Als die Welt farbig wurde
Zur ersten Werkmonografie von Marvin E. Newman (1927 – 2023)
Viel Schatten gleich auf den ersten Fotos. Viel Expressivität. Dieser Fotograf traut sich mit sozusagen kühnem Strich. Marvin E. Newman war 90, als 2017 im Verlag Benedikt Taschen die erste Monografie über ihn erschien – als »collectors edition« in einer Auflage von 700 Exemplaren, Preis 600 Euro. Immerhin konnte er das noch erleben. Bis dahin war er außerhalb von Sammler- und Galeriekreisen weithin unbekannt geblieben. Dabei gehört er zu den Pionieren der Farbfotografie, brachte ihr als Straßenfotograf das Laufen bei. Seine Bilder atmen die Authentizität einer dokumentarischen Handkamera, gleichzeitig sind sie berstend und expressiv in ihrer reduzierten Formsprache. Marvin E. Newman (1927 – 2023) war ein Bauhaus-Fotograf – er studierte in Chicago am 1937 von László Moholy-Nagy als »The New Bauhaus«gegründeten Institute of Design (ID).

Am bekanntesten sind wohl seine Sportbilder, sein kraftvolles Werk aber umfasst viel mehr. Davon kann man sich jetzt endlich in einer günstigen Volksausgabe, immer noch im XL-Format, überzeugen. Der Band enthält über 170 teils doppelseitige Fotografien aus der Zeit zwischen den späten Vierziger- und frühen Achtzigerjahren. Sein Sujet: Das pralle Leben.

Marvin Elliott Newman war ein Dokumentarist – mit künstlerischem Ansatz. Als Sohn eines Bäckermeisters in der New Yorker Bronx geboren, schlug er bereits mit 16 eine kreative Richtung ein, nahm Fotokurse bei Berenice Abbott und Walter Rosenblum, wollte eigentlich Bildhauer werden, schloss das Brooklyn College mit einem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften ab, gehörte dort zum Football-Team und belegte Klassen bei der linksgerichteten »Photo League«, einer Fotografen-Kooperative, der einige der bekanntesten »mid-20th century«-Fotografen angehörten.
Ihren Ursprung hatte sie in der vom KPD-Mitglied Willi Münzenberg gegründeten »Internationalen Arbeiter-Hilfe« oder »Workers International Relief (WIR)«. Ihr Programm war das neue Feld sozialbewusster Fotografie, die formale Elemente des Designs und der visuellen Ästhetik mit der kraftvollen Darstellung menschlicher Lebensumstände zu verbinden suchte. In den frühen 1940ern zählten Margaret Bourke-White, W. Eugene Smith, Helen Levitt, Arthur Rothstein, Nancy Newhall, Richard Avedon, Weegee, Robert Frank, Harold Feinstein, Ansel Adams, Edward Weston und natürlich Lewis Hine zu den Mitgliedern. Unüblich für die damalige Zeit waren ein Drittel ihrer Mitglieder weiblich. 1951 löste sich die »Photo League« auf, nachdem sie 1947 vom Justizministerium als anti-amerikanische kommunistische Organisation auf die »blacklist« gesetzt worden war. »Ich wollte die Welt mit meinen Fotografien verändern, ich wollte den Wohlhabenden die Unterschicht zeigen – wo sie und wie sie lebt und wie sie arbeitet«, erklärte Marvin E. Newman noch 2017 dem »Guardian« in einem Interview.
Zeitlebens war und blieb er ein »Photographer of Sports and the Streets«. Er fotografierte Menschen im Schatten, auf Bürgersteigen und vor Ladengeschäften – oft sind in seinen Bildern auch Schilder und Worte zu sehen – oder in der Wintersonne von Coney Island. Seine Bilder erschienen in Magazinen wie Sports Illustrated, Life, Look, Smithsonian, Esquire und Newsweek. Er war vielseitig aktiv: als Straßenfotograf, Porträtist, als Experte für Sportfotografie oder (zwei Jahrzehnte vor der Konzeptfotografie) als Fotokünstler.
In seiner Studienzeit war er an einem Kurzfilm beteiligt gewesen, seitdem interessierten ihn Filmtechnik, Belichtung, Bewegung und die Arbeit mit Großformat-Kameras. Bis heute, im digitalen Überfluss vermutlich noch mehr als damals zu bemerken ist seinen Bildern eine manchmal unglaubliche Unmittelbarkeit eingebrannt. Eben jene Kraft, die das Medium Fotografie so mittelteilungsfähig über unsere Lebensumstände macht. Re-por-tage. Rea-li-tät. Wahrheit.



Newman ging mit seiner Farbkamera hinaus aus dem Atelier, hin zu den Menschen. Er fotografierte im Regen, im Neonlicht und im Schneegestöber, bei sinkender Sonne, im Alltag. Das Leben eben, banal und prall. Von der Wall Street bis zum Broadway, das San Gennaro Festival in Little Italy oder die Wochenend-Vergnügungen auf Coney Island. Unser Bildgedächtnis vom New York in den 1950ern ist von ihm mitgeprägt. »Pussy In Boots. Wanda Whips Wall Street« schreit die Neon-Kinoreklame auf seinem doppelseitigen Foto vom Times Square (Seite 222-23).

Er fotografierte gerne im Zirkus. Irre, wie auf Seite 130-31 eine Elefantenherde durch Manhattan getrieben wird. Fünf Jahre, bevor Alaska zum Bundesstaat wurde, war er einer der Ersten, der dort auf Bilderjagd ging. Einen Trip für Sports Illustrated nach Kansas City nutzte er für eine Reportage auf eigene Faust über Nackttänzerinnen. Sie blieb unveröffentlicht, nur die American Society of Media Photographers (ASMP) brachte davon etwas in ihrem Jahrbuch. 1971 schlug er dem Magazin Look eine Fotogeschichte über die Mustang Ranch in Reno vor, das erste lizenzierte Bordell von Nevada – sie wurde veröffentlicht. Sein Bildessay von 1957 »New York Stock Exchange and Wall Street« für Esquire erhielt den »national magazine color photography« der Missouri School of Journalism. Bei der Sommerolympiade 1960 in Rom war er der offzielle Fotograf für Sports Illustrated und Zeuge der Goldmedaille für Cassis Clay. Im gleichen Jahr wurde er auch nach Paris geschickt, nutzte die Gelegenheit für »Rue St. Denis«, eine Fotoserie über die dortigen Prostituierten. Nichts Irdisches war diesem Menschenfreund und Porträtisten fremd.
Ein bedeutender Fotokünstler ist zu entdecken. Treten Sie ein.
Alf Mayer
Marvin E. Newman. Fotoband mit Texten von Lyle Rexer, und Reuel Golden. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, XL-Format, 25 x 36 cm. 2,66 kg, 240 Seiten, 60 Euro. – Auch als limitierte Art Edition erhältlich. Verlagsinformationen: taschen.com


























