Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Einige Filmbücher – Sechste Lieferung

Filmbücher sind eine eher aussterbende Spezies. Alf Mayer hat wieder einige besprochen, hier unsere sechste Lieferung:

Lisa Gotto (Hg.): Ein Gespräch mit Dominik Graf. Augenblick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft
Michael Lee Nirenberg: Cinematic Immunity: An Oral History of New York Filmmaking as Told by the Crews That Got the Shot
Rainer Rother: Muster der Propaganda. Filme des Nationalsozialismus
Kerstin Steitz: Fritz Bauer und die filmische Bearbeitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses 1963-1965
Rachel Walther: Born To Lose. The Misfits Who Made Dog Day Afternoon

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Siehe auch bei uns:

Filmbücher erste, zweite, dritte, vierte, fünfte Lieferung
sowie die Kolumnen von Dietrich Leder und Nick Kolakowski
Alf Mayer: Ein schönes Filmbuch über Bruno Ganz
Alf Mayer mit »Marlene Dietrich an der Front«
Alejandro Jodorowsky, Filmvisionär – Der Tanz der Realität
Gundolf S. Freyermuth erzählt von Wolfgang Menges »Millionenspiel« (Textauszug)
Alf Mayer über Dominik Graf: Das Land mit den schlechtesten Film-Ohrfeigen
Alf Mayer: Bewaffnete Cinephilie – Andrew Nette »Revolution in 35mm«
1400 Seiten zu Stanley Kubricks THE SHINING
»Der Noir Western 1943 – 1971«: Ein Interview mit Robert Zion
Andrew Nette/ Samm Deighan: »Revolution in 35mm«
Thomas Wörtche: »LIFE. Hollywood«
Friedemann Hahn: Kleines Requiem für Alain Delon
»Dabeisein heißt gehorchen« – Alf Mayer zur Filmarbeit von Wolf-Eckart Bühler
Bert Schmidt & Sohrab Shahid Saless – 3 x Adieu von Seeßlen/ Mayer/ Reifarth
Alf Mayer: Drei Bände über den Filmautor Sohrab Shahid Saless
Über »Being Bond. Daniel Craig – Ein Rückblick«
Alf Mayer: Am Set von DR. NO dabei – Die Geburt von 007
Alf Mayer: Frank Göhre und seine Filmarbeit – Ein Überblick
Frank Göhre: Filmografie Kino und TV
Alf Mayer: »Herzblutfilme« – Ein Gespräch mit Andreas Pflüger

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»Zeigt Nazi-Filme!« (Enno Patalas, 1963)

(AM) Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat einen Jahresetat von 100 Millionen Euro, das Digitalisierungsprogramm zum Erhalt des nationalen Filmerbes hingegen ist armselig, Deutschland hinkt anderen Ländern weit hinterher. 2025 wurden ganze 3,17 Millionen Euro für die Restaurierung und Digitalisierung von 66 Filmen freigegeben. Es sind immer noch keine zehn Prozent des deutschen Filmerbes digitalisiert, schon vor 25 Jahren hieß es, man müsse sich beeilen. Das betrifft nicht nur die rund 1.200 in der Zeit des »Dritten Reichs« entstandenen Spielfilme. Aber auch sie.

Von denen stehen bis heute 44 unter Verschluss, dürfen nur eingeschränkt und nur mit fachkundiger Begleitung vorgeführt werden. Ein solcher Fachmann – wenn nicht gar der beste in Deutschland – ist der Filmhistoriker Rainer Rother, Jahrgang 1956, 20 Jahre Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek. Ein ganzes Berufsleben lang hat er sich schon mit dem Filmerbe der Nazi-Zeit beschäftigt. Zwei dieser »Vorbehaltsfilme« – Veit Harlans DER HERRSCHER (1937) und HITLERJUNGE QUEX (1933, Regie: Hans Steinhoff) – hat er jetzt für ein ambitioniertes Buchprojekt ausgewählt, neben Leni Riefenstahls TRIUMPH DES WILLENS (1935) und URLAUB AUF EHRENWORT (1938, Regie: Karl Ritter). Die vier Filme werden auf fast 300 Seiten ausführlich behandelt, mit viel Hintergrund.

Muster der Propaganda. Filme des Nationalsozialismus heißt das sehr empfehlenswerte Werk. Rother gelingt das Meisterstück, anhand von nur vier Filmen die nationalsozialistische Propaganda insgesamt exemplarisch zu analysieren. Er erläutert den jeweiligen Entstehungskontext der Filme, analysiert ihre Botschaften und die erzählerischen und ästhetischen Strategien. Diese Filme illustrieren, so zeigt Rother, wie die NS-Propaganda Führerstaat und »Volksgemeinschaft« verherrlichte, Geschichte umdeutete und Feindbilder konstruierte. Das legt Mechanismen der Manipulation offen. Und zwar mustergültig.

Das atemberaubend reichhaltig illustrierte und übersichtlich gestaltete, großformatige Buch (Projektleitung und Redaktion: Benjamin Weiß) reproduziert auf Seite 15 im Format 1:1 den Aufruf von Enno Patalas aus der Zeitschrift »Filmkritik«, Nummer 9/63: »Zeigt Nazifilme!« Nur so ergäbe sich als Ergebnis, so der spätere langjährige Leiter des Münchner Filmmuseums im Jahr 1963, »was der deutsche Film nach dem Kriege nicht geleistet hat«. Nämlich: »das Verhalten des deutschen Volkes unter Hitler den Nachgewachsenen zu deuten… wer den Kinobesucher von 1940 zu erklären vermöchte, würde damit auch den Mitläufer erklären.«

Es ist richtig, dass jede Generation der Nachgeborenen den eigenen Umgang mit dem deutschen Filmerbe – auch dem ungemütlichen und gefährlichen – finden muss. Je genauer die NS-Filme und ihre Strategien verstanden werden, desto mehr »sprechen« sie zu uns. Desto hilfreicher die Auseinandersetzung mit manipulativer Ideologie und der angemessene Umgang. Dieses Buch leistet dafür außergewöhnlich fundierte Hilfe. Im Anhang gibt es eine Chronik des Films im Nationalsozialismus, ein Glossar, die Erklärung von Fachbegriffen sowie Literaturhinweise. Nicht nur die Qualität der Abbildungen ist stupend. Der Preis von 7,50 Euro für das Buch ist ein echter Beitrag zur Staatsbürgerkunde.

Rainer Rother: Muster der Propaganda. Filme des Nationalsozialismus. Reihe Zeitbilder, Bundeszentrale für politische Bildung, bpb, Bonn 2026. Hardcover, 366 Seiten, Format 21,4 x 26,5 cm, 350 Abbildungen, 7,50 Euro. – Erhältlich im Shop der BPB.

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Master Class, querfeldein

(AM) Solch eine Gesprächspartnerin muss man sich eigentlich schnitzen. Lisa Gotto, Professorin für Theorie des Films am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien, unterhält sich einen Tag lang (es war am 12. Februar 2025) mit einem Filmregisseur über dessen Werk: »Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens.« Ein Gespräch mit Dominik Graf. Es geht um 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert immerhin, um Sehnsüchte und Sackgassen, um Formate, Förderroutinen, Verdrängungen. Um Autorschaft und künstlerische Komplizenschaft, um Klang, Körper, Räume und Rhythmen, um das Verhältnis von Kino und Fernsehen, von West- und Ostdeutschland, von Erinnerung und Gegenwart. Um eine Mischung aus Werkgeschichte, persönlicher Geschichte, Medien- und Mentalitätsgeschichte. Und immer auch über die Ausnahmen von der Regel: »Ausnahmen gibt es, ja, aber im 1:10.000-Verhältnis, zehntausendmal Routineschrott kommt auf eine Perle«, so Graf.

Die beiden haben bereits beim Filmbuch »Kino unter Druck. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang« (Alexander Verlag, 2021) zusammengearbeitet, das verkürzt die Wege, verdichtet den Dialog. Ergibt eine hochinteressante Master Class, mit 78 Abbildungen illustriert. Eine echte Perle der 1985 gegründeten Zeitschrift »AugenBlick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft«.

Dominik Graf ist ein unglaublich weit gefächerter Regisseur, Kino und Fernsehen, Autor, Essayist, Hörspielmacher, Dokumentarist, Chronist, Komponist. Sein Essay über Nachkriegskörper, »HUNDE WOLLT IHR EWIG LEBEN? Einige Männerbilder und ihre Darstellungsstile im west-deutschen Nachkriegsfilm« (2017), ist der meist aufgerufene Beitrag aus unserem Archiv. Unbedingt ebenfalls noch zur Lektüre empfohlen: Eines der schönsten und lebendigsten Filmbücher der letzten Jahre stammt von ihm: »Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei« (C.H. Beck, 2025), siehe meine Besprechung »Das Land mit den schlechtesten Film-Ohrfeigen«.

Lisa Gotto (Hg.): »Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens.« Ein Gespräch mit Dominik Graf. AugenBlick – Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft, Nr.95. Schüren Verlag, Marburg 2026. 140 Seiten, 78 Abbildungen, 12,90 Euro. – Verlagsinformationen.

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Wirkt bis heute nach

(AM) Der Frankfurter Auschwitz-Prozess Anfang der 1960er Jahre ist ein frühes Beispiel für die juristische Aufarbeitung der NS-Vernichtungspolitik. Initiiert wurde er vom Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Dass das deutsche Strafrecht einer effektiven Strafverfolgung dieses systematischen Massenmordes enge Grenzen setzte, war ihm klar. Bauer appellierte deshalb an die Dichtkunst, in ihren Werken das auszusprechen, wozu der Prozess selbst nicht in der Lage war. »Der Auschwitz-Richter züchtigt, der Auschwitz-Dichter sollte erziehen. Diese Arbeitsteilung ist notwendig, und ich als Jurist sage Ihnen, wir Juristen in Frankfurt haben erschreckt aufgerufen, mit ganzer Seele gerufen, nach dem Dichter, der das ausspricht, was der Prozess nicht im Stande ist«, so Bauer 1965 bei einer Podiumsdiskussion zur Erstaufführung »Die Ermittlung« von Peter Weiss.

Kerstin Steitz untersucht exemplarisch in ihrer Studie Fritz Bauer und die filmische Bearbeitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses 1963-1965 fünf Texte und Filme, die sich kritisch mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess beschäftigen. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie zu einem eigenen Urteil herausfordern. Sie wecken Empathie. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Prozess wirkt bis heute nach, belegt das Buch. Dieses Buch ist eine Wirkungsgeschichte der besonderen Art. Zurecht war es für den Willy-Haas-Preis nominiert.

Dabei konnte die in Norfolk/ Virginia lehrende Autorin den im Juli 2024 uraufgeführten Film DIE ERMITTLUNG von RP Kahl noch gar nicht berücksichtigen. In dessen Credits wird der 1982 verstorbene Dramatiker Peter Weiss als Drehbuchautor genannt. Das ist nicht kokett, sondern korrekt, denn der künstlerisch-streng inszenierte 240-Minuten-Film beruht Wort für Wort auf dessen »Oratorium in 11 Gesängen« von 1965, das wiederum auf persönlichen Aufzeichnungen, Zeitungsartikeln und Protokollen des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963–1965) gründet. RP Kahl hat dafür einen Weg gefunden, das visuelle Medium Film ganz vom Wort her zu denken.

Kerstin Steitz: Fritz Bauer und die filmische Bearbeitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses 1963-1965. Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 304 Seiten, 26 Euro.

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»Attica! Attica!«

(AM) Eine jener Geschichten, die man sich nicht ausdenken kann, das ist die von »Hundstage«, dem Film von Sydney Lumet aus dem Jahre 1975. Fünfzig Jahre ist das nun her, den Atem verschlägt einem der Film noch heute. Der Autor Johannes Groschupf und ich haben vor ein paar Jahren das Exempel gemacht und den Film in Verbindung einer Lesung gezeigt. War keine Sekunde langweilig. »Dog Day Afternoon«, so der Originaltitel, spielt fast in real time an einem Nachmittag in Brooklyn. Sonny Wortzik (Al Pacino), Salvatore »Sal« Naturile (John Cazale) und ihr Kumpel Stevie (Gary Springer) wollen eine Bank überfallen, doch Stevie verlässt die Courage schon zu Beginn und er steigt aus. Den anderen beiden wird auch noch so einiges misslingen. Aus einem »kleinen Spaziergang« wird ein für alle zermürbendes Geiseldrama im Belagerungszustand, wobei ein irrer Massen- und Medienhype das Ganze zusätzlich verkompliziert. Dabei wollte Sonny, der trotz Frau (Susan Peretz) und Kindern in zweiter Ehe zeitgleich mit Leon Shermer (Chris Sarandon) verheiratet ist, seinem/seiner Geliebten aus der Beute nur die geschlechtsangleichende Operation finanzieren …

Klingt verrückt. Ist aber wahr. Der Raub, der in eine 14-stündige Geiselnahme mündete, geschah 1972 in Brooklyn, zu einer Zeit als John Lindsay New Yorks Oberbürgermeister war. Der Film basiert auf dem Artikel »The Boys in the Bank«, der am 22. September 1972 im Life-Magazin erschien. Unter der Regie von Sidney Lumet wurde der Film zu einem Klassiker des »New Hollywood«-Kinos, der sich an die Kritik institutioneller Autorität, Medienpräsenz und LGBTQ+-Themen wagte. Der Film gewann einen Oscar für das beste Originaldrehbuch und erhielt fünf weitere Nominierungen.

Al Pacino und John Cazale hatten gerade zusammen »Der Pate II« abgedreht, Pacino machte sich für seinen Freund stark obwohl die Rolle (und die Realität) auf einen jüngeren Darsteller gemünzt war. Cazale stiehlt die Show, er brachte es nur auf fünf Filme, ehe er mit 42 Jahren 1978 kurz nach der Premiere von »The Deer Hunter« an Lungenkrebs starb. Die bei San Francisco lebende Noir-Spezialistin Rachel Walther (die Filmessays auf ihrem Blog hier) taucht für Born To Lose. The Misfits Who Made Dog Day Afternoon in die Geschichte des Films, seine irrwitzig realen Hintergründe und in den Zeitgeist, hat dazu ausgiebig recherchiert. »Fiction«, »Fact«, »Legacy« heißen die drei Hauptkapitel.

Die glücklosen Bankräuber des Films sind »der Einbruch der proletarischen Wirklichkeit ins Heist-Filmgenre«, hat der Siegfried-Kracauer-Stipendiat Leo Geisler sehr richtig bemerkt (hier im Filmdienst dokumentiert). Als Sonny (Al Pacino) seinen Komplizen Sal (John Cazale) fragt, in welches Land er fliehen will, sollte es ihnen gelingen, mit ihren Geiseln ein Flugzeug vom amerikanischen Staat zu erpressen, antwortet er: »Wyoming.« Ebenfalls ins popkulturelle Gedächtnis ein ging der wie improvisiert wirkende Ausruf »Attica! Attica!«, mit dem Pacino, die ausgestreckte Faust geballt, gegen die Polizeimacht demonstriert und sich der Sympathie der Menge versichert. Im September 1971 revoltierten fast 1300 Insassen des Attica-Hochsicherheitsgefängnisses in New York, bei der gewaltsamen Erstürmung kamen 32 Häftlinge und 11 Angestellte ums Leben.

Lumet probte mit seiner Besetzung drei Wochen in der realen Chase-Bank in Brooklyn, wo der Überfall tatsächlich stattgefunden hatte, und er ermunterte die Darsteller zum Improvisieren. Der Regieassistent Burtt Harris hatte dann die spontane Idee zu dem Protestausruf. So schreibt sich Filmgeschichte.

Rachel Walther: Born To Lose. The Misfits Who Made Dog Day Afternoon. Headpress, London 2026. 152 Seiten, GBP 17,99.

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Immunität für Filmemacher, die ins Risiko gehen

(AM) Natürlich hat auch DOG DAY AFTERNOON mehrfach Auftritt in diesem berauschend detaillierten und wilden Oral-History-Buch von Michael Lee Nirenberg, das zu beschaffen sich lohnt. Sein Titel: Cinematic Immunity: An Oral History of New York Filmmaking as Told by the Crews That Got the Shot. Es erzählt die Geschichte der New Yorker Filmindustrie von 1954 bis 9/11 und nimmt dabei von A bis Z die Perspektive der in diesem Medium Beschäftigten ein – jenseits der Stars. Schaut hinter die Kulissen. Befragt die Crews. Versorgt uns mit dem wahren Hintergrund ikonischer Filmszenen.

Nirenberg arbeit selbst als »scenic artist« (Bühnenbildner) seit 2006 in New York in der Filmindustrie, viele der im Buch auftretenden Personen sind Kollegen. Es sind Interviews auf Augenhöhe, die er für das Buch geführt hat – mehr als 150 an der Zahl. Dazu gibt es Hunderte Set-Fotos von hinter den Kulissen, teils stammen sie aus Studio-Archiven, oft aber von den Technikern und Produktionsmitgliedern selbst. Der Hauptfokus liegt auf den Jahren, die als die Goldene Zeit gesehen wird: von 1950 bis 1990, von ON THE WATERFRONT bis zu THE SOPRANOS.

Das Cover zeigt THE TAKING OF PELHAM 123 (1974), die Dreharbeiten im laufenden U-Bahnbetrieb waren haarsträubend, die Verfolgungsjagden in FRENCH CONNECTION Geschichten, die man noch den Urenkeln erzählen kann. Dabei stehen nicht Stars und Regisseure im Vordergrund, sondern die Menschen, die tatsächlich all diese Filmmomente für die Ewigkeit zustande brachten. Der Titel des Buches bezieht sich auf einen Begriff, der sich etablierte, während John V. Lindsay New Yorks Bürgermeister war. Ein Teil der Anziehungskraft für die Filmindustrie während seiner Amtszeit war die »filmische Immunität«, die er garantierte, indem Polizei und Behörden und zu außerordentlicher Kooperation und zum Wegsehen aufgefordert waren. Als Filmproduktion konnte man in dieser Zeit mit Dingen davonkommen, die zuvor schlicht unmöglich gewesen wären. Die für Drehgenehmigungen zuständige Beamtin war eine Frau namens Mary Imperato. Sie machte das Unmögliche möglich. Ein Regieassistent erinnert sich: »Wenn der Produktionsleiter bei ihr anrief und sagte, können wir den ganzen Lincoln Tunnel für eine Nacht haben, war sie es, die das ohne Wimpernzucken möglich machte.«

Viele Szenen, für die Scorsese berühmt ist oder Coppola mit DER PATE, William Friedkin mit CRUISING, John Schlesinger mit MIDNIGHT COWBOY, John Carpenter mit DIE KLAPPERSCHLANGE – und hunderte Filme mehr – wären ohne diese »New Yorker Immunität« nicht zustande gekommen.

Michael Lee Nirenberg: Cinematic Immunity: An Oral History of New York Filmmaking as Told by the Crews That Got the Shot. Feral House, Port Townsend/ WA 2026. 488 Seiten, Paperback, USD 39.95.

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