Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Einige Filmbücher – kurz besprochen (2)

Besprechungen von Alf Mayer – und ein Abschied von Hans Helmut Prinzler (hhp):

Dwayne Epstein: Killin‘ Generals. The Making of The Dirty Dozen
Esther Kinsky: Weiter Sehen
Michael Petzel: Filmstadt Göttingen. Ein Kapitel deutscher Filmgeschichte
Catherine Russell: The Cinema of Barbara Stanwyck
Volker Schlöndorff. Von Wiesbaden in die Welt. Ausstellungskatalog
Robert Zion: Fritz Lang in Amerika

Hans Helmut Prinzler (1938 – 2023)

(AM) Ein herber Verlust für die Filmkultur und extrem sogar für die Filmbuch-Kultur in unserem Land war jetzt im Sommer der Tod von Hans Helmut Prinzler. Er war Filmhistoriker und Publizist, zehn Jahre Studienleiter  an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, weitere zehn Abteilungsleiter in der Stiftung Deutsche Kinemathek, verantwortlich für Veranstaltungen und Publikationen, Leiter der Retrospektive der Berlinale, 16 Jahre Vorstand der Stiftung Deutsche Kinemathek, sechs Jahre Direktor des Filmmuseums Berlin – und über Jahrzehnte Monat für Monat hierzulande der wohl regelmäßigste Rezensent von Filmliteratur. Seine immer noch zugängliche Internetseite bildet das ab. Gehen Sie dort ruhig auf Zeitreise. Noch im Februar hielt er Rückblick auf seine 62 Berlinalen (Link dazu hier).

Hans Helmut war ein überaus angenehmer Zeitgenosse, immer auch an Hinweisen auf interessante Kriminalautoren und Kriminalromane interessiert. Es ließ sich wunderbar mit ihm fachsimpeln. Farewell! – Das Foto von ihm stammt von Helga Paris. Wir hatten immer carte blanche, seine Buchbesprechungen zu übernehmen, nun also als Salut noch einmal bei uns sein Kürzel hhp.

Wohin mit dem Blick?

(hhp) Esther Kinskys Romanessay Weiter Sehen ist eine wunderbare Hommage an die Magie des Kinos. Die Ich-Erzählerin entdeckt auf einer Reise durch den Südosten Ungarns ein Lichtspielhaus, das seine Pforten geschlossen hat. Das „Mozi“ war früher ein Mittelpunkt des Ortes, jetzt ist es verwaist. Sie beschließt, das Kino zu erwerben, sorgt für die entsprechende Ausstattung, findet Personal für die Betreibung und erlebt die Wiedereröffnung. Damit ist ein Traum für sie in Erfüllung gegangen. Nach zwei erfolgreichen Jahren kann sie das Kino verkaufen und in ihre Heimat zurückkehren.

Als Esther Kinsky 16 Jahre später den Ort wieder besucht, gibt es das „Mozi“ nicht mehr. Die Sessel sind aus der Verankerung gerissen, der Zuschauerraum ist verwüstet, nur die Leinwand steht an ihrem alten Platz. Weiter Sehen ist nicht mehr möglich. Der Text hat viele bewegende Momente, wir begegnen Menschen, deren Leben lange mit dem Kino verbunden war – Vorführer, Platzanweiserinnen, Kartenverkäuferinnen – und erinnern uns an eigene Kinoerfahrungen. Unbedingt lesenswert.

Esther Kinsky: Weiter Sehen. Bibliothek Suhrkamp Band 1544. Suhrkamp Verlag, Berlin 2023. 186 Seiten, Hardcover, 24 Euro.

Frühe Filmschule im Biebricher Schloss

(AM) Die seinem Lebenswerk gewidmete Ausstellung in Wiesbaden war äußerst kurz, nur einen Monat lang zu sehen (19.5. bis 18.6.2023), schon strange. Was aber bleibt ist ein ungewöhnlich schöner Katalog, schlicht Volker Schlöndorff betitelt. Da hat sich das Kulturamt der Stadt Wiesbaden nicht lumpen lassen, sondern unterstützt vom DFF (Deutsches Filminstitut Filmmuseum) und dem Kulturfonds Rhein-Main richtig ins Zeug gelegt – bzw. dem erfahrenen Hans-Peter Reischmann für Idee, Kuratorium und Redaktion viel freie Hand und vor allem ausreichend Mittel gegeben.
Gestaltet von Karl-Heinz Best, reich illustriert, solide gebunden, Papier und Schriften im Impressum genannt (wie es sich gehört), ist dies eine formidable Werkschau für einen der großen zeitgenössischen deutschen Regisseure. Im Mai 2023 erhielt er (endlich) den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises. Hans-Peter Reichmann erzählt anschaulich, wie er Schlöndorffs Archivalien für das DFF eingesammelt hat: „Bin ich tatsächlich schon museumsreif?“ Es wäre nicht der erste Deal dieser Art – wir machen dir eine Ausstellung und bekommen deine Sammlung –, um jetzt verkünden zu können, dass die drei Archive von Volker Schlöndorff, Reinhard Hauff sowie der Bioskop Film und Munich Animation von Eberhard Junkersdorf dauerhaft in den Besitz des DFF übergegangen sind.

Das ist gut und richtig so. Der Katalog gewährt einen Blick in diese Schatzkisten. Alleine die Doppelseite 90/91 mit 32 Filmplakaten ist eine Zeitreise. Schlöndorff selbst erinnert sich an zwanzig wichtige Filme seines Lebens. David Schuster richtet den Blick auf die in Amerika entstandenen Filme. Philipp Dominik Keidl sucht den Regisseur im Internet. Es gibt spannende Einblicke in Recherchematerialien, Arbeitsdreh- und Notizbücher, Skripte, Requisiten, Preise, Urkunden, Plakate und dazu zahlreiche Fotos, auch aus dem Privatalbum. Bettina Buchler und Kathrin Zeitz verorten drei Schlöndorff-Filme zwischen Filmbewertung und Förderung.

Bis auf eine kleine Erwähnung im Grußwort des Oberbürgermeisters findet (auch im Text der heutigen FBW-Direktorin) kein Aufhebens, dass der in Wiesbaden-Biebrich aufgewachsene junge Schlöndorff seinen frühen Filmgeschmack an einem ungewöhnlichen Ort prägen konnte: nämlich in der Rotunde des Schlosses Biebrich, wo die Bewertungsausschüsse der Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) über die Prädikate „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ entschieden – und so konzentriert wie zu dieser Zeit an keinem anderen Ort in Deutschland die internationale Filmkunst zur Sichtung versammelt war. Der Arztsohn und Gymnasiast Schlöndorff, später auch Dauergast der Cinémathèque francais, genoss dort in den 1950ern, weil er dem Filmvorführer half, eine einzigartige Filmschule.

Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden – Kulturamt (Hg.): Volker Schlöndorff. Von Wiesbaden in die Welt. Ausstellungskatalog. Idee, Kuratorium und Redaktion Hans-Peter Reischmann. Stadt Wiesbaden, Wiesbaden 2023. 160 Seiten, Hardcover, viele Abb., 19 Euro. Zu beziehen über das Kulturamt der Stadt Wiesbaden, Email: kultur(at)wiesbaden.de

Nicht hoch genug zu loben

(AM) Blinde Wut/ Gehetzt/ Du und ich/ Rache für Jesse James/ Überfall der Ogalalla/ Menschenjagd/ Auch Henker sterben/ Ministerium der Angst/ Gefährliche Begegnung/ Straße der Versuchung/ Im Geheimdienst/ Geheimnis hinter der Tür/ Das Todeshaus am Fluß/ Der Held von Mindanao/ Engel der Gejagten/ Vor dem neuen Tag/ Gardenia – Eine Frau will vergessen/ Heißes Eisen/ Lebensgier/ Das Schloß im Schatten/ Bestie/ Jenseits allen Zweifels: Zwanzig Jahre, zweiundzwanzig Filme, darum geht es, stenografisch verkürzt, im Ausnahme-Filmbuch Fritz Lang in Amerika von Robert Zion. Der ist kein Lehrstuhlinhaber mit Notwendigkeit für einen Beschäftigungs-Nachweis, sondern ein kundiger und enthusiastischer Cineast mit Erkenntnisinteresse. Das Buch, das er vorlegt, ist ebenso ungewöhnlich wie scharfsichtig, geradezu altmodisch gediegen in seiner filmtheoretischen Architektur und in seinen Bezügen – eine äußerst gehaltvolle Arbeit. Konzentriert. Essentiell. Unverzichtbar.

Was sagt es über den Stand der verbeamteten Filmwissenschaft, wenn das klügste und anschaulichste Filmbuch des Jahres – das war es übrigens auch für den verstorbenen Hans Hellmut Prinzler – von außerhalb des akademischen Betriebes kommt? Nämlich aus dem Umfeld des 35 Millimeter Retro-Magazins, das die Erinnerung an die analoge Filmkunst mit bereits schon 50 Ausgaben hochhält. Robert Zion hat für die Fritz-Lang-Filme nicht nur ein besonderes Analyse-Schema entwickelt, er setzt seine Betrachtungen stets auch zu den Erkenntnissen der anderen Lang-Biografen in Bezug: zur Arbeit von Norbert Grob, Frieda Grafe, Lotte Eisner, Cornelius Schnauber, Patrick McGilligan, Dieter Dürrenmatt. Zu dem zweibändigen Werk gehört ein Bildband mit exquisit reproduzierten Szenenfotos und Illustrationen, durch ein Register zugänglich erschlossen. Vom Buch selbst können Sie sich mit unserem Textauszug – es ist das Kapitel zum Kriminalfilm „The Big Heat“ – selbst einen Eindruck machen. Und vom Autor in einem ausführlichen Interview, das ich mit Robert Zion geführt habe.

Robert ZionFritz Lang in AmerikaVerlag 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin, Saarbrücken 2023. 2 Bände im Schuber, 224 Seiten Textband + 112 Seiten Bildband, 140 Abbildungen, Filmografie, Zeittafel, Index, zusammen 336 Seiten, 24,50 Euro. – Erste Auflage bereits so gut wie vergriffen. 
Mailkontakt: info@35mmretrofilmmagazin.de

„Gedreht im Filmatelier Göttingen“

(AM) Es muss einen dieser Tage freuen, wenn ein bildträchtiges Buchprojekt in angemessener, wenn nicht gar in Wunschform seine Premiere feiern kann. Michael Petzel ist das mit Filmstadt Göttingen. Ein Kapitel deutscher Filmgeschichte rundum gelungen, dies punktgenau zum 75. Gründungstag der „Filmatelier Göttingen GmbH“ am 21. August 1948. Im Breitwandformat und mit hervorragenden Reproduktionen fächert sich auf 288 großzügig gestalteten Seiten ein Hauch der bundesrepublikanischen 1950er Jahre auf. Heimatfilm, Arztfilm, Schwänke und Komödien und Problemfilm inklusive. Der Neuanfang des deutschen Nachkriegsfilms – die alte Filmmetropole Berlin zerstört, die UFA-Ateliers in Babelsberg in russischer Hand – fand dezentral und eben auch in Göttingen statt, wo die Filmenthusiasten Rolf Thiele und Hans Abich auf einem ehemaligen Wehrmachtsflughafen eine leerstehende Halle fanden, die sie zu einer der modernsten Atelieranlagen nach dem Weltkrieg ausbauten. Buchstäblich im Rucksack wurden die ersten technischen Geräte aus Berlin nach Göttingen transportiert.

In den folgenden Jahren entstanden bei der „Filmatelier Göttingen GmbH“ viele Kinofilme, darunter Kassenerfolge wie „Hunde wollt ihr ewig leben“ und „Nacht fiel über Gotenhafen“, etliche Heinz-Erhardt-Komödien, dazu Melodramen und Schnulzen, Heimatfilme, zeitkritische Werke („Rosen für den Staatsanwalt“ – der vielleicht beste ‚Göttinger’ Film) und künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten wie „Es kommt ein Tag“ oder „Geliebtes Leben“. Schauspieler wie Maria Schell, Nadja Tiller, Marina Vlady, Conny Froboess, O.W. Fischer oder Hans Albers gehörten zu den Stars. Aber der Traum währte nur 13 Jahre und rund 120 Filme, von „Liebe 47“ bis zu „Der verkaufte Großvater“. Dann waren wieder Berlin und München als Filmstädte am Zug. Ende 1961 schloss das Atelier für immer seine Pforten.

Einige Titel aus dieser Zeit: Nachtwache/ Heidemelodie/ Mein Mädchen ist ein Postillion/ Ferien vom Ich/ Hallo – Sie haben Ihre Frau vergessen/ Frauenarzt Dr. Prätorius/ Das Haus in Montevideo/ Liebeskrieg nach Noten/ Ingrid, die Geschichte eines Fotomodells/ Banditen der Autobahn/ Die Barrings/ Der tolle Bomberg/ Egon, der Frauenheld/ Die spanische Fliege/ Nick Knattertons Abenteuer – Der Raub der Gloria Nylon/ Fabrik der Offiziere/ Das Wunder des Malachias. Noch bis Dezember 2023 läuft in Göttinger Kinos ein Jubiläumsprogramm.

Hans Abich übrigens, dann 1968-1973 Intendant von Radio Bremen, 1973-1978 Programmdirektor der ARD und posthum wegen verschwiegener NS-Vergangenheit in der Kritik, erlebte ich persönlich als außergewöhnlich geradlinigen Demokraten, der uns als Mit-Herausgeber von „medium“ stets den Rücken frei hielt und Mut machte.

Michael Petzel: Filmstadt Göttingen. Ein Kapitel deutscher Filmgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023. Format 28,6 x 21 cm, Gewicht: 1,4 kg. 288 Seiten, 39 Euro.

Frontschwein-Perspektive

(AM) „Antreten zum Heldentod!“, befahl das deutsche Plakat. Ich war gerade 16, als mich „Das dreckige Dutzend“ damals 1968 im Kino überfiel. Die Erinnerung an dieses eine, längst zur Spielhalle umgewidmete Kino im Allgäu ist spezifisch mit diesem einen Film verbunden. Er rollte wie ein Panzer über mich hinweg. Die ganze Schulzeit hatten uns Lehrer mit ihren Kriegserlebnissen vollgequatscht, die immer auch eine Obrigkeitserzählung war. Auf so etwas wie „The Dirty Dozen“ waren wir Nachkriegsjungs nicht vorbereitet. Heiliger Bimbam.

Dwayne Epstein zeichnet mit Killin’ Generals. The Making of The Dirty Dozen, the Most Iconic WWII Movie of All Time die Produktions- und Rezeptionsgeschichte dieser Mutter Aller Dreckigen Missions-Filme nach. Es ist ein Fest. Als Autor einer, nein DER Lee-Marvin-Biografie („Lee Marvin: Point Blank“, 2013) war Epstein wie kein anderer Schreiberling je diesem Schauspieler nähergekommen. Davon profitiert auch dieses  anekdoten- und hintergrundreiche Buch. Eigentlich war John Wayne für die Hauptrolle vorgesehen, der aber roch den antiautoritären Braten und sagte ab. Lee Marvin übernahm die Paraderolle des, sagen wir höflich, unkonventionellen Majors John Reisman, der im Zweiten Weltkrieg ein Dutzend Verbrecher rekrutiert, um hinter den Linien ein Schloss voller Wehrmachtsoffiziere anzugreifen. Ein Himmelfahrtkommando. Klassisch aufgeteilt in Rekrutierung, Training, Mission. Bis 1988 entstanden drei Fortsetzungen und eine Fernsehserie.

Fünf der „Dirty Dozen“-Hauptdarsteller hatten im Krieg gedient: Lee Marvin, Charles Bronson, Ernest Borgnine, Terry Savalas und Clint Walker. Footballstar Jim Brown war für eine Oscar-Nominierung im Gespräch, die ging dann aber an seinen Uniform-Kollegen John Cassavetes. Für Donald Sutherland war der in England hauptsächlich in Hertfordshire nördlich London gedrehte Anti-Kriegs?-, Anti-Establishment-Film der Karrierestart. Regisseur Robert Aldrich, ein Cousin von Nelson Rockefeller und aus einer wohlhabenden Rhode-Island-Dynastie, setzte sich damit – wie auch zehn Jahre später mit der Wambaugh-Verfilmung „Die Chorknaben“ – zwischen alle Stühle. Mit der aufkommenden Kritik am Vietnam-Krieg, mit Bildern von Napalm und toten Zivilisten im US-TV fand die Frontschwein-Perspektive des Films nicht nur Liebhaber: „A raw and preposterous glorification of a group of criminal soldiers who are trained to kill and then go about this brutal business with hot, sadistic zeal…“, schäumte die New York Times.

„Ein perfekt inszenierter, ebenso düsterer wie brutaler Kriegs-Thriller mit imponierenden schauspielerischen Leistungen, der jedoch Erschütterung allenfalls durch die demonstrative Abwesenheit einer moralischen und psychologischen Vertiefung und Bewertung auslöst“, befand der katholische Filmdienst. Berühmt geworden ist der letzte Satz des Films: „Boy, oh boy. Killin’ Generals could get a habit with me.“ – Der Ehrlichkeit halber sei angemerkt, dass sich Sidney Lumets „The Hill“ (Ein Haufen toller Hunde“, von 1965, mit Sean Connery) als der bessere Film deutlich besser gehalten hat.

Und da die Geschichte sich als Farce wiederholt, darf man auch daran denken, wie der Oligarch und Wagner-Chef Prigoschin im September 2022 in russischen Gefängnissen Verbrecher für den Ukraine-Krieg rekrutierte. Live-Ticker vom 29.09.23: „Putin: In der Ukraine getötete Strafgefangene haben ihre Schuld beglichen.“

Dwayne Epstein: Killin’ Generals. The Making of The Dirty Dozen, the Most Iconic WWII Movie of All Time. Citadell Press, New York 2023. Hardcover, Abb., 246 Seiten, 28 USD.

Sie hatte die Hosen an

(AM) Sie war die Königin des Film Noir (mit mehr als zehn Rollen) und der Pre-Code-Zeit, aber sie konnte auch Comedy, Melodrama und Suspense, spielte in 87 Filmen. Sie war die vielleicht beste femme fatale ever. Billy Wilder brachte ihr bei, „how to kill“, und das nicht nur mit Blicken. „I am a tough broad from Brooklyn”, stellte sie sich selbst gerne vor, sie war der Liebling von Regisseuren wie Cecil B. DeMille, Fritz Lang und Frank Capra, überzeugte als Journalistin, Krankenschwester, Spielerin, Escortgirl, Burlesktänzerin, Musikerin, Modeschöpferin, Gangsterliebchen, Diebin, Mörderin, Mutter, Ehefrau, Tochter und Geliebte oder als matriarchale Rancherin. Ihre wohl dominanteste Rolle hatte sie in Samuel Fullers Western „Forty Guns“. 

Keines der Bücher, die es über sie gibt, vermochte sie je ganz zu fassen. Das mit 1.044 Seiten umfangreichste, „A Life of Barbara Stanwyck: Steel-True. 1907 – 1941“ von Victoria Wilson (2013), kam nicht einmal bis zur Mitte ihres Lebens (1907 – 1990). Die Filmwissenschaftlerin Catherine Russell, die schon über Walter Benjamin und das klassische japanische Kino publizierte, versucht nun einen zeitgemäß neuen Absatz. Ihre Studie The Cinema of Barbara Stanwyck: Twenty-Six Short Essays on a Working Star dekliniert ein ABC dieser Ausnahme-Schauspielerin. Untersucht werden nicht nur Stanwycks viele Talente, sondern auch die Grenzen, die Frauen ihrer Zeit in Film und Fernsehen und Kleidung gesetzt waren. Wir sehen 26 Gesichter einer Frau und einer Gesellschaft.

Wurden in viktorianischen Zeiten fahrradfahrende Frauen als transgressiv angesehen, war Mitte des letzten Jahrhunderts eine reitende Frau ein ebenfalls (noch fast) verboten prickelnder Anblick. Und Stanwyck hatte viele, viele Reitszenen. Sie liebte Western, sie liebte Pferde, sie trug gern Hosen. In Hollywood galt sie als große Pferdeamazone, betrieb mit Zeppo Marx (ja, von den Brothers) und dessen Frau Marion eine Farm mit Rennpferdzucht. Als Nivel Busch, der Drehbuchautor von „The Furies“ (ebenfalls Fuller) den Set besuchte, beschwerte er sich, dass man die Hauptdarstellerin aus Versicherungsgründen auf einen „miserable fat-assed palomino“ gesetzt hatte, der kaum watscheln könne. Stanwycks Weigerung, sich für Stunts doubeln zu lassen – dies lange vor Tom Cruise –, bewog Macho John Huston dazu, das auch zu tun, um sich nicht von einer Frau ausstechen zu lassen. Russels Buch ist ebenso quecksilbrig und funkensprühend wie ihr Gegenstand, die Lektüre ein großes, erhellendes Vergnügen.

Catherine Russell: The Cinema of Barbara Stanwyck: Twenty-Six Short Essays on a Working Star. University of Illinois, Champaign, Il. 2023. 368 Seiten, 75 s-w-Abb., 29,95 USD.

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