
Alle Fotos: © Deutsche Kinemathek/ Marlene Dietrich Collection Berlin
»FOLLOW THE BOYS« – »TRYING TO KEEP THEM SMILING«
»WAR PHOTOS ON DULL PAPER« steht auf der verschlissenen Pappschachtel, in der Marlene Dietrich Aufnahmen aus ihrer Zeit als Truppenbetreuerin der US-Armee verwahrt hat. Die meisten Fotos stammen von Lin Mayberry, einer Komikerin und Mundharmonikaspielerin, keine professionelle Fotografin. Sie und »die Dietrich« waren Kameradinnen im Zweiten Weltkrieg, traten zusammen an die 500 Mal vor Frontsoldaten auf, oft ganz nahe an der Front. »FOLLOW THE BOYS«, war das Motto der Unternehmung. Marlene war Teil der amerikanischen Truppenbetreuung für die Alliierten, der United Service Organisations (USO), 1941 von Präsident Franklin D. Roosevelt ins Leben gerufen. Einzige Aufgabe: die Moral der Truppe zu stärken.

»TRYING TO KEEP THEM SMILING« steht handschriftlich unter einem Fotoabzug aus der Pappschachtel. Marlene im Abendkleid sitzt neben einem Soldaten auf einem Panzer, lächelt ihn an. Gillrath bei Heinsberg, Anfang 1945.
Sie kam ganz schön herum, von Casablanca bis Bari oder Rom, Hürtgenwald und Aachen, Pilsen, Bayern, Berlin, Bergen-Belsen und Wien, Grönland war auch dabei – das (äußerst sinnvolle) Ortsregister des Buches fast schwindelerregend. Zwischen den Auftritten macht Marlene sich nützlich, sie wäscht, putzt, kocht mit in der Feldküche, lässt sich als Übersetzerin einspannen, die formidable Mutter einer ständigen wechselnder Kompanie.
Die USO gibt es heute noch, an 250 Standorten auf der Welt, fünf davon in Deutschland. Ich selbst habe 1973 während einer Special-Forces-Ausbildung auf dem amerikanischen Truppenübungsplatz in Ansbach »Sly and the Family Stone« erlebt, wie sie uns Soldaten einheizten. Und wie! There’s a Riot Goin‘ On. Marylin Monroe trat so in Korea vor G.I.s auf, Ann Magret in Vietnam. Vielleicht erinnern Sie sich an die bunte, fremdartige Szene in Coppolas »Apocalype Now«, als Captain Willard und seine Crew um eine Flussbiegung herum in solch ein Bühnenspektakel geraten.

Marylin Monroe im Koreakrieg 
Peggy Lee in Vietnam 
»Apocalypse Now«
Der Band »Marlene Dietrich an der Front« hingegen betritt eine Welt der Schwarz-Weiß-Fotografie. Der Glamour verhalten, gefiltert, der Gestus dokumentarisch – das Sujet umso interessanter. Das sorgfältig und liebevoll gemachte Buch, eine Kooperation mit der Stiftung Deutsche Bibliothek (die Marlene Dietrichs Nachlass verwahrt), reiht sich ein in die mustergültige Editionspolitik im Kölner Greven Verlag. Eine ganze Reihe schönster Bücher fungieren dort als visuelles Gedächtnis des Rheinlands und Nordrhein-Westfalens, Zeitgeschichte wird in diesem Verlag großgeschrieben. Schöne Bücher zu machen, das versteht man in diesem Verlag. Das Papier hier: 140g Magno Natural.
Angenehm unaufgeregt ist der Ton in diesem Filmbuch der deutlich anderen Art; von den Filmzeitschriften hierzulande wurde es, soweit ich das überblicke, so gut wie nicht wahrgenommen. Reiner Burger ist ja auch »nur« Journalist. Er aber versteht sein Handwerk, beherrscht Spannungsbögen, und wann immer ich beim Lesen dachte, hier täte mehr Hintergrund gut, bekam ich ihn geliefert. Der Band ruht sich keineswegs auf seinen sensationellen Fotos aus. 124 sind es insgesamt, die meisten bisher unveröffentlicht.

Marlene in Stolberg, 29.11.1944 – in absurg glamouröser Garderobe 
Das Buch beginnt mit Marlenes erstem Auftritt auf befreitem deutschen Boden. »In the flesh!« steht auf dem improvisierten Plakat für Mittwoch, 29. November 1944, 3 Uhr nachmittags im Kino »Schauburg« in Stolberg bei Aachen, kurz hinter der schwer umkämpften Front. »WE ACTUALLY LIVED THERE, AACHEN (GERMANY)« steht handschriftlich unter einem anderen Foto. Die Dietrich posiert darauf mit einem GI vor einer üblen Hausruine, in der sie übernachtet hat. »Wir blieben ziemlich lange in Aachen«, schreibt sie in ihren 1979 erschienenen Erinnerungen. »Wir wohnten in einem zerbombten Gebäude, in dem die Badewannen im Freien hingen, aber es hatte immerhin ein Stück Dach – und darunter legten wir uns mit unseren Schlafsäcken.« Kälte, Feuchtigkeit und Ratten: »Man liegt auf dem Boden, die Decke bis zum Kinn gezogen, und diese Biester rasen einem übers Gesicht mit ihren kalten Pfoten. Sie erschrecken einen zu Tode. Da man außerdem durch die Bomben in Angst und Schrecken versetzt wird, kann man sich fragen, was man bevorzugen soll: V1, V2 – oder die Ratten.«


Alle Fotos: © Deutsche Kinemathek/ Marlene Dietrich Collection Berlin
Für ihre Rolle als »GI Dietrich« muss sie wie alle US-Soldaten eine blecherne Erkennungsmarke um den Hals tragen, damit der Leichnam identifiziert werden könnte. Der Begriff G.I. rekurriert auf diese Blechmarke, er bedeutet »galvanized item« oder »Government Issue« – Regierungssache, wurde dann ein universelles Kürzel für die Soldaten der US-Army. »Marie M. Sieber, U.S.O.« sagt ihre Blechmarke. Jahre später wurmt es sie aber immer noch, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen keinen militärischen Rang erhalten haben, sie werden lediglich als »zivile Begleitung« mit dem Zusatz »gleichgestellter Rang ‹Captain›« geführt.
Die Angst, in deutsche Gefangenschaft zu geraten, ist durchaus real. Das gesteht sie bei Gelegenheit auch dem US-General Patton: »Falls man mich gefangen nehmen sollte, würde man mich als ‹Verräterin› kahl scheren, steinigen, mit Pferden durch die Straßen zerren … Wenn sie mich zwingen sollten, am Radio zu sprechen, Sir, bitte, glauben Sie nicht, was ich dann sage.« Patton schenkt ihr eine Pistole, damit sie sich notfalls selbst erschießen kann. Das beruhigt sie. Und sie fühlt sich auch ein Stück mehr als Soldatin.
Weiter ist dann kein Aufhebens mehr von den Umständen, überhaupt bleibt Reiner Burgers Ton nüchtern, er erstarrt nicht in Star-Verehrung. Sein Buch funktioniert mehr-strophig. Zum einen erzählt es ein Kapitel Weltkriegsende, ein Stück unmittelbares Hinter-der-Front-Geschehen, stellenweise fühlte ich mich an den Augenzeugenbericht des Filmregisseurs Samuel Fuller erinnert (»A Third Face: My Tale of Writing, Fighting and Filmmaking«, 2002), der als US-Infanterist ebenfalls durchs Rheinland kam und wie der Autor Charles Willeford die Ardennenschlacht miterlebte (»Something About A Soldier«, 1986). Es gibt viel Einblick in die wenig bekannte Welt der Truppenbetreuung und ein Stück auch in die Geheimdienstarbeit des Office of Strategic Services (OSS). Dort erkannte man in der Morale Operations (MO) Branch Marlenes Propagandapotential. Ihre Stimme wurde für Feindsender wie das »Soldatenradio« eingesetzt. Eine heutige CIA-Webseite gibt immer noch damit an.
Marlene Dietrich wird Teil im »Muzak Project«: mehr als 300 Songs, für deutsche Soldatenohren aufgenommen, um Heimweh, Kriegsmüdigkeit und melancholische Stimmung zu produzieren, kein Song nach Ansicht des OSS dafür besser geeignet als »Lili Marleen« – über ein durch den Krieg getrenntes Paar. »Jemand hat den Song als einen Spion beschrieben, der auf beiden Seiten funktioniert, weil er so ergreifend schön, so herzergreifend gesungen wurde«, erinnert sich die OSS-Agentin Elizabeth McIntosh (in Riva, »Remembered«).

Bei Columbia Records erscheint (wegen der komplizierten Rechtelage erst) 1952 sogar eine Schallplatte: »Marlene Dietrich Overseas. American songs in German for the O.S.S«. Der Begleittext führt aus: »Im Zweiten Weltkrieg gab es zwei Schlachtfelder. Das eine waren die Frontlinien, an denen der physische Kampf stattfand und das zweite war die wütende, bittere Propagandaschlacht. Marlene Dietrich war einer der wenigen Menschen, die auf beiden Schlachtfeldern kämpften. Das glamouröse Fräulein Dietrich gab ihre großartige Karriere auf und stürzte sich mit ganzem Herzen in die Unterhaltung der Truppen an der Front. Drei Jahre lang verbrachte diese Frau, deren Name ein Synonym für Schönheit, Luxus und die neueste Mode war, Tage und Nächte in der Nähe der Frontlinien (oftmals unter Feuer), in Jeeps, auf Motorrädern und selbst zu Fuß, um den GIs an der Front Unterhaltung und die sonnenbeschienene Helligkeit ihrer Persönlichkeit zu bringen.«
Ausgesprochen nobel geht das Buch mit den Abenteuern des polyamourösen Stars um, bleibt dezent, aber deutlich genug. Wir erfahren von Jean Gabin, einer großen Liebe und vielleicht überhaupt dem Grund, an die Front zu wollen. Tatsächlich sehen sie sich bei Kriegsende in München wieder. Hemingway, mit dem es platonisch blieb, nennt sie »My dear little Kraut«.
Insgesamt aber ist dies eine Star-Geschichte, wie man sie selten erzählt bekommt, ein Stück Antifaschismus in der Praxis, tatsächlich Mut. Und das Buch ist auch eine Mentalitätengeschichte, Baustein für eine etwas andere Geschichtsschreibung unserer Republik (wie aktuell gerade im Suhrkamp-Buch »Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik« unternommen). Fast nebenbei erzählt Burger eine schier unglaubliche Geschichte. In den Tagen der Kapitulation Deutschlands, als Marlene sich in Bayern aufhält, erfährt sie, wo sich ihre verlorene Schwester Elisabeth Will aufhält: nämlich in Bergen-Belsen. Marlene, hoch alarmiert, organisiert sich dank ihrer Kontakte in höchste Armeekreise das Flugzeug von General Eisenhower, fliegt hin – und erfährt von den britischen Befreiern, dass ihre Schwester und deren Mann auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes neben dem Konzentrationslager, das drei Wochen zuvor befreit worden war, ein Kino und eine Kantine für SS-Leute betrieben haben. Marlene Dietrich ist entsetzt, bürgt aber für die Beiden, damit sie ihr Kino behalten können; unterstützt sie später auch finanziell, aber streicht sie aus ihrem Leben. Verleugnet sie sogar. In Maximilian Schells Dokumentarfilm »Marlene« (für den sie sich nicht filmen ließ, nur ihre Stimme gab) wird sie, schreibt Burger, Jahrzehnte später die Frage, ob sie allein aufgewachsen sei, bejahen.
Marlene Dietrich, »unser« Star, »unsere« Marlene, das war keineswegs eine so glatte Wirkungsgeschichte, wie es manch Etikett glauben machen will. Es ist ein Verdienst des Buches, dass hier nicht gesoftet wird. Das bezieht sich nicht nur auf die kleine Episode, als Marlene 1945 in eben jenem Kino in Stolberg (siehe oben) vom Besitzer eine Tasse Kaffee angeboten wird. »Trink den nicht, er könnte vergiftet sein«, intervenieren die beiden zu ihrem Schutz abgestellten Militärpolizisten. Sie aber trinkt den Kaffee, fragt den Kino-Mann, warum er das tue obwohl er doch wisse, dass sie mit den Amerikanern sei. »Ja, ich weiß, dass Sie auf der anderen Seite sind, aber Sie sind auch (und er seufzte) der BLAUE ENGEL«, resümiert die Dietrich in ihren Memoiren und fährt fort: »Die Macht eines Filmes! Und so war es in ganz Deutschland.«
Das Verhältnis der Deutschen zu ihr blieb ambivalent. (Erst) 1960 reist sie wieder nach Deutschland, gibt mehrere Konzerte, wird, so Burger, »mit einer bizarren Melange an Emotionen konfrontiert: Vor den Theatern stehen Menschen, die sie als ‹Volksverräterin› beschimpfen – manche halten Plakate hoch mit ‹Marlene, go home›–, drinnen in den Sälen wollen die Ovationen nach den Shows dagegen kaum enden.« In Düsseldorf versucht ein achtzehnjähriges Mädchen sie zu schlagen und ihr die Nerzstola von der Schulter zu reißen, spuckt ihr ins Gesicht. »Ich hasse diese Frau, die Deutschland im Krieg verraten hat«, begründet sie ihren Angriff. In Wiesbaden werden Banderolen auf ihre Plakate geklebt: »Ich schäme mich, dass ich eine Deutsche bin«. Bei einem anderen Konzert wird sie mit einem Ei beworfen und am Kopf getroffen. 1960/ 61 wird auch Willy Brandt bei seinem ersten Bundestagswahlkampf als »Volksverräter« gebrandmarkt. Sein Wahlkampf-Manager: eben jener Karl Anders, der als Verleger der »Frankfurter Rundschau« dort bis heute verdrängt und kleingemacht wird (siehe meine Recherchen). Auch er ein Emigrant, ein Widerstandskämpfer, ein Nestbeschmutzer, der es wagte, wieder nach Deutschland zu kommen. In unserer Nachkriegsgesellschaft waren sie nicht willkommen, blieben Aussätzige. Auch eine Marlene.
Alf Mayer
Reiner Burger: Marlene Dietrich an der Front. Eine Kooperation mit der Deutschen Kinemathek – Marlene Dietrich Collection, Berlin. Greven Verlag, Köln 2025. 160 Seiten, 124 Abbildungen, Format 21 x 27 cm, amerikanischer Schutzumschlag (zum Auffalten), 38 Euro.
P.S: Die Pappschachtel mit den Fotos befindet sich im Nachlass der Schauspielerin in der Marlene Dietrich Collection Berlin der Stftung Kinemathek, die Bestände sind zumm Teil digital einsehbar.
Die Aufmachung des Buchs hat eine Überraschung bereit. Der magentafarbene Leineneinband mag als Anspielung auf ihren Abendmantel gedeutet werden, den sie in Paris bei Elsa Schiaparelli gekauft hatte und den sie bei ihren Auftritten im deutsch-belgischen Grenzgebiet trug. Der Schutzumschlag, Fachbegriff: amerikanisch, lässt sich auseinanderfalten und zeigt innen ein großformatiges Farbfoto der in einem eleganten langen Kleid auf einem Klavier sitzenden Dietrich, von GIs umringt. Als Poster geeignet.

Das Cover-Motiv übrigens, Marlene auf einem Feld voller niedergehender Fallschirme, auf den Seiten 114-119 mit weiteren Aufnahmen ergänzt, entstand am 14. März 1945 bei Sissone nördlich von Reims bei einem Manöver der 82. Airborne Division von General James Gavin, mit dem es durchaus funkte. Sie waren sich schon in Italien begegnet. Mehr als 40 Flugzeuge und rund 450 Fallschirmspringer sind in der Luft, als eine der Maschinen einen Propeller verliert und abstürzt. Es gibt elf Tote und viele Verletzte. Ein Foto zeigt, wie Marlene auf der Wiese von einem abgestürzten Soldaten umarmt wird, der überlebt hat. Auf einem nächsten Bild zeigt sie offen ihre Freude. Dann eilt sie sofort ins Lazarett. Es sind bei weitem nicht die ersten Verwundeten, denen sie Trost spendet. Dafür ist sie losgezogen. »Follow the boys« – »TRY TO KEEP THEM SMILING«.
Ach ja. Und grönländische Erde hat Marlene auch geküsst. Im September 1944 sind Marlene und die übrige U.S.O.-Crew per Flugzeug zwischen Militärbasen in Kanada, Island und Grönland unterwegs. Über Grönland verliert der Pilot die Orientierung, einer der Motoren vereist. Der Sprit wird knapp. Die Passagiere bekommen Fallschirme und Sauerstoffmasken. Als der Pilot nach vier Stunden doch noch am Ziel landet, verrät das Buch und hat auch Bilder dafür, »berührt Marlene glücklich den grönländischen Boden«.














