Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Robert Rescue: Großbritannien kann mich mal

Eine Kurzgeschichte mit offenem Ausgang

Jetzt hat mein anderer Cousin auch einen Anlass. Vor zwei Jahren war es Phil, der seinen sechzigsten Geburtstag feierte und jetzt Bob, der mal wieder heiratet. Wenn ich das über die Jahre bei Facebook richtig verfolgt habe, dann ist sie Indonesierin und er hat sie irgendwann bei irgendeinem Hilfsprogramm vor Ort kennengelernt und später nach England geholt. Das bereute sie nach dem Brexit inzwischen sicherlich und hat ihn womöglich öfter überreden wollen, nach Indonesien zu ziehen, weil es da lebenswerter ist als in Großbritannien. Was ich so alles weiß oder glaube, obwohl ich mit meinen Cousins nichts zu tun habe. Das will ich auch nicht, denn beide sind oder waren überzeugte Brexit-Anhänger und wollen nicht wahrhaben, was ihre Haltung inzwischen aus dem einst blühenden Großbritannien gemacht hat.

Die Bevölkerung verarmt, die Mittelschicht, zu der ich Bob und Phil zählen würde, schwindet, die Wirtschaft liegt am Boden, das Gesundheitssystem ist scheintot, britische Musiker können keine Europa-Tourneen antreten, außer Elton John vielleicht, weil die Visumregelungen keinen Anreiz bieten und dann gibt es noch ein Bürokratie-Monstrum, das ich selbst kennengelernt habe. Bei dem Hi-Fi-Fachhändler, bei dem ich gelegentlich arbeite, liefern wir nichts mehr nach Großbritannien. Der Papierkram mit dem Zoll ist einfach zu viel, wenn du ein popeliges Internet-Radio versenden willst, dass ohnehin kaputtgehen wird, sobald es realisiert hat, wohin die Reise geht. Ich vermute, es geht allen anderen Händlern auch so, so dass jeglicher Export an Unterhaltungselektronik nach Großbritannien zum Erliegen gekommen sein dürfte.

Und dann die Politik. Königin Elisabeth ist bestimmt aus Gram über Boris Johnson gestorben und König Charles würde am liebsten mit Sack und Schloss das Land verlassen, wenn er könnte oder aber putschen und die Regierungsgeschäfte übernehmen. Und dann gab es noch diese Premierministerin, ich komme nicht auf ihren Namen, die nur vier Wochen oder so im Amt war, auf jeden Fall habe ich während ihrer Amtszeit häufig gedacht, Gott sei Dank haben wir solche Politiker nicht in Deutschland.

Und jetzt kommt die Frau meines Cousins Phil ins Spiel, die ich vom Gefühl her Schwägerin nennen könnte, aber das ist sie rechtlich gesehen nicht. Sie ist einfach nur angeheiratet, aber wenn sie und Phil Kinder hätten, dann wären die meine Großcousins oder Großcousinen. Da das alles zu kompliziert wird, nenne ich sie einfach Bea. Von Bea, die deutschstämmig ist, sehe ich auf Facebook meist Bilder, wie sie Gin trinkt. 

Phil kauft sich alle sechs Monate ein neues Motorrad und Bob hat einmal im Jahr einen Autounfall, postet Bilder vom Wrack, versichert, dass es ihm gut geht und kauft sich ein neues Gefährt. Bea meldet sich also bei mir, informiert mich über die bevorstehende Hochzeit und bittet darum, dass ich eine Karte schicke. Bei dem Geburtstag von Bob war es ein Kühlschrankmagnet, aber bei Bob reicht eine popelige Karte. Warum überhaupt? Reicht es nicht, ein Like bei Facebook zu setzen, wenn Bob einen Tag nach der Hochzeit 1000 Bilder hochlädt, die ich Idiot mir wahrscheinlich auch anschauen werde, aus purer Faszination, wie meine Verwandtschaft angesichts des desolaten Zustandes ihres Landes weiter so tun kann, als würde sie das alles nichts angehen.

Was ist mit meinen beiden anderen Brüdern? Die müssen keine Glückwunschkarte schicken und wissen wohl nicht einmal von dem Anlass. Aber die sind auch so klug, nicht auf Facebook zu sein. Ich könnte jetzt einfach die Nachricht von Bea unbeantwortet lassen und mir die ganze Zeit einreden, dass ich sie nicht bekommen habe, aber das bringt ja nichts. Also schreibe ich ihr zurück und vermelde ohne jede Emotion, dass ich es tun werde. Am nächsten Tag stehe ich im 1-Euro-Shop (mehr ist mir die Sache, ehrlichgesagt, nicht wert) und schaue mich um. Im ersten Moment bin ich geneigt, eine Trauerkarte mit dem Titel „Aufrichtige Anteilnahme“ zu verschicken. Ist doch origineller als „Alles Gute zur Hochzeit“, oder? Verstehen kann er die Botschaft eh nicht, seine Frau auch nicht. Sie werden die Karte kurz in die Hand nehmen, dann mit dem ganzen anderen Glückwünsche-Rotz verschnüren und für 15 Jahre in einen Schrank legen, bevor sie alles in den Müll schmeißen. Oder sie werfen alles gleich am nächsten Tag weg, was weiß ich. Aber wenn Bea die Trauerkarte liest, entfreundet sie mich vielleicht. Ich greife nach der Karte, entscheide mich aber kurz davor noch für das Register „Hochzeit“ und wähle eine dezente lilafarbene Karte, auf der ein Auto mit diesen Blechbüchsen an der Heckstoßstange zu sehen ist und darüber ein verschnörkeltes „Just married“. Irgendwie ganz hübsch, da habe ich mich ganz schön ins Zeug gelegt.

Als dann die Hochzeit war, habe ich mir die Fotos angesehen. Ich war froh, dass ich nicht eingeladen worden bin. Irgendwie wirkte alles so billig, als ob ihnen inzwischen die Kohle ausgegangen ist. Vielleicht wollte Bea gar keine Karte, sondern Geld oder ein CARE-Paket. Einen Tag später hat Bob eine Dankesliste veröffentlicht, in der er sich bei halb Großbritannien bedankt, aber meinen Namen habe ich nicht entdecken können. Hat ihm etwa meine Karte nicht gefallen oder habe ich aus Versehen doch die Trauerkarte geschickt? Die hatte ich noch gekauft, weil es ja leider immer mal Anlässe dafür gibt.  

Ich sollte sie entfreunden oder wenigstens auf Stumm stellen. Aber das kann ich doch nicht machen, das sind doch meine Verwandten. So ein Scheiß hinderlicher Gedanke.

Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns hier. Beispiele:

September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät 
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit 
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter