Welche Ewigkeit soll es denn sein?
Filme, die im Jenseits oder etwas Ähnlichem spielen, sind rar gesät. Beetlejuice dürfte der bekannteste sein, obwohl der Plot mehr als deprimierend ist – das Leben nach dem Tod wird von einer überlasteten Behörde organisiert, was auf schreckliche Weise an ein Bezirksamt in Berlin erinnert, Ghost – Nachricht von Sam zählt zu den romantischen Vertretern, was sicherlich an Patrick Swayze liegt, der zuvor in Dirty Dancing Weltruhm ertanzt hat und bestimmt haben alle damals gedacht, der Geisterfilm wäre so eine Fortsetzung davon.
Eternity, derzeit bei Apple TV zu sehen, greift das Thema Jenseits auf und konfrontiert den Zuschauer mit einer Fragestellung, die ungewöhnlich und nicht zu beantworten ist.
Larry und Joan sterben nach 65 Jahren Ehe. Also erst stirbt Larry und findet sich, zusammen mit anderen Zugreisenden auf einem Art Bahnhof wieder, der gottseidank nicht dem jenseitigen Berliner Hauptbahnhof ähnelt, was zweifelslos eine schaurige Vorstellung für ein Leben nach dem Tod wäre. Larry wird betreut von der Jenseits-Koordinatorin Anna, die ihm mitteilt, er habe sich binnen 7 Tage für eine Ewigkeit zu entscheiden. So lange darf er im Transitbereich in einem Apartment wohnen, die Werbeflyer der Ewigkeiten studieren und sich außerdem in einem Art Messebereich von Werbekräften diese Ewigkeiten vorstellen lassen. Larry lernt in einer Bar den Barkeeper Luke kennen, weiß aber nicht, dass dieser Luke der erste Ehemann seiner Frau Joan ist, der im Koreakrieg gefallen ist und seit 65 Jahren auf Joan wartet, um mit ihr gemeinsam die Ewigkeit zu verbringen. Der Zuschauer denkt sich zum einen: „Oh wie romantisch“ und zum anderen „Ach du scheiße, was für ein Stress“.
Selbstverständlich stirbt jetzt Joan, fährt mit dem Zug in diesen Transitbereich und kurz darauf wissen alle Bescheid. Jetzt fragt man sich, wieso soll man sich binnen 7 Tage für eine Ewigkeit entscheiden und warum arbeitet Luke seit 65 Jahren als Barkeeper und wie viel verdient man da die Stunde? In Einzelfällen, also wenn Jobs frei sind, können Verstorbene im Transitbereich bleiben und als Koordinator, als Barkeeper oder als Ewigkeiten-Messe-Dienstleister arbeiten.
Über die Verdienstmöglichkeiten schweigt sich der Film aus, allerdings wohnen die Leute nicht länger in Apartments, sondern in lausigen Unterkünften im Keller.
Auf jeden Fall können sich Larry und Luke nicht leiden, Joan ist immer noch hin und weg und steht vor dem Problem, mit wem sie die Ewigkeit verbringen soll. Die berechtigte Frage, ob Joan nicht einfach ihr Ding macht und allein die Ewigkeit verbringt oder entscheidet, welche es wird, stellt sich nicht. Dann wäre ja das Drehbuch kaputt. Also, welche Ewigkeit soll es denn sein? Eine für Raucher? Die Weimarer Republik ohne Nazis? Die Gebirgswelt-Ewigkeit, wo man die ganze Zeit Ski fährt, sich mit Jagertee komatös wegsäuft und beim Sonnenuntergang auf die Alpen blickt? Paris in den Sechziger Jahren? Die funktionierende Bundeshauptstadt Berlin-Ewigkeit? Eine Ewigkeit ohne FDP? Oder die Strand-Ewigkeit, die genauso ist wie die Gebirgswelt, nur mit Sand und Pina Colada. Klingt alles gut, aber eine ganze Ewigkeit lang? Wie lange dauert eine Ewigkeit, fragt sich der Zuschauer etwas doof.

Die Jenseits-Koordinatoren fragen bei ihren Chefs nach, denn die Konstellation Joan-Luke-Larry ist noch nie vorgekommen. Ihr Chef heißt Frank. Der Boss von Frank heißt Tom und der Boss von Tom ist Kevin. Ohne jetzt Trägern der Namen Frank, Tom und Kevin zu nahe treten zu wollen, aber das klingt nicht nach Gottheiten oder sonst einem höheren Wesen. Sie tauchen auch nicht im Film auf, aber sie entscheiden, dass Joan jeweils einen Tag mit Luke und Larry in deren Wunsch-Ewigkeit verbringen soll und sich dann entscheiden muss. Wer versucht, aus einer Ewigkeit zu fliehen, wird von Wachleuten gefangen und kommt ins „Loch“, was nach einer recht inhaltslosen Ewigkeit klingt. Es lässt den Zuschauer einfach nicht los: was wäre eine Ewigkeit, die sich eine Ewigkeit aushalten lässt? Auf einem Surfbrett durch das Universum fliegen und abends eine Runde im schwarzen Loch abtauchen? Ein CDU-Parteitag mit Friedrich Merz als Dauerredner?
Auf jeden Fall reist Joan erstmal mit Luke in die Gebirgswelten-Ewigkeit und danach mit Larry in die Strand-Ewigkeit. Nach ihrer Rückkehr trifft Joan auf die Nachbarin Karen, die auch das Zeitliche gesegnet hat. Der Tod hält reiche Ernte in der Vorstadtsiedlung. Karen outet sich als Spätlesbe und will in die „Paris der Sechziger Jahre“ Ewigkeit und Joan entscheidet sich für Karen und Paris.
Larry, der sich inzwischen mit Luke angefreundet hat, fängt sie vor der Abfahrt des Zuges ab und erklärt rührselig, dass er zu Gunsten von Luke verzichtet und alleine am Strand liegen wird. Joan lässt Karen stehen und fährt mit Luke ins Gebirge.
Aber nach ein paar Tagen merkt sie, dass es sie anödet, Leute kennenzulernen und erstmal zu fragen, wie sie gestorben sind, bevor sie mit ihnen Ski fährt oder auf einer Gipfelterrasse besoffen dem Sonnenuntergang zusieht. Sie spürt, dass Larry der Richtige für sie ist. Als Zuschauer kann man ihr nachfühlen. 65 Jahre Ehe, da verblasst die kurze Zeit mit dem Soldaten, der im Krieg geblieben ist. Larry hat inzwischen den Job von Luke übernommen, aber es erklärt sich nicht, warum. Will er eine Ewigkeit auf Joan warten, bis die Gebirsgwelt-Ewigkeit in sich zusammenfällt und sich alle dort was Neues suchen dürfen? Kann er sich partout für keine Ewigkeit entscheiden? Joan flüchtet aus der Gebirgswelt und kehrt, verfolgt von den Wachleuten, in den Transitbereich zurück. Aber natürlich kommt sie nicht ins „Loch“, sondern am Ende des Films betreten Joan und Larry eine Ewigkeit, die quasi aus ihrem Leben vor dem Tod in einer amerikanischen Vorstadtsiedlung besteht, mit Garten, geregelter Tagesbeschäftigung, Enkelkindern und am Wochenende Grillen und Nachmittagskaffee. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, welche Ewigkeit die beste für jeden ist – einfach aus Gewohnheit so weitermachen wie bisher.
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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
Gerade erschienen mit 34 neuen satirischen Texten des Brauseboys Robert Rescue: Blau ist dasselbe in Gelb (Verlag Periplaneta).
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