
Dirk Schmidt – And the winner is: South Park
„Darf man das?“ ist eine relativ blöde Frage, wenn man einem Kunstwerk begegnet. Und doch ist sie mit Sicherheit im Verlauf der Geschichte oft gestellt worden und Mozart, Goya, Picasso und Pasolini et al. haben sie sich anhören müssen. Die Antwort generell und immer: Klar, darf man das, und die Tatsache, dass niemand sonst auf die Idee gekommen ist oder einen bereits im Diskurs befindlichen Gedanken mit absoluter Konsequenz weitergedacht und bis an die Grenzen des Sagbaren geführt hat, spricht eher gegen die Niemands.
Okay, verstanden, aber South Park? Diese anal-fäkale Nummer? Absichtlich schlecht animiert und in der Regel auf einem Humorniveau, das zwischen grenzwertig und pubertär oszilliert? In der Frage liegt bereits die Analyse des ganzen Elends. Weil es sonst keiner macht und sich traut, müssen es wohl die Jungs mit den Pipi-Kaka-Witzen erledigen. Schade, aber so ist es. Allerdings, und hier muss man eine wohlwollende Lanze brechen, kommt das nicht aus dem Nichts, hielt sich, was die direkte Konfrontation mit der Macht angeht, allerdings an gewisse Grenzen. Grenzen, die durch die Frage, wie weit Satire gehen darf, und das, was man schlichtweg „Geschmack“ nennt, vage definiert waren.
Damals, in der guten alten Zeit, als die Macher noch einen Krieg der USA mit Kanada als Abschussbasis für ihre Pointen verwendeten und man das für eine durchaus witzige, aber hoffnungslos übersteigerte Plotline hielt, bereits damals, bestand die erste Welle der South-Park-US-Armee aus einem Bataillon aus ausschließlich Afroamerikanern. Ihre Aufgabe: Sich in das Feuer des Feinds zu werfen und so den Weg frei zu machen, wenn ihm irgendwann die Munition ausgeht. Der Name der Strategie: „Operation Black Shield“. Natürlich war das ein Rekurs auf den Vietnamkrieg und eine überwunden geglaubte Vergangenheit, aber großartig war es trotzdem.
Hier und heute hält sich South Park mit der Vergangenheit nicht mehr auf, hier und heute dominiert Donald Trump an jedem Tag des Jahres 2025 die analogen und digitalen Schlagzeilen. Und die Grausamkeit, Idiotie und der (ich benutze dieses Wort selten, ungern und nur nach längerem Nachdenken) faschistische Furor seines Regimes machen sprachlos und vielen, sehr vielen Leuten Angst. Das Land scheint in einer Schockstarre gefangen zu sein, weil alle Regeln des demokratischen Miteinanders, die nicht wasserdicht juristisch festgehalten wurden, nicht mehr existieren und der Rest bis zur Belastungsgrenze gebogen wird. Wenn nur die Judikative als einzige noch halbwegs funktionierende Gewalt bleibt, ist Schockstarre zwar nachvollziehbar, aber trotzdem klein und traurig.
Auftritt South Park. Widerstand mit den Mitteln der Satire. Oder dem, was Trey Parker und Matt Stone seit 28 Staffeln für Satire halten. Wie so oft muss man es selbst gesehen haben, um es zu begreifen, und eigentlich sind die besinnlichen Tage zwischen den Tagen nicht die Zeit, um sich einzelne Szenen ins Gedächtnis zu rufen, aber was muss, das muss wohl in diesen Zeiten.
Erste schöne Idee: Trump hat Satan ein Arschbaby gemacht, trotz seines winzigen Penis, der, wie wir später erfahren, (nachdem er es auch J. D. Vance mal so richtig besorgt hat), von Genitalwarzen übersät ist. Zuvor sehen wir Sequenzen, in denen Trump durch die Gemäldegalerie des (halb abgerissenen) Weißen Hauses wandert und er in allen Spielarten der homosexuellen Erlebniskultur (Stichwort „Glory Hole“) gezeigt wird. Und selbstverständlich plant Trump, das Baby wieder loszuwerden, und Vance und sein Freund Peter Thiel helfen natürlich gern. ICE spielt auch eine Rolle, könnte aber effektiver arbeiten, wenn Kristi Noem nicht andauernd die durch Schönheitschirurgie und Botox vermatschte Visage schmelzen und abhandenkommen würde. So können die Einwohner von South Park gemeinsam mit Kristi Noems Gesicht rechtzeitig die Flucht ergreifen.
Auftritt Pete Hegseth, der bei der Belagerung South Parks bestimmt, an welchen strategisch wichtigen Punkten Content zu generieren ist und dabei von Kristi Noem gestört wird, die sich die Chance Content zu generieren nicht entgehen lassen will.
Auftritt Saudi-Arabien, die den South Park Thanksgiving Lauf finanzieren, weil sie die einzigen sind, die noch Geld haben, Auftritt Pam Bondi, deren Nase sich immer und immer wieder braun färbt und komisch riecht. Auftritt KI, die einen fetten, nackten, lebensechten Trump durch eine Wüstenlandschaft irren lässt, und sein Mikro-Pimmel kann sogar sprechen. Auftritt medizinisches Wunder: Trumps Mageninhalt besteht zu einem gewissen Prozentsatz aus seinem eigenen Sperma.
Grenzüberschreitende Satire. In diesem Fall sind es nun mal Ekelgrenzen. Die Frage, ob es nützt, ist schwer zu beantworten, aber es hilft, es tut gut, es macht Hoffnung. Und zwischendurch gibt es sogar Szenen und Dialoge, die ohne Bäh auskommen. Beispielsweise als Jesus, der seit Ewigkeiten zum South Park Figurenkosmos zählt, beginnt sich zunehmend schräg, hysterisch und geisteskrank aufzuführen:
– Was ist denn mit Jesus los?
– Keine Ahnung, in letzter Zeit ist er total christlich.
Danke dafür, die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ansonsten gilt:
Film: Blood and Sinners
Sehr schöne „From Dusk till Dawn“-Variation und herausragendes „New Black Cinema“. Einzig die Szene, in der plötzlich die gesamte schwarze Musikgeschichte in das 30er-Jahre-Setting imaginiert wird, fand ich didaktisch und überzogen. Dafür hat die SZ die Sequenz abgefeiert. So ist das mit der Kritisiererei.
Kriminalroman: Ravage & Son.
Ohne Worte. Oder vielleicht: Crime meets Magic. Jerome Charyn halt.
Serie: The Bear
Immer noch. Auch Season 4 ist in ihrer Reduktion grandios und Rob Reiner spielt auch mit.
(Und out of competition, weil 2024)
Kafka
Sehr klasse, auch wenn die Brillanz der ersten Folge nicht ganz durchgehalten wird.
Dirk Schmidt arbeitet als Schriftsteller, Hörspielautor und freier Werbetexter im Ruhrgebiet. 2025 ist in der Edition TW bei Suhrkamp von der Thriller „Die Kurve“ erschienen. Zu seinen Texten bei uns hier.
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Frank Schorneck
Hätte jemand für möglich gehalten, dass der orangene Pussygrabber innerhalb kürzester Zeit sämtliche Werte der US-amerikanischen Verfassung ins Lächerliche verkehrt und dass ihm dabei trotz offensichtlicher Korruption und Menschenverachtung erschreckend wenig Gegenwind ins verhärmte Gesicht fährt? Da wird uns in 2026 noch einiges bevorstehen, wenn die USA sich die venezuelanischen Ölvorkommen unter den Nagel reißen und als Teil des Deals China in Taiwan schalten und walten lassen und die Ukraine an Putin verscherbeln. Und was in Europa abgeht, gibt ebenfalls wenig Grund, mit Zuversicht aufs neue Jahr zu blicken. Aber wir wollen ja hier zurückschauen, nicht über die Zukunft orakeln.

Einer der Titel, die mir in 2025 besonders gut gefallen haben, greift den (international) zunehmenden Rassismus auf, allerdings in Form einer äußerst originellen, absurden Satire: In Jasper Ffordes „Wie die Karnickel“, sind es Kaninchen, die durch einen unerklärlichen Vorfall menschenähnlich geworden sind, an denen sich der Zorn der „besorgten Bürger“ englischer Kleinstädte entzündet. In der September-Ausgabe habe ich den Roman besprochen: Schorneck zu Jasper Fforde »Wie die Karnickel« – CulturMag. Der Verlag bewirbt den Titel in erster Linie als wichtiges antirassistisches Werk, das es zweifellos auch ist – aber der Roman ist umso vieles vielschichtiger und vor allem durchzogen von großartigem Witz. Bei aller politischen Dimension ein großes Lesevergnügen.
Ein weitaus kleineres, aber auf andere Art ebenso anrührendes Werk ist „Drift“ von Marina Schwabe. Hierzu habe ich im November eine Kurzkritik geschrieben: Bloody Chops – Kurzbesprechungen November 2025 – CulturMag.
Ein drittes Buch, das ich in diesem Jahr zu meinen Highlights zählen möchte, stammt aus der Feder des Pulitzer-Preisträgers Perceval Everett. Und zwar ist es nicht sein neuestes Werk „Dr. No“ (das ich allerdings ebenfalls uneingeschränkt empfehle – siehe bei uns „Der tut nichts„, d. Red), sondern der Roman „Erschütterung“, der 2022 auf Deutsch erschien. Nach der Lektüre von „James“, „Erasure“ (die Romanvorlage für den Netflix-Film „American Fiction“ wird im März 26 unter dem Titel „Ausradiert“ auf Deutsch erscheinen) und eben „Dr. No“ habe ich mir vorgenommen, auch seine früheren Werke zu lesen. Und „Erschütterung“ hat mich tatsächlich erschüttert. Die Geschichte des Geologen Zach Wells, der mit der Diagnose konfrontiert wird, dass seine zwölfjährige Tochter eine tödliche Krankheit hat, ist ungemein vielschichtig. Aus der Panik heraus, in dem Bewusstsein, der Tochter nicht beistehen zu können, beschließt Wells in einer Übersprungshandlung, einem geheimnisvollen Hilferuf nachzugehen, den er in einem Second Hand-Kleidungsstück gefunden hat.
Der Kontrollverlust im privaten Bereich lässt ihn auf der anderen Seite zu einem selbstlosen Kämpfer für ausgebeutete mexikanische Arbeiterinnen werden. Everett gelingt es, beinahe unmenschliche Trauer mit lebensbejahender Hoffnung, Liebe und Witz zu verbinden. Sogar Elemente eines hochspannenden Roadmovies bindet Everett hier gekonnt ein. Ich freue mich schon sehr darauf, das weitere Werk Everetts zu entdecken – immerhin hat er schon rund 30 Romane veröffentlicht, von denen nur wenige bislang übersetzt sind.
Und was hatte 2025 so an bewegten Bildern zu bieten? Durch ein zeitlich befristetes Angebot sind wir in den Genuss eines dreimonatigen Zugangs zur Streaming-Plattform Disney+ gekommen. Zeit genug, sich durch die bisherigen Staffeln der vielfach gefeierten Serie „The Bear“ zu arbeiten. Die Art und Weise, wie hier die Arbeit hinter den Kulissen von Restaurants inszeniert wird, die Hektik, die schnellen Schnitte, der aufpeitschende Soundtrack, die blank liegenden Nerven aller Beteiligten – das ist einfach großartig. Gleichzeitig wird Lust auf kulinarische Experimente geweckt und zudem noch herzergreifende Geschichten erzählt. Manche Kritiker bemängeln, dass die Kochszenen in der vierten Staffel etwas in den Hintergrund rücken und sich die Erzählweise dafür stärker an üblicher Serienware orientiert. Das ist aber Jammern auf sehr hohem Niveau und es tut zudem gut, dass die Serienmacher einen Weg gefunden haben, sich nicht in Bildern zu wiederholen.
Für die fünfte Staffel werden wir uns wohl wieder nach einem kurzfristigen Zugang umsehen, denn weder das Marvel-Universe noch das Star Wars-Franchise interessiert uns genug für ein festes Abo. Jeremy Allen White, der hier als „Chef“ den Kochlöffel schwingt, macht übrigens auch als „Boss“ eine hervorragende Figur. Seine Verkörperung von Bruce Springsteen im Musikdrama „Deliver me from Nowhere“ ist preisverdächtig. Der Film ist leider in den Kinos etwas untergegangen – vermutlich weil er im Gegensatz zu vielen anderen Musiker-Biopics einen fast durchgehend sehr depressiven Grundton hat und möglicherweise die Massen, die rund um den Globus die triumphalen Auftritte er E-Street-Band feiern, nur bedingt abholt.
Nicht im Streaming enthalten, sondern nur im Kaufangebot von Amazon findet man die zweite Staffel von „The Last of Us“. Als jemand, der die Spiele-Vorlage nicht kennt, wurde ich von der Entwicklung der Story überrollt. Ich kann ohne zu spoilern nicht viel verraten, aber ich habe vermutlich noch nie bei einer postapokalyptischen Endzeitserie so fassungslos auf den Bildschirm gestarrt und geheult wie hier. Die zombieähnlichen „Infizierten“ sind diesmal nur ein kleines Element in dem Szenario, das sich entwickelt, wenn gesellschaftliche Strukturen aus den Angeln gehoben werden. Weil Ellies Reise nach Seattle führt, findet sich z.B. auch Pearl Jam im exzellenten Soundtrack – doch wer hätte gedacht, welche Magie „Take on me“ entfachen kann?
Auf Netflix wiederum ist die kanadische Miniserie „Wayward“ ziemlich verstörend. Die Story über ein sektenähnlich geführtes Umerziehungslager für Jugendliche mit bizarren Gehirnwäsche-Techniken ist psychologisch harte Kost mit einigen unerwarteten Wendungen. Es herrscht die untergründige Bedrohung in der Art von „Rosemaries Baby“ oder auch den „Stepford-Wifes“, hinter einem lächelnd dargebotenen Hilfsangebot können Abgründe lauern.

Musikalisch hingegen kann ich zwei meiner Tipps des Jahres 2024 einfach noch einmal wiederholen: „LEAP“ haben in 2025 ihren ersten Longplayer „Entropy“ auf den Markt gebracht. Komplett in Eigenregie und ohne Plattenlabel im Rücken haben es die Independent-Rocker in deutschen Rock-Charts bis auf Platz 5 geschafft. Gut, sie haben den Verkauf der Platte mit dem Zugang zu exklusiven VIP-Konzerten gepusht und in den Top 100 hielten sie sich nur für eine Woche auf – aber vor allem Dank ihrer regelmäßigen Live-Präsenz und einer großen Nähe zu den Fans wird es für die Engländer auf jeden Fall weiter bergauf gehen. Im Frühjahr wieder auf etlichen Bühnen in Deutschland zu erleben.
Das neue Album der Bielefelder Singer/Songwriterin Mina Richman befindet sich noch in Arbeit, aber was sie hiervon schon vorab bei Konzerten vorgestellt hat, weckt hohe Erwartungen.
Und weil ich den Redaktionsschluss für diese Ausgabe beinahe verpennt habe, muss das für 2025 reichen. Ich freue mich schon auf die Tipps der Kolleginnen und Kollegen, die wieder die ersten Tage des neuen Jahres versüßen werden.
Frank Schorneck ist Rezensent und Literaturveranstalter (u.a. „Macondo – Die Lust am Lesen“) sowie Vorleser. Mit seinen Kollegen von der www.whiskylesung.de widmet er sich dem Wechselspiel von Alkohol und Literatur. Seine Texte bei CulturMag.
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Christian Y. Schmidt:
Nicht alle Bücher, Filme, Serien und Songs, die ich aufzähle, stammen aus 2025, doch ich habe sie in diesem Jahr erstmalig rezipiert bzw. spielten sie in 2025 für mich eine besondere Rolle.
Bücher des Jahres

Olga und Otto
Wer „Der Lange Fahrradmarsch“ gelesen hat, weiß, dass der Kommunist Otto Braun der Hauptgrund war, weshalb ich mich zusammen mit Volker Häring auf die extrem herausfordernde, knapp 7.000 Kilometer lange Fahrradtour durch China gemacht habe. Ich bin nämlich überzeugt davon, dass Maos Langer Marsch ohne den Deutschen überhaupt nicht stattgefunden hätte, was zugespitzt formuliert bedeutet, dass ohne den Mann aus Ismaning bei München keine Volksrepublik China gegründet worden wäre. Doch Otto Braun wäre wohl nie nach China gelangt, hätte es nicht Olga Benario gegeben. Auf die jüdische Kommunistin stieß ich bei meinen Recherchen zur Vorgeschichte Brauns. Der dreiundzwanzigjährige Otto lernte Olga Mitte der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts kennen, als sie gerade mal sechzehn war. Rund ein Jahr später wurde sie seine Geliebte. Danach lebten die beiden zusammen im Berlin-Neuköllner Untergrund, bis sie verhaftet wurden. Olga kam kurze Zeit später wieder frei, und befreite ihren Otto im April 1928 mit Waffengewalt aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit. Zusammen flohen sie nach Moskau.
Dort trennten sich beider Wege: Braun ging nach China, um als Militärberater der Komintern die dortigen Kommunisten zu instruieren, Benario als Leibwächterin des brasilianischen Kommunistenführers Luiz Carlos Prestes nach Brasilien. Im Sommer 1935 wurden Benario und Prestes dort ein Paar. Im Spätherbst des gleichen Jahres erstickte der brasilianische Staat eine von den Kommunisten geplante Revolte gegen den mit diktatorischen Vollmachten regierenden Präsidenten Getúlio Dornelles Vargas bereits im Keim. Prestes und Benario, die zu den Organisatoren gehörten, konnten sich zunächst versteckt halten, wurden aber im Frühjahr 1936 schließlich doch verhaftet. Während Prestes in Brasilien eingekerkert blieb, schob man Benario im Herbst des gleichen Jahres nach Nazi-Deutschland ab. Hier wurde Olga Benario Prestes nach Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern am 7. April 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.
Otto Braun ist auch im heutigen China unter dem Namen Li De – Li, der Deutsche – eine Berühmtheit. Das Gleiche gilt für Olga Benario in Brasilien, wo sie für viele Linke eine nationale Ikone ist. 1985 kam dort eine umfangreiche Biografie heraus, auf deren Grundlage 2004 der Spielfilm „Olga“ gedreht wurde: Ein großer Kassenerfolg, wohl auch aufgrund seiner etwas kitschigen Liebesgeschichte. Auch in der DDR wusste man, wer Olga Benario war. 1961 erschien hier der historische Roman „Olga Benario. Die Geschichte eines tapferen Lebens“ von Ruth Werner, der bis 1982 fünfzehn Auflagen erlebte. Selbst etliche Schulen und Straßen wurden in der DDR nach Olga Benario-Prestes benannt.
Im westlichen Teil Deutschlands blieb Olga Benario dagegen einem großen Publikum unbekannt. Noch unbekannter ist hier Otto Braun. Obwohl er mit seinem Wirken den Lauf der Weltgeschichte entscheidend beeinflusst hat, sind bis heute nur einige Aufsätze in entlegenen historischen Zeitschriften über ihn erschienen, wobei sich der Münchner Historiker und Sinologe Frederick S. Litten hier einige Verdienste erworben hat. Eine umfassende Biographie des kommunistischen Weltbürgers steht bis heute aus. So ähnlich verhält es sich bei den meisten deutschen Kommunisten, wenn sie nicht – wie Ulbricht, Liebknecht, Luxemburg oder Thälmann – in der ersten Reihe standen. Zu Recht beklagt der Bielefelder Historiker Christopher Kopper, dass „bei westdeutschen Historikern… eine generelle Ignoranz gegenüber kommunistischen Biografien“ vorherrsche.
Zumindest im Falle von Olga Benario hat Kopper nun diese nicht von ungefähr rührende Ignoranz durchbrochen, und mehr als achtzig Jahre nach ihrer Ermordung die erste wissenschaftlich fundierte Biografie dieser außergewöhnlichen Frau vorgelegt. Trotz seiner Wissenschaftlichkeit ist es ein wunderbar lesbares Buch, das eindrücklich belegt, wie aufrecht diese Kommunistin aus bürgerlichem Haus durchs Leben ging. Selbst im Gefängnis und KZ setzte sie sich noch für ihre Mitgefangenen und Mitgefolterten ein, auch noch kurz bevor die Nazis sie umbrachten. Ich bewundere selten Menschen, und nenne sie noch seltener heldenhaft. Bei Olga Benario aber kann ich gar nicht anders.
Wer nach der Lektüre noch mehr über Olga Benario Prestes erfahren will – und ich garantiere, dass die meisten Leserinnen und Leser wollen – dem sei das kleine Büchlein „Berliner Kommunistische Jugend“ von ihr selbst empfohlen, das Kristine Listau 2023 erstmals aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt hat, sowie die „biografische Annäherung“ von Benarios Tochter Anita Leocadia Prestes – sie wurde am 27. November 1936 im Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße geboren – an ihre Mutter, das einfach „Olga Benario Prestes“ betitelt ist. Beide Bücher sind im Berliner Verbrecher-Verlag erschienen.
Jetzt warte ich auf die erste Biografie von Otto Braun. Aus seinem abenteuerlichen Leben in Deutschland, der Sowjetunion und China habe ich in „Der Lange Fahrradmarsch“ nur Bruchteile erzählen können. In einem anderen Land als diesem hier, hätte man man aus Brauns spektakulärem Leben bereits einen großen Spielfilm gemacht: Eine Art „Babylon Berlin“, nur im Weltmaßstab. Doch wie gesagt: Die Ignoranz gegenüber kommunistischen Biografien ist hierzulande so ausgeprägt, wie in kaum einem anderen Land der Welt.
Trotzdem: Vielleicht findet sich ja jemand, der wenigstens die ausstehende Biografie über Otto Braun schreibt.
Christopher Kopper: Olga Benario: Eine kurzes Leben im Dienst der Weltrevolution. Suhrkamp, Berlin 2025. 330 Seiten, Broschur, 22 Euro. – Verlagsinformationen hier.
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Drei tibetische Weise treten aus der Wand und treffen Hitler
Dieses gerade erst im Dezember erschienene Buch enthält zumindest ein Kapitel über Otto Braun, in dem die wichtigsten bekannten Fakten über den deutschen Kommunisten zusammengefasst werden. Hauptsächlich aber widmet es sich den deutschen Militärberatern, die den Kommandanten der nationalistischen Gegenseite im chinesischen Bürgerkrieg, Chiang Kai-shek, gegen üppiges Honorar zur Seite standen. Bei diesen handelt es sich nahezu ausnahmslos um völkische Militärs, die allesamt in irgendeiner Weise in den Kapp-Putsch von 1920 verwickelt waren, und entweder der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahestanden oder – wie Herrmann Kriebel – sich zu glühenden Nazis entwickelten.
Aber auch ein abenteuerlicher Wirrkopf, Möchtegern-Geheimagent und Betrüger wie Ignatz Trebitsch-Lincoln zählte zu denen, die die Beziehungen zwischen den deutschen und chinesischen Nationalisten anbahnten. Gegen Ende seines, für eine ganze Spielfilmserie reichenden Lebens wurde „Der größte Abenteurer des 20. Jahrhunderts“ (Selbstbezeichnung) buddhistischer Mönch und nahm als solcher im Mai 1941 Kontakt in Shanghai zu dem in Japan stationierten Gestapo-Offizier Josef Meisinger auf: „Trebitsch wünschte sich von ihm ein Visum für eine Reise nach Berlin, wo er Hitler treffen wollte. Bei diesem Treffen würden plötzlich drei tibetische Weise aus der Wand treten. Diese würden eine Art neue Weltregierung darstellen und Frieden schaffen.“ Frieden gab es bekanntlich nicht, aber Trebitsch schaffte es immerhin, den Gestapo-Mann zu überzeugen, ein Telegramm nach Berlin zu schicken, in dem er um diese Audienz bei Hitler bat. Bei der Abergläubigkeit der regierenden Nazibande ist es fast ein Wunder, dass es nicht zustande kam.
Allerdings sind solche anekdotischen Passagen eher selten in diesem historisch fundierten und extrem materialreichen Buch, das einen Abschnitt der deutsch-chinesischen Geschichte beleuchtet, um den sich bisher weder die Geschichtswissenschaft und noch die Sinologie ausreichend gekümmert hat. Ich wäre jedenfalls sehr dankbar gewesen, hätte mir Janus‘ Buch beim Schreiben des Langen Fahrradmarschs schon vorgelegen. Letztlich ist es für die deutsche Geschichtswissenschaft blamabel, dass ein historischer Laie – Helmut Janus hat ein VWL-Diplom und lange Jahre als Unternehmensberater auch in China gearbeitet – dieses Buch geschrieben hat, das durchaus wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Noch blamabler ist nur, dass sich für dieses grundlegende Werk kein Verlag gefunden hat, und es im Selbstverlag erscheinen musste. Kaufen Sie’s Helmut Janus bitte in großer Zahl ab, allein um die deutschen Verlage zu beschämen.
Helmut Janus: Das Jahrzehnt der deutsch-chinesischen Beziehungen 1928 bis 1938. Essen: Selbstverlag 2025. 178 Seiten, 11,90 Euro. – Informationen zum Bezug hier.
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Marky Mark, der Getränkewart
Wer ausführlich für ein Sachbuch recherchiert, kommt kaum dazu, auch Belletristik zu lesen, die nichts mit dem eigenen Buch zu tun hat. Trotzdem habe ich es 2025 endlich geschafft, Marlen Hobracks Debutroman „Schrödingers Grrrl“ zu lesen, der zwei Jahre neben meinem Bett lag. Es ist ein tolles, mit leichter Hand geschriebenes Buch, das die Geschichte von Mara Wolf erzählt, die eines Tages dafür gewonnen wird, sich als Autorin eines Buchs auszugeben, das von einem alten weißen Mann geschrieben wurde – natürlich um es besser zu verkaufen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass der Roman nur am Rande in dem Boheme- und Universitätsmilieu spielt, das so oft den Hintergrund für deutsche Romane liefert, weil ihm die meisten deutschen Autorinnen und Autoren selbst entstammen, sondern dass hier eine proletarische Heldin im Vordergrund steht. Noch großartiger fand ich es in meiner Eigenschaft als leidenschaftlicher Pfandflaschensammler, dass eine – eigentlich überflüssige – Nebenfigur des Romans in der Leerguthalle eines Supermarktes arbeitet, und das Buch deshalb auch hinter die Kulissen der Rückgabeautomaten blickt. „Für den Kunden sah es so aus, als geschähe alles vollautomatisch… Stattdessen verbargen sich Discount-Angestellte hinter der automatischen Eingabe…“ Ich schätze mal, dieser Auftritt der Leerguthalle ist eine Schauplatzpremiere in einem deutschen Roman. Wie geil ist da..… Sorry, ich entschuldige mich für den Ansatz dieser Phrase.

Marlen Hobrack: Schrödingers Grrrl. Verbrecher Verlag, Berlin 2023. Hardcover, 300 Seiten, 24 Euro.
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Zum ersten Mal tot
Gerhard Henschels Martin-Schlosser-Romane lese ich hauptsächlich, um mich an mein eigenes Leben zu erinnern. Auch in dieser 12. Ausgabe der dickleibigen Reihe bin ich wieder reichlich vertreten. So erfährt man auf den Seiten 144 bis 146 en detail, wie ich 1999 in ein dreieinhalb Meter tiefes Loch gefallen bin, und dabei dem Tod mal so gerade von der Schippe sprang. Wenn Sie’s nicht glauben, lesen Sie’s doch selber.
Gerhard Henschel: Großstadtroman. Hoffman & Campe 2025, Hamburg 2025. 589 Seiten, 28 Euro. – Bücher von Gerhard Henschel, bei uns besprochen, kleine Auswahl hier. – Siehe auch die Besprechung von Joachim Feldmann in unserer Dezemberausgabe: Martin Schlosser und die Tücke der Objekte
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Serien des Jahres: Wie viele andere bin ich inzwischen ein passionierter Seriengucker. Konkret heißt das, dass ich mehr Zeit damit verbringe, Serien zu sehen als zu lesen. Dabei habe ich festgestellt, dass sich insbesondere Netflix-Serien wie Träume verhalten. Kaum sind sie vorbei, sind sie auch schon vergessen. Lese ich am Jahresende die Titel, weiß ich nur noch selten, was in ihnen vorkam. Hier die Serien, an die ich mich erinnern kann und die mir besonders gefallen haben.
Charlie Brooker und andere: Cunk on on Earth and Life (2023/2024). Mit der sensationellen Diane Morgan. _ Besser als studieren. Endlich habe ich ALLES verstanden.
Doku des Jahres: Arne Körner „Nonkonform“ (2024)
Wer wissen will, wie ein geglücktes Leben aussieht, kucke sich diese Doku über das Leben des Staatsanwalts, Schauspielers und Tausendsassas Dietrich Kuhlbrodt in der ZDF-Mediathek an. Sympathischer kam schon lange keiner mehr rüber, und am Ende freut man sich geradezu auf die Vergreisung.
Film des Jahres: Jonathan Glazer „Zone of Interest“ (2023)
Ich glaube, am meisten erschreckt hat mich, wie dicht dieses idyllische Setting direkt neben Auschwitz auch dem meiner Kindheit ähnelt.
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Songs des Jahres
Dieses Mal nur eine Jahreschart ohne Kommentar. Doch, einer: Die Sängerin und Komponistin von „Renaissance Woman“, Natalie Wong Christensen, muss ich doch unbedingt hervorheben. Sie schreibt schwebende, äthergleiche Songs, und hat eine Stimme, die sich unmerklich ins Gemüt schleicht. Unfassbar, dass die Frau kein Weltstar ist.
Wong Christensen stammt aus den USA, lebt aber in Berlin. Bucht sie, Booker, bis sie alle kennen.
1) We’re All Going To The Same Place – Renaissance Woman
2) Pa Gränsen – Jättedam
3) Here Comes The Gangster – Berlin Psycho Nurses
4) Rose Pink Cadillac – Dope Lemon
5) Porcupine – Sparks
6) Abyss – Anika
7) OK Vollgas – Pop Tarts
8) Battle Song – Berlin Psycho Nurses
9) Congregation – Low
10) Whole Lotta Weasel – Dauerfisch
11) Got To Have Love – Pulp
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Christian Y. Schmidt, 1956 geboren, war von 1989 bis 1996 Redakteur der «Titanic». Seitdem arbeitet er als freier Autor, u. a. für FAZ, SZ, taz, Stern, konkret, NZZ, Zeit sowie für verschiedene Fernsehredaktionen. Er ist Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur und war Gesellschafter und Redakteur des Weblogs «Riesenmaschine». 2003 zog er nach Singapur, 2005 nach China. Er lebt heute in Berlin und Peking, hat etliche Bücher veröffentlicht, so etwa Bliefe nach dlüben. Der China-Crashkurs oder Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu. 2018 erschien sein erster, vielbeachteter Roman: Der letzte Hülsenbeck. CulturMag mit zwei Stimmen dazu hier. Im März 2020 erschien Der kleine Herr Tod. Dazu bei uns Georg Seeßlen, weitere Texte hier.
Siehe auch in unseren Highlights 2023: »So weit die Füsse radeln« – Unsere Rekordfahrt durch China. In 2025 ist dazu das Buch erschienen – Textauszug und viele Bilder dazu exklusiv bei uns hier.
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