Geschrieben am 1. September 2025 von für Crimemag, CrimeMag September 2025

Frank Schorneck: Percival Everett »Dr. No«

Der tut nichts

Nach seinem mit dem Pulitzer-Preis gekrönten Roman „James“, der den Sklaven Jim aus „Huckleberry Finn“ zum Erzähler seiner eigenen Geschichte machte, liegen die Erwartungen an Percival Everetts neuesten Streich sehr hoch. Man erwartet etwas Besonderes. Und was bekommt man? Nichts! Auf über 300 Seiten stellt sich heraus, dass der hoch gefeierte Autor nichts kann. Nichts sorgt für einen Spannungsbogen, nichts hat Biss oder Witz, an der gesamten Geschichte kann nichts überzeugen. Es passiert nichts – und das auf unglaublich geniale Art und Weise! Moment – wie kann das sein? Sind Sie nun verwirrt? Herzlich willkommen in einem literarisch-mathematischen Meisterstück, an dem Raymond Queneau, Jaques Roubeaud oder Georges Perec sicherlich ihre helle Freude gehabt hätten.

Ích-Erzähler Wala Kitu ist Professor für Mathematik und sein Forschungsgebiet ist das Nichts. Er rätselt von früh bis spät über nichts und bringt seinen Studenten nichts bei. Sein Leben nimmt eine schicksalhafte Wendung, als er auf den Milliardär John Milton Bradley Sill trifft. Sill gefällt sich in seiner Rolle als Super-Schurke nach dem Vorbild eines Bond-Bösewichts und für einen besonders perfiden Plan benötigt er die Hilfe des Mathematikers: Er will in den Tresorraum von Fort Knox – nicht etwa wegen des Goldes, sondern weil er der festen Überzeugung ist, dass dort nichts ist. Damit meint er nicht, dass der Tresor leer ist, sondern dass dort buchstäblich nichts ist, eben das Nichts, wonach Kitu schon lange sucht.

Wenn der Raum voller nichts ist, wie kann man es dann transportieren? „Dr. No“ ist gespickt mit solchen Gedankenspielen, mit mathematischen Rätseln, Anspielungen auf Schrödingers Katze und weniger bekannte Paradoxien. Sill ist ein böser Geist, der stets zweimal verneint und selbst Kitu, der in seiner verschrobenen Gedankenwelt und Autismus-geprägten Wahrnehmung eins und eins nur mathematisch zusammenzählen kann, merkt schnell, dass die Pläne Sills wahrhaft böse sind. Doch da steht er schon längst auf der Fahndungsliste einer Regierungsorganisation, die geheimer als CIA oder FBI ist. Wenn Kitu im Verhör gesteht, dass Sill nichts plant, so ist dies eine Wahrheit, die von den Anzugträgern nicht geglaubt wird. Dem Mathematiker zur Seite steht (d.h. meistens wird er getragen) der einbeinige Hund Trigo, mit dem Kitu in seinen Träumen das Erlebte räsoniert und Pläne schmiedet. Eine weitere wichtige Hauptperson ist die junge Mathematikerin mit dem sprechenden Namen Eigen Vektor, deren Spezialgebiet die Topologie ist und die auf beängstigende Weise dem Bösen verfällt.

Aus dieser Grundidee entwickelt Everett eine haarsträubende Geschichte, die – als gelungene literarische Persiflage auf Bond- oder Mission Impossible-Filme – um den halben Erdball rast, und die von Flugzeugen zu U-Booten, von Yachten zu exzentrischen Anwesen mit protzig zur Schau gestelltem Reichtum wechselt. Auf nichts kann man sich in diesem Konstrukt verlassen, auf jede These folgt eine Antithese, es gibt Agenten, Doppelagenten, Verrat und Verräterverrat. Es gibt verschlossene Türen und Türen, die man öffnen könnte, aber besser nicht sollte. Kitu streift durch Häuser oder Pläne von Häusern und sucht nach einer Spiegelung, die in die reale Welt führt. Everetts Roman ist die literarische Entsprechung eines M.C. Escher-Bildes: Nichts passt zusammen und doch passt alles perfekt. Bei der Lektüre spielt es keine Rolle, ob man sämtliche mathematischen Anspielungen versteht (möglicherweise sind manche Gleichungen nur vom Autor ausgedacht, wer vermag das ohne Mathematikstudium schon zu beweisen?), denn das Werk ist weitaus weniger verkopft, als es hier klingen mag. Der Lesespaß ist ungeheuer. Die absurden Wendungen wirken, als lese man Keatings „Mord ohne Mörder“ (die herrliche Persiflage auf Detektivromane, die unter dem Titel „Dinner für eine Leiche“ kongenial verfilmt wurde) auf Speed. Und nahezu beiläufig flicht Everett zudem Spitzen gegen die derzeitige Situation in den USA ein. Da ist der Streifenpolizist, der über das Funkgerät die Anweisung bekommt, den Mann ohne Führerschein weiterfahren zu lassen und mehrmals ungläubig nachfragt: „Aber er ist schwarz. Haben Sie das mitbekommen?“  Und da ist ein korruptes Geflecht aus Regierungsmitgliedern und Tech-Milliardären, denen das Wohl des Landes nichts bedeutet.

Nicolaus Stingl hat wieder einmal eine großartige Übersetzungsarbeit geleistet, auch wenn er hier ein wenig tricksen musste: Im Deutschen wäre eigentlich eine Unterscheidung zwischen dem groß geschriebenen Nichts und nichts vorzunehmen, die es im Original nicht gibt. Um die Doppeldeutigkeit zu erhalten, wird hier „nichts“ durchgehend klein geschrieben.

Lesen Sie dieses Buch! Es wird Ihnen nichts bringen.

Frank Schorneck

Percival Everett: Dr. No (Dr. No, 2022). Aus dem Englischen von Nicolaus Stingl. Hanser Verlag, München 2025. 320 Seiten, 26 Euro.

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