Einmal Waldromantik bitte
Diejenigen, die nach dem TV-Achtteiler „Oderbruch“ glaubten, man habe bei der ARD den Schalter umgelegt und man habe es verstanden, sozusagen auf der Welle des „Dark“-Effektes, wie man ordentliche Mystery-/Thrillergeschichten auf den Bildschirm bringt, wurden in letzter Zeit wieder eines Besseren belehrt. Denn mit der abstrusen Miniserie „Wäldern“ – zwei Folgen im September – bewiesen die Macher (und Schuster) vom Öffentlich-Rechtlichen einmalmehr, dass sie bei ihrem Sonntagsprimetime-Leisten bleiben sollten.
Was stört an „Wäldern“? Die Frage sollte eher heißen: was stört denn nicht… Auf allen Ebenen der kompositorischen Handlungsgestaltung – vom Setting über die Verplotung bis hin zur Plumptheit der Figurendialoge – kann „Wäldern“ von Till Franzen kaum überzeugen. Zu überwuchert ist die filmische Erzähloberfläche, auf der man nicht nur mit dem Fernsehpublikum, sondern mit dem Format selbst Blinde Kuh spielt. Der Grundriss der Story ist klar: eine Musiklehrerin in der kleinen Ortschaft Wäldern irgendwo im Bergischen Land sucht in ihrer Freizeit nach ihrer verschollenen Nichte, die während eines Tagesausflugs der lokalen Kirchengemeinde plötzlich verschwand. „Sie war einfach weg“. Dieses „Weg-Sein“ wird gefühlt hundertmal in der ersten Folge u.d.T. „Das verschwundene Mädchen“ in verschiedenen Gesprächssituationen wiederholt. Nach den Gründen dieses „Weg-Seins“ wird in Wirklichkeit nicht geforscht, auch der Vermissten scheint man wenig Beachtung zu schenken. Statt einer komplizierten Suche nach einem Familienmitglied bekommt der Zuschauer eine seltsame Mischung von Genre-Stereotypen und B-Movie-Ästhetik serviert, gegen die man pauschal nichts einzuwenden hätte, hätte man das Gesamtkonzept schlicht gut umgesetzt z.B. in Form einer Hommage an die Gattungsklassiker. Anstelle einer einladenden Mystery-Referenz erhält man einen aufgepumpten Gebrüder Grimm-Schocker mit brutal durchgezogener Waldromantik (oder auch Waldeinsamkeit). Im Wald lauert das Böse, der Teufel, des Rätsels Lösung.

„Wäldern“ verfängt sich dermaßen in solchen einerseits glorifizierenden, andererseits Angst einflößenden Waldprojektionen, dass man das ‚Kerngeschäft‘ des Geheimnisvollen schlicht und ergreifend vernachlässigt. Elemente, die Grauen erregen und für das Suspense-Momentum verantwortlich zeichnen sollten, wie das skurrile und (erneut) märchenhaft anmutende Motiv des Spiegels, in dem unsere Superlehrerin eine Art metaphysische Parallelwelt erblickt, in der eben die verschollenen Personen gefangen gehalten werden, konterkariert man durch Schulalltagsszenen – wie die mit der vor der gelangweilten Klasse klavierspielenden Lara Glanz („Fuge!“) –, die einen Touch Glaubhaftigkeit versprühen sollen, die tatsächlich jedoch das pure Gegenteil bewirken. Es ist die Leblosigkeit, mit der die Glanz – nicht mit Glanz wohlgemerkt – ihr Musikrepertoire herunterleiert, die hier zum zentralen Grusel wird. Das Abgründige befindet sich nicht in der Finsternis des Waldes oder der Dunkelheit – na klar – des Kellers bzw. des Dachgeschosses, sondern viel eher in den hell beleuchteten Schulinnenräumen.
Die auf solche Art und Weise auf den Kopf gestellte Philosophie des Mystery hätte natürlicherweise auch ihre Vorteile, weil man so quasi ein Gegenstück zum schablonenhaften Gruseln anbieten würde. Aber „Wäldern“ versäumt diese Chance und verbaut sich selbst die Möglichkeit auf thematische Nuancierung, indem es den Zuschauer auf eine Reise durch eine ihm gut bekannte Landschaft des populärmedialen Ominösen nimmt. Soll heißen: fremde Sprachen, die man entziffern muss (Achtung! – durch rückwärts abspielen wie bei den „???“), Infotafeln mit Presseausschnitten und heißen Spuren, in Holz eingekratzte Zeichen mit spooky-Potential, Teufels- und Baumanbeter (wir sind doch schließlich im Wald) und Erinnerungsflashbacks. Wer außerdem nicht fehlen darf, ist eine Psycho-Tante, die sich auf Heilmedizin spezialisierte, mit der lokalen Polizeibehörde auf Kriegsfuß ist und Lara Glanz mir Rat und Tat zur Seite steht.
Und dies alles, dieses doppelte Unterkomplexe, hätte man „Wäldern“ verzeihen können, hätten sich die Haupthelden nicht so abgedroschen und emotionslos unterhalten. Nachdem die Esoterikern, die sich in den alten heidnischen Ritualen und im Opferkult auskennt, die Welt mit einem Apfel – ob vergiftet oder nicht, das weiß nur Schneewittchen –, das man teilen kann, verglichen und nachdem sie Lara Glanz von der Materialität der dunklen Welt erzählt hatte, bricht die letzte das Gespräch sofort ab, weil sie in die Schule müsse… Wenn der Musikunterricht mit den Kein-Bock-Schülern wichtiger erscheint als das Ergründen der Untiefen und der vermeintlichen Wahrheit, da mag was nicht stimmen.
Das Dämonische in „Wäldern“ steckt nicht in der Geschichte, sondern in der Fernsehserie selbst. Mit anderen Worten: im Umgang mit dem Stoff und dem TV-Publikum, dem man keinen freien Spielraum lässt, das man an die Hand nimmt und durch das gespenstische Wald-Ambiente lotst in der Hoffnung, das creepy-Flair käme eben dank der düsteren Handlungsräume und einer Prise Okkultismus oder Transzendenz irgendwie zustande.
Weitgefehlt. Nicht der dargestellte Pseudo-Grusel gruselt, stattdessen die platte Vorstellung beim Ö-R, was der Grusel mein lieber Herr Gesangs- und Klavierspielerverein denn bitte sein soll…
Wolfgang Brylla – seine Texte bei uns hier.
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