Geschrieben am 1. November 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag November 2025

»Der lange Fahrrad-Marsch« (Textauszug und viele Bilder)

Extragroßes Abenteuer auf Maos Spuren

Volker Häring, Christian Y. Schmidt: Der lange Fahrradmarsch. 7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte. Ullstein extra, Berlin 2025. Klappenbroschur, 2 Landkarten auf der Innenseite, 17 Farbabbildungen. 368 Seiten, 19,99 Euro. – Verlagsinformationen.

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(AM) Nein, mit dem Fahrrad noch nie. Per pedes aber einiges, als Allgäuer viel Berg. Sehr viel eine Weile. Einmal das Hinterland von Spanien, die portugiesische Grenze entlang, wilde Schweineherden und freilaufende Jungstiere der Extremadura inklusive. Einmal die Pyrenäen-Kämme, ein höhen-neurotisches Maultier dabei. Ein wenig also kann ich nachfühlen, wie Volker Häring  und vor allem Christian Y. Schmidt sich jetzt fühlen müssen. Eine richtig lange Spur selbst auf der Landkarte gezogen, in ihren Fall buchstäblich er-fahren. So viel erlebt, gesehen, gelitten, gefreut, dass es auf immer Teil von einem bleibt.

6731 Kilometer durch China, auf dem Changzheng, wie der Lange Marsch auf Chinesisch heißt, der wichtigste Gründungsmythos der Volksrepublik. Von Oktober 1934 bis Oktober 1935 waren dabei rund 86.000 Soldaten der Roten Armee vom Süden aus unterwegs, wollten so der Belagerung durch die Nationalisten unter Chiang Kai-shek entkommen, den von Hitler entsandte Generäle der deutschen Wehrmacht unterstützten. Der Weg führte über reißende Flüsse, tückische Sümpfe und über bis zu 4.000 Meter schneebedeckte Berge. Keine zehn Prozent der Soldaten schafften es lebend bis zum Zielort Yan’an im Nordwesten Chinas. Wahrlich ein Stoff, aus dem die Mythen sind.

»Soweit die Füße radeln« überschrieb Christian Y. Schmidt seinen Jahresrückblick 2023 bei uns im CulturMag (auch viele Fotos von der Tour). Ein Jahr später berichtete er bei uns: »Der größte Tag des Jahrs 2024 war wohl für mich der 8. April, als Volker Häring und ich den obersten Oberst der chinesischen Volksbefreiungsarmee, Ao Wei, auf unserem Langen Fahrradmarsch ungefähr bei Kilometer 5.000 zufällig wieder trafen. Wir hatten schon im Jahr zuvor seine Bekanntschaft gemacht, am 19. November, noch in der Provinz Guizhou, rund 3.000 Kilometer von dem zweiten Treffen entfernt. Ao Wei war zu Fuß auf der Route unterwegs, die die chinesische Rote Armee 1934 und 1935 marschiert war, und wir mit E-Bikes.«

Jetzt ist das Buch der beiden Fahrrad-Helden endlich erschienen. Ich bin gespannt, welche und wie viele Preise es dafür hageln wird. Die Kapitel, die der Reiseroute folgen, haben sie unter sich aufgeteilt. Auch das sorgt für interessante Perspektivenwechsel. »Stories only happen to people who can tell them«, sagte Filmregisseur Samuel Fuller einmal. Diesen zwei Deutschen hätte er sicher gerne zugehört. Ein Personen- und Sachverzeichnis gehört zur Lieferung, sie ist deutlich mehr als eine der üblichen Feel-Good-Globetrotter-Selbstverlags-Publikationen. Das Buch hat das Zeug zu einem Klassiker wie Robert Louis Stevensons »Reise mit einer Eselin durch die Cevennen«. Viel Länderkunde inklusive. Volker Häring und Christian Y. Schmidt haben sich in die Karte von China eingeschrieben wie einst Philippe Petit in den Himmel von New York mit seinem Hochseillauf (siehe bei uns in CM 12_2015). Was für eine Tour – und welch ein anderer, direkter und authentischer Blick auf China. Großartig.

Buchpremiere ist am 12. November in der Fahimi-Bar in Berlin-Kreuzberg. Ab 19:30 Uhr. Mit März-Verleger Richard Stoiber als Moderator und Schiedsrichter.

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Mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des Verlags präsentieren wir Ihnen (weiter unten eine große Bildstrecke und) hier den:

PROLOG

Wie bei vielen bedeutsamen Ereignissen in der Geschichte der Menschheit – der Entdeckung Amerikas, des Penicillins oder der Erfindung des Klettverschlusses – hatte auch ganz zu Beginn unseres Langen Fahrradmarschs der Zufall seine Hände im Spiel.

Es war im September, vor einigen Jahren in Berlin. Volker Häring hatte gerade einen Peking-Krimi geschrieben und suchte jemanden, der sein Buch in einem Café am Savignyplatz präsentierte. Der vorgesehene Moderator war erkrankt, und Volker hatte mitbekommen, dass ich, der eigentlich schon lange Jahre in Peking lebte, gerade mal wieder zu Besuch in Berlin war. Volker kannte mich nur durch meine China-Bücher und Zeitungskolumnen, und ich wusste lediglich über ihn, dass er eine Firma besaß, die »China By Bike« hieß und Fahrradtouren durch China anbot.

Volker fragte mich also, ob ich einspringen könne, und weil ich ihn schon immer einmal persönlich kennenlernen wollte, sagte ich zu. Bei der Veranstaltung im Café Brel tat ich, was man als Moderator so macht: Ich lobte den Krimi genauso über den grünen Klee wie den Autor selbst. Den Leuten sollte ja was für ihr Eintrittsgeld geboten werden. »Vor Ihnen sitzt vielleicht der größte radfahrende Schriftsteller Deutschlands.«

Tatsächlich ist der Mann ein Multitasker vor dem Herrn: Er organisiert ausgefallene Radreisen, nicht nur in Asien, sondern in praktisch jeder kaum ausgeleuchteten Ecke des Globus. Er hat unzählige Reisebücher geschrieben und jetzt sogar einen Krimi. Außerdem hat er Sinologie studiert, spricht fließend Chinesisch, spielt Gitarre und singt in einer Band, die Rockmusik mit chinesischen Texten nach Deutschland bringt. Die Lesung war dann ein rauschender Erfolg.

Knapp drei Monate später war es Volker, der mir Honig um den Bart schmierte. Dieses Mal trafen wir uns in Peking, auf einer Expat-Party in einer der vielen Hofhausgassen der Altstadt. Martin, ein guter Freund von mir, feierte mit seiner Frau Chang den Umzug von Hongkong in die chinesische Hauptstadt. Es war einer dieser milden Oktobernächte, wie sie für Peking typisch sind. Das gute Yanjing-Bier floss in Strömen, hin und wieder kursierte ein Joint, und während im Wohnzimmer deutsche Sinologinnen, chinesische Maler und schottische IT-Experten tanzten, saßen Volker und ich im Hof, wo gerade Lammspieße nach uigurischer Art – sogenannte yangrou chuan’r – gegrillt wurden.

Volker war von einer langen Fahrradtour, die er als Reiseleiter geführt hatte, aus dem Süden Chinas zurückgekehrt und schon wieder auf dem Sprung nach Berlin. Von dort war ich am Tag zuvor gekommen. Dementsprechend war ich vom Jet-lag ein bisschen angezählt, das Bier und etwas Kifferei taten schnell ihr Übriges. Das war der Moment, in dem mir Volker den Vorschlag machte.

Er kam allerdings nicht sofort zur Sache. Zunächst lobte er mich und meine Bücher über China in den höchsten Tönen. Dunkel erinnere ich mich, dass er etwas von »humorvollen Annäherungen an das Reich der Mitte« erzählte, »frei von der Leber weg« und »klug arrangiert«.

Schließlich redete er nicht länger um den heißen Brei herum.

»Du bist doch auch ein ganz guter Radfahrer, oder?«

»Na ja, geht so«, sagte ich. »Ich fahre notgedrungen viel im Alltag, weil ich kein Auto habe. Aber kein Vergleich zu einem durchtrainierten Weltumrunder wie dir. Du lebst doch praktisch auf dem Sattel.«

Volker reagierte, als hätte er meine Relativierung nicht gehört.

»Was hältst du davon, mit mir die Route des Langen Marsches entlangzufahren? Auf dem Fahrrad? Von Anfang bis zum Ende?«

Damit war die Katze aus dem Sack. Ich glaubte allerdings zunächst, ich hätte nicht richtig gehört.

»Du meinst DEN Langen Marsch, den die chinesische Rote Armee in den Dreißigerjahren marschiert ist?«

»Welchen sonst?«

»Bist du wahnsinnig? Wenn ich mich richtig entsinne, waren das damals 25 000 Li. Das sind …«

Volker nickte: »… rund 12 500 Kilometer. Mao hat das zumindest am Ende des Marschs behauptet, aber das muss nichts heißen.«

»Okay, lass es meinetwegen zehn- oder neuntausend Kilometer sein. Die große Frage lautet trotzdem: Warum? Warum, um Himmels willen, sollten wir das tun?«

»Weil das noch nie jemand gemacht hat! Jedenfalls kein Nicht-Chinese. Wir würden Fahrradgeschichte schreiben und kämen wahrscheinlich ins Guinnessbuch der Rekorde.«

»Du vielleicht. Ich käme eher ins Leichenschauhaus. Nur zu deiner Info: Ich habe noch nie im Leben eine Fahrradtour gemacht. Und ich bin zwölf Jahre älter als du. In zwei Monaten werde ich sechzig. Außerdem ist nach einem komplizierten Oberschenkelbruch mein linkes Bein zweieinhalb Zentimeter kürzer. Ich leide unter Bluthochdruck und Schlafapnoen, also Atemaussetzern im Schlaf … Ich müsste völlig irre sein, wenn ich mich auf dein, zugegeben schmeichelhaftes, Angebot einließe.«

Ich weiß nicht mehr genau, wie es an diesem Abend weiterging. Auf jeden Fall versuchte Volker weiterhin, mich von seinem Irrsinnsplan zu überzeugen, während ich ihm standhaft Paroli bot. Recht präzise erinnere ich mich hingegen, wie ein paar Lammspieße und Biere später das Gespräch auf Otto Braun kam.

»Wenn es überhaupt einen Grund für mich gäbe«, warf ich ein, »diese Wahnsinnstortur auf mich zu nehmen, dann wäre das Otto Braun. Rein hypothetisch, natürlich.«

»Du meinst diesen deutschen Militärberater, der auf dem Langen Marsch dabei war? Auf Chinesisch heißt er übrigens Li De, also Li, der Deutsche, oder auch der tugendhafte Li.«

»Genau den meine ich!«

»Den kenne ich nur aus chinesischen Historienfilmen: ein stalinistischer Apparatschik, der auf dem Langen Marsch eine kleine Nebenrolle spielte und selbst dabei alles falsch gemacht hat. Der totale Loser.«

Doch mit dieser flapsigen Bemerkung war Volker an den Falschen geraten! Ich war auf einer meiner vielen Chinareisen einst auf die Spuren Brauns gestoßen und hatte mich anschließend intensiver mit dem geheimnisumwitterten deutschen Kommunisten beschäftigt. Das war zwar schon eine Weile her, doch ein paar Dinge waren mir noch gewärtig.

»Wie bitte? Loser? Also erst mal ist Otto Braun der einzige Ausländer, der den kompletten Langen Marsch mitmarschiert ist, die ganzen 12 500 Kilometer …«

»… wahrscheinlich eher neuntausend.«

»Und zweitens – und jetzt halt dich ruhig an deinem wackeligen Gartenstuhl fest – ist eigentlich Otto Braun derjenige, der den Langen Marsch befohlen hat.«

Otto Braun, geboren in Ismaning
© wiki-commons

Das hatte offenbar gesessen. Volker brauchte eine Weile, um eine Antwort zu finden.

»Das war doch Mao! In den Filmen, die ich gesehen habe, war er immer der strahlende Anführer auf dem Langen Marsch, der unerschrocken voranlief.«

»Nein, war er eben nicht, selbst wenn das die chinesische Geschichtsschreibung ungern zugibt und es auch im Ausland praktisch keiner weiß. Als der Lange Marsch startete, war Mao nicht nur entmachtet. Man hat sogar überlegt, ihn in dem Guerrillagebiet, von wo die Kommunisten zum Langen Marsch aufbrachen, zurückzulassen.«

Auch das schien für Volker völlig neu zu sein, und so nutzte ich sein Schweigen, um noch etwas weiter auszuholen.

»Historiker aller Länder sind sich mehr oder weniger einig, dass es ohne den Langen Marsch wahrscheinlich keine Volksrepublik China gegeben hätte. Denn wären die Kommunisten damals nicht zu diesem Marsch aufgebrochen – der eigentlich nichts anderes war als eine etwas besser geplante Flucht –, dann wären sie wahrscheinlich von ihren Bürgerkriegsgeg- nern, den Nationalisten unter Chiang Kai-shek, vernichtet worden. Richtig?«

»Ja, das kann man wohl sagen. Alle, die später wichtige Funktionen in der Volksrepublik einnehmen werden – Mao, Zhou Enlai, Zhu De, Deng Xiaoping, und wie sie alle heißen –, wären sicher einen Kopf kürzer gemacht worden.«

»So. Und genau das hat Otto Braun verhindert. Sie alle überlebten, konnten den Bürgerkrieg gewinnen und schließlich 1949 die Volksrepublik ausrufen. Ergo sähe ohne den Deutschen Otto Braun die Welt heute deutlich anders aus. Das China, das wir heute kennen, gäbe es einfach nicht.«

Danach ging die Diskussion noch endlos weiter, doch darüber senkt sich in meinem Kopf ein gnädiger Nebelschleier.

Es war jedenfalls mitten in der Nacht, als sich Volker in sein Hotel verabschiedete und ich auf dem Fahrrad nach Hause in den Osten Pekings rollte.

Nach dieser Nacht verschwendete ich kaum mehr einen Gedanken an den Langen Marsch und Otto Braun, bis ein paar Wochen später mein Handy klingelte. Am anderen Ende war Volker in Berlin, der mir besonders gut gelaunt zu sein schien.

»Hey, ich freu mich schon total darauf, mit dir den Langen Marsch zu fahren! Ich habe auch schon mit den ersten Planungen angefangen.«

Ich fiel aus allen Wolken.
»Sorry, Volker. Wovon redest du?«
»Wie? Du erinnerst dich nicht mehr? Am Ende von Martins

Party warst du nicht mehr zu stoppen. Otto Braun hier, Otto Braun da. Ohne Otto könnte ich mein Huawei-Telefon vergessen. Ohne ihn gäbe es keine Hochgeschwindigkeitszüge in China, keine glitzernden Wolkenkratzer in Shanghai und Langer-Marsch-Weltraumraketen schon gar nicht.«

»Okay, und dann?«
Ich ahnte Übles.
»Als ich es wagte, an deiner These leise Zweifel zu äußern, hast du erst recht aufgedreht. Schließlich hast du laut gebrüllt: ›Wenn du mir nicht glauben willst, dann komm ich eben mit. Dann werde ich dir schon zeigen, wie wichtig Otto Braun für den Langen Marsch war.‹«

»Komm, das hast du dir doch ausgedacht …«

»Null. Du hast eingeschlagen, als ich vorschlug, das jetzt fix zu machen. Und wenn du mir nicht glaubst: Martin hat ein Video von unserem Handschlag gemacht. Soll ich’s dir schicken?«

Nein, das sollte Volker nicht, denn es war alles schon peinlich genug.

So unrühmlich wurde also der Lange Fahrradmarsch zwischen Volker und mir verabredet. Es war nicht der pure Zufall, sondern auch ziemlich viel Alkohol und ein bisschen Cannabis im Spiel. Ich kam mir zwar ein bisschen geshang- hait vor, wie es ein alter Seemann formulieren würde – hihi, geshanghait in Peking, dachte ich, wie absurd –, aber letztlich war ich selbst schuld. Jedenfalls kam es mir nicht in den Sinn, unsere Verabredung zu brechen. Wenn ich erst einmal etwas versprochen habe, halte ich es; mag passieren, was da wolle, und egal, unter welchen Umständen das Versprechen zustande gekommen ist.

Auch wenn wir damals noch keinen konkreten Termin für den Start der Tour festlegten, machten wir uns doch an erste Vorbereitungen. Zunächst galt es, ein paar grundlegende Fragen zu klären: Warum hat der Marsch überhaupt stattgefunden? Hat ihn wirklich Otto Braun angeordnet? Und auf welcher Route war die Rote Armee eigentlich ganz genau marschiert? Dazu stürzten wir uns auf die umfangreiche Literatur, die über die Jahre zum Langen Marsch erschienen war. Und man muss sagen: Eigentlich hätte ich nach diesem kleinen Literaturstudium auch zu Hause bleiben können. Schließlich hätte das genügt, um meine Partythese Volker gegenüber zu belegen.

Doch erstens hatte ich meine Teilnahme an der Tour versprochen, und zweitens war durch die Lektüre etwas passiert, mit dem ich in meinem fortgeschrittenen Alter selber nicht mehr gerechnet hatte: Ich war für das Projekt entflammt. Jetzt wollte ich die Schauplätze des Langen Marschs auch mit eigenen Augen sehen! Die berühmte Kettenbrücke bei Luding! Die tückischen Sümpfe im tibetischen Hochland! Ja, selbst auf die Schneeberge mit ihren viertausend Meter hohen Pässen war ich vorsichtig gespannt!

Aber leider konnten wir damals nicht gleich loslegen. Nicht nur, dass jeder von uns noch ein paar eigene Projekte zu Ende bringen musste. Es fehlte uns auch das Geld für eine Tour dieser Dimension. Auch unsere genaue Route war zu diesem Zeitpunkt noch alles andere als klar. Natürlich ist fast allen Langer-Marsch-Büchern eine Landkarte beigefügt. Und selbstverständlich kannten wir bereits die Orte der wichtigsten Schlachten und Konferenzen auf dem Langen Marsch. Doch war der Maßstab der Karten viel zu groß, und die Wegmarken lagen oft Hunderte von Kilometern auseinander. Für Autofahrer mochte das an grober Orientierung reichen. Für Radfahrer, die nicht bloß auf den großen Nationalstraßen unterwegs sein wollten, aber nicht.

Doch auch bei diesem Problem spielte uns der Zufall im wahrsten Sinne des Wortes in die Karten. Es war im Frühjahr, etwa ein Jahr später, als sich Volker bei mir in Peking meldete. Er hatte ein Buch gefunden, das wir seltsamerweise bei unseren Recherchen übersehen hatten. Und was für ein Buch! Es wurde rasch zu so etwas wie unserer Tour-Bibel, denn in The Long March – The true story behind the legendary journey that made Mao’s China beschreiben die Briten Ed Jocelyn und Andrew McEwen, wie sie von 2003 bis 2004 die komplette Route des Langen Marschs zu Fuß nachgelaufen sind.

»Aber das Beste daran kommt noch«, erzählte Volker begeistert. »Das Buch enthält zu jedem Kapitel eine detaillierte handgezeichnete Karte, auf der Dörfer und Kleinstädte ver- zeichnet sind, von denen ich noch in keinem Langer-Marsch-Buch gelesen hatte.«

»Also genau das, was du gesucht hattest?«

»Ja, jetzt kann ich mich endlich an eine Planung mit einzelnen Tagesetappen machen.«

Die erfreulichste Information im »Buch der Engländer«, so nannten wir die Bibel fortan (trotz der Tatsache, dass McEwen Schotte ist), war jedoch eine Information, die sich erst im letzten Kapitel findet. Volker sparte sich diese frohe Botschaft bis zum Schluss auf:

»Die Engländer gehen davon aus, dass der Lange Marsch tatsächlich nicht fünfundzwanzigtausend Li lang war, sondern eher zwölf- bis dreizehntausend. Das sind umgerechnet noch nicht einmal neun- bis zehntausend Kilometer, wie ich vermutet hatte, sondern schlappe sechs- bis sechstausend-fünfhundert Kilometer.«

»So, so. Das höre ich natürlich gern. Allerdings sind sechstausendfünfhundert Kilometer für mich immer noch eine unvorstellbar große Zahl.«

»Ach, Blödsinn. Das radelst selbst du auf einer Arschbacke ab. Aber pssst! Als die Engländer am Ende erzählt haben, dass der Marsch nur halb so lang ist, ging diese Meldung um die ganze Welt.«

»Hm, das war wahrscheinlich nicht so schlau.«

»Genau. In China gab es deshalb großen Ärger, weil da zwei Ausländer ankamen und Maos fünfundzwanzigtausend Li in- frage stellten. Also besser nicht an die große Glocke hängen.«

Gut, das hatte ich nun wirklich nicht vor.

Jetzt blieb eigentlich nur noch die Frage der Finanzierung unserer Tour. Also begannen wir, uns um Sponsoren zu kümmern. Die schienen auch deshalb unabdingbar, weil Volker an seinem Plan festhielt, keine E-Bikes, sondern »Bio-Bikes« – so sagen Fahrradnerds inzwischen zu normalen Fahrrädern – zu benutzen.

»Wenigstens auf der ersten Hälfte der Tour. Da liegen nur ein paar Hügelchen auf der Strecke.«

Dafür würden wir allerdings ein Begleitfahrzeug plus Fahrer für das Gepäck brauchen, denn mit solchem Ballast, das war auch Volker klar, würden wir selbst die »Hügelchen« nicht bewältigen können. Fahrer und Auto für einen Zeitraum von knapp einem halben Jahr bedeuten aber erhebliche Extrakosten.

Natürlich dachten wir in erster Linie an chinesische Sponsoren, da diese um die Bedeutung des Langen Marschs wissen. Doch als wir uns hier vortasteten, signalisierten uns Kenner der Materie, das sei wohl keine gute Idee.

»Der Lange Marsch ist hierzulande ein hochsensibles Thema«, schrieb uns ein Geschäftsmann in China, der über gute Kontakte verfügt. »Es gibt die eine offizielle Darstellung, und an der darf nicht gerüttelt werden. Das Risiko, dass ihr als Ausländer irgendetwas Abweichendes behauptet und das dann negativ auf sie zurückfällt, wird kein chinesisches Unternehmen eingehen.«

Im August 2019 wurde schließlich der Vertrag für dieses Buch hier unterzeichnet, womit wir über einen Vorschuss verfügten, mit dem sich durchaus etwas anfangen ließ. Und außerdem sagte uns auch noch die Rosa-Luxemburg-Stiftung zu, die Tour mit einer kleinen Summe zu fördern. Damit wurde es im Herbst 2019 endlich konkret. Obwohl mir bei dem Gedanken, mich jetzt wirklich auf den Weg zu machen, gleich wieder flau wurde, konnte das jahrelang angestaute Reisefieber dieses Gefühl überlagern. Für Volker war die Tour sowieso nur ein praktisches Problem. Er musste lediglich eine kleine Radweltreise, die er gerade für seine Kundschaft veranstaltete, unterbrechen, wahrscheinlich irgendwo im Dschungel oder in einer Sandwüste.

Stattdessen organisierte er für mich eine exklusive, auf zwei Tage angelegte Probetour – ein, wie er es nannte, »kleines Ründchen im Berliner Umland«. Es sollte die erste mehrtägige Fahrradtour meines Lebens werden, das zu diesem Zeitpunkt immerhin schon zweiundsechzig Jahre währte. Am ersten Tag legten wir stolze hundertsechzehn Kilometer von Berlin ins polnische Küstrin zurück – auch das ein neuer persönlicher Rekord für mich. Ich spürte es am Abend in jeder Faser meines Körpers – ein Gefühl, als hätte mich ein Bus gleich mehrmals überfahren. Auf der Rückfahrt gaben wir nach siebzig Kilometern wegen starken Gegenwinds auf und fuhren mit der Bahn nach Hause.

»Ich habe keine Ahnung«, sagte ich im Zug zu Volker, »wie ich so etwas auch nur einen dritten Tag aushalten soll.«

»Ach was«, brummte er nur. »Das wird schon. Die Feuertaufe hast du jedenfalls gerade bestanden.«

Kurz nach dieser Probetour überreichte mir Volker ein Blatt, das mit »Packliste« überschrieben war. Hier war allerlei Funktionsbekleidung aufgeführt, die ich unbedingt mitzunehmen hätte. Eigentlich lehne ich es aus Gewissensgründen ab, so etwas zu tragen. Doch Volker insistierte: »Du kannst unmöglich siebentausend Kilometer in deiner dicken Jeans und in kurzem Oberhemd fahren.«

Also ließ ich mich von ihm in ein Sportkaufhaus schleppen, wo er viel zu kleine Westchen und Jäckchen für mich aussuchte. Im Spiegel sah ich darin aus wie eine Presswurst in der Pelle, doch Volker betonte, das müsse so sein, »wegen der Aerodynamik«.

Ich ließ mich sogar dazu breitschlagen, kurze Radlerhosen zu kaufen, eine davon in Kanariengelb.

»Du wirst mir unterwegs noch dankbar sein«, prophezeite mein Tourkollege in spe.

»Warum?«, entgegnete ich matt. »Fährt man schneller, wenn man scheiße aussieht?«

Ende Oktober sah es dann so aus, als könne uns keine Macht der Welt mehr stoppen. Inzwischen hatte Volker die endgültige Route bis ins Detail ausgearbeitet. Er präsentierte sie mir stolz bei einem letzten Kneipenabend in Berlin.

»Ich habe die Tour in drei große Abschnitte aufgeteilt. Jeder wird zwei Monate dauern. Dazwischen sind immer zwei bis drei Wochen Pause. Gestartet wird am 10. April in Ruijin, und spätestens am 16. November werden wir in Yan’an, dem Ziel des Langen Marschs, triumphal einrollen.«

Darauf stießen wir an.
»Kette rechts!«, sagte Volker statt Prost.
»Kette links!«, antwortete ich, weil ich ein Linker bin. »Falsch. Auch: Kette rechts!«
»Warum?«
»Erklär ich dir, wenn wir’s geschafft haben.«

Karte des Langen Marsch © wiki-commons

Mitte November flog ich zurück nach Peking, und einen Monat später fuhr ich zusammen mit meiner Frau in die Provinz Jiangxi. Hier stellte ich in Nanchang und der ehemaligen roten Hauptstadt Ruijin erste Recherchen an. Das erschien mir sinnvoll, weil ich gelesen hatte, dass es allein in Ruijin hundertachtzig Sehenswürdigkeiten gibt, die an die Zeit der chinesischen Sowjetrepublik – dem Vorläufer der Volksrepublik – und den Beginn des Langen Marschs erinnern. Eine Art Rotes Disneyland, in dem man leicht den Überblick verlieren kann, zumal Volker für Ruijin nur zwei Tage eingeplant hatte.

Und tatsächlich gelang es meiner Frau und mir, einige Spuren von Otto Braun zu finden. Wir machten sogar das Haus ausfindig, in dem er einst untergebracht war. Das war eine kleine Sensation, denn in der ganzen Literatur zum Langen Marsch war zu lesen, dass es schon lange verschwunden sei. So steht es auch in Sun Shuyuns Buch Maos Langer Marsch geschrieben, das den Anspruch erhebt, die Wahrheit über die- sen Gründungsmythos der Volksrepublik China zu enthüllen. Bei ihren Recherchen hatte die Autorin einst vor Ort nach Ottos Haus gefragt, aber von ihrer Führerin nur eine recht barsche Antwort erhalten. Die war aber allein deshalb interessant, weil sie zum einen noch einmal implizit bestätigte, dass es Otto war, der den Marsch angeordnet hatte, und zum anderen, was man davon in China hielt: »Die Führerin sagte, es sei schon vor langer Zeit abgerissen worden: ›Das war doch nicht erhaltenswert, bei all dem Ärger, den Braun uns ge- bracht hat. Wäre er nicht gekommen und hätte Mao die Kontrolle gehabt, dann hätte sich die Armee nicht auf den Langen Marsch begeben müssen.‹«

Das Haus, einst ein Tempel, war für Braun umgebaut worden. Dort setzte ich mich an den Schreibtisch, an dem Otto angeblich gesessen hatte, und ließ mich von meiner Frau fotografieren, wie ich aus dem Fenster in die Ferne blickte, in die auch er gesehen hatte. Damals schien es mir, als sei ich für einen Moment mit Otto verschmolzen. Und ich sah mich bereits auf dem Fahrrad sitzen, um seiner Route zu folgen.

Doch dann kam alles völlig anders: Schon während unserer Reise hörten meine Frau und ich im Radio von einer neuen mysteriösen Lungenkrankheit, die sich rund siebenhundert Kilometer von Ruijin entfernt in Hunans Hauptstadt Wuhan ausbreitete. Zunächst gaben die Behörden Entwarnung, doch als wir im Januar 2020 nach Peking zurückkehrten, hörten sich die Nachrichten bald nicht mehr ganz so harmlos an.

Jetzt war von einer neuen Seuche die Rede, die nach dem Jahr der ersten Meldung Covid-19 hieß.

Ende Januar gab es dann den ersten Corona-Toten in Peking. Alle öffentlichen Einrichtungen schlossen, soweit sie aufgrund der chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten nicht sowieso schon dicht waren. Aufgrund der schnellen und zum Teil recht rigorosen Maßnahmen hatte ich damals keinen Zweifel daran, dass man in China recht bald mit der Epidemie fertigwerden würde. Nur deshalb flog ich am 14. Februar 2020 von Peking nach Berlin, zuversichtlich, dass ich Anfang April mit Volker nach China zurückkehren würde, um unsere Tour zu beginnen.

Bei der Landung in Berlin wusste ich noch nicht, dass mein Flug für lange Zeit der letzte zwischen Peking und Berlin sein würde. Auch andere Flüge gab es bald nicht mehr. Schließlich schloss China Ende März 2020 für alle Reisenden seine Grenzen. Gültige Visa und Aufenthaltsgenehmigungen wurden bis auf Weiteres suspendiert. Mehr als drei Jahre hatten wir den Langen Fahrradmarsch vorbereitet. Wir hatten so viel Energie und Zeit hineingesteckt, wie keiner von uns zuvor in ein Projekt. Jetzt musste es von einem Tag auf den anderen abgeblasen werden.

In einem Post auf unserer eigens für die Tour eingerichteten Facebook-Seite schrieb Volker: »Wir haben den Langen Fahrradmarsch auf den Herbst verschoben.«

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Soweit unser Textauszug. Hier noch ein Blick ins Inhaltsverzeichnis.

INHALT

Prolog……………………………………………………………. 7

  1. 1  China-Lederstrumpf und Tattergreis ………………… 21
  2. 2  Das Hotel zu den Fünf Roten Sternen ……………….. 36
  3. 3  Ist Otto Braun denn Micky Maus? …………………….. 54
  4. 4  Unter Rotarmisten ……………………………………….. 71
  5. 5  Der alkoholgetränkte Atem der Geschichte ………… 87
  6. 6  Flucht aus Tongdao ………………………………………. 104
  7. 7  Die Wende von Zunyi ……………………………………. 123
  8. 8  Vier Runden Roter Fluss ………………………………… 146
  9. 9  Harry Potter zaubert …………………………………….. 165
  10. 10  Radelrausch am Schnapsfluss ………………………….178
  11. 11  Die erste Schlusslaterne ………………………………… 191
  12. 12  Zurück in Zunyi …………………………………………… 205
  13. 13  Das Gründonnerstagswunder von Huili …………….. 225
  14. 14  Durch das Wilde Land der Yi …………………………… 242
  15. 15  Unter Geiern ………………………………………………. 260
  16. 16  Höhenrausch und Kältekoller …………………………. 277
  17. 17  Error 05 …………………………………………………….. 295
  18. 18  Der Geist, die Essenz und der Frust
    des Langen Fahrradmarsches … 312
  19. 19  Der verschwundene Otto ……………………………….. 329

Dank …………………………………………………………….. 346
Personenverzeichnis ………………………………………… 349
Sachverzeichnis ………………………………………………. 357
Literatur zum Langen Marsch …………………………….. 371

Und hier wie versprochen exklusiv eine Bildstrecke – © alle Fotos Volker Häring, Christian Y. Schmidt:

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