
Blau ist dasselbe in Gelb
Der Wedding kommt, so hört man es seit 20 Jahren in Funk und Fernsehen. Einiges ist auch schon angekommen, zum Beispiel die Mietpreise und damit der unsoziale Wohnungsmarkt. Als ich vor 20 Jahren in die Seestraße einzog, konnte ich mir die Wohnung noch aussuchen und wenn ich heute in alten Unterlagen den damaligen Mietpreis sehe, dann kommen mir die Tränen.
Als ich mich bei dem Gedanken ertappte, meine Wohnung neu streichen zu wollen, merkte ich, dass nun der neue Wedding bei mir einzog. Ich habe vor 20 Jahren die Wohnung gestrichen und das sollte eigentlich für den Rest meines Lebens reichen. Wäre ja blöd, wenn ich die Wohnung auf Vordermann bringe und dann tragen sie mich mit den Füßen zuerst hinaus und die Hausverwaltung kann die Bude mehr als besenrein gleich neu vermieten.
Meine Partnerin hatte die Idee, neu zu malern, und nach zwei Jahren war ich ihrer Meinung. Normalerweise, also nach altem Wedding-Brauch, würde man zum Baumarkt am Kutschi fahren, dort den Eimer Malerweiß billig für 11€ besorgen und die Farbe gegen die Wand klatschen, aber nein, Weiß können Andere, Einfallslose machen, nein, Bunt soll es sein. Also so etwas wie Gelb oder Blau, aber halt nicht das klassische Gelb oder Blau, sondern Fjord (Blau) und Sun Room (Gelb mit einem Hauch Orange) und so etwas bekommt man natürlich nicht am Kutschi, sondern im Internet, genauer in Schweden. Wandfarbe online in Skandinavien zu bestellen, damit die Wohnung in einer Zeitung für Innenarchitektur präsentiert werden könnte, das ist, in meinen Augen, der gekommene Wedding.
Der Paketbote von DHL holt einen zerknüllten Zettel aus der Tasche, entfaltet ihn und liest mit osteuropäischem Akzent vor: „Wir von DHL wünschen Ihnen viel Spaß mit ihrer neuen Farbe. Es war uns ein Vergnügen, die Ware transportieren zu dürfen.“
Zuvor hatte mir der Vorstandsvorsitzende von DHL eine SMS geschrieben und gefragt, ob ich zuhause wäre. Das Besondere an der Farbbestellung ist sicherlich der Preis für den Transport und die damit verbundene Wertschätzung durch DHL.

Bei Amazon- oder TEMU-Bestellungen wird das Paket durch die Gegend geschmissen und draufgespuckt, um die maximal mögliche Abneigung durch die Paketdienstleisterindustrie zu verdeutlichen, und abgegeben wird es grundsätzlich bei dem irren Messi im Vorderhaus.
Nicht nur die Transportkosten waren üppig, auch der Preis für die Farbe.
Die wurde von Hand hergestellt und 20 Jahre in Eichenfässern gelagert, um diesen unvergleichlichen Farbton zu erhalten, der sich von einem ordinären Blau oder Gelb merklich unterscheidet.
Ich reiße dem Boten das Paket aus der Hand und stoße ihn weg. Dann bespucke ich ihn und beschwere mich in wirren Worten über die Weltlage und Verdauungsprobleme, wie ich es üblicherweise mit den Knechten der Transportbranche tue, bevor ich sie unter Geschrei die Treppe hinunterstoße.
Warum hast du keinen Pinsel von uns gekauft? Die Frage stellt mir eine E-Mail des schwedischen Farbherstellers. Tja, antworte ich der Mail in Gedanken, ich sehe es halt nicht ein, für einen Pinsel 25€ zu zahlen, den ich im Baumarkt wesentlich billiger bekomme. Aber du darfst keine Pinsel aus dem Baumarkt benutzen, sagt die Mail jetzt. Wir haben dir ja nicht Scheiß aus dem Baumarkt geschickt.
Aber ich kaufe doch keinen Pinsel aus Elchhaar und einen Farbroller mit Holzgriff aus Esche, entgegne ich. Wenn wir gewusst hätten, dass ein solcher Assi unsere Farbe bestellt, hätten wir dir sofort Hausverbot in unserem Online-Shop erteilt, beginnt die Mail eine Tirade und ich lösche sie. Aber ich werde nachdenklich. Wenn ich einen ordinären Pinsel verwende, womöglich aus dem Ein-Euro-Paradies, oder einen vom Einzug 2004, der noch irgendwo herumliegt, verwandelt sich die Farbe Fjord dann in ein Baumarkt-Blau, das den Preis nicht wert ist? Das will ich nicht, weshalb ich augenblicklich ein Pinselset bestelle. Kurz, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich erneut überteuert und mit ordentlichen Transportkosten in Schweden bestelle.
Was jetzt noch fehlt, ist das Malern selbst. Ich allein bin dazu nicht fähig, brauche also die Hilfe meiner Partnerin. Aber der schwedische Farbenlieferant macht Druck. Erneut erhalte ich eine Mail, in der nach meinem „Streicherlebnis“ gefragt wird. Die wollen wissen, wie ich den Kauf der Farbe empfunden habe.
Meine Güte, vielleicht hätte ich doch anonym an der Selbstkassierkasse vom Bauhaus stehen und mir von einem bald arbeitslosen Kassierer erklären sollen, wie das Scheißgerät funktioniert bzw. warum es nicht funktioniert. Ich rufe den Link auf und schreibe in das Feld: „Es war eine Bereicherung“.
Kurz überlege ich, noch dazuzuschreiben, dass ich noch nicht dazugekommen bin, die Farbe auszuprobieren, ob sie mich vielleicht in zwei Monaten oder Jahren nochmal fragen können. Ich gebe 5 Sterne und wähle die 10 auf der Skala, ob ich die Produkte einem Bekannten weiterempfehlen werde.
Als ich alles erledigt habe, nehme ich Farbe und Pinsel und beginne zu malern. Ich kann nicht auf meine Partnerin warten. Mich beherrscht plötzlich die Furcht, der Farbenhersteller könne eine Mail hinterherschicken und sich zu einem Besuch ankündigen. Manche Kunden laden Fotos von ihren frisch gestrichenen Wänden auf die Website hoch und schreiben dazu, wie glücklich sie jetzt sind.
Die sind doch völlig irre.
Ich höre aus dem Arbeitszimmer das PLING, das eine neue Mail ankündigt.
** **

Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
Gerade erschienen mit 34 neuen satirischen Texten des Brauseboys Robert Rescue: Blau ist dasselbe in Gelb (Verlag Periplaneta).
Zuletzt bei uns:
Oktober 2026: Echt jetzt? – Platzbenennung für Robert Rescue?
September 2026: Welche Ewigkeit diesmal?
Juli /August 2026: Die rosarote Brille mal anders
Juni 2026: Der Weltraum ist chic geworden
Mai 2026: … im Museum für Stadtgeschichte
April 2026: Kaputte Ampel Seestraße
März 2026: Copy Shop Stories (2) Bob Ross ist nicht wiedergeboren worden
Feburar 2026: Lost and Found: Gewidmet all den Dokumenten, die hier keine Erwähnung finden
Dezember 2025: Wieder eine Gelegenheit verpasst … Wer kommt woher?
November 2025: England – Kein Herz und keine Seele
Oktober 2025: Brumm, brumm – Filme auf vier Rädern und sonst nicht viel
September 2025: Die eiserne Kuppel
Juli/ August 2025: Der Papst ist ein Spieler
Juni 2025: Bewerbungsgespräche: Dinkelkleie und Gerstengrütze
Mai 2025: Neue Besen kehren nicht immer gut
April 2025: Robert Rescue über David Foster Wallace: Unendlicher Spaß
März 2025: Karma is a Bitch – jetzt aber wirklich
Februar 2025: Die unglaubliche Geschichte von Justus und der Buslinie












