
Martin Schlosser und die Tücke der Objekte
Mit dem „Großstadtroman“ wächst Gerhard Henschels autobiografisches Romanprojekt um einen weiteren Band – von Joachim Feldmann.
Tückische Objekte machen dem nicht mehr ganz jungen Martin Schlosser das Leben schwer. Mal ist der Drehkopfregler eines Heizkörpers im Weg, mal ein Küchenregal. Ärgerlicher sind allerdings in den Eingeweiden des inzwischen schon fast arrivierten Autors herumwandernde Gallensteine, die samt der dazu gehörenden Blase operativ entfernt werden müssen. Das tut weh.
Im zwölften Band seines autobiografischen Romanwerks, das sich der Zeit zwischen Herbst 1998 und Silvester 2001 widmet, erzählt Gerhard Henschel aber nicht nur von körperlichen Malaisen. Das neue Jahrtausend bringt auch weltpolitisch Ungemach, ob in Russland, wo ein ehemaliger KGB-Agent namens Wladimir Putin schon als frischgebackener Präsident diktatorische Ambitionen zeigt, oder in den USA, wo sich der demokratische Präsidentschaftskandidat trotz Stimmenmehrheit geschlagen gibt. Auch was Schlosser aus Ländern wie dem Iran, Syrien oder Afghanistan erfährt, stimmt ihn nicht optimistisch. Aber Ablenkung gibt es genug. Schlosser hat geheiratet und ist Vater eines Sohnes geworden. Die Nachricht von den Terroranschlägen des 11. September im Radio hört er beim Geschirrspülen. Und scheinbar lakonisch fällt der Satz: „Ungefähr so stellt man sich den Anfang des Dritten Weltkriegs vor.“
Den „Großstadtroman“ zu lesen, ist eine aufschlussreiche, kunstvoll arrangierte Reise in eine Vergangenheit. Wer beispielsweise heute den erbarmungswürdigen Zustand der Deutschen Bahn beklagt, findet dessen Gründe in kleinen Meldungen über die Stilllegung von „unrentablen“ Strecken, massenhaften Personalabbau und die Schließung von Instandhaltungsbetrieben. Börsentauglich sollte das Unternehmen werden, so der nicht erst im Rückblick ziemlich dumme Plan.
Überhaupt gibt das Buch immer wieder Anlass zu heftigem Kopfschütteln. Ob es um die kostspielige und törichte Rechtschreibreform geht oder das trotzige Gebaren des Altkanzlers Helmut Kohl angesichts des CDU-Spendenskandals geht. Da teilt man Schlossers Empörung gern. Dennoch darf man sich unseren Helden als glücklichen Menschen vorstellen. Und freut sich mit ihm über den beträchtlichen Vorschuss für den Briefroman „Die Liebenden“, von einem tüchtigen Agenten ausgehandelt. Wir erinnern uns: Dieses Buch erschien 2002, noch vor dem als Konzept bereits vorliegenden „Kindheitsroman“, mit dem Henschels autobiografisches Erzählprojekt seinen eigentlichen Anfang nahm. Die Arbeit daran erweist sich als Mühe und Vergnügen zugleich, ist der Autor doch zur umfassenden Sichtung televisionären Kulturgutes aus den sechziger und siebziger Jahren gezwungen, das die privaten Fernsehsender zum Glück reichlich ausstrahlen. Bis zur Veröffentlichung des Werkes sollen allerdings noch ein paar Jahre ins Land gehen. Davon werden wir wohl in Band 13 erfahren, den der fleißige Chronist bereits begonnen hat. Wer will und über das nötige mathematische Talent verfügt, kann sich jetzt ausrechnen, in welcher Folge Erzählzeit und erzählte Zeit mit Getöse aufeinandertreffen.
Gerhard Henschel: Großstadtroman. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2025. 589 Seiten, 28 Euro. – Bücher von Gerhard Henschel, bei uns besprochen, kleine Auswahl hier.






















