
Die Symbiose von Geschichtserzählung und Kriminalgeschichte
Wolfgang Brylla: Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien. Band 23 der Reihe Andersheit – Fremdheit – Ungleichheit – Band 023, Erfahrungen von Disparatheit in der deutschsprachigen Literatur, hg. von Paweł Zimniak und Renata Dampc-Jarosz. Brill/ V & R unipress, Göttingen 2025. Hardcover, 352 Seiten, 60 Euro.
Nicht jeder Geschichtskriminalroman lässt sich als Retro-Kriminalroman labeln, aber jeder Retro-Krimi ist als Variante und Subgenre des historischen bzw. historisierenden Kriminalromans zu betrachten, der spezifische Erzählmittel zurate zieht, um ein Vergangenheitsbild zu zeichnen, das sowohl auf einem bestimmten Umgang mit Kulturmedien als auch mit Gattungskonventionen und -traditionen beruht. Die Bezeichnung ›Retro-Krimi‹, die im osteuropäischen Literaturdiskurs seit einigen Jahren populär ist, beschränkt sich dabei keineswegs nur zum Beispiel auf die polnische Kriminalliteratur. Auch im deutschsprachigen Crime-fiction-Betrieb finden sich Geschichtskrimis, die in retroisierter oder retroisierender Form von der modernen und postmodernen Vergangenheit erzählen.
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Auszug aus der Einleitung
In den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren kann man in der Kriminalliteraturszene einen gewissen historic turn mit seiner (Ver-)Historisierung der Erzählstoffe zu beobachten. Der Krimi bekam ein neues Gesicht – ein historisches
Gesicht –, indem sich die Autoren bei ihren narrativen Ermittlungen auf die Ausschlachtung von Geschichte(n) besonnen haben. Nicht mehr die Gegenwart, die für die Krimischriftsteller der vergangenen ›Schreibepochen‹ eine eminent wichtige Rolle gespielt hat, scheint für die heutige Generation von Belang zu sein, sondern eben das Hineintauchen in das vor Jahren Geschehene.
Als erster bahnbrechender Geschichtskrimi gilt der 1980 veröffentlichte Roman Der Name der Rose von Umberto Eco, dessen Handlung in einem mittelalterlichen Kloster angesiedelt wurde.90 Angelehnt hat Eco seine Hauptfigur, den Mönch William von Baskerville, an den Meisterdetektiv Sherlock Holmes, der die (Verbrechens-)Zeichen finden, lesen und deuten kann. Zeichenverstehen bedeutet Weltverstehen, Zeichenverstehen bedeutet, dem Mord, dem »Lebenselixier des Kriminalromans«91, auf die Schliche zu kommen und den Täter zu überführen.92
Der Krimi ist per definitionem eine Gattung, die wegen ihres Schemas zum Kopieren und Abbilden wie geschaffen ist. Man braucht sich nur an die vorgegebene Folie, an die vorhandene Erzählschnur zu halten, ein wenig das Romanpersonal und die Figurenkonstellation umzugestalten. Die Orientierung an der Geschichtsproblematik erlaubt es den Krimimachern, sich auf neue Gebiete zu begeben und zumindest theoretisch den Plot ihrer Geschichten anzureichern und erzähltechnisch zu bereichern. Denn bis dahin hat der Krimi um die Geschichte (Vergangenheit) einen groflen Bogen gemacht. Man hat ihr wenig Tribut gezollt, weil, so der Eindruck, die Geschichte in einem auf die Gegenwartsebene, auf das Jetzt bezogenen Genre, nichts zu suchen hatte. Schulz-Buschhaus räsoniert mit Blick auf den klassischen Krimi, dass seine Welt »konstant a-historisch« bleibe.93 Die Geschichte musste sich in der Konfrontation mit dem Ist-Stand, mit der tastbaren Realität, geschlagen geben und wurde deshalb aufs Nebengleis geschoben. Wenn es im Detektivroman aus der Feder einer Christie um die Heraufbeschwörung einer alten, aber immer noch präsenten, gentrifizierten bürgerlich-adligen Gesellschaft geht, in der die Funktionen und sozialen Rollen schon anhand der Ständeklausel vorbestimmt und verteilt sind94, behandelt der amerikanische tough guy-Krimi die Korruption in den kapitalistischen USA.
Wenn sich der Spionageroman, auch eine Unterstufe der Krimigattung, meistens auf die politische Situation und die Machtverältnisse im Kalten Krieg kapriziert, dann insistiert der (europäische) Polizeikrimi95 in erster Linie auf der Aufdeckung von Gegenwartsverbrechen. Die Flucht in die Geschichte resp. Vergangenheit96 war – mit wenigen Ausnahmen – jahrzehntelang in der Krimibranche völlig undenkbar gewesen, weil man sich von der Aufbauschung geschichtlicher Stoffe nichts Neues versprach. Erst im Laufe der letzten Jahre und vor allem dank dem russischen Krimischriftsteller Boris Akunin, dem mit seinen Fandorin-Texten aus dem Zaren-Russland und intertextuellen Bezügen auf die klassische russische Literatur der Durchbruch gelang97, wurde der (zeit)geschichtliche
Krimi auf einmal schmackhaft.
Geschichte lässt sich in jeder Form gut vermarkten, es reicht nur die groflen Buchhandlungen zu besuchen, um die wenig überraschende Erkenntnis zu gewinnen, dass neben den Krimis eben der historische Roman mit seinem »Hiatus von Fiktion und Historie«98 zu den Verkaufsschlagern gehört. Der Geschichtskrimi ist das Ergebnis der Hybridisierung von zwei benachbarten Gattungen, der Symbiose von »Geschichtserzählung und Kriminalgeschichte«.99 Das immer wachsende Interesse an Geschichte100 verschmilzt mit dem großen Interesse an Verbrechens- und Morderzählungen.
Genau diese beiden Faktoren, wie es Barbara Korte und Sylvia Paletschek unterstreichen101, waren maßgebend für die Durchsetzung (und Konditionierung) des Geschichtskrimis resp. des Retro-Krimis, wobei der Begriff ›Retro‹ nur für eine konkrete Gruppe von Texten reserviert werden dürfte. In diesem Punkt sei nur angerissen, dass jede retro crime fiction ein Geschichtsroman bzw. Geschichtskrimi ist, aber nicht jeder Geschichtskrimi sofort als Retro-Krimi zu titulieren sei.
Nicht jeder Geschichtstext ist von vornherein sofort ein Retrotext im Sinne der gängigen bzw. der erst auszuarbeitenden Definition. Obwohl sich Geschichtskrimis auf die Geschichte beziehen, sind sie nur in der Lage, eine »fiktive Historizität« zu beschreiben102, denn Krimis sind keine Zeitdokumente sui generis.103 Kriminalromane, auch aus dem Verbund des ›Retro‹ oder der Geschichte, sind ein Gebilde der Phantasie und der Fiktion; der sich zugetragene Mord ist zwar ein drastisches Geschehnis, aber parallel dazu ein erfundenes Geschehnis und das Schockgefühl ist demnach auch ein erfundenes, was allerdings nicht heiflt, dass die Geschichtskrimis realitätsfremd sind. Die Werkstatt eines Krimiautors, der sich auf die Inbezugnahme von geschichtlichen Elementen spezialisiert, gleicht einer Historikerwerkstatt.104
Fast jeder Geschichtskrimi ist das Endergebnis einer langer Recherche, der Überprüfung der Tatbestände oder der Archivsichtung, um den Lesern ein veritables, authentisches, auf historischen Tatsachen beruhendes Zeitbild der
Epoche, in der sich die kriminellen Taten ereignet haben, aufzutischen. Die von den Schriftstellern und deren Erzählern erzeugte Krimiwelt ist jedoch keineswegs als die Vergangenheit schlechthin, sondern nur als »Repräsentation von Vergangenheit« zu extrapolieren.105
In dieselbe Kerbe hauen auch Korte/Paletschek, obwohl sie zuerst meinen, dass historische Kriminalromane ebenso viel über die »Mentalität ihrer Entstehungszeit« aussagen würden wie »Krimis, deren Handlungen in der Gegenwart angesiedelt sind.«106 Die historische Faktenlage lande auf dem Prüfstand, somit werde eine historische »Authentizität« und »Faktentreue« suggeriert.107 Mit dem Verweis auf die Suggestionskraft heben Korte/ Paletschek die Konstruktionsform(en) des historischen Krimis hervor. Insoweit der ganze Krimi und seine Erzählstruktur Konstruktionen sind, so ist auch der geschichtliche ›Tusch‹ eine Konstruktion.
Die folgende Gattungsstudie ((i.e. das Buch, aus dessen Prolog wir einen Auszug bringen, d. Red.)) möchte sich der Eigenartigkeit des Retro-Krimis widmen und sie aus unterschiedlichen Blickfeldern untersuchen. Gefragt werden soll nach den kulturell-historischen Umständen ihrer Entwicklung, dabei wird auf Aspekte der Poetik und der Erzählweisen einzugehen sein. Es gilt, die Themenreichweite der Geschichtskrimis genauer unter die Lupe zu nehmen und nach dem Sinn und Wesen der Gattung, nach ihrer Zukunft, zu fragen. Darüber hinaus soll in der Arbeit herausgestellt werden, inwieweit die Retro-Krimis ein weiterer modifizierter Abzweig der Schemaliteratur ›Krimi‹ oder vielleicht deren besondere Variation sind, die nicht nur die historische Staffage dazu nutzen, um an den Mann gebracht zu werden, sondern auch unter Rekurs auf den historischen Background etwas über die Geschichte verraten, was sich auf den Gegenwartsdiskurs auswirken kann.
Geschichtskrimis werden auf der ganzen Welt geschrieben (z. B. in den USA: Thomas Mullen, James Ellroy, Caleb Carr, Max Allan Collins, James Kestrel, Sam Eastland mit seinen Krimibänden über den Geheimermittler im Dienste des russischen Zaren und der sowjetischen Diktatur Pekkala; Argentinien: die Spanierin EloÌsa DÌaz) – es handelt sich dabei um keine typisch europäische Krimieigenart. Aber in Europa machte sich der historische Krimi einen Namen (z. B. in Frankreich: Didier Daeninckx, Patrick Pécherot, Dominic Marotti108; Italien: Carlo Lucarelli; Großbritannien: Josephine Tey, Amy Myers, Philip Kerr109) – vor allem in Ost- und Mitteleuropa. Die westliche Literaturwissenschaft weiß wenig über die Krimis, die in den ehemaligen Ostblockstaaten publiziert werden. Im
Westen sind sie noch eine »relativ unbekannte Größe«110, obwohl viele Autoren ins Deutsche übersetzt wurden, allen voran Marek Krajewski und Akunin. Von den Lesern werden sie goutiert, von der Forschung meistens übersehen, was nicht überrascht, wenn man sich an die folgenden Worte Alewyns erinnert:

»Das Lesen von Detektivromanen gehört zu den Dingen, die man zwar gerne tut, von denen man aber nicht gern spricht. Man kann seinen Ruf kaum wirksamer gefährden, als indem man sich ernsthaft damit befaflt, zumindest in deutschen Landen. Anstößig ist seine Populariät, und für anstößig gilt sein Thema.«111
Auch in Deutschland ist ein dynamischer Aufschwung der Geschichtskrimis, die den Büchermarkt überschwemmt haben, zu vermerken. Es werden schon mehr historische Kriminalromane geschrieben als Gegenwartstexte – so der Eindruck. Wie lange noch diese verkehrte Situation dauert, wann der Innenkrimimarkt aufgrund der ‹berbelastung von geschichtlichen Storys zusammenbricht, bleibt abzuwarten. In Polen machen die Retro-Krimis einen groflen Marktanteil aus. Krajewskis Debüt 1999 hatte vielen mittelmäßigen Epigonen den Weg geebnet, die schnell wieder in der literarischen Versenkung verschwunden sind. In Russland ist Akunin – vor dem Putin-Regime ins Exil geflüchtet – immer noch der Krimiprediger par excellence. Auch in Deutschland (und Österreich) werden
historische Kriminalromane gedruckt, die man als Retro-Texte kategorisieren kann.
Weil sich der Krimi in historischer Verkleidung in Ost- und Mittelosteuropa am rasantesten weiterentwickelt, werden eben Texte aus diesen geographischen Breitengraden untersucht, um die Mannigfaltigkeit der literarischen Ansätze, der Beispiele und deren thematischer sowie narrativer ›Implementierungen‹ vorzustellen. Selbstverständlich verbietet es die Unmenge an historischen Krimistoffen, ›jeder‹ Form dieser Gattung zu Leibe zu rücken und sie detailliert und akribisch zu dekonstruieren. Angestrebt wird ein gattungsgeschichtlicher
Überblick, in dem die wichtigsten Prämissen, die strukturellen sowie inhaltlichen Merkmale oder die potentiellen Gattungsmuster in den Vordergrund gestellt werden. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, weil der Geschichtskrimi wie auch der ganz ›normale‹ Krimi nur unvollständig oder vollständig in seiner Unvollständigkeit sein kann.
Damit der Durchblick gewährt wird und es zu keinen Fehldeutungen kommt, gliedert sich die Arbeit in zwei größere Hauptteile. Der erste Teil umfasst Kapitel zum historischen Kriminalroman, den (kulturellen) Stilisierungformen ›Retro‹ oder ›Vintage‹ und dem Retro-Krimi. An Paradebeispielen aus Deutschland und Polen soll dann im zweiten Teil veranschaulicht werden, welche konkreten Erzähl- und Themenformen der Retro-Krimi annehmen kann.
Außer Krajewski (deutsches Breslau) werden Werke von
Marcin Wroński (Ostpolen in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit),
Ryszard Ćwirlej (Volksrepublik Polen der 1980er Jahre),
Maryla Szymiczkowa (Krakau unter österreichischem Joch am Ende des 19. Jahrhunderts),
Robert Hültner (deutsche Provinz der 1920er und 30er Jahre),
Volker Kutscher (Berlin in den Goldenen Zwanzigern),
Andrea Maria Schenkel (fiktionalisiertes true crime),
Horst Bosetzky (dokumentierte crime fiction),
Christian v. Ditfurth (transhistorisches Vergangenheitsverbrechen),
Max Annas (DDR der 1980er Jahre),
Andreas Pittler (Österreich der Vorkriegszeit) und
Christof Weigold (Hollywood der 1920er und 30er Jahre) analysiert.
Zeitlich und räumlich wird somit ein weites (retroartiges) Feld abgesteckt. Es soll bewiesen werden, dass die historisierende und retrohafte »Schule des Verbrechens«112 kein weiterer Gattungsspross eines Schemas ist, dem man Trivialität und Kitschigkeit vorwirft, sondern ein poetologischer Flickenteppich, der einerseits die Gattung enttrivialisiert (Re-Literarisierung), und andererseits zum ›volljährigen‹ Mitglied der Literatur und zum signifikanten Baustein der Gesellschaft wird, deren Urängste sie wie in einem »Brennglas« (poln. »soczewka«) zeigt113, und dies weniger trotz der Geschichtsuntermalung der Kriminalerzählung, sondern vielmehr wegen der Geschichtsuntermalung.
Wolfgang Brylla
Anmerkungen:
(da aus einem längeren Text entnommen, haben wir die Fußnoten-Nummerierung beibehalten)
90 Dabei hat Schmidt (Gangster – Opfer – Detektive, S. 328) an Ecos Roman einiges zu beanstanden: »Vollends überschätzt ist Il nome della rosa als Kriminalroman. Das Buch ist ebenso altmodisch erzählt wie konstruiert und lebt vorwiegend von seinem Kulissenzauber sowie der Ehrfurcht, die der gebildete Leser der Gelehrsamkeit des Autors und seiner Figuren entgegenbringt. Doch der Erfolg des Buches beweist, daß es sich von diesen Voraussetzungen herrlich leben lässt.«
91 Leonhardt, Mord ist ihr Beruf, S. 7.
92 Ecos brisanter Verkaufserfolg hat natürlicherweise viele Nachahmer auf den Plan gerufen, die sich dem Handlungsschauplatz ›Mittelalter‹ verschrieben haben wie Peter Tremayne oder zuletzt David Penny.
93 Schulz-Buschhaus, Ulrich: Leonardo Sciascia oder die Beunruhigung des Kriminallesers. In: Schütz, Erhard (Hg.): Zur Aktualität des Kriminalromans. Berichte, Analysen, Reflexionen zur neueren Kriminalliteratur. München: W. Fink 1978, S. 142–154, hier S. 143.
94 Broich, Der entfesselte Detektivroman, S. 98: »Ebensowenig lieferte diese Form des Detektivromans eine realistische und kritische Darstellung der gegenwärtigen Gesellschaft«. Hervorhebung im Original.
95 Besonders in Europa wurde der Polizeikrimi sehr populär (Zwaenepoel, Dem guten Wahrheitsfinder auf der Spur, S. 35). Auch in den USA, in erster Linie in den 1980er Jahren, entwickelten sich die police procedurals zu den meistgelesenen Krimigenres überhaupt (vgl. Panek, Leroy L.: Post-war American police fiction. In: Priestman, Martin (ed.): Crime Fiction. Cambridge: University Press 2003, S. 155–171, hier S. 156).
96 Der polnische Literaturkritiker und -wissenschaftler Wojciech Burszta hat, als der Retro-Krimi in Polen sich erst kurz vor dem Aufschwung befand, in einem viel rezipierten Artikel u.d.T. Bronie kryminału! für die Sonderausgabe der Wochenzeitschrift »Polityka« (11 (2005), Sonderausgabe »Niezbe˛dnik inteligenta«) von der »Flucht in die Geschichte« (poln. »ucieczka w historię«) gesprochen. Burszta stellte in seinem Text die aktuelle Gattungsentwicklung auf der ganzen Welt vor und verortete dort auch den polnischen Krimiabzweig. Voll des Lobes war Burszta, der selbst als grofler Krimi-Fan galt, in erster Linie über Marek Krajewski. Einige Zeit später hat er in Zusammenarbeit mit Czubaj das Buch Krwawa setka. 100 najważniejszych powieści kryminalnych (Warszawa: Muza 2007) herausgebracht, in dem die wichtigsten, sozialsignifikanten und für das Genre selbst bahnbrechenden Kriminalromane aus allen Herren Länder präsentiert wurden. Für den polnischen Leser, der bis 1989/90 quasi nur das Vergnügen hatte, sich mit den Übersetzungen von Christie, Doyle oder Chandler auseinanderzusetzen einerseits, und auf den heimischen Agitpop-Miliz-Krimi angewiesen war andererseits, war die Textsammlung von Burszta/Czubaj wie eine Einladung in eine völlig neue, fremde und nicht explorierte Literaturwelt mit dem Signum ›Blut und Mord‹.
97 Siehe Cheauré, Elisabeth: Russland im Strudel des Verbrechens. Geschichte und nationale Identität in Krimis von B.[oris] Akunin. In: Korte, Barbara/ Paletschek, Sylvia (Hg.): Geschichte im Krimi. Beiträge aus den Kulturwissenschaften. Köln: Böhlau 2009, S. 183–204; Richmond-Garza, Elizabeth: Detecting Conspiracy: Boris Akunin’s Dandiacal Detective, or a Century in Queer Profiles from London to Moscow. In: Nilsson, Louise/ Damrosch, David/ D’haen, Theo (ed.): Crime Fiction as World Literature. London/New York: Bloomsbury 2017, S. 271–289; Liebig, Anne: The dissident is dead. Long live the dissident – Boris Akunin and popular literature as counterculture under Putinism. In: »FORUM. University of Edinburgh Postgraduate Journal of Culture & the Arts« 26 (2018), S. 1–13. URL: http://www.forumjournal.org/article/view/2773/3846 / letzter Zugriff am 16. Januar 2023. Mit Boris Akunin, einem großen Kritiker von Wladimir Putin, hat sich die Kriminalliteraturwissenschaft bisher sehr spärlich auseinandergesetzt – mit wenigen Ausnahmen. Erst 2021 ist ein Sammelband zu Akunin in englischer Sprache erschienen. In dem Klappentext wird die Ausnahmestellung der Beitragssammlung als »the first book to study the fiction and popular history« von Akunin exponiert (Baraban, Elena V./ Norris, Stephen M. (ed.): The Akunin Project: The Mysteries and Histories of Russia’s Beststelling Author. Toronto: University of Toronto Press 2021). Und 2024 veröffentlichte der deutsche Slawist Norbert P. Franz seine Studie Der russische Krimi. Buch und Film. Von Škljarevskij bis Akunin (Potsdam: Universitätsverlag Potsdam 2024), in der er Akunin ein eigenes Kapitel widmet, wo er u. a. auf die Rolle der Geschichte zu sprechen kommt. »Als historische Kriminalromane«, schreibt Franz, »erinnern Akunins Texte die mit Russland vertrauten Leser auch an ihre Kenntnisse der russischen Geschichte, so wie sie sie aus den Schulbüchern, Filmen und erzählenden Texten gewonnen haben. […] Im Sinne eines historischen Romans füllen Akunins Romane ›Lücken‹, die die Geschichtswissenschaft gelassen hat – und die für die Fachhistoriker auch keine wirklichen Lücken sind« (S. 414).
98 Geppert, Hans Vilmar: Der »andere« historische Roman. Theorie und Strukturen einer diskontinuierlichen Gattung. Tübingen: Max Niemeyer 1976, S. 34. Mit Blick auf den Zwitter-Charakter des historischen Romans spricht Geppert an einer anderen Stelle von einer »Hybride [des] Erzählens« (Geppert, Hans Vilmar: Der Historische Roman. Geschichte umerzählt – von Walter Scott bis zur Gegenwart. Tübingen: Francke 2009, S. 1). Historische Romane sind erstens keine Geschichtsbücher (Prange, Peter: Zehn Thesen zum historischen Roman. In: Korte, Barbara/ Paletschek, Sylvia (Hg.): History goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld: transcript 2009, S. 61–64, hier S. 61), geschweige denn Reproduktionen oder Abbilder der Geschichte (ebd., S. 62 u. S. 64); historische Romane sind Sinnbilder der Geschichte, die die Geschichte benutzen, um ein gewisses Ziel zu erreichen und eine gewisse Aufgabe zu erfüllen: »Der historische Roman der Postmoderne fiktionalisiert Geschichte, er verwissenschaftlicht nicht Fiktion« (Grimm, Florian: Reise in die Vergangenheit, Reise in die Fantasie? Tendenzen des postmodernen Geschichtsromans. Frankfurt (M.): P. Lang 2007, S. 65). Im Grunde sind Geschichtsromane Entwicklungsromane nicht über die historische Vergangenheit, die narrativ durchforstet wird, sondern mehr oder weniger Gegenwartsromane, die anhand einer ästhetischen Geste […] [eine] Ganzheit von Vergangenheit und Gegenwart« zusammensetzen und rekonstruieren (Potthast, Barbara: Die Ganzheit der Geschichte. Historische Romane im 19. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein 2007, S. 55) und eine »Rhetorik des Damals-und- Heute« präsentieren (Nünning, Ansgar: Von historischer Fiktion zu historiographischer Metafiktion. Bd. 1: Theorie, Typologie und Poetik des historischen Romans. Trier: WVT 1995, S. 106). In der Verhüllung der Geschichtlichkeit soll die Gegenwart in einem neuen, anderen Licht erscheinen und so entblößt werden. Historische Romane entstehen immer aus »Ungenügen an der Gegenwart«, bemerkt Geppert (Geppert, Der Historische Roman, S. 10), und Florian Grimm setzt im Hinblick auf den postmodernen Geschichtsroman hinzu, dass die »Vergangenheit moderner als die Gegenwart« erscheint (Grimm, Reise in die Vergangenheit, S. 31).
99 Müller-Dietz, Heinz: Recht und Kriminalität in literarischen Spiegelungen. Berlin: BWV 2007, S. 251.
100 Geschichte wurde zu wichtiger Komponente »populärkultureller Repräsentationen«, urteilen Barbara Korte und Sylvia Paletschek (Geschichte in populären Medien und Genres: Vom historischen Roman zum Computerspiel. In: Korte, Barbara/ Paletschek, Sylvia (Hg.): History Goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres. Bielefeld: transcript 2009, S. 9–60, hier S. 9). Solche »Geschichtskultur« erfülle den Zweck, Identität(en) zu bilden (S. 10), um somit die Bedürfnisse der Leserschaft zu stillen. Angedeutet wird die Machbarkeit der Geschichte (S. 18), ein Spiel mit der Geschichte, die von den Ketten der Historiker befreit wird und die Diskursebene beeinflusst.
101 Korte, Barbara/Paletschek, Sylvia: Geschichte und Kriminalgeschichte(n): Texte, Kontexte, Zugänge. In: Korte, Barbara/ Paletschek, Sylvia (Hg.): Geschichte im Krimi. Beiträge aus den Kulturwissenschaften. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2009, S. 7–27, hier S. 7.
102 Zwaenepoel, Dem guten Wahrheitsfinder auf der Spur, S. 56.
103 »Krimis sind offensichtlich weder realistische Romane oder Dokumentationen noch fantastische oder vollständig alltagsferne Geschichten« (Wigbers, Melanie: Krimi-Orte im Wandel. Gestaltung und Funktionen der Handlungsschauplätze in Kriminalerzählungen von der Romantik bis in die Gegenwart. Würzburg: Königshausen & Neumann 2006, S. 25).
104 Achim Saupe (Der Historiker als Detektiv – der Detektiv als Historiker. Historik, Kriminalistik und der Nationalsozialismus als Kriminalroman. Bielefeld: transcript 2009, S. 20) fragt so nach der »Geschichtsschreibung als detektivische Narration« begriffen; es gebe »Interdependenzen von Geschichtsschreibung und Kriminalliteratur« (S. 26).
105 Cheauré, Russland im Strudel des Verbrechens, S. 186.
106 Korte/ Paletschek, Geschichte und Kriminalgeschichte(n), S. 12.
107 Ebd.
108 Dazu siehe u. a. Peltier, Josiane: Didier Daeninckx and Michel de Certeau: A Historiography of Affects. In: Mullen, Anne/ O’Beirne, Emer (eds.): Crime Scenes. Detective Narratives in European Culture since 1945. Amsterdam/Atlanta, GA: Rodopi 2000, S. 269–280; Gorrara, Claire: Tracking down the Past: The Detective as Historian in Texts by Patrick Modiano and Didier Daeninckx. In: Mullen, Anne/ O’Beirne, Emer (eds.): Crime Scenes. Detective Narratives in European Culture since 1945. Amsterdam/Atlanta, GA: Rodopi 2000, S. 281–290; Wortmann, Anke: Die tragische Weltsicht im Werk von Didier Daeninckx. In: Pöppel, Hubert (Hg.): Kriminalromania. Tübingen: Stauffenberg 1998, S. 145–162; Müller, Elfriede/Ruoff, Alexander: Histoire noire. Geschichtsschreibung im französischen Kriminalroman nach 1968. Bielefeld: transcript 2007.
109 Zu Kerr siehe v. a. das Kapitel »Der hartgesottene Detektiv in Nazi-Deutschland: Philip Kerrs March Violets« in Kniesche, Thomas: Spuren lesen und Zeichen deuten. 11 Versuche zum Kriminalroman. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2023, S. 260–292; Major, Laura: Fictional Crimes/Historical Crimes: Genre and Character in Philip Kerr’s Berlin Noir Trilogy. In: »Genealogy« 3.60 (2019), S. 1–11. doi:10.3390/genealogy3040060 / letzter Zugriff am Mai 2024; Berberich, Christine: Philip Kerr, ›Berlin Noir‹, and the (Problematic) Representation of History. In: »Central European History« 55 (2022), S. 596-602; Herzog, Todd: ›Nazi Noir‹: Deutsche Detektive und deutsche Verbrecher im englischsprachigen Kriminalroman. In: Friedrich, Hans-Edwin/ Ort, Claus-Michael (Hg.): Recht und Moral. Zur gesellschaftlichen Selbstverständigung über »Verbrechen« vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Berlin: Duncker & Humblot 2015, S. 461–471; Saupe, Achim: Der Nationalsozialismus als historischer Kriminalroman. Erzählte Geschichte und Konstruktion der Vergangenheit in Philip Kerrs Trilogie ›Berlin Noir‹. In: Franceschini, Bruno/Würmann, Carsten (Hg.): Verbrechen als Passion. Neue Untersuchungen zum Kriminalgenre. Berlin: Weidler 2004, S. 205–222.
110 Colombi, Matteo: Der ost- und ostmitteleuropäische Krimi zwischen Gattung und Region. In: Colombi, Matteo (Hg.): Stadt – Mord – Ordnung. Urbane Topographien des Verbrechens in der Kriminalliteratur aus Ost- und Mitteleuropa. Bielefeld: transcript 2012, S.11–27, hier S. 13.
111 Alewyn, Anatomie des Detektivromans, S. 52.
112 Dieser Begriff entlehnt von: Nusser, Der Kriminalroman, S. 11.
113 Burszta, Wojciech J.: Kryminał: żywioł i forma (wstęp). In: Dalasiński, Tomasz/Markiewka, Tomasz Szymon (red.): Kryminał – gatunek poważ(a)ny? Kryminał a medium (Literatura – teatr – film – serial – komiks, red. Toruń: ProLog 2015, S. 11–15, hier S. 11.
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Wolfgang Brylla – seine Texte bei uns hier.
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Dr. Wolfgang Brylla ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Zielona Góra, Polen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kriminal- und Stadtliteratur sowie Populärkultur.
Siehe auch von ihm:
W.B./ Schmidt, Maike (Hrsg.): Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen. Göttingen 2022
W.B./ Maike Schmidt (Hg.): Der ›Frauenkrimi‹ in Ost und West. Diskursive Verhandlungen einer Subgattung. Göttingen 2023
W.B./ Oliver Ruf (Hg.): TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform. Göttingen 2024
Im Februar 2026 erscheint: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit.























