
Ein Restlicht: im Universum
Ulrike Schrimpf über Daniela Kulots Kinderbuch Es geschah auch kein Unfug… Drei Familiengeschichten
„Vielleicht hat jeder irgendwo im Herzen so ein bedrückendes Geheimnis. Dann ist es gut, wenn man die richtige Person findet, der man das erzählen kann. Bei mir war diese Person der Soldat. Irgendwie war mir danach leichter ums Herz.“ – Daniela Kulot, Es geschah auch kein Unfug…
Die Künstlerin Daniela Kulot ist seit Abschluss ihres Studiums als Malerin, Illustratorin und Autorin erfolgreich, ihre Bücher sind in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und seit Jahrzehnten nicht mehr aus den Kinderzimmern wegzudenken. Nun hat sie zum ersten Mal ein Buch publiziert, in dem nicht ihre Bilder dominieren und der Text eher eine begleitende Funktion hat, sondern in dem ihr Schreiben im Vordergrund steht. „Es geschah auch kein Unfug“ ist in der neuen Reihe „Wir Kinder von früher“ von Klett Kinderbuch unter der Leitung von Monika Osberghaus erschienen. Beide Namen, der des Verlags und der Verlegerin, stehen für eigenständiges und kritisches, auch mutiges Denken und Schaffen.
„Der Grundgedanke ist, dass wir Bücher anbieten wollen, in denen Kinder ihr eigenes Leben erkennen können. Daraus folgt zwangsläufig, dass diese Bücher nicht immer korrekt sind, weil es das eigene Leben der Kinder auch nicht immer ist. Es ist ganz viel Aktualität und Gegenwart darin – dadurch auch schlimme Geschichten, politische Geschichten. Ich will eigentlich immer Realismus. Das war das, was mir gefehlt hat, als der Verlag anfing.“ – Monika Osberghaus, Interview mit dem MDR, 2024
Vor fünfzehn Jahren gründete Osberghaus, die davor jahrelang die Kinderbuchseiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betreute, den Klett Kinderbuch Verlag. Er war zunächst ein kleiner Ableger des Stuttgarters Klett Konzerns, ist aber seit 2015 unabhängig, angesichts der Dominanz der großen Konzerne ein geradezu waghalsiges Unterfangen, das aber bis heute gut gelingt: Hell und stark wirft das Programm des Klett Kinderbuch Verlags sein Licht auf den tendenziell einheitlichen Durchschnittsmischmasch, den andere Kinder- und Jugendbuchverlage präsentieren. Seine Bücher sind engagiert, lustig, eigenwillig und anspruchsvoll; sie trauen Kindern etwas zu, muten ihnen auch Dinge und Geschichten zu, die andere Verlage ihnen ersparen wollen. So erzählen die Bücher vom wirklichen Leben und damit auch von dem Leben der Kinder, die die Bücher lesen. Zu Recht und zum Glück!
Da gibt es solche Titel wie Bestimmt wird alles gut von Kirsten Boie, Mahmoud Hassanein und Jan Birck, Alle behindert! 25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild von Horst Klein und Monika Osberghaus, Die Kackwurstfabrik von Marja Baseler, Annemarie van den Brink und Tjarko van der Pol, Radieschen von unten von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl und Die besten Weltuntergänge von Andrea Paluch und Annabelle von Sperber. Auch das Kultbuch Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude von Martin Schmitz-Kuhl und Anke Kuhl gehört zu den Publikationen des Klett Kinderbuch Verlags.
„Erstaunlich ist das schon, dass im Universum immer noch irgendwo ein Restlicht vorhanden ist, so dass wir auch nachts ein wenig sehen können.“ – Daniela Kulot, Es geschah auch kein Unfug…
Nun ist in dem Verlag Es geschah auch kein Unfug… von Kulot erschienen, Erinnerungen an ihre Kindheit in den Siebzigern, die sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester, im Buch „Wackel“ genannt, und drei weiteren Geschwistern in einem kleinen oberbayrischen Dorf verbrachte. Mit dem Buch und einem zweiten von Gerda Raidt, Wie ein Vogel, in dem eine DDR-Kindheit aus einer besonderen Vogel-Perspektive erzählt wird, eröffnet der Verlag eine neue Reihe, in der Kindern ab sieben Jahren vergangene (Kindheits-)Welten nahegebracht werden sollen. Beide Bücher wurden gleich zu ihrem Erscheinen von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur als „Buch des Monats“ ausgezeichnet, ein verheißungsvoller Auftakt.
Ich liebte die Idee und das Konzept dieser neuen Reihe unbesehen, denn ich kann mich lebhaft daran erinnern, wie ich als Mädchen immer und immer wieder zu meinem Vater sagte – vor allem wenn es mir nicht gut ging und ich krank im Bett lag -, „erzähl mir bitte eine Geschichte“. Wenn er dann fragte, was für eine Geschichte ich mir wünschte, antwortete ich jedes Mal „erzähl mir von früher“, womit ich vor allem die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Jahre danach meinte. Es faszinierte mich, bestimmt auch auf kathartische Art und Weise, von Hunger, Bomben, Mangel und Leid zu hören, aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der mein Vater damals war, und der die Gräuel des Kriegs und der Nachkriegszeit nicht nur als furchtbar wahrnahm, sondern die Bombardierungen auch als prächtige Feuerwerke, den einschüchternden Blockwart auch als komischen Clown und die im Luftschutzbunker verbrachten Nächte auch als Abenteuer.
„Menschen sterben. Tiere sterben.
Das ist ganz normal.
Das gehört zum Leben dazu.
Aber diesmal hat es die Schildkröte im Kindergarten erwischt.
Über Nacht. (…)
Ja, sie war tot.
,Mausetot‘, wie mein Bruder sagte.
,Was ist denn mausetot?‘, fragte ich.
,Da ist man so tot, dass man nicht mal mehr in den Himmel kommt‘, meinte er.
Und wenn er das sagte, dann war das so, und das galt dann wohl auch für die Schildkröte.“ – Daniela Kulot, Es geschah auch kein Unfug…
In den „drei Familiengeschichten“, die das Buch von Kulot enthält, und die so lustige, anschauliche Titel tragen wie „Als die Schildkröte fast wieder lebendig wurde“, „Wackel und ich und das Ende der Welt“ und „Wie Barbie mir beinahe den ganzen Tag versaut hätte“ erzählt die Autorin lebensnah, humorvoll, poetisch und tiefsinnig gleichzeitig von Kindern auf dem Land, Kühen mit richtig langen Hörnern, Beerdigungen, wagemutigen nächtlichen Ausflügen und Experimenten zur Erdanziehungskraft und dem Ende der Welt. Sie schildert eigentümliche Diebstähle und die damalige Angst vor dem Schwarzen Mann, nimmt ihre Leser:innen mit auf Bergwanderungen und in Geheimverstecke, schreibt über langweilige Regentage und Barbie und Ken. Es geht also um alles Mögliche, das die Kindheit damaliger Kinder und heutiger Erwachsener ausgemacht hat, und das auf so angenehm freie, kluge und authentische Art und Weise, dass es eine Freude ist!
Kulots ausdrucksstarke Bilder und Illustrationen, die wir aus zahlreichen Büchern kennen, zeichnen sich immer durch Witz aus, eine gewisse Widerständigkeit und Frechheit, aber auch durch ein besonderes Einfühlungsvermögen. Dass es ihr gelingen würde, diese Qualitäten auf ein weiterflächiges Schreiben zu übertragen, konnte man angesichts der Kinderbücher, in denen sie schon erzählend, reimend und mit Versen aufgetreten ist, hoffen, selbstverständlich aber war es nicht. Eine solche Doppelbegabung, für das Malen und Schreiben gleichzeitig, ist eine Seltenheit und bei der Künstlerin wirklich gegeben: Die Qualität ihrer Texte steht der ihrer Bilder in nichts nach; sie lässt auf weitere Publikationen, in denen Kulot so und noch mehr erzählerisch in Erscheinung tritt, hoffen.
„Da saßen wir im frühsommerlichen, grünen Gras. Ganz eng aneinander. Der Himmel leuchtete sehr blau. (…) Was war ich froh, dass Wackel da war. Dass wir einander hatten. Wir zwei ganz allein in dieser Welt. Nicht mal das Ende, also die Kante, hatten wir gefunden.“

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- Ulrike Schrimpf wuchs in Berlin auf, studierte dort und in Paris Literaturwissenschaft, lebte und arbeitete seit 2010 als freie Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin in Wien. Sie hat drei Söhne, die Familie ist 2023 nach Augsburg umgezogen. Sie hat bislang den Roman „LAUTER GHOSTS“ und ein gleichnamiges Theaterstück geschrieben, zusammen mit Axel Holst den Erzählungsband »Blinde Versuche über das Töten: von Menschen«, zusammen mit der Künstlerin Johanna Hansen den Lyrikband »pariser skizzen. je te flingue«, sowie diverse Kinderromane und Sach- und Fachbücher. Ihre Internetseite hier. Jetzt im Oktober 2024 erscheint ihr Gedichtband »Mein anfällig gewordenes Herz« (Corvinus Verlag, Berlin), Textauszug hier.
Siehe auch von ihr bei uns:
Wenn man Worte hat, kann man froh sein – Antje Bones & Ulrike Schrimpf über Kinder- und Jugendliteratur, CulturMag Septemer 2024
Sprache, Form und Dichtung. engramme. dinge ohne augen zeugen. gedichte zu den arolsen archives, CulturMag Mai 2024
Ein vertikaler Riss in der Wirklichkeit. Ein langes Interview mit Steve Rasnic Tem, CulturMag April 2024
„Auf den sich ausbreitenden Irrsinn sei zu achten.“ Ein Gespräch mit der Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm, CulturMag Februar 2024
Herzschlaglektüre: Was Tote träumen. Ulrike Schrimpf zu Andreas Pflügers Roman „Wie Sterben geht“, CulturMag Dezember 2023
Jan Kuhlbrodt „Krüppelpassion“, CulturMag November 2023
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