Kein Platz für Robert Rescue
Ich sitze auf einer Bierbank und lausche dem Vortrag der Historikerin, die über die Namensgeberin des Platzes, Franziska Bereit, erzählt. Diese war eine sogenannte „stille Heldin“, deren Rettungstat für jüdische Mitbürger nach Ende des Krieges genauso in Vergessenheit geraten ist wie die Person. Franziska Bereit starb 1958 und bevor sie eine Ehrungsurkunde für ihre Heldentat bekommen sollte.
Es gab im Wedding viele Menschen, die sich gegen den Nationalsozialismus gewehrt haben, davon zeugen die vielen Stolpersteine, nicht nur für deportierte Juden, sondern auch für Bürger, die Unterschlupf gewährt oder in Betrieben und Vereinen Widerstand organisiert haben. Willi Bolien beispielsweise gehörte zu einer Widerstandsgruppe und entschied sich zum Freitod durch einen Fenstersturz, um nicht andere Mitstreiter im Verhör durch die Gestapo zu verraten.
Die Historikerin erzählt, dass die Nazis Frauen laufen ließen, weil sie deren Unterstützung als „weibliche Gefühlsduselei“ abtaten, während Männer gleich erschossen oder von der Gestapo gefoltert und ins KZ abtransportiert wurden.
Neben mir sitzt Alex, der Pfarrer der Kapernaum Gemeinde. Ihn hat Die LINKE Wedding ebenso eingeladen wie mich, aber ich habe, im Gegensatz zu ihm, offiziell abgesagt und bin doch inoffiziell hier. Alex engagiert sich gerade für den Erhalt der Fischerpinte am Plötzensee und wie ich so daran denke, erinnert mich sein Ringen mit der Obrigkeit an die alten Filme mit Don Camillo und Peppone.
Wer nicht hier am Platz ist, ist der Urheber. Er wohnt keine 50 Meter von der Bierbank entfernt, aber lässt sich nicht blicken. Dabei war er es gewesen, der vor mehr als zehn Jahren in einer nächtlichen Aktion die Idee hatte, den bis dato namenlosen Platz zwischen Malplaquet- und Utrechter Straße nach Robert Rescue zu benennen, also auf Google Maps. Auf normalem, legalem Weg hätte das nicht funktioniert, denn Plätze und Straßen werden in Berlin nach berühmten Toten benannt und wenn sie berühmt, tot und eine Frau waren, dann umso besser. Der Robert-Rescue-Platz hatte sich im Internet viral verbreitet. Organisationen wie der Kulturverein Mastul veranstalteten dort Fete de la Musique Konzerte, die KPD hielt Kundgebungen ab und die BSR sammelte Sperrmüll ein. Mein Name stand auf Flyern, Plakaten und offiziellen Bekanntmachungen.
Leute grüßten mich auf der Straße, weil sie wussten, gerade ging an ihnen ein unverdienter Mann, ein Weddinger Lesebühnen-Poet vorbei, der sich ungerechtfertigterweise einen Platznamen gekapert hatte. Dabei war ich unschuldig, ein Opfer alkoholgetränkter Bösartigkeiten einer ehrlosen Person. Aber meine Rache war süß. Ich ging mit dem bösen Mann inzwischen häufiger ins Kino, weil er den Fehler begangen hatte, mit mir befreundet sein zu wollen und ich wählte absichtlich nur schlechte Filme aus, um ihn jedes Mal zu demütigen. Ja, auch ich musste unter den Filmen leiden, aber das war es mir wert. Wenn er nach dem Kino sagte, nächstes Mal solle ich was Vernünftiges auswählen, dann lächelte ich diabolisch in mich hinein.
Aber jetzt konnte ich mit der ganzen Angelegenheit meinen Frieden machen. Engagierte Anwohner und Parteien hatten in der BVV durchgesetzt, dass der Platz umbenannt wird. Die Wahl fiel auf Franziska Bereit aus der Maplaquetstraße, die als Kindermädchen für eine jüdische Familie gearbeitet hatte und während des Krieges Teile der Familie in ihrer Einzimmer-Wohnung versteckte und diese bei Bombenangriffen sogar in den Luftschutzkeller mitnehmen konnte, ohne das es auffiel.
Die LINKE Wedding hatte mir eine Mail geschickt und gefragt, ob ich bei ihrer Veranstaltung zur offiziellen Umwidmung ein paar Worte sprechen konnte. Ich hatte überlegt, was ich sagen sollte und als mir nichts einfiel, sagte ich ab.
Ich hatte über ein Jahr zuvor auf dem Weddingweiser-Blog, den einzigen und besten Blog über den Wedding, einen Kommentar zur Platzumbenennungsmeldung abgegeben.
Es war mein erster Kommentar auf dem Blog nach 15 Jahren Pause gewesen. Leider gibt es im Kommentarbereich keinen „Gefällt mir“ Button. Mich hätte schon interessiert, wie viel Leute meinen Kommentar gut fanden. Antworten gab es leider auch keine, doch wenn ich es objektiv betrachtete, ließ mein Kommentar auch nicht so richtig eine Antwort zu. Zwei Personen ergingen sich in einen Schlagabtausch über Ausschwitz und die Definition von Arbeits- und Vernichtungslager, wobei der argumentativ unterlegene dem überlegenen jegliche Kompetenz absprach, weil dieser seinen Namen falsch geschrieben hatte.
Dann gab es noch einen Kommentar von Frau Kasulke, die 11 Monate nach Erscheinen des Artikels die Initiative begrüßte und zugleich fragte, wo denn der Mülleimer abgeblieben sei, der sich stets am Platz befunden habe.
Vermutlich hätte ich bei der Veranstaltung der LINKE im Wedding das gleiche gesagt, was ich damals geschrieben habe, nämlich „Finde ich gut so! Smiley“. Okay, das Smiley hätte ich weggelassen.
Ich bin dann hingegangen, um zu schauen, wie viel Resonanz das Erscheinen von Robert Rescue hervorruft. Alex von der Kapernaum-Kirche hat mir zugenickt, später kamen Hajo und Christine vom Café Cralle vorbei und nickten mir ebenfalls zu. Alle anderen Anwesenden kannten mich offenbar nicht und den LINKEN habe ich nicht verraten, dass ich da bin.
Nach der Historikerin kam Alex nach vorne und sagte: „Finde ich gut, dass der Platz jetzt nach Franziska Bereit heißt“ und hat sich wieder gesetzt. Shit, wenn ich jetzt dran gewesen wäre, hätte ich das gleiche gesagt.
Danach löste sich die Veranstaltung auf. Die Historikerin hatte noch ein Buch von Kurt Grossmann, einem Mitstreiter von Kurt Tucholsky, empfohlen: Die unbesungenen Helden. Menschen in Deutschlands dunklen Tagen, in dem Erinnerungen vieler dieser unbesungenen Helden gesammelt sind.
Leider ist das Buch kaum erhältlich oder für einen absurd hohen Preis.
Empfehlenswert ist auch die Dauerausstellung Gedenkstätte Stille Helden im Bendlerblock
Der Eintritt ist frei.
** **

Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
Gerade erschienen mit 34 neuen satirischen Texten des Brauseboys Robert Rescue: Blau ist dasselbe in Gelb (Verlag Periplaneta).
Zuletzt bei uns:
September 2026: Welche Ewigkeit diesmal?
Juli /August 2026: Die rosarote Brille mal anders
Juni 2026: Der Weltraum ist chic geworden
Mai 2026: … im Museum für Stadtgeschichte
April 2026: Kaputte Ampel Seestraße
März 2026: Copy Shop Stories (2) Bob Ross ist nicht wiedergeboren worden
Feburar 2026: Lost and Found: Gewidmet all den Dokumenten, die hier keine Erwähnung finden
Dezember 2025: Wieder eine Gelegenheit verpasst … Wer kommt woher?
November 2025: England – Kein Herz und keine Seele
Oktober 2025: Brumm, brumm – Filme auf vier Rädern und sonst nicht viel
September 2025: Die eiserne Kuppel
Juli/ August 2025: Der Papst ist ein Spieler
Juni 2025: Bewerbungsgespräche: Dinkelkleie und Gerstengrütze
Mai 2025: Neue Besen kehren nicht immer gut
April 2025: Robert Rescue über David Foster Wallace: Unendlicher Spaß
März 2025: Karma is a Bitch – jetzt aber wirklich
Februar 2025: Die unglaubliche Geschichte von Justus und der Buslinie














