Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Marcus Jensen »Vestalin« – von Frank Schorneck

Promisker Prometheus

Marcus Jensens neuer Roman mäandert zwischen Ethik und Fetisch – eine Besprechung von Frank Schorneck

„Kat schrie diesmal in ein Kissen, ins Kopfkissen seiner Ehefrau, weil Dehm sie darum bat“ – sofort auf den ersten Seiten von „Vestalin“ geht es recht explizit zur Sache: Katarina ist ganze 30 Jahre jünger als der Mann, dessen kahl werdender Schädel tief zwischen ihren Schenkeln vergraben ist. Dehms 16 Monate alter Sohn platzt ausgerechnet in diese Szene hinein – dem Gitterbettchen ist er offenbar entfleucht. Dieses Vorspiel datiert auf 2006 – siebzehn Jahre später sollen die drei unter gänzlich anderen Vorzeichen wieder aufeinander treffen.

Im Jahr 2023 arbeitet die Journalistin Katarina investigativ für eine Anwaltskanzlei. Die Affäre mit Dehm währte nur drei Monate und dennoch hat keiner der anderen Männer, mit denen sie danach zusammen war, an ihn heranreichen können. Fast manisch hat Kat in den vergangenen 17 Jahren die Karriere des Wissenschaftlers Dehm verfolgt. Sein Institut NeuroQuo, das er auf einem ehemaligen VEB-Gelände an der Autobahn zwischen Hamburg und Berlin angesiedelt hat, dient der Erforschung von Hirnschrittmachern und OP-Robotern. Was Dehms ultimatives Forschungsziel ist, offenbart sich, als die berühmte Beachvolleyballerin Enya Ros im WM-Finale vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit dem Kopf unglücklich gegen den Netzpfosten prallt und für hirntot erklärt wird. Enya hat ihren Körper testamentarisch der Wissenschaft vermacht, und so wird er wenig später an NeuroQuo überstellt. Drei Monate später lädt das Institut auch Kat zu einer spektakulären Pressekonferenz und präsentiert die Sensation: Enya kann gehen! Unsicher zwar, staksig, aber wer hätte das von einer Hirntoten erwartet? Präsentiert wird dieser medizinische Durchbruch jedoch nicht von Dr. Jürgen Dehm höchstselbst, sondern von seinem 19-jährigen Sohn Niklas. Wie sich herausstellt, hat Dehm seine Transplantationsroboter genutzt, um sein eigenes Gehirn in den jungen und durchtrainierten Sportlerinnenkörper zu verpflanzen. Kat stellt fest, dass sie nicht ohne Grund zur PK eingeladen wurde: Dehm hat ihr eine besondere Rolle in seinem Plan zugewiesen und sie beschließt, diese Rolle anzunehmen.

Marcus Jensens vierter Roman ist keine gefällige Lektüre, sondern ein stilistischer Bastard zwischen Trash und philosophischem Traktat – eine sehr zeitgemäße Fortschreibung des Prometheus-Mythos für das 21. Jahrhundert. Auf der einen Seite scheut er in den derben Schilderungen der Operation vor Splatter-Elementen nicht zurück und der Cunnilingus zum Beginn des Buches ist mitnichten die einzige saftige Sex-Szene. Dass Kat mit Niklas zusammenkommt und die 22-jährige untote Dehm-Enya zu Opa/Oma macht, ist dabei nur eine von vielen Volten, die Jensen mit seinem Roman schlägt. Auf der anderen Seite kratzt die wilde Groteske an moral-ethischen Fragen in einer Zeit, in der die Möglichkeiten, die Forschung und Wissenschaft bieten, nahezu grenzenlos scheinen. Bei wem liegen im Falle einer Hirntransplantation die Persönlichkeitsrechte? Die Grenzen zwischen Schöpfer und Schöpfung verwischen. Hat Dehms Gehirn die vollständige Kontrolle über den neuen Körper oder zeigen sich eventuell Charakterzüge, die zu Enya gehörten? Nicht ohne Hintergedanken erinnert der Name „Dehm“ lautmalerisch an den Demiurg, der Menschen aus Lehm formte. Ist Abseits der Hirnfunktionen in seiner Schöpfung so etwas wie eine Seele auszumachen?

Auch außerhalb des Instituts entbrennt ein Kampf um die Deutung dieses neuen Wesens, das so ungleich schöner ist als Frankensteins Kreatur. Enyas Mutter setzt alles daran, das Experiment zu beenden und ihre Tochter zu erlösen – auf der anderen Seite wächst eine kultische Verehrung für das neue „Zweiwesen“. Auf dem Gelände des Instituts wird eine Art gläserner Tempel errichtet, zu dem die Gläubigen in Scharen pilgern, um sich von Enya segnen zu lassen, als sei sie eine Priesterin oder gar Göttin. Die Hysterie nimmt absurde Züge an, der Volleyball wird zu einem Symbol ähnlich der Sandale in „Das Leben des Brian“. Jensens ethische Gedankenspiele machen vor der Sexualität nicht halt: Wie erlebt, wie „nutzt“ der 67-jährige Dehm seinen neuen, überaus attraktiven weiblichen Körper?

Jensen spielt mit vielen weiteren mythologischen und literarischen Elementen, so tragen z.B. die OP-Roboter die Namen Nanda und Schridaman und verweisen auf Thomas Manns Erzählung „Die vertauschten Köpfe“ – eine Erzählung, die sehr ähnliche Konsequenzen aus einem Rollen- bzw. Kopftausch ableitet. Das indische Varanasi, Pilgerort für Tod und Wiedergeburt, ist ein Sehnsuchtsort Dehms, Mitarbeiter von NeuroQuo bezeichnen sich als Sannyasins. Auf der anderen Seite erklingt Procul Harums „Whiter Shade of Pale“ und besingt die vestalischen Jungfrauen. So ist der Roman gespickt mit popkulturellen Querverweisen und selbstreferentiell lässt Jensen dem „Indianer“ aus seinen Romanen „Red Rain“ und „Schweine“ hier wieder eine Rolle zukommen. Wer einen Sinn für rabenschwarzen Humor hat, wird goutieren, dass ausgerechnet auf Tik-Tok jenes „TAK!“ viral geht, mit dem Enyas Schädel am Netzpfosten aufschlägt – und wer Jensen kennt, glaubt nicht an einen Zufall in der Tatsache, dass dieses „TAK“ ein Anagramm von „Kat“ ist.

Mag das Hauptaugenmerk dieser Groteske auf den ethischen Abgründen einer unkontrollierten Transplantationstechnologie liegen, so werden doch auch weitere gesellschaftliche Phänomene unserer Zeit zumindest angerissen: Da ist der Sensationsjournalismus, der in einer hysterischen Verfolgungsjagd kumuliert, die trotzt des Einsatzes von Drohnen Erinnerungen an die finale Autofahrt von Lady Di weckt. Da sind die sozialen Medien, in denen es zum Trend wird, sich die Operationsnarben von Enya auf die Stirn zu schminken. Da sind die Mechanismen der Sportindustrie, die verlangen, dass Frauensport in möglichst knappen, sexy Outfits stattfindet. Da ist die Werbeindustrie, die den Tod ebenso vermarktet wie den Sex. Auch die Strategien, mit denen Dehm im Laufe seiner Karriere mit Ungenauigkeiten und gezielt in Fachpublikationen eingestreuten Unwahrheiten den Weg bereitet für eine Forschung, die ethische Grenzen überschreitet, lesen sich wie aus dem Lehrbuch heutiger Demagogen für das Verschieben der Grenzen von Sag- und Denkbarem.

Allerdings vernachlässigt der Roman bei aller Motivfülle die Charakterzeichnung einer seiner wichtigsten Figuren: Kat, die ein doppeltes (oder dreifaches) Spiel führt, ist eine treibende und getriebene Kraft in der Geschichte. Ist sie möglicherweise die titelgebende „Vestalin“, die Priesterin, die dafür sorgt, dass das Feuer im Tempel niemals erlischt? Die Frau, die sich gegen ihre Berufung nicht wehren kann? Kats Handlungen sind jedoch fast von Beginn an schwer nachvollziehbar. Ist es glaubwürdig, dass allein aufgrund der Zungenfertigkeit Dehms aus einer nur drei Monate währenden Affäre eine lebenslange Fixierung wird? Abgesehen von seinen sexuellen Vorzügen ist Dehm von Beginn an ein manipulatives, unsympathisches, machthungriges Schwein. Kat ist sich dessen bewusst und lässt sich dennoch vor seinen Karren spannen. Selbst für die Rache, die sie letztlich nimmt, sind ihre Motive ausgesprochen blass. Dem enormen Drive der Story tut diese Schwäche allerdings keinen Abbruch. Und wenn man Fotos sieht, auf denen Elon Musk – eine mindestens ebenso widerliche Gestalt wie Dehm – den Prototypen eines Roboters präsentiert, der Mikrochips ins Gehirne verpflanzen und Schnittstellen zwischen Hirn und Smartphone ermöglichen soll, wird einem klar, dass Jensen bei aller vordergründigen Abgedrehtheit seines Szenarios nur eine winzige Drehung der Schraube macht, und so eine Zukunft zeigt, die wahrscheinlich näher ist, als man glauben möchte.

Marcus Jensen: Vestalin. kul-ja! publishing, Erfurt 2024. 240 Seiten, 17 Euro.

Frank Schorneck – seine Texte bei uns hier.

Tags :