Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Einige Filmbücher – Fünfte Lieferung

Mit dem Tod von Hans Helmut Prinzler fehlt ein zuverlässiger Chronist für die eh prekäre Filmliteratur in Deutschland. Prinzlers Texte, die bis 1961 zurückreichen, sind auf seiner Website allesamt immer noch zugänglich – ein unglaublicher Schatz. Wir versuchen das wenigstens gelegentlich ein klitzeklein bißchen wettzumachen. Hier finden Sie unsere Lieferungen vier, drei, zwei und eins. Jetzt hat Alf Mayer wieder einige Filmbücher zusammengestellt, hier unsere fünfte Lieferung:

Scott Eyman: Joan Crawford. A Woman’s Face
Eleanor Johnson: Scream with Me. Horror Films and the Rise of American Feminism (1968-1980)
Torsten Musial, Martin Wiebel (Hg.): Die Fernsehspielredaktion des WDR 1965-1979. Einsichten in die Wirklichkeit.
Stephen Rebello: Criss-Cross. The Making of Hitchcock’s Dazzling, Subversive Masterpiece Strangers on a Train.
Scout Tafoya: The Black Book: An Anthony Mann Reader
Scout Tafoya: But God Made Him a Poet. Watching John Ford in the 21st Century
sowie:
Mick Broderick, Katie Ellis: Trauma and Disability in Mad Max: Beyond the Road Warrior’s Fury
Kyle Buchanan: Blood, Sweat & Chrome: The Wild and True Story of Mad Max: Fury Road
Matthew P. Meyer, David Koepsell (Hg.): Mad Max and philosophy: thinking through the Wasteland
Nan Nathan: The Legend of Mad Max. The Complete Story from Mad Max to Furiosa

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Siehe auch bei uns:
Alf Mayer mit »Marlene Dietrich an der Front«
Gundolf S. Freyermuth erzählt von Wolfgang Menges »Millionenspiel« (Textauszug)
Alf Mayer über Dominik Graf: Das Land mit den schlechtesten Film-Ohrfeigen
Alf Mayer: Bewaffnete Cinephilie – Andrew Nette »Revolution in 35mm«
1400 Seiten zu Stanley Kubricks THE SHINING
»Der Noir Western 1943 – 1971«: Ein Interview mit Robert Zion
Andrew Nette/ Samm Deighan: »Revolution in 35mm«
Thomas Wörtche: »LIFE. Hollywood«
Friedemann Hahn: Kleines Requiem für Alain Delon
»Dabeisein heißt gehorchen« – Alf Mayer zur Filmarbeit von Wolf-Eckart Bühler
Bert Schmidt & Sohrab Shahid Saless – 3 x Adieu von Seeßlen/ Mayer/ Reifarth
Alf Mayer: Drei Bände über den Filmautor Sohrab Shahid Saless
Über »Being Bond. Daniel Craig – Ein Rückblick«
Alf Mayer: Am Set von DR. NO dabei – Die Geburt von 007
Alf Mayer: Frank Göhre und seine Filmarbeit – Ein Überblick
Frank Göhre: Filmografie Kino und TV
Alf Mayer: »Herzblutfilme« – Ein Gespräch mit Andreas Pflüger

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Die Macher vom WDR schrieben Filmgeschichte

(AM) Das Fernsehen der Bundesrepublik war einst auch ein Ermöglichungs-Institut. Viele deutsche Filmregisseure hätten ihren produktiven Weg niemals ohne Fernsehhilfe beginnen können, vieles an Filmkultur hätte ohne das Fernsehen nicht entstehen können. Die Kultur- und Filmgeschichte dieser künstlerisch wichtigen Zeit ist längst nicht ausreichend untersucht und geschrieben. Auch die seltsamen Verbindungen und Ermöglichungen des Medienmoguls Leo Kirch im Bereich der frühen Programmkino-Welt (damals galt noch der Begriff  »Filmstudio«) sind noch zu wenig dargestellt. Viele Akteure dieser Zeit, etwa der spätere ZDF-Fernsehspiel-Chef Heinz Ungureit, sind mit ihren wertvollen Erinnerungen bereits ins Grab gesunken.

Umso verdienstvoller, dass die Arbeit des Westdeutschen Rundfunks in Köln mit der handfesten und informativen Studie Die Fernsehspielredaktion des WDR 1965-1979. Einsichten in die Wirklichkeit eine Würdigung erfährt und dass Zeitzeugen noch befragt werden konnten. Der Band aus der Reihe »Fernsehen. Geschichte. Ästhetik«, Edition text + kritik) ist eine Gemeinschaftsproduktion der Deutschen Kinemathek und des Archivs der Akademie der Künste, Berlin. Die Herausgeber Torsten Musial und Martin Wiebel steuern wesentliche Texte bei. Musial unternimmt eine 50-seitige Geschichte der WDR-Fernsehspielabteilung und porträtiert auf weiteren 25 Seiten die Dramaturgen. Martin Wiebel führt mit Günter Rohrbach ein gut 80-seitiges werkbiographisches Gespräch. Oral History vom Feinsten. Rohrbach und die Redakteure Gunther Witte, Peter Märthesheimer, Joachim von Mengerhausen, Volker Canaris, Wolf-Dietrich Brücker und Alexander Wesemann haben Film- und Fernsehgeschichte geschrieben.

Dietrich Leder – den Sie als Kolumnisten bei uns kennen, gerade erschien sein 40. Beitrag – rekonstruiert in einer langjährigen Recherche »Die ersten Regisseurinnen im WDR-Fernsehspiel«, dazu gehörten Erika Runge,  Helma Sanders-Brahms, Margarethe von Trotta, Helke Sander, Claudia von Alemann, Ilse Hofmann, Marianne Lüdcke und Gabi Kubach. In einem zweiten Beitrag blickt er auf »Filme jenseits der klassischen Erzählweisen« und auf die Regisseure Klaus Lemke, Peter Zadek, Hellmuth Costard, Peter Handke. Einer der ersten »jungen« Regisseure, die für den WDR arbeiteten, war Klaus Lemke. Der Vertrag für BRANDSTIFTER wurde Ende 1968 geschlossen. 1970 folgten Fassbinder, Rudolf Thome, Hans W. Geißendörfer, Edgar Reitz – und dann Wim Wenders mit der Handke-Verfilmung DIE ANGST DES TORWARTS BEIM ELFMETER (1972) und 1974 mit ALICE IN DEN STÄDTEN.

»Nichts aber könnte den ambitionierten Kinofilm entschiedener fördern als eine finanzielle Abstützung durch das Fernsehen, wie umgekehrt die freie Konkurrenz des Kinomarktes den Fernsehfilm von seiner muffigen Provinzialität befreien würde«, schrieb Rohrbach 1970 (Fernsehen + Film, Heft 3). Rohrbach fand: »Fernsehspiel ist Film.« Andere sahen darin den »amphibischen Film«, Radikalere den Verrat. Aber die Macher vom WDR machten einfach. Ich habe das bei Edgar Reitz und seiner HEIMAT damals aus der Nähe erlebt.

Torsten Musial, Martin Wiebel (Hg.): Die Fernsehspielredaktion des WDR 1965-1979. Einsichten in die Wirklichkeit. Reihe Fernsehen. Geschichte. Ästhetik, Band 7. Edition text + kritik, München 2025. 240 Seiten, Broschur, 29 Euro.

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John Ford ins 21. Jahrhundert geholt

(AM) Sechs Jahrzehnte lang machte er Filme, fing in der Stummfilmzeit an. Es wurden 142 Kinospielfilme, längst nicht alle waren Western, viermal gewann er einen Oscar, so viele wie sonst noch kein anderer Regisseur, bis heute. John Ford, 1894 – 1973. Fast alle, die diesen nicht unkomplizierten Filmregisseur geschätzt haben und die ich kannte, sind schon tot. Die Filmkritik-Hefte von Wolf-Eckart Bühler sind über 50 Jahre her. Zeit also für einen neuen, frischen Blick: But God Made Him a Poet: Watching John Ford in the 21st Century, heißt das Buch des jungen Filmkritikers, Filmessayisten und Sohn des Krimiautors Dennis Tafoya („Dope Thief«).

Tatsächlich transportiert Filmkenner Scout Tafoya (»13.365 films watched«, zeigt Letterboxed an) den großen John Ford ins 21. Jahrhundert. Vor nicht so langer Zeit sah ich seinen Stummfilm von 1924, den großen Eisenbahnfilm THE IRON HORSE, im Berliner Babylon-Kino von einer Filmorgel begleitet einmal wieder auf der großen Leinwand, war von der physischen Kraft überwältigt, die immer noch in diesen Filmbildern steckt. Die Perspektive darin jedoch ist lupenrein rassistisch: die chinesischen Bahnarbeiter sind Untermenschen, die Indianer »Heiden«.

Aber Warnung: Sie werden einige der von Tafoya neu besuchten Filme wieder oder erstmals sehen wollen, diese Buch verleitet garantiert dazu. Ohne Ford wäre ein Großteil des Filmemachens der letzten 50 Jahre nicht vorstellbar. Sogar Filmregisseure, die nicht direkt von ihm beeinflusst sind, wurden das indirekt, etwa durch die Ford-Schüler Martin Scorsese, Steven Spielberg, Clint Eastwood oder Francis Ford Coppola, argumentiert Tafoya. Zu dem weiten Feld zählt er Sam Peckinpah, David Lean, David Fincher, David Lynch (der Ford in Spielbergs THE FABELMANS spielte), Walter Hill, John Sayles, Spike Lee, James Gray, Terence Davies, Michael Mann, Charles Burnett, die Coen Brüder, Eagle Pennell und Jane Campion. DEADWOOD: THE MOVIE von David Milch und Daniel Minahan hat für Tafoya »one of the most faithful Ford structures of any modern film«.

Tafoya argumentiert leidenschaftlich und kenntnisreich, »sein Stil summt vor Energie«, bemerkt der Schriftsteller William Boyle (seine Romane in Deutschland bei Polar). Mir gefällt, wie Tafoya sich freuen kann – und wie er den Widersprüchen nicht ausweicht, die dieser John Ford wahrhaft verkörperte und den man der konservativen, patriotischen Seite zuschreiben muss. »Nichts, was Ford tat, war unkompliziert«, schreibt er, und es sei »unser Job, damit zu leben«.

Einer der Filme, die ich nach diesem Buch wiedersehen muss, ist SIEBEN FRAUEN (7 Women, 1966). Anne Bancroft als Ärztin Dr. Cartwright ist Tafoyas Lieblingsheldin im Ford-Kosmos. Sie sei, schreibt er, „maybe more John Wayne than John Wayne… She struts into the film with sexual certainty and no patience for god . . . She smokes like a chimney, constantly bringing up the specter of sensuality. She wears trousers and claims she’s better than any male doctor they could have found. She’s a reckoning on two legs.«

Scout Tafoya: But God Made Him a Poet: Watching John Ford in the 21st Century. 2023, With an X, Cincinnati/ OH, 2023. 256 Seiten, 18,99 USD.

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Anthony Mann Tafoya

Welche Sorte Jahrhundert das zwanzigste war

(AM) Max Annas, Thomas Wörtche und ich hatten seit Jahren die Absicht, zusammen ein Buch über den Filmregisseur Anthony Mann zu machen. Mit dem fulminanten Buch von Ines Bayer – »Anthony Mann. Kino der Verwundung«, Bertz + Fischer, Berlin 2019, meine Besprechung hier  war das erst einmal erledigt. Immer noch aber ist dies die einzige deutsche Publikation zu diesem Regisseur. Dass der junge Filmpublizist Scout Tafoya sich Anthony Mann zum Sujet seines neuen Filmbuchs genommen hat, zeugt für mich für seine Qualität. (Hier ein Link zu seiner wunderbaren, poetisch kraftvollen Filmessay-Serie The Unloved bei RogerEbert.com, bereits 146 Folgen; und hier ein Verzeichnis seiner Texte. Man schaue sich an, was er zum heute fast schon vergessenen neuseeländischen Regisseur Vincent Ward zu sagen und zu zeigen hat, oder was er aus dem Revival von RED SONJA (Regie M.J. Bassett, 2025, macht.

In seiner Filmkolumne »On Dangerous Ground« hatte Max Annas bei uns auf CrimeMag 2016 ausgiebig über den Western DEVIL’S DOORWAY geschrieben. Auch er findet Anthony Mann einen sehr aufregenden und viel zu wenig bekannten Regisseur. Wim Wenders, ebenfalls ein Bewunderer, nannte ihn 2006 zum 100. Geburtstag einen »director’s director«: »Will sagen: Viele haben von ihm gelernt, aber niemand kennt ihn wirklich.«

Anthony Mann war, mit Peter W. Jansen gesproche: »Unverzichtbar für jeden, der wissen will, welche Sorte Jahrhundert das zwanzigste war, sind die Filme von Anthony Mann… Sie atmen das Klima des Existentialismus. Es sind schwarze Filme, und wie Hustons Noir-Filme sind auch sie Ausdruck eines furchtbaren Jahrhunderts.« Der schwärzeste dieser schwarzen Filme ist einer der verkanntesten. Es ist Anthony Manns Film über die französische Revolution: THE BLACK BOOK (Das schwarze Buch), anderer Titel REIGN OF TERROR von 1949. Die Handlung: Der Geheimagent Charles D’Aubigny (Robert Cummings) infiltriert Robespierres (Richard Basehart) Kreis, um die Schreckensherrschaft zu beenden. Der Film ist auf YouTube gemeinfrei zu sehen.

Tafoya sieht ihn als »guillotine opera«, stellt ihn in den Mittelpunkt seines Buches The Black Book. An Anthony Mann Reader. Das ist originell und erhellend. Wie überhaupt das ganze Buch, das einen frischen Blick auf einen der Großen des Kinos wirft.

Scout Tafoya: The Black Book. An Anthony Mann Reader. MSZ.Press, Cincinnatti/ OH, 2025. Paperback, 257 Seiten, 15 USD. – Und siehe auch noch: Ines Bayer: Anthony Mann. Kino der Verwundung. Verlag Bertz + Fischer, Berlin 2019. Viele Schwarzweißabbildungen in hervorragender Qualität sowie 16 Farbseiten. 304 Seiten, 36 Euro.

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Zwei Fremde im Zug

(AM) Es soll der perfekte Mord sein. »Ich habe eine Theorie, dass zwei vollkommen Fremde einen Mord begehen und ungeschoren davonkommen könnten, indem sie ihre Opfer tauschen«, spricht ein Fremder einen Fremden im Zugabteil an. »Es ist doch ganz einfach. Sie bringen meinen Vater um, ich bringe Ihre Frau um. […] Kreuzmorde. Sie machen sich keine Sorgen wegen meines Vaters, ich mache mir keine Sorgen wegen Ihrer Frau.« Es war der Debütroman von Patricia Highsmith, dass Alfred Hitchcock sofort die Filmrechte kaufte, war die Eintrittskarte in die Welt des Erfolgs.

Stephen Rebello erzählt nun mit Criss-Cross. The Making of Hitchcock’s Dazzling, Subversive Masterpiece Strangers on a Train zum ersten Mal die Entstehungsgeschichte des Films ZWEI FREMDE IM ZUG. Das liest sich wie ein Thriller. Hitchcock hat davor fünf Jahre in Folge nur Flops hingelegt, den Highsmith-Roman zu adaptieren war hoher Einsatz. Alles auf eine Karte. Jede Stufe der Produktion ein Kampf, das Ganze ein gigantisches Schachspiel. Die Kritik hatte den Roman als »preposterous« und »unconvincing«, dazu »unsavory« und »sick« bezeichnet (absurd und unglaubwürdig, unappetitlich und krank), alles Codewörter der frühen 50er Jahre für »schwul« und »pervertiert«. Hitchcock aber bestand auf seiner Vision. Der Film wurde nicht nur ein Boxoffice-Erfolg, sondern eröffnete (s)eine Dekade voller späterer Klassiker wie DIAL M FOR MURDER, REAR WINDOW, VERTIGO, NORTH BY NORTHWEST und PSYCHO.   

Akribisch recherchiert, reich dokumentiert, und süffig geschrieben, ist dies mehr als ein maßgebliches Filmbuch. Es ist das Porträt einer politisch besonders paranoiden, frauenfeindlichen und homophoben Ära in Amerika, einer Zeit dramatischer Umbrüche in der Unterhaltungsindustrie – und ein Abrechnungstag für Alfred Hitchcock und einige andere Talente, mit denen er ein düsteres und den Zeiten vorausschauendes Kunstwerk schuf.

Stephen Rebello: Criss-Cross. The Making of Hitchcock’s Dazzling, Subversive Masterpiece Strangers on a Train. Running Press Adult, New York 2025. 320 Seiten, 29 $.

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Eleanor Johnson: Scream with Me

Der Horror der realen Verhältnisse

(AM) In ihrer Studie »Waste and the Wasters: Poetry and Ecosystemic Thought in Medieval England« zeigte Eleanor Johnson, wie das Wort »waste«, das ebenso Abfall wie Verschwendung bezeichnet, Poeten schon im mittelalterlichen England bei der literarischen Bearbeitung von Krisen in Gesellschaft und Ökosystem zum Begriff wurde. Jetzt richtet die Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University ihr Augenmerk auf sechs klassische Horrorfilme und setzt sie mit dem Erstarken feministischer Positionen ins Verhältnis.

Ihr atemberaubend geschriebenes Scream with Me. Horror Films and the Rise of American Feminism (1968-1980) leuchtet die gesellschaftlichen Schatten der Filme ROSEMARY’S BABY, THE EXORZIST, THE STEPFORD WIVES, THE OMEN, ALIEN und THE SHINING aus und verknüpft sie mit der gesellschaftlichen Realität der entsprechenden Zeit. Der wahre Horror in diesen Filmen nämlich in diesen Filmen sind »real-world topics« wie häusliche und patriarchale Gewalt, Abtreibungspolitik, Unterdrückung der Frauen, Frauenrechte und weibliche Autonomie. Das ästhetische Faszinosum der Filme und die in ihnen versammelte Angst liest sich bei Eleanor Johnson auch als Kommentar der Realität und zeigt anhand vieler Beispiele die Potenz des oft als ein wenig minderwertig abgetanen Genres.

Der Horror gesellschaftlicher Verhältnisse, so zeigt sich,  liegt nicht im Übersinnlichen. Bleibt nachzutragen, dass die Idee für dieses Buch entstand, als Dr. Johnson mit ihren Studentinnen und Studenten den Film ROSEMARY’S BABY behandelte und zeitgleich der Supreme Court im Mai 2022 das Grundsatzurteil »Roe vs. Wade« kippte. Im Horrorfilm lässt sich bei so etwas Schrecklichem wenigstens lauthals schreien…

Eleanor Johnson: Scream with Me. Horror Films and the Rise of American Feminism (1968-1980). Atria Books, New York 2025. 352 Seiten, 30 USD.

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Scott Eyman Crwaford

Hollywood-Ikone

(AM) »Verdammt noch mal! Wagen Sie es sich ja nicht, Gott zu fragen, mir zu helfen“, fauchte sie in ihrer letzten Stunde ihre Haushälterin an, die laut zu beten begann als Joan Crawford am 10. Mai 1977 im Sterben lag. Famous Last Words. Sie wollte bis zum Ende ihre eigene Herrin sein, hatte auch das in ihren Filmen immer verkörpert. 81 wurden es insgesamt. Oscar als Beste Hauptdarstellerin für ihre Leistung in MILDRED PIERCE.

Lucille Fay LeSueur aus San Antonio/ Texas war die Personifizierung des klassischen Hollywoodstars, ihre Karriere begann sie im Stummfilm und als Flapper und Tänzerin. Ihre Schauspielschule, sagte sie immer, sei ihr Partner Lon Chaney gewesen, in THE UNKNOWN (1927). Der Durchbruch gelang ihr schon ein Jahr später, als sie mit ihrem ungehemmten Charleston und ihrer unverhohlenen Sexualität in OUR DANCING DAUGHTERS Furore machte. Sie schaffte den Übergang zum Tonfilm, gehörte an die 20 Jahre lang zu den »leading ladies« by MGM. Sie war dreimal verheiratet, galt als herrische Diva, wurde intern jedoch gerühmt für ihre Professionalität, kam nie zu spät zum Set, kannte jedes Crew-Mitglied beim Namen. Sie wechselte zu Warner, als sie mitbekam, dass es mit ihrem Alter kritisch wurde, spielte in fast jedem Genre, von Dramen, Komödien und Musicals bis zu Western, arbeitete mit Regisseuren wie George Cukor (ein Favorit), Clarence Brown, Michael Curtiz, Robert Aldrich und Nicholas Ray.

JOHNNY GUITAR allerdings hielt sie für einen Fehler. Georg Seeßlen schrieb anlässlich dieses Films: »Joan Crawford ist in fast allen ihren Filmen dieser Zeit die Frau, die ihren Kampf mit den Umständen zu führen hat, mit den Widrigkeiten, die die Gesellschaft und der Zufall für sie bereithält. Sie wird durch das Leiden härter, sie wird zur steinernen Person.« (Am Ende standen dann Horrorfilme, tatsächlich.)

Zwar hat David Meuel »Joan Crawford in Film Noir« untersucht (meine Besprechung im Anschluss), tatsächlich aber ist Joan Crawford. A Woman’s Face von Scott Eyman die erste definitive Biografie der Hollywood-Ikone, kann sich auf noch nie veröffentlichte Dokumente und Fotos aus dem Nachlass stützen. Eyman hat Bücher über John Wayne, Gary Grant, Chaplin in Amerika, und neulich bei uns zitiert, »Print the Legend, The Life and Times of John Ford« geschrieben. Crawfords Autobiographie selbst erschien 1962. Daraus ein Zitat: »Liebe ist ein Feuer. Aber ob es Dein Herz wärmen oder Dein Haus abfackeln wird, weiß man nie.«

Scott Eyman: Joan Crawford. A Woman’s Face. Simon & Schuster, New York 2025. Hardcover, 464 Seiten, 31 USD.

Ein weiteres Filmbuch, das im Gedächtnis bleibt: »Joan Crawford in Film Noir: The Actress as Auteur« (McFarland, 226 Seiten, 29 Fotos) von David Meuel. Die Noir-Filme dieser Schauspielerin – darunter MILDRED PIERCE (1945, nach James M. Cain), POSSESSED (1947), THE DAMNED DON’T CRY (1950), THIS WOMAN IS DANGEROUS (1952) oder SUDDEN FEAR (1952) – gehören zu ihren besten Arbeiten. Alles andere als konventionelle Werke, wurden sie in ihrer Gesamtheit noch nie so dargestellt. Jedem von ihnen drückte Crawford ihren persönlichen Stempel auf. Es ergibt sich eine beeindruckende Schauspielerinnen-Biografie. Die Einzelkapitel haben je ein Filmzitat als Überschrift: »Your filthy souls are too evil for Hell itself« etwa, aus AUTUMN LEAVES (1956), oder »The world belongs to the devil« (A WOMAN’S FACE, 1941).

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Körperkino mit Tiefenschichten – die MAD MAX Filme

AM) Oktober 1979, Mitternachtskino bei den Hofer Filmtagen. Das Kino rappelvoll, ich fand nur noch in der ersten Reihe Platz. Es war die Europapremiere von MAD MAX. Noch nie wurde mir von der Leinwand aus so oft ins Gesicht getreten, wurde ich so oft von Fahrzeugen überrollt. In meiner Erinnerung bestand der Film hauptsächlich aus Unterperspektive. Stimmt nicht ganz, überzeugte ich mich später. Sollten Außerirdische einmal auf der verwüsteten Erde ein paar Filmrollen finden, könnten sie mit der in fünf Jahrzehnten auf fünf Filme angewachsenen MAD MAX-Saga unsere Zivilisation und ihren Niedergang entschlüsseln. Ein klarer Fall von Petromaskulinität (das gleichnamige Buch dazu stammt von Cara New Daggett und trägt den Untertitel »Fossile Energieträger und autoritäres Begehren«). Es geht um Männer, die die Welt verbrennen.

1979 fing das noch vergleichsweise harmlos an: Der Polizist Max Rockatansky nimmt Rache an einer Rockergang, die seine Frau getötet hat. Es war das Filmdebüt von Mel Gibson, von Elmar Wepper synchronisiert. Beim katholischen Lexikon des internationalen Films sah man einen »Albtraum aus Gewalt, Blut, Schrott und Grauen, der nicht entlarvend wirkt, weil der Film selbst der Faszination der Gewalt erliegt«. Andere freuten sich an Benzinfressern wie dem 1972er Interceptor, Ford Falcon XB Sedan. Es war ein Biker-, Auto- und Geschwindigkeitsfilm. Im Nachhinein ist erstaunlich, wie konsequent und beständig Regisseur George Miller solche Phantasien dann konsequent überdrehte – echt spektakulär visionär, unterm Strich. Seine Filme erzählen von einer postzivilisatorischen Welt, nur noch von barbarischen Motoristen bevölkert, die auf Suche nach dem Treibstoff wie Nomaden umherziehen. Schon im zweiten Teil ist das so, verschärft sich immer mehr. Und das alles: in ständiger Bewegung. Vi-su-ell. Kino pur.

Für MAD MAX: FURY ROAD holte Miller sich Unterstützung bei den Artisten des Cirque Soleil und einen zum Geschunden-Sein allzeit bereiten Tom Hardy. Für FURIOSA: A MAD MAX SAGA motorisierte er die Streitwagen aus BEN HUR und bot Bibelzitate zuhauf. Heute, im Februar 2026 auf den Film geschaut, kann man sagen, dass wohl noch keine Filmfigur einem Trump-Porträt näher gekommen ist als der nur noch niederen Instinkten (und Venezuelas Öl) folgende bauernschlaue Herrscher Dementus. Außerdem hat dieser Film uns die wutblitzenden Augen von Anya Taylor-Joy geschenkt.

Die MAD MAX Filme lassen sich aus zahlreicher Perspektiven beleuchten, sei es als Action- oder Abenteuerfilm, australisches Extrem, Genderstudie, Science Fiction, Autorenfilm oder Dystopie. Mit Ian Nathan und The Legend of Mad Max wird daraus ein auf der Bildebene explodierendes Filmbuch (Abb. siehe oben), fast ein neues Genre. Mick Broderick und Katie Ellis legen in Trauma and Disability in Mad Max: Beyond the Road Warrior’s Fury ihr Augenmerk auf die Narrative und die Bildwelten von Trauma, physisch wie emotional. Es gibt auffällig viele Haupt- und Nebenfiguren, die verstümmelt sind. Man denke an die einarmige Charlize Theron. George Miller, eigentlich ein Arzt, hat hier klar ein eigenes Thema. Seine Filme stellen es in den breiten gesellschaftlichen und sozialen Kontext von Trauma, Behinderung, Geschlecht und Mythos. Es sind große Filme. Körperkino mit Tiefenschicht.

Mick Broderick, Katie Ellis: Trauma and Disability in Mad Max: Beyond the Road Warrior’s Fury. Palgrave/ Macmillan, London 2019. 120 Seiten.

Matthew P. Meyer, David Koepsell: Mad Max and philosophy: thinking through the Wasteland. ‎Wiley-Blackwell, 2024. 256 Seiten. – Sehr anregend und anschaulich. Im Open Access hier.

Ian Nathan: The Legend of Mad Max. The Complete Story from Mad Max to Furiosa. ‎ Palazzo Editions Ltd, London 2024. 192 Seiten, sehr viele Abbildungen. – Eine neue Art Filmbuch.

Kyle Buchanan: Blood, Sweat & Chrome: The Wild and True Story of Mad Max: Fury Road. William Morrow, New York 2022. 384 Seiten. – Oral-History mit 130 Interviews vom Popkultur-Reporter der Ney York Times.

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