Geschrieben am 3. März 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag März 2025

Bloody Chops – März 2025

Kurzkritiken zu aktueller Kriminalliteratur von: Frank Rumpel (rum), Sonja Hartl (sh) und Thomas Wörtche (TW)

Wo ist Nikki?

(sh) Lucy O’Sullivan ist verzweifelt: Seit 440 Tagen ist ihre Schwester Nikki verschwunden. Sie weiß nicht, wo sie ist. Ob sie noch lebt. Was ihr passiert. Sie war einfach weg: Gerade noch hat eine Überwachungskamera sie beim Verlassen eines Pubs gezeigt, in dem sie mit ihren Freundinnen war. Danach verliert sich jede Spur von ihr. Lucys eigenes Leben steht seither auf Pause. Sie muss wissen, was Nikki passiert ist. Deshalb irrt Lucy fast jede Nacht umher – und versucht herauszufinden, was mit ihrer Schwester geschehen ist.

Lucy ist überzeugt: Auf die Polizei kann sie sich bei der Suche nicht verlassen. Auch auf die Medien nicht. Denn Nikki entspricht nicht dem Typ Frau, dem Aufmerksamkeit gegeben wird. Sie ist – vereinfacht gesagt – nicht unschuldig genug. Tatsächlich setzt eine breite Ermittlung erst ein, als die blonde, strahlende Teenagerin Jennifer Gold(!) verschwindet. Sie ist noch unschuldig genug, um anzunehmen, sie habe ihr Verschwinden nicht in irgendeiner Weise provoziert. Dass ihr Onkel zudem Beziehungen zur Garda hat, schadet auch nicht: Eine Taskforce wird eingesetzt. Fortan wird Jennifers Verschwinden zusammen mit Nikkis Verschwinden und das einer weiteren Frau untersucht. Aber auch die Task Force kommt nur langsam voran.

Dass nicht jede verschwundene Person dieselbe Aufmerksamkeit bekommt, ist seit dem True-Crime-Boom ein bekanntes Phänomen. In „The Trap“ wird das sehr oft betont. Dennoch ist die Konstruktion dieses Kriminalromans gut genug, um trotz solcher Redundanzen die Spannung zu halten. Es gibt so einige überraschende Wendungen. Außerdem gelingt Howard – weitaus besser als beispielsweise Danya Kukafka in „Notizen zu einer Hinrichtung“ – von einem Täter zu erzählen, ohne ihn in den Mittelpunkt alles Handelns zu stellen. Diese Perspektive liefert interessante Einblicke und entlarvt zugleich dessen Alltäglichkeit.

Vor allem aber sitzt das Misstrauen gegen Institutionen – Presse wie Polizei – tief in diesem Kriminalroman: Die Polizei ist eher an medialer Aufmerksamkeit, Prestige und finanziellen Mitteln interessiert – einzig zwei Ermittlerinnen setzen etwas dagegen. Aber Howard tut nicht so, als könnten diese zwei Frauen das systemische Versagen vollumfänglich auffangen. Ganz im Gegenteil: Wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind, wird sehr deutlich.

Die Presse ist vor allem durch einen schmierigen True-Crime-Reporter präsentiert – aber ohne zu viel zu verraten: Am Ende zeigt sich sehr deutlich, wie wichtig mediale Aufmerksamkeit für alle Frauen sein kann.

In ihrem Nachwort dann erzählt Catherine Ryan Howard von dem „Vanishing Triangle“, das wohl jede mittelalte Frau in Irland kennt: In der Gegend um Leinster und den Wicklow-Bergen, in der auch ihr Roman spielt, verschwanden in den 1990er Jahren mindestens acht Frauen zwischen 17 und 39 Jahren. Sie wurden niemals gefunden, der Fall wurde niemals aufgeklärt. Diese wahre Kriminalfall hat „The Trap“ inspiriert. Hier bleiben nicht alle Frauen verschwunden – aber dennoch ist am Ende ganz bestimmt nicht alles gut.

Catherine Ryan Howard: The Trap. Wie weit würdest Du gehen, um Deine Schwester zu retten? Übersetzt von Dietmar Schmidt. Bastei Lübbe 2025. 352 Seiten. 18 Euro.

Desolate Lage

(rum) Eine fingierte Sperrmüllsammlung, ein gestohlenes Auto, ein nicht angeleinter Rottweiler: Darum muss sich Garry Dishers Constable Hirschhausen in seinem südaustralischen Revier kümmern – wobei sein Revier in der Größe Belgiens etwas unhandlich ist. Er kann also nur versuchen, mal in dieser, mal in jener Ecke präsent und ansprechbar zu sein, Vertrauen aufzubauen, immer wieder auch einzuschreiten. Zumal sich solch marginale Vergehen nahtlos an die monströsen reihen, diesmal eine Leiche im Koffer, der in einem Feld vor sich hinkokelt.

Garry Disher versteht es, einen Sound zu erzeugen, der Alltag suggeriert, wo keiner ist. Das geht, weil Constable Hirsch, den man durch die Tage begleitet, bei einem Kapitalverbrechen nicht selbst ermittelt. Er kümmert sich um die kleineren Delikte, ist gelegentlich auch einfach nur Sozialarbeiter, für einen Mord jedenfalls kommt die Kriminalpolizei aus Adelaide. Ganz außen vor ist er dennoch nicht, denn auch der vermeintliche Kleinkram, mit dem er beschäftigt ist, bildet nach und nach Muster, die auf einen größeren Zusammenhang verweisen.

Dishers vierter Hirsch-Roman spielt während der Coronazeit, in der sich vielerorts eine gesellschaftliche Kluft öffnet, Verschwörungserzählungen und radikale Ideen prächtig gedeihen. Da unterscheidet sich Hirschs südaustralische Ecke nicht von anderen Weltgegenden. Zu allem Überfluss scheint hier am dünn besiedelten Outbackrand zudem eine paramilitärische Neonazigruppe im Entstehen zu sein, die reichsbürgerhafte Putschpläne verfolgt, so dilettantisch, wie gefährlich. Dann ist da eine Kollegin aus Belgien, die nach ihrem verschwundenen Sohn sucht, ein erschossener Merinobock, eine teils familiär verbandelte Gruppe drogenabhängiger Krimineller, die Hirsch auf Trab halten, Fälle von Mobbing unter Jugendlichen, Rassismus und kulturelle Aneignung. Ein üppiges Paket also und alles schiebt Discher hier durch diese so beiläufig erscheinende Erzählkonstruktion ineinander, lässt die losen Enden flattern, fügt neue hinzu, bevor er sie elegant zusammen schlingt.

Mit Constable Hirschhausen hat Disher eine Figur geschaffen, die da im vermeintlichen Abseits gestrandet, freundlich, gefasst, meist langmütig ist, einfach einen guten Job machen, ein Leben leben will. Dieser Hirsch ist für Disher ein perfekter Katalysator, um geschmeidig und tatsächlich hoch spannend von unspektakulären Tagen, von Landschaft und Leben im Weizen- und Wollgürtel erzählen zu können, das eben gelegentlich doch aufregender ist, als gedacht. Wobei sein Protagonist auf Ausgleich aus ist, beschwichtigt, zusammen führt, sich nicht selten selbst in die Bresche wirft. Dishers Ton ist dabei leicht, staubtrocken, präzise, gutes Werkzeug, um von kleinen und schwerwiegenden Verschiebungen im gesellschaftlichen Miteinander, von „der Unordnung des Lebens“ (wie es an einer Stelle heißt), mit all seinen Uneindeutigkeiten zu erzählen, das eben überall schwierig ist, und zwar überall aus ähnlichen Gründen, auch dort, wo jeder und jede doch ziemlich viel Platz um sich hat. Phänomenal, was der unermüdliche, inzwischen 75-jährige Garry Disher da Jahr für Jahr abliefert.

Garry Disher: Desolation Hill. (Original: Day’s End. Melbourne, 2021). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, 346 Seiten, 24 Euro.

Absolut vergnüglich

(tw) Am 18.März 1990 wurden aus dem Isabella-Stewart-Gardner-Museum in Boston Bilder von Vermeer, Caravaggio, Manet und anderen Superstars der Malerei gestohlen. Bis heute sind die Gemälde verschollen. Cemile Sahin spinnt aus diesem Umstand eine irrwitzige Geschichte. Der naive, aber geniale Maler und Dachdecker Ali Hüseyin Korkmaz findet die Bilder bei einer Hausrenovierung in Istanbul und nimmt sie ahnungslos mit nach Rotterdam, wo seine Familie im Exil lebt. Natürlich sind die Diebe auch nach Jahren und Jahrzehnten noch hinter ihrer verschwundenen Beute her, was zu bedauerlichen Todesfällen führt, also eine Kette von gewalttätigen Ereignissen produziert, die erst im Berlin des Jahre 2025 zu Ende sein wird. So gesehen ist „Kommando Ajax“ ein klassischer „Heist-Roman“, also ein Roman um Raub und Beute, mit Gangstern, Killern und Jagden, wie es sich für das Subgenre gehört. Aber das ist nur die „kleine Geschichte“. Die „große Geschichte“ ist die der Familie Korkmaz aus Dêrsim in   Kurdistan, deren Dorf von der türkischen Armee in Brand gesteckt wurde. Ali Hüseyin und seine fünf Geschwister bauen sich ein neues Leben in Holland auf. Als Handwerker oder als Putzfrau versuchen sie, ein gutes Leben zu führen. Aber die Umstände sind nun einmal nicht so, zumal auch in der Familie Solidarität, Liebe und Verrat eng beieinander liegen.

Bis hierhin ist die Mischung aus Kriminal- und Familienroman nichts Ungewöhnliches. Sie folgt brav einem Trend auf dem Buchmarkt, Geschichten gerne als Familiensagas zu erzählen. Ungewöhnlich und sehr originell allerdings ist die Inszenierung der Geschichte. Sahin legt den Roman als eine Art Drehbuch für einen Action-Film an, deutlich angelehnt an die frühen Filme von Guy Ritchie („Snatch“) und andere britische Gangsterfilme der 1990er und 2000er Jahre. Deswegen tauchen Illustrationen im Text auf, Bilder und typographische Spielereien. Die Handlung bewegt sich in schnellen Zeitsprüngen auf der Zeitachse, nach hinten und nach vorne, das Personal wird immer größer, einzelne Figuren zoomartig herausgehoben und mit Casting-Hinweisen versehen. Und stets reflektiert sich das Erzählen selbst. Das ist oft sehr witzig und überraschend, und schreckt auch nicht vor schlimmen Albernheiten zurück, wenn etwa Personen aus der Kunst-Welt die Namen von Fußballstars tragen – Edwin van der Saar, Mark van Bommel oder Thierry Henry. Die Tonalität des Textes switcht mühelos von staubtrockener Lakonie bis zum Pathos. Die Handlungsfäden sind sorgfältig verwirrt, bis sie zum Ende aufgedröselt werden, auch wenn das eine oder andere Story-Element unterwegs verloren geht. Am Ende sind übrigens die Frauen die wirklichen Heldinnen des Romans. Das ist durchaus ein klares Statement, auch wenn es keine Banner schwingt.

Nicht genug kann man aber loben, dass Celime Sahin deutlich vom 1:1-Realismus der meisten Kriminalnarrative abrückt. Das ist selbstbewusst und mutig. Und absolut vergnüglich.

Cemile Sahin: Kommando Ajax. Roman. Berlin 2024: Aufbau Verlag. 351 Seiten, € 25,00

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