Promisker Prometheus Marcus Jensens neuer Roman mäandert zwischen Ethik und Fetisch – eine Besprechung von Frank Schorneck „Kat schrie diesmal in ein Kissen, ins Kopfkissen seiner Ehefrau, weil Dehm sie darum bat“ – sofort auf den ersten Seiten von „Vestalin“ geht es recht explizit zur Sache: Katarina ist ganze 30 Jahre jünger als der Mann, dessen kahl werdender Schädel tief zwischen ihren Schenkeln vergraben ist. Dehms 16 Monate alter Sohn platzt ausgerechnet in diese Szene hinein – dem Gitterbettchen ist er offenbar entfleucht. Dieses Vorspiel datiert auf 2006 – siebzehn
Read More Mit bis zu 40 Beiträgen jeden Monat, die gar nicht so kurzen Kurzbesprechungen nicht mitgezählt, ist es viel Lesestoff, den wir Ihnen regelmäßig zum Ersten des Monats frisch servieren. Hier finden Sie einen Rückblick auf das laufende Jahr. Im Mai 2024 haben wir unseren 10.000 Beitrag veröffentlicht, allesamt sind sie pro bono entstanden, wurden komplett ehrenamtlich und non profit von Medienprofis und Buchautorinnen und Autoren geschrieben und kuratiert. Herzblut und Kompetenz sind unsere Devise. Einen Überblick über das Jahr 2023 finden Sie hier. Unser jetzt im August ’24 erschienenes Special Thomas Wörtche gibt es hier, ebenso sein
Read More Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (34) Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. Spielwort: Handtuch Elf Zitate zusammengetragen von Ingrid Mylo Wenn er stillhielt und für einen Augenblick nicht
Read More Das Vokabular der Architektur erweitern Alf Mayer über die große Monographie von Philip Jodidio Philip Jodidio: Santiago Calatrava: Werkschau 1979 – Heute. Dreisprachige Ausgabe Englisch, Französisch, Deutsch. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, auf zwei verschiedenen Papiersorten gedruckt, Format 30.8 x 39 cm, Gewicht 6.79 kg. 688 Seiten, Euro 200. – Verlagsinformationen: taschen.com Dies ist kein normales Architekturbuch, das wird bereits auf den Vorsatzseiten dieser wahrhaft monumentalen Monografie über Santiago Calatrava klar. Blaue Schwingen, mit kühnem Schwung skizziert, dann ein rötlicher, geflügelter Torso, so ist der Eingang in dieses großformatige, gewichtige Buch. Dieser
Read More Schelm von Bergen – von Heinrich Heine Im Schloß zu Düsseldorf am RheinWird Mummenschanz gehalten;Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,tanzen die bunten Gestalten. Da tanzt die schöne Herzogin,Sie lacht laut auf beständig;Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,Gar höfisch und behendig. Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,Daraus gar freudig blicketEin Auge, wie ein blanker Dolch,Halb aus der Scheide gezücket. Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,Wenn jene vorüberwalzen.Der Drickes und die MarizzebillGrüßen mit Schnarren und Schnalzen. Und die Trompeten schmettern drein,Der närrische Brummbaß brummet,Bis endlich der Tanz ein Ende nimmtUnd die
Read More Herzlich willkommen! Unser USA-Korrespondent Thomas Adcock nimmt sich dieses Mal den Waffenwahn der Amerikaner als Thema, in seinem Essay »American Carnage« schreibt er nicht nur über Schul-Massker. Unsere Kolumnistin Iris Boss meldet sich mit »Systemfehler – Reise durchs Klassensystem der Medizin« zurück. Hazel Rosenstrauch widmet sich der Angst vor Datenbasierten Systemen (DS), wie man KI wohl besser nennen sollte, und schreibt über das von den Söhnen verfasste Buch zum Mord an Mireille Knoll: »Es gab Ungeheuer, aber nicht alle waren solche Monster«. Thomas Wörtche findet „Freunderlwirtschaft« von Petra Hartlieb etwas
Read More NEW ORLEANS, Louisiana It is the fateful afternoon of September 15, a Sunday. I am sitting in a hotel lobby in this storied city, where the Mississippi River flows gently into the Gulf of Mexico; the “Big Easy,” it’s called. I am enjoying a café au lait as I read an interesting article about a poet from Boston named Amy Silberman who died here back in 1994 when bullets rained down from the sky… … until I am interrupted by an alarm on my smartphone telling me of semi-disturbing news:
Read More 66 Porträt-Folgen sind es in unserer kleinen Carsten-Klindt-Galerie mittlerweile geworden. Und es geht weiter. Heute kommt wieder eine Folge dazu. Kriminalliteratur wurde früher gerne als „Asphalt-Literatur“ abgetan. Wir finden, dass das ein Adelstitel ist. Wir mögen Asphalt, wir mögen Großstadt, wir mögen Realität. Deswegen präsentieren wir Ihnen hier eine Rubrik, die jeden Monat ein Bild des Fotografen Carsten Klindt zeigt, manchmal jeweils zwei – und bis Folge 34 manchmal Texte der Polizistin Nadja Burkhardt kombiniert hat: Street Scenes und Street Crimes. Aus Realität wird Kunst, fragmentarisch und kaleidoskopisch. Freuen Sie sich mit uns! Hier
Read More Systemfehler Mir ging es nicht so gut letztes Jahr. Ich war müde. Immer müde und immer mehr müde. Details erspare ich Euch. Erstens ist das zu persönlich und zweitens wird man nicht gesünder, indem man über Krankheiten spricht. Doch obwohl sich das eigentlich von selbst versteht, scheint auf diesem Gebiet eine mariannengraben-tiefe Mind-Bahavior-Gap zu bestehen – ein freundliches Wort für gescheit dahersabbeln und nix auf die Reihe kriegen. 40 ist das neue 20 – ha! Zumindest in meinem Freundeskreis habe ich seit einiger Zeit das Gefühl, 40 ist das neue
Read More HR Giger, Necronomicon, Ridley Scott, Alien,
Read More Jenseits des Landhauses Noch in den 1990er Jahren wurde Celia Fremlin häufig in einem Atemzug mit Patricia Highsmith und Margaret Millar genannt. Anlass war oft ein neuer Kriminalroman von Ruth Rendell, bei dem diese drei Namen die Referenzpunkte waren. Mittlerweile aber scheint Fremlin – und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum, wenn ich die Reaktionen auf die Neuausgaben im Vereinigten Königreich als Maßstab nehme – weitgehend vergessen. Fast könnte ich behaupten, es gebe eine klare Erinnerungshierarchie dieser drei Autorinnen: Am bekanntesten Patricia Highsmith. Für Kenner*innen: Margaret Millar. Und dann Celia
Read More Ziemlich vitale lahme Gäule Derzeit läuft auf Apple TV die vierte Staffel von „Slow Horses“ mit Gary Oldman. Wirklich vorstellen muss man sie deshalb wohl eher nicht mehr, die von Mick Herron erfundene Truppe ausgemusterter MI5-Agenten, die in Ungnade gefallen sind und ihre Arbeitstage deshalb in Slough House fristen, einer windschiefen Immobilie, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Dort in Slough House vergeuden sie unter dem misanthropischen Jackson Lamb ihre Zeit mit völlig überflüssigen Aufträgen, wobei die meisten hoffen, durch einen genialen Moment doch wieder ins Blickfeld der Zentrale zu
Read More „Alle Männer sind gleich“ In den ersten Stunden des neuen Jahrs ist Sophie daran, nach der betriebsamen Silvesternacht die Bar aufzuräumen, an der sie arbeitet. Da begehrt ein später Gast an der Türe Einlass. Sie will in ignorieren, doch Mark ist ein guter Freund des Besitzers des Lokals. Er ist immer etwas aufdringlich, und er trinkt auf Kosten des Hauses. Widerwillig lässt sie ihn rein und serviert ihm einen Drink. Während sie beschäftigt ist, säuft er ihr den Rest einer 200-Dollar-Weinflasche weg, den sie für sich gebunkert hat. Danach drängt
Read More Als die Welt farbig wurde Zur ersten Werkmonografie von Marvin E. Newman (1927 – 2023) Viel Schatten gleich auf den ersten Fotos. Viel Expressivität. Dieser Fotograf traut sich mit sozusagen kühnem Strich. Marvin E. Newman war 90, als 2017 im Verlag Benedikt Taschen die erste Monografie über ihn erschien – als »collectors edition« in einer Auflage von 700 Exemplaren, Preis 600 Euro. Immerhin konnte er das noch erleben. Bis dahin war er außerhalb von Sammler- und Galeriekreisen weithin unbekannt geblieben. Dabei gehört er zu den Pionieren der Farbfotografie, brachte ihr
Read More Völlig verschenkt Petra Hartliebs Roman „Freunderlwirtschaft“ macht TW keinen Spaß. Die Karriere von Österreichs ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz vom Wunderwuzzi bis zum verurteilten Korrumpel ist verwunderlich genug. Um ihn herum ein gieriger Slim-Fit-Boys-Club nach dem Motto „Sushi statt Schnitzel“ und eine Politik, die auch von der FPÖ hätte sein können, garniert mit dem „Anzeigenskandal“, „Ibiza“ und anderer Politgrotesken mehr. Trauriges Schmierentheater, die Kommentare von Helmut Qualtinger hört man irgendwie noch aus dem post-mortem-Off. Eigentlich schreit diese ganze Gemengelage nach literarischer Nachbearbeitung, obwohl – vielleicht doch eher nicht. Die Skandale und der
Read More Ein Ritterroman im Jahr 2024? – Aber ja. Alf Mayer bricht eine Lanze. Ségurant. Die Legende des Drachenritters. Das vergessene Mitglied der Artusrunde (Ségurant, le Chavalier au Dragon, 2023). Nach wiederentdeckten mittelalterlichen Handschriften hrsg. von Emanuele Arioli. Aus dem Französischen von Andreas Jandl, Nachwort von Susanne A. Friede. Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2024. Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen, Format 16 × 24 cm. 288 Seiten, 74 Farbabbildungen, 38 Euro. Buchtrailer hier. Ein Ritterroman? Im Jahr 2024? Echt? Jahrhunderte in den Archiven verschollen, jetzt erst aufgetaucht, das ist der Artusritter Ségurant. Über
Read More Es gab Ungeheuer, aber nicht alle waren solche Monster Das Buch ist sechs Monate nach dem Mord an Mireille Knoll in Frankreich erschienen, es hat sechs Jahre gedauert, bis es am deutschsprachigen Markt ankam. Geschrieben wurde es innerhalb von vier Monaten von den Söhnen der Ermordeten. Beides Männer um die sechzig, die Mutter war 85 Jahre alt, als der Mann, den sie seit seinem siebten Lebensjahr kannte, sie zusammen mit einem Kumpel durch mehrere Messerstiche tötete und anzündete. Die Söhne haben geschrieben, um zu verstehen, was warum passiert ist. Beide
Read More Eine Besprechung von Alf Mayer Erst einmal Schwarzblende. Schwarzes Vorsatzblatt. Dann ein Selbstporträt aus »Modell Gehen« von 1991. Und ein Text. Vor zwanzig Jahren schon habe sie es angekündigt: jeweils einen Foto-Text-Band über die drei Farben Weiß, Rot und Schwarz. Der erste, »Die Hüterin des Weiß«, wurde im Herbst 2011 fertig. ”Rot in Schwarz-Weiß« folgte im Corona-Frühling 2020 (meine Besprechung hier). Und nun noch Schwarz. Brigitte Tast: »Dazu hatte ich Heftiges versprochen. Vielleicht etwas zu großartig?« Auf der nächsten Seite, der Titelseite gegenüber, dort wo gemeinhin links unten das Impressum
Read More „Anderssein“ tolerieren … Schwester Holiday ist ein lebender Widerspruch. Ihr bisheriges Leben teilt sich in ein Davor und Danach. Sie war Punkmusikerin und den Drogen nicht abgeneigt. Nun ist sie Nonne und unterrichtet Gitarre in der katholischen Klosterschule Saint Sebastian in New Orleans. Ihre Tattoos versteckt sie unter einem Halstuch und Handschuhen, in aller Verborgenheit raucht sie. Ein verheerender Brand in der Schule, bei dem Hausmeister Jack stirbt und zwei Schüler verletzt werden, gibt ihr keine Ruhe. Sie beginnt zu ermitteln. Denn die Ereignisse weisen gewisse Parallelen mit ihrem vorherigen
Read More Political Violence and Resistance in Cinema from the Arthouse to the Grindhouse, 1960–1990 Andrew Nette/ Samm Deighan: Revolution in 35mm: Political Violence and Resistance in Cinema from the Arthouse to the Grindhouse, 1960–1990. PM Press, Binghamton, New York 2024. Large format paperback, 386 pages, over 200 illustrations, USD 29,95. This richly illustrated book, just fresh off the press, examines how political violence and resistance was represented in arthouse and cult films from 1960 to 1990. This historical period spans the Algerian war of independence and the early wave of postcolonial
Read More Einmal Waldromantik bitte Diejenigen, die nach dem TV-Achtteiler „Oderbruch“ glaubten, man habe bei der ARD den Schalter umgelegt und man habe es verstanden, sozusagen auf der Welle des „Dark“-Effektes, wie man ordentliche Mystery-/Thrillergeschichten auf den Bildschirm bringt, wurden in letzter Zeit wieder eines Besseren belehrt. Denn mit der abstrusen Miniserie „Wäldern“ – zwei Folgen im September – bewiesen die Macher (und Schuster) vom Öffentlich-Rechtlichen einmalmehr, dass sie bei ihrem Sonntagsprimetime-Leisten bleiben sollten. Was stört an „Wäldern“? Die Frage sollte eher heißen: was stört denn nicht… Auf allen Ebenen der kompositorischen
Read More „Rebel Ridge“: Calmly Burn the Whole Thing Down Stop me if you’ve heard this one before: a righteous man rides into a corrupt town and cleanses it of sin. It’s Eastwood as the Man With No Name snarling You got a problem with my mule? and the Continental Op burning down Poisonville to save it and John Rambo blasting Main Street to kindling and… Yeah, you’ve heard it before. It’s a genre trope with the tread worn off. And that’s what makes “Rebel Ridge,” the new film by Jeremy Saulnier, so interesting:
Read More Der Krimi im Bildschirmformat boomt. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. Die Reihe »München: Laim …« – bisher sieben Folgen Gelegentlich geraten einem jene deutschen Serienkrimis in den Blick, deren Folgen weder wöchentlich oder monatlich ausgestrahlt werden, sondern im Abstand eines halben oder gar ganzen Jahres. Das ZDF beispielsweise hat davon
Read More Ein Restlicht: im Universum Ulrike Schrimpf über Daniela Kulots Kinderbuch Es geschah auch kein Unfug… Drei Familiengeschichten „Vielleicht hat jeder irgendwo im Herzen so ein bedrückendes Geheimnis. Dann ist es gut, wenn man die richtige Person findet, der man das erzählen kann. Bei mir war diese Person der Soldat. Irgendwie war mir danach leichter ums Herz.“ – Daniela Kulot, Es geschah auch kein Unfug… Die Künstlerin Daniela Kulot ist seit Abschluss ihres Studiums als Malerin, Illustratorin und Autorin erfolgreich, ihre Bücher sind in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und seit
Read More „Goodbye Julia“ ist der erste Film aus dem Sudan, der bei den Filmfestspielen in Cannes gelaufen ist. Dort er 2023 den Freedom Preis in der Sektion „Un Certain Regard“ gewonnen. Und nun ist er in einigen deutschen Kinos zu sehen. (Seite des Verleihs hier.) Mit wenigen Bildern etabliert Regisseur Mohamed Kordofani in „Goodbye Julia“ die Situation im Sudan 2005: Mona (Eiman Yousif) hat ihrem Ehemann Akram (Nazar Goma) das Frühstück zubereitet und sitzt mit ihm am Tisch, als von draußen Geräusche in die Ruhe des Hauses hineindringen. Wütende Demonstranten ziehen
Read More Susan Madsen fotografiert nicht nur – siehe ihre Anschau-Abenteuer bei uns hier nebenan – sie hat jetzt auch begonnen, uns Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen. Wahre Geschichten. Natürlich. – Wir freuen uns über die zweite Lieferung, d. Red. Hier geht es zu Folge 1. ** ** #Unecht Unsere Mutter hatte mich in Aarhus entbunden, im Redningshjemmet for forførte Piger (Rettungsheim für verführte Mädchen) für Frauen, die ihre Kinder nicht aus einer anständigen evangelischen Ehe hervorbrachten. Man ließ sie zwei Tage in den Wehen links liegen, bis man auf die
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