Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023, News

Christian Y. Schmidt: »So weit die Füsse radeln«

Ereignis des Jahres 

»So weit die Füsse radeln« – Unsere Rekordfahrt durch China 

Das kulturelle, sportliche, politische und historische Ereignis des Jahre 2023, hinter dem für mich alle anderen Ereignisse verblassen, ist die Fahrradtour auf den Spuren des Langen Marsches der chinesischen Roten Armee, die ich selbst im Oktober begonnen habe, zusammen mit dem Reiseschriftstellerkollegen Volker Häring. Die Tour ist unvorstellbare 7.000 Kilometer lang, von denen wir in den ersten zwei Monaten genau 2.668 hinter uns gebracht haben. Das ist ungefähr die Strecke von Berlin bis Lissabon. Wir haben dabei über 35.000 Höhenmeter überwunden; vier mal den Mount Everest hoch und wieder runter. 

Jetzt bin ich gerade in Berlin in der Winterpause, und blicke immer noch ungläubig auf die vergangenen acht Wochen zurück. Okay, wir sind mit Pedelecs gefahren, also wurde unsere Strampelei von einem kleinen Elektromotor unterstützt. Trotzdem: Der Typ da auf dem Sattel (Leder, von Brooks), war das wirklich ich? 

Die Wiederauferstehung eines physischen Wracks 

Hatte mich mein Kardiologe nicht vor der Tour noch einmal zu einem Stress-Echo einbestellt, weil mein EKG zur Besorgnis Anlass gegeben hatte? Hatte er! Und hatte mir mein Orthopäde nicht frank und frei erklärt, meine Wirbelsäule sei „Schrott“? Ja, stand ich nicht am Ende meines 67 Lebensjahres, mithin einem Alter, wo man die körperlichen Anstrengungen nicht übertreiben sollte, zumal wenn man so untrainiert ist wie ich? Und doch musste es wohl alles stimmen. Es gibt zu viele Fotos, die mich an vollkommen unwahrscheinlichen Orten zeigen, auf hohen Pässen, unter mir ein Meer von dicht bewaldeten Bergen, auf Nebelinseln zwischen Teeplantagen, über mir nur bizarre Felsformationen und herabstürzende Wasserfälle. 

Die Tour ist für mich auch deshalb das Ereignis des Jahres, weil Volker Häring und ich – nicht nur – dieses Jahr damit zugebracht haben, sie vorzubereiten. Wir haben zum historischen Langen Marsch, der von Oktober 1934 bis Oktober 1935 dauerte, recherchiert, dicke Bücher gelesen, Exposés und unendliche viele Emails geschrieben, Routen studiert, Kontakte geknüpft, Flüge und Bahnfahrkarten gebucht, Software runtergeladen, Apps aktualisiert, Texte aus dem Chinesischen übersetzt, Ausrüstung eingekauft und Social Media Accounts angelegt… Vieles davon mussten wir zwei Mal machen, weil eigentlich geplant war, diese epische Tour am 13. April 2020 zu beginnen. Doch dann kam eine weltweite Pandemie dazwischen und China war gleich für mehrere Jahre geschlossen. Dafür sind wir jetzt sicher die ersten Ausländer, die nach der Pandemie auf den Spuren des Langen Marsches reisen. Die ersten Menschen, die diese Route mit Pedelecs fahren, sind wir mit Sicherheit sowieso. 

Die deutsche Spur 

Wir sind sicherlich auch die ersten Nicht-Chinesen die vor Ort nach Spuren suchen, die der einzige ausländische Teilnehmer am ganzen Langen Marsch hinterlassen hat: Der deutsche Kommunist Otto Braun aus Ismaning bei München kam Anfang der Dreissiger Jahre als Militärberater der Komintern nach China. Wahrscheinlich stammt die Anregung zum Langen Marsch sogar von ihm. Damit hat er wohl das Schicksal des modernen Chinas beeinflusst wie kein zweiter Nicht-Chinese. In China ist Braun als Li De (Li, der Deutsche) deshalb weltberühmt. In unzähligen Filmen und Fernsehserien über den Langen Marsch spielt er als großer Gegenspieler Maos eine herausragende Rolle. In Deutschland, zumal im Westen des Landes, ist der Mann, der auch über seinen China-Einsatz hinaus über eine funkelnde Biographie verfügt, die dicke eine komplette neue Staffel ‚Babylon Berlin‘ reichen würde, kaum bekannt. 

Auch das wollen wir durch unsere Tour ändern. Schon auf dem ersten Abschnitt unseres Langen Fahrradmarsches haben wir mehr über Otto Braun, seine Geschichte und seine zeitgenössische Rezeption in China in Erfahrung gebracht, als wir es für möglich gehalten hatten. Wir haben nicht nur interessante Dokumente in zahlreichen Langen Marsch-Museen gefunden, sondern auch mit etlichen Chinesen über Li, den Deutschen, gesprochen, die wir unterwegs zufällig getroffen haben, darunter einem leibhaftigen pensionierten Oberst der Volksbefreiungsarmee. All diese Forschungsergebnisse werden zusammen mit zahlreichen Abenteuern unterwegs – u.a. wurden wir von der Polizei aus einer Stadt im Süden Hunans hinausgeworfen – in das Buch zur Tour einfliessen. Das wird im Laufe des Jahres 2025 bei Ullstein erscheinen, und – Sie können sich das schon mal im Kalender notieren – „So weit die Füsse radeln“ heißen. 

Es wird noch schlimmer 

Doch zuvor müssen wir die Tour vollenden. Rund 4.400 Kilometer liegen noch vor uns. Diese wollen wir ab dem 1. März 2024 herunterreißen. Ende Mai werden wir dann hoffentlich im Zielort des historischen Marsches Yan’an angelangt sein. Dieser Teil der Tour wird noch deutlich anstrengender und entbehrungsreicher werden als der erste. Die Route führt nämlich nicht nur durch unwirtlicheres und dünner besiedeltes Gelände. Die Pässe, die wir zu erklimmen haben, werden mit bis zu 4.200 Metern auch deutlich höher sein. Ob hier noch Schnee liegt wie auf dem Original-Marsch, ob es stürmt oder hagelt, ob wir heil durch die Sümpfe kommen, die einst vielen Rotarmisten zum Verhängnis wurden, oder ob wir mit der dünnen Höhenluft zurechtkommen, wird sich zeigen. 

Wenn alles klappt, wird unsere Tour sicher auch in meinem CulturMag-Jahresrückblick 2024 eine gewichtige Rolle spielen. Wenn nicht, hoffe ich hier wenigstens auf einen würdigen Nachruf, der vielleicht folgende Überschrift tragen könnte: „Er hat’s versucht.“ 

Woanders mehr 

Wer mehr über unsere Tour erfahren, aber nicht auf das Buch warten will, der kann das in diversen sozialen Medien tun. Alle Seiten werden auch während der Winterpause aktualisiert: 

https://www.facebook.com/derlangemarsch/
https://www.instagram.com/derlangemarsch/
https://www.youtube.com/@SoweitdieFusseradeln 

Firmen, die uns bei diesem nicht nur anstrengenden, sondern auch recht kostspieligen Projekt unter die Arme greifen. Wer sich angesprochen fühlt, wende sich am besten über 

Langer-Fahrradmarsch-China@gmx.de

an uns. Ich werde umgehend antworten. 

Buch des Jahres 

Otto Braun: Chinesische Aufzeichnungen (1932-1939). Berlin: Dietz 1973. 

So spektakulär und schillernd das Leben von Otto Braun auch verlaufen ist, so überaus dröge ist dieses Buch. Mitte der Sechziger erhielt der Mann – der bis dahin über seine Abenteuer in China hatte eisern schweigen müssen – von höchster Stelle in der DDR den Auftrag, den chinesischen Maoismus als antikommunistisch zu entlarven. Braun schrieb pflichtschuldig zunächst eine Reihe von Aufsätzen in der Zeitschrift „Horizont“, aus dem er dann später dieses Buch kompilierte. 

Es ist wahrscheinlich das langweiligste, das je über den Langen Marsch geschrieben wurde. Der Autor ergeht sich darin seitenlang in militärischen Betrachtungen und strategischen Überlegungen, referiert Zahlen, fasst Konferenzergebnisse und Linienschwenks zusammen und begründet in Funktionärssprache, wieso Mao unrecht hatte. Persönliche Erlebnisse oder die chinesische Umgebung kommen praktisch nicht vor. Allein dafür, dass Volker Häring und ich das Buch in Vorbereitung auf unseren Langen Fahrradmarsch mehrmals gelesen haben, gebührt uns eigentlich irgendein hoch dotierter Preis der „Stiftung Lesen“. 

Films des Jahres 

Sonja Heiss: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Komplizen-Film 2023 

Auf dem Rückflug von der ersten Etappe unseres Langen Fahrradmarsches sah ich diesen Film auf dem Bildschirm meiner Rückenlehne, und war sofort völlig weg. Sicher lag das auch daran, dass die hier gezeigte Kindheit und Jugend in einer Anstalt für Behinderte auch meiner Kindheit und Jugend in einer noch größeren Anstalt für Behinderte ähnlich ist. Aber das war es nicht allein (wie es ja überhaupt nie der bloße Inhalt ist). Ich war völlig schockiert, wie gut einzelnen Elemente des Films miteinander harmonierten. Die knappen Dialoge (Buch neben der Regisseurin: Lars Hubrich), die exzellent besetzten, guten Schauspieler, die Kamera, die Farbe, ja sogar die treffsichere, überhaupt nicht populistische Musikauswahl, das war alles so perfekt, dass ich es gar nicht fassen konnte. Wie konnte ein deutscher Film so perfekt sein? 

Es geht also, es geht also, dachte ich immer wieder enthusiasmiert, selbst noch, als das Flugzeug in Berlin zur Landung ansetzte. Kurz saß ich dann in der S-Bahn, die auf dem Nachhauseweg zwei Mal zusammenbrach. Da hatte mich dann das deutsche Elend wieder, doch ein kleiner Hoffnungsschimmer blieb. 

Christian Y. Schmidt, 1956 geboren, war von 1989 bis 1996 Redakteur der «Titanic». Seitdem arbeitet er als freier Autor, u. a. für FAZ, SZ, taz, Stern, konkret, NZZ, Zeit sowie für verschiedene Fernsehredaktionen.
Er ist Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur und war Gesellschafter und Redakteur des Weblogs «Riesenmaschine». 2003 zog er nach Singapur, 2005 nach China. Er lebt heute in Berlin und Peking, hat etliche Bücher veröffentlicht, so etwa Bliefe nach dlüben. Der China-Crashkurs oder Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu. 2018 erschien sein erster, vielbeachteter Roman: Der letzte Hülsenbeck. CulturMag mit zwei Stimmen dazu hier. 2020 erschien Der kleine Herr Tod. Dazu bei uns Georg Seeßlen, weitere Texte hier.

Und hier noch einige Zugaben:

“Wasserbüffel” am Loushan Pass
Paifang (Schmucktorbogen) am Eingang zur Schnapsstadt Maota
Monumentale Rote Armee Mütze plus wehendem roten Halstuch vor der Gedenkhalle für die Frauen in der Roten Armee in Tucheng
Wu-Fluss von der Jiangjiehe-Brücke aus gesehen
Unter Wasserbüffeln
Der große Vorsitzende Mao weist den französischen Genossen den Weg (zum nächsten Parkplatz)

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