Geschrieben am 1. September 2025 von für Crimemag, CrimeMag September 2025

Schorneck zu Jasper Fforde »Wie die Karnickel«

Ausgefuchst

Eine Besprechung von Frank Schorneck

Kennen Sie „Speed Librarying“? – Weil die englische Regierung zwar ihr Wahlversprechen gehalten hat, ländliche Büchereien nicht zu schließen, aber das dafür zuständige Personal in beschaulichen Herefordshire auf eine einzige Stelle mit reduzierter Arbeitszeit zusammengekürzt hat, ist jede einzelne der zwölf Bibliotheken im County nur alle zwei Wochen geöffnet – für exakt sechs Minuten. Mit seinem handverlesenen Team und ausgetüfteltem System schafft es Peter Knox, Rückgaben, Ausleihen, Reservierungen und Verlängerungen in diese 360 Sekunden zu quetschen. Ein Unternehmen, das als Buchblitz bekannt wurde…

Schon die Eingangssequenz von „Wie die Kaninchen“ zeigt eindrucksvoll, wie es Jasper Fforde gelingt, reale Ideen wie Kürzungen im Kultursektor konsequent weiterzuspinnen, bis sie die Grenze zum Grotesken überschreiten und dabei völlig logisch klingen. Für Freunde absurd-hochkomischer Literatur voller Anspielungen und Querverweise gilt der englische Autor mit dem markanten Doppelkonsonanten im Namen seit seiner Romanreihe um die Literatur-Agentin Thursday Next als Qualitätsgarant. In dieser Reihe wird der Begriff der Literatur-Agentin sehr ernst genommen, denn es geht nicht um die schnöde Vermittlung literarischer Stoffe an Verlage, sondern um nichts weniger als die Rettung der Buchwelt an sich. Anhänger unterschiedlicher literarische Strömungen bekämpfen einander, Protagonisten aus Werken der Weltliteratur beschließen, ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Mit wilden Zeitreisen und Sprüngen zwischen literarischen Werken bieten die Romane schwindelerregende Volten und einen Humor in der Tradition von Douglas Adams oder Terry Pratchett. Ffordes „Nursery Crimes“-Reihe spielt mit ähnlichen Motiven, klärt aber Kriminalfälle in Kinderliedern und Märchen auf, wie z.B. wer Humpty Dumpty tötete oder was es mit dem geheimnisvollen vierten Bären aus „Goldilock and the three bears“ auf sich hat. Vermutlich wegen der Anspielungen auf schwerpunktmäßig englisches (Kinder-)Liedgut haben es diese Bücher noch nicht auf den deutschen Markt geschafft. Ffordes Young Adult-Fantasyreihe „The Last Dragonslayer“ dagegen wurde für Sky verfilmt.

Man könnte meinen, die Phantasie dieses Autors wäre schier unerschöpflich, als eine mehrjährige Schreibblockade einsetzte. „Grau“, der erste Band einer angedachten Trilogie um eine Welt, in der Farben Macht besitzen, endete in einem schier ausweglosen Cliffhanger für den Ich-Erzähler und die Fans mussten fast fünfzehn Jahre warten, bis die Geschichte endlich weiterging. Auch Thursday Next wird nach vierzehnjähriger Pause voraussichtlich erst im kommenden Jahr wieder ein neues Abenteuer bestreiten.

Der engagierte Satyr-Verlag macht nun allerdings einen Fforde-Roman für das deutschsprachige Publikum zugänglich, der im Original bereits vor fünf Jahren erschien und es zum Sunday-Times-Beststeller brachte: „The Constant Rabbit“, so der Originaltitel, ist eine ebenso humorvolle wie entlarvende Allegorie auf die Mechanismen von Populismus und Fremdenfeindlichkeit hinter den Kulissen akkurat gepflegter englischer Rasen und Hecken. Ich-Erzähler Peter Knox – wir erinnern uns: der Initiator des legendären Buchblitz – lebt in Much Hemlock, einembeschaulichen südenglischen Dörfchen. Man setzt auf Tradition und hofft, eines Tages beim alljährlichen Spick&Span-Wettbewerb (so etwas wie „unser Dorf soll schöner werden“) zu gewinnen. Peter Knox ist ein kleines Licht in der Rabbit Compliance Taskforce (RabCoT), ein „Spotter“, der die seltene Gabe hat, Kaninchen mit einer großen Treffergenauigkeit unterscheiden zu können.

Wozu man diese Gabe benötigt? Hierfür müssen wir etwas weiter ausholen, denn vermutlich erinnert sich kaum jemand noch an das Ereignis im Jahr 1965, als einige Kaninchen (und weltweit eine Handvoll weiterer Spezies) plötzlich Menschengröße hatten, sprechen konnten und schick bekleidet Auto fuhren. Anfangs ein unterhaltsames Phänomen, doch die Menschen brauchten keine zwanzig Jahre, um gegenüber den anthropomorphen Kaninchen Misstrauen, Verurteilung, Hass und Angst zu entwickeln. Ffordes Kniff in dieser Erzählung ist, dass er kein Paralleluniversum entwirft, sondern unsere Welt nur ein klein wenig verschiebt. Reale politische Ereignisse und Personen kann er so ganz einfach mit „hinüber“ in seine Erzählwelt nehmen. Am Beispiel der Kaninchen beschreibt er die Mechanismen, die von Unsicherheit über Angst zu Fremdenfeindlichkeit führen. Die antropomorphen Kaninchen vermehren sich schnell. Auch, wenn sie Anzüge und Kleider tragen, frönen sie einer Leidenschaft für’s Buddeln – was im krassen Widerspruch zur englischen Gartenliebe steht. Und dann ist da der Kaninchenweg, eine Philosphie des friedfertigen Idealismus, Veganismus, eine Abneigung gegen sinnlosen Konsum und mit dem Bestreben nach Nachhaltigkeit. Klingt wie Gutmenschentum, oder?

Und natürlich gibt es Gruppierungen, die sich die Angst vor einer Kaninchenschwemme zu Nutzen machen, um eben jene zu diskreditieren. Da ist die Partei UKARP (United Kingdom Against Rabbit Population), die es allein mit Kaninchenfeindlichkeit an die Regierung geschafft hat, und es gibt radikale Gruppierungen wie 2LG (TwoLegsGood), die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken (für die sie vermummt mit Molotov-Cocktails ausgestattet aus ihren Familienkutschen samt Kindersitz aussteigen). Und die Rabbit Complience Taskforce? Diese Einheit wurde gegründet, um Verbrechen von Kaninchen aufzuklären, wobei schon wiederholte Buddelaktivität zu Gefängnisstrafen führen kann. Weil auch die menschengroßen Kaninchen für das ungeschulte Auge alle gleich aussehen, kommt Spottern in der RabCoT eine wichtige Aufgabe zu.

Keine Angst: Dies ist nicht der Plot des Romans, sondern eine grobe Zusammenfassung der größeren Zusammenhänge, die sich im Verlauf der Story aus Nebensätzen, Einschüben und gelegentlichen Fußnoten erschließen…

Knox hat selbst keine Abneigung gegen Kaninchen, er „tut nur seinen Job“. Das ändert sich mit seinen neuen Nachbarn. Nicht nur, dass es sich um eine Kaninchenfamilie handelt – mit der Kaninchendame Connie ist Knox früher zur Uni gegangen. Und ins Kino. Von der kaninchenfeindlichen Gemeinde wird Knox beauftragt, Kontakt mit den ungebetenen Nachbarn aufzunehmen und ihnen gegen eine Geldzahlung den Wegzug nahezulegen. Im Widerspruch dazu steht der Auftrag seines Arbeitgebers, näheres über die Familie zu erfahren, denn man vermutet Kontakte in den Kaninchen-Untergrund. Dass Knox gegenüber Connie Gefühle hegt, die ihrem Ehemann nicht verborgen bleiben, macht die Situation nicht leichter. Aber ist Connie möglicherweise als Agentin auf ihn angesetzt? Der durchtriebene Senior-Gruppenleiter von RabCoT, bezeichnenderweise ein vermenschlichter Fuchs, versteht es geschickt, bei Knox Zweifel zu säen. Doch Knox beginnt zu durchschauen, dass hinter dem Bestreben der Regierung, die rund 1,2 Millionen vermenschlichter Kaninchen in ein „MegaWarren“ in Wales umzusiedeln, ganz andere Pläne stecken.

Ffordes Roman schlägt wilde Haken und bedient sich eines Wortwitzes voller Anspielungen, wie seine Fans es lieben. Es hagelt Querverweise auf Bugs Bunny, Roger Rabbit, „Watership Down“ oder „Mein Freund Harvey“. Die Übersetzerin Miriam Neidhard dürfte an vielen der Wortspiele schier verzweifelt sein. Wenn zum Beispiel Knox Connies im Armeedienst stehenden Gatten fragt: „Ich hörte, du hättest fast in Afghanistan gedient“ und dieser antwortet „ich hätte in Afghanistan fast ausgedient“, kommt dies nur bedingt an das Original heran („I heard you almost served in Afghanistan“ / „I was almost served up in Afghanistan“). Leider ist Miriam Neidhard, die in erster Linie Self-Publishing-Titel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, dem überbordenden Wortwitz Ffordes nicht immer gewachsen. Bei einigen Begriffen spart sich Neidhard dann gleich die Übersetzung. So werden Kaninchen des LitterBombings bezichtigt und der Übersetzerin ist es keine Fußnote wert, zu erwähnen, dass „litter“ neben der vermutlich den meisten Lesern geläufigen Bedeutung „Müll“ auch „Wurf“ bedeutet: dass es also um vermeintlich bösartige übermäßige Vermehrung geht und ein Austausch der Bevölkerung befürchtet wird.

„Wie die Karnickeln“ ist eine Parabel auf Fremdenfeindlichkeit nicht nur im konservativen ländlichen England und trifft als solche den Nerv der heutigen Zeit. Auch wenn die „Moral“ der Geschichte bisweilen plakativ wirkt, kommt sie nie plump daher, weil der Protagonist selbst sein Verhältnis zu Kaninchen ausloten und zu seinen Werten finden muss. Fforde bewegt sich mit diesem Roman humoristisch am weltpolitischen Puls der Zeit. Und bei allem Witz ist Jasper Fforde auch wieder ein spannender Pageturner gelungen.

Frank Schorneck

Jasper Fforde: Wie die Karnickel (The Constant Rabbit, 2020). Deutsch von Miriam Neidhart. Satyr Verlag, Berlin 2025. 408 Seiten, 25 Euro.

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