Trans*-Prostituierte, eine Diebin. Sie können der Gewalt nicht entkommen, die – passend zum an Quentin Tarantinos Film „Reservoir Dogs“ angelehnten Titel – oftmals graphisch und überdeutlich erzählt wird. Die Sprache ist gelegentlich derb, nah an der Alltagssprache, allerdings könnte die Übersetzung noch unverstellter und dynamischer sein.

Dennoch überzeugt dieses kompromisslose Debüt, das auf die Kraft des Erzählens vertraut. In der sensationellen Abschlussgeschichte „Die Knochensammlerin“ erzählt die Freundin einer ermordeten jungen Frau. Schonungslos listet sie die vielen Femizide auf – das ist gerade durch die literarische Rhythmisierung nahezu unerträglich zu lesen. Aber es ist auch ein energisch-verzweifeltes Wachrütteln einer Gesellschaft, die sich dieser Gewalt nicht kampflos ergeben darf. Die ermordeten Frauen und Mädchen müssen eine Stimme bekommen. Deshalb wird die Knochensammlerin zur Geschichtensammlerin – und verhilft den Frauen zu einer literarischen Wiederauferstehung.

Dahlia de la Cerda: Reservoir Bitches (Perras de reserva, 2022). Aus dem mexikanischen Spanisch von Johanna Malcher. Culturbooks, Hamburg 2025. 184 Seiten, 22 Euro.

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Greenwashing mit ungeheuren Folgen

(TG) Von der 1983 geborenen Autorin und Dozentin Liz Moore stand bereits 2020 ein Kriminalroman auf der Krimi-Bestenliste: „Long Bright River“. Ging es damals um Schwesternrivalität in Philadelphia, so führt uns Moore diesmal mit „Der Gott des Waldes“ buchstäblich hinter die Föhren. Eine reiche, vorgeblich am Naturschutz, tatsächlich nur an Bankgeschäften und Reproduktion der Dynastie interessierte Familie öffnet jeden Sommer ihr „Camp Emerson“ Kindern und Jugendlichen anderer wohlhabender Familien zum Survival-Training. Dass die Eltern ihre Sprösslinge in den dichten Wäldern der Adirondacks sicher aufbewahrt wissen, gehört zum Service.

Umso verstörender, dass 1975 erst ein, dann sogar zwei Mädchen im Unwegsamen verloren gehen. Zudem gibt es eine Vorgeschichte: 14 Jahre zuvor ist der ältere Bruder der heuer verschwundenen Barbara ebenfalls dem „Gott des Waldes“ zum Opfer gefallen. Wieder wird nach den Verschwundenen gesucht, wieder vergeblich.

Was aber zwischen und in den Zeilen immer deutlicher wird: Die herrschenden Van de Laars und ihre feudalen Geschäftsfreunde sind nicht nur völlig unfähig im Wald – dafür gibt es kompetente Waldhüter – , sondern auch durch ihren Reichtum völlig asozial geworden. Fluchtreflexe sind da nur verständlich. Die unversöhnlich trauernde Mutter, eine bemitleidenswert und schonungslos gezeichnete Frau, flieht in Alkohol und Tabletten, Tochter Barbara in den Underground ihres persönlichen Punk-Protests. Aber es gibt auch noch menschlich handelnde Figuren, sie sind alle am unteren Ende der sozialen Skala positioniert. – Großer Schmöker, Katrin Doerksen dazu hier.

Liz Moore: Der Gott des Waldes (The God of the Woods, 2024). Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. C.H. Beck, München 2025. 590 Seiten, 26 Euro.

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