Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024, News

Ulrike Schrimpf: Ein Gespräch mit Ulrike Damm

Ulrike Damm © Autorinnenfoto

„Auf den sich ausbreitenden Irrsinn sei zu achten.“

Ein Gespräch mit der Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm – von Ulrike Schrimpf

Ulrike Damm ist eine bemerkenswerte Künstlerin und Schriftstellerin, der ich zum ersten Mal vor einem Jahr auf der Leipziger Buchmesse begegnet bin. Sie ist auch ein Mensch, den man, hat man ihn einmal erlebt, nicht mehr vergisst. Temperamentvoll, funkelnd, ironisch, klug und radikal. Von ersuchtem Geschmack.

Seitdem sind wir Freundinnen geworden. Das ist so eine Sache: wenn zwei Freunde werden, die beide Kunst machen. Wird einem die Kunst genauso gut gefallen wie der Mensch selbst? Ist das überhaupt notwendig? Ist es nicht, glaube ich, aber das ist hier auch nicht die Frage, denn zum Glück bin ich beeindruckt und bewegt von Ulrike Damms gestalterischem Werk. So oder so. 

Die Künstlerin macht es einem nicht leicht, sich ihrem Werk zu nähern: Ihre Romane sind weitläufig, im besten Sinne anspruchsvoll, ihre Installationen raumgreifend, „sperrig“ würde man in bestimmten Kreisen sagen, ein Attribut, das ich allerdings wenig mag, zumindest nicht in Bezug auf Kunst. Überhaupt ist Ulrike Damm eine Frau, die sich Raum nimmt, in die Höhe streckt, vor der großen Geste nicht zurückscheut. Ihr Autorinnenfoto zeigt sie in erhabener Pose mit einer Art Zarinnenhaube auf dem Kopf, umgeben von einem riesenhaften Papierhaufen, denn die Künstlerin schreibt ihre Bücher gerne, nachdem sie sie in den Computer getippt hat, noch einmal per Hand auf Papierlagen. So gibt sie ihrem Schreiben eine zweite körperliche Gestalt, lässt es zu Installationen werden und Dinge erzählen, die so nicht im gedruckten Buch stehen, obwohl es sich um die gleichen Worte und Sätze handelt.

Parallel zu einer Karriere als Designerin, die sie u.a. nach Russland geführt hat, hat Ulrike Damm sich mittlerweile auch einen Namen als Verlegerin, Schriftstellerin und bildende Künstlerin gemacht. Im eigenen Damm und Lindlar Verlag entstanden Kunstbände – als ausgebildete Grafikerin gestaltet sie ihre Bücher alle selbst –, u.a. Freunde des Unsinns und Daniil Charms, und Schweige wund das Wort – Ingeborg Bachmann und Anna Achmatova. In dem Verlag brachte Ulrike Damm auch 2019 ihren ersten Roman Musik stört beim Tanzen und ihre Erzählung Ich bin nicht müde, ich bin verrückt in einem Doppelband heraus. 2021 erschien dann im DRAVA Verlag ihr Roman Kulp und warum er zum Fall wurde, von dem hier zentral die Rede sein wird, und 2022 in der edition fröhlich das Künstlerbuch Zwei Wahrheiten des Schreibens und der Fall Kulp.

Darüber, was es bedeutet, richtig zu ticken, über Brüder und Schwestern, Sehen, Nichtsehen und Wahrgenommenwerden, ein Sich-um-Kopf-und-Kragen-Reden und ein blaues Haus, Kriegstraumata und Verluste, die Familie als Moloch, lebendige Literatur, unser un/mögliches Entkommen und das Gift und Elixier von Büchern haben wir uns miteinander unterhalten. 

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Früher, lange bevor ich blind wurde, hatte ich Entschlüsse gefasst, Regeln für mich aufgestellt. So etwas wie: Entferne alles, was Fragen erstickt. Meide Antworten, die kommen, bevor die Frage gestellt wurde. Antworte auf Fragen niemals vollständig. Antworten auf wirkliche Fragen sind nicht möglich, denn jede Vollständigkeit wiederholt Teile einer bereits gegebenen Antwort. Nicht vollständig lesen.

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Liebe Ulrike, gleich zu Beginn: Sag mal, tickst du noch ganz richtig? Einen ganzen Roman von 360 Seiten wie deinen aktuellen Kulp und warum er zum Fall wurde per Hand auf ellenlange Papierlagen zu schreiben – was für ein Kraftakt! Wer tut sich so etwas an und wozu?

Ich lache! Eine tolle Frage zum Einstieg. Und ja, ich würde sagen: Ich ticke richtig. Allerdings, wenn ich auf meinen Schreibtisch gucke und dort die von mir mit Bleistift beschriebene Karteikarte mit der Nummer 6436 liegen sehe, bin ich mir nicht mehr sicher, um ehrlich zu sein. Es ist eine neue Arbeit, an der ich gerade bin. Aber sagen wir so: Ich nehme mir das Recht, in meinem Sinn richtig zu ticken. Diese ellenlangen Papierlagen, von denen du sprichst, sind ein Ausdruck davon. Bis die letzte Seite des Kulp abgeschrieben war, hat es ca. vier Monate gedauert. Das waren täglich ungefähr drei Stunden Arbeit. In jedem Fall ist das Ganze ohne jede Absicht geschehen. Ich bin einem Impuls gefolgt, und dann kam etwas heraus, über das ich am Ende selbst verwundert den Kopf geschüttelt habe: Etwa 1400 Meter Seidenpapier, insgesamt zehn große beschriebene Rollen. Das Abschreiben war aber kein Kraftakt, eher Meditation. 

Als die fertigen Rollen vor mir lagen, stellte ich mir eine Textskulptur vor: Papier, das sich aufbäumt, das sich den Raum greift, den es braucht. Das erste Mal, während Corona, kroch und wölbte es sich zerknittert und leicht opak – die Museen hatten geschlossen –, durch unsere Wohnung. Es machte sich in allen Räumen breit, auch in Küche und Bad: 1400 Meter Papier sind viel. Ich glaube, ich habe gefühlt 10.000 Fotos davon gemacht. Leibhaftig gesehen haben es nur mein Mann und zwei, drei aus der Familie. Und die Filmemacherin Sabine Herpich. Zwei Kurzfilme von ihr kann man auf meiner Website sehen, und im kommenden Frühling wird ein dritter zu meiner Arbeit entstehen.

Ein zweites Mal habe ich das Seidenpapier als riesige Skulptur aufgebaut. Es gab dazu eine Ausstellung in der Zionskirche in Berlin. Ein Romanmonster türmte sich in die Höhe der Kirchenempore und nahm sich das Licht der farbigen Fenster – das hatte eine enorme Körperlichkeit. Im Zusammenspiel von Textskulptur und Kirchenraum entstand ein Bild von vergeblicher Schönheit. Man konnte von der Schrift allenfalls Fragmente erkennen, weil der Text sich von seiner ursprünglichen Bestimmung gelöst hatte. Das musste er auch, er sollte ja jetzt Skulptur sein. Diese physische Umwandlung geht auf Kosten der Romangeschichte. Unter dem Aspekt scheitert der Text, so wie Kulp an seiner Physis scheitert, weil er blind ist; das ist der Zusammenhang. Es geht also immer um die Übersetzungen meiner Texte in Bilder.

Als die fertigen Rollen vor mir lagen, stellte ich mir eine Textskulptur vor: Papier, das sich aufbäumt, das sich den Raum greift, den es braucht. Das erste Mal, während Corona, kroch und wölbte es sich zerknittert und leicht opak – die Museen hatten geschlossen –, durch unsere Wohnung. Es machte sich in allen Räumen breit, auch in Küche und Bad: 1400 Meter Papier sind viel. Ich glaube, ich habe gefühlt 10.000 Fotos davon gemacht. Leibhaftig gesehen haben es nur mein Mann und zwei, drei aus der Familie. Und die Filmemacherin Sabine Herpich. Unseren Kurzfilm kann man auf meiner Website sehen, und im kommenden Frühling wird in Zusammenarbeit mit ihr ein zweiter Kurzfilm zu meiner Arbeit entstehen.

Warum ich mir sowas antue, fragst du. Mein neuer Roman Die Poesie des Buchhalters beginnt mit dem Motto: „Es will alles gut durchdacht sein, auch wenn es Unsinn ist.“ 

Ich glaube, das ist die Antwort. Ich tue mir so etwas an, gerade weil es unsinnig ist. Einer vermeintlich sinnlosen Logik folgt eine neue Ordnung, ein Bildsinn. Unsinnig ja, aber nicht sinnlos. 

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„Ich war eine Zumutung. Und wenn Sie wollen: ein Getriebener.“
„Ein Getriebener: Gut, das ist also das Wort für das, was Sie waren. Und was sind Sie heute? Ein Wort bitte?“
„Heute bin ich ein immer leicht nach vorn Geneigter, der durchs Leben tippelt mit kleinen unsicheren Schrittchen, die eines ein Meter neunzig großen Mannes unwürdig sind und einen Bückling aus mir machen, verschüchtert danke sagend, danke, immer danke, danke, solange bis die Stimme brüchig ist und der Rücken schließlich krumm. Da haben Sie’s: ein Bückling: Das ist das Wort.“

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Der Roman erzählt die Geschichte von Edgar Kulp, der plötzlich, im Alter von 45 Jahren, erblindet. Gleichzeitig verlässt seine Frau ihn. Sein Leben stürzt also zusammen, und er muss sich neu orientieren, ein Ausdruck, der ihm, einem eigensinnigen und anarchischen Charakter, in seinem zweckgerichteten Optimismus vermutlich missfallen würde. Was hat dich an dieser Figur besonders interessiert? Warum hast du ihn zur Hauptfigur deines Romans bestimmt?

Da fällt mir ein wieder ein Zitat ein: „Man muss mit dem auskommen, was man hat. Das ganze Leben besteht darin, zu hoffen, dass es mehr ist.“ Es passt gut zu deiner Frage, und das ist auch ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch alle meine Texte zieht. Das Zitat stammt aus meiner Erzählung Ich bin nicht müde, ich bin verrückt. Darin geht es um die Geschichte einer Frau, Augustine, die an Alzheimer erkrankt ist. Meine Mutter stand Patin, und ich denke, es ist mein emotionalster Text. 

Die Erzählung ist ein Vexierbild zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen Augustines Lebensgeschichte und dem Verlust derselben. Im Kopf der Protagonistin schießt immer das eine gegen das andere, was die Verwirrung nur steigert. Im Rückblick auf das Erlebte auf der einen und auf die Krankheit auf der anderen Seite, wird ein Zusammenhang zwischen beidem nahegelegt. Es geht also um die Frage: Welches Leben führt zu welcher Krankheit? Hat der Lebenslauf einen Einfluss darauf? Diese Frage stellt sich auch bei Kulp. Warum ist er ausgerechnet erblindet? Durch welche Handlungen in seiner Vergangenheit hat er sich zu Blindheit qualifiziert?

Seit der Erkrankung meiner Mutter befasse ich mich außerdem in meinen Texten damit, was es bedeutet, zu verlieren: einen Menschen, eine Fähigkeit wie das Sehen oder Erinnern, die Hoffnung oder Vorstellung von etwas, gemeinsame Zeit oder einen Ort. Der Verlust ist überall. Den Roman Kulp und warum er zum Fall wurdehabe ich meinem Bruder gewidmet, der 2014 plötzlich gestorben ist. Es war die schlimmste Verlusterfahrung meines Lebens. Mit dem Thema „Verlust“ kenne ich mich also aus. Und deshalb müssen auch meine Figuren das lernen. 

In der Folge kommt die Frage auf, ob das, was die Personen sind, ausreicht, um zu bestehen. Vor einer Instanz, die über sie richtet. Da geht es nicht um Gottesfurcht oder so, es reicht, wenn es nur die anderen sind, die richten. Die Urteile sind bürgerliche Muster, die zu einem vermeintlich gelungenen Leben dazugehören. Mit solchen Mustern haben wir alle zu tun. Ich auch. Und wir alle machen uns dadurch zu Fällen. Wie Kulp. 

Kulp oder wie er zum Fall wurde ist auf einer zweiten, verdeckteren Ebene auch die Geschichte von Kulps Schwester Vera, die mich fast mehr interessiert und gefesselt hat als die des erblindeten Mannes. Sie ist eine rätselhafte und, in meinen Augen, berührende Frau, einsam, in sich verschlossen, die sich ihr Leben lang nicht gesehen fühlt, zuerst nicht in ihrer Kernfamilie, aber auch insgesamt nicht, in ihrem Leben. Das Motiv „sehen / nicht sehen“, das auch Fragen nach der Möglichkeit von Erkenntnis, ihrem Wesen, Ziel und Zweck miteinschließt, und die Frage danach, was es bedeutet, als Mensch wahrgenommen zu werden, durchziehen den Roman. Sind das auch insgesamt zentrale Themen für dich als Künstlerin und wenn ja, inwiefern?

Ja, das hast du richtig gesehen. Vera ist die zweite Hauptperson, weil die Handlung von Kulp ausgeht. Im nächsten Roman wird das umgekehrt sein: Vera treibt die Handlung an, und aus ihrer Perspektive wird erzählt. Ich plane also die Fortsetzung der Geschwistergeschichte. 

Vera ist nicht sympathisch, so sagen das manche, die das Buch gelesen haben. Abgesehen davon, dass ich über die Sympathie meine Figuren nicht nachdenke, ist sie sicher schwierig und auch böse. Solche Leute haben mir immer imponiert. Das Gegenteil von folgsam und angepasst. Trotz ihrer, für mich nachvollziehbaren Schwierigkeiten innerhalb der Familie, wirkt ihr Verhalten, das sie nach außen zeigt, fremd, weil es so extrem ist. Es stellt sich die Frage: Hat sie sich selbst eine Rolle zugewiesen, um ihr ungeliebtes Leben auszuhalten?  

Die Frage, ob und wie man wahrgenommen wird, betrifft sicher uns alle, und mich auch. Niemand lebt gern in der Schublade. Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der Männern mehr zugetraut wurde als Frauen, in der Männer mehr Beachtung und Achtung bekamen, weil sie Männer waren. Ich wollte jahrelang ein Junge sein und wurde ein artiges Mädchen. Folgsam und angepasst war und bin ich bestens vertraut mit dem Misstrauen Frauen gegenüber und dem, was sie sind. Vor allem habe ich brav gelernt, meine eigenen Fähigkeiten grundlegend in Frage zu stellen. Ich habe inzwischen versucht, dieses Misstrauen abzulegen und es ist mir gelungen, weil es mich nicht mehr interessiert. Ewig misstrauisch gegen sich selbst zu sein, kostet Zeit und Energie, die ich nicht mehr bereit bin, aufzubringen. 

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„Bist du eigentlich sadistisch?“, wollte Georg wissen.
„Wer mit solchem Eifer darüber spricht, wie er Leuten wie deinen Kunden Schaden zufügt, der muss Spaß daran haben zu verletzen.“
„Sie merken es nicht.“
„Dann richtest du es gegen dich selbst.“
„Ich mache Dinge, die niemand sieht. Das bin ich so gewohnt. Ich bin unsichtbar.“
„Du könntest auch unsichtbar Geschenke machen. Aber du wendest Raffinesse auf, um etwas Vollkommenes zu zerstören. Das ist krank.“
„Nur ich weiß es.“
„Das stimmt nicht. Die Glaswolle merkt der andere sehr wohl.“
„Die Glaswolle ist eine Übung.“
„Eine Übung? Was um Gottes Willen übst du?“

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Du beschreibst Kulps Schwester Vera als eine menschenscheue Buchbinderin, die Glaswolle in die Umschläge der von ihr gestalteten Bücher einbindet. Sie vergiftet die Bücher also auf gewisse Weise, denn Menschen, die sie in die Hand nehmen, reagieren mit Ausschlag und Schmerzen. Gleichzeitig ist ihr Bruder Kulp ein Erblindeter, der Bücher liebt und sich ihnen vor allem über ihre äußere Gestalt und Gemachtheit annähert. Er fühlt sich daher besonders solchen Büchern nahe, die äußerlich auffällig und irgendwie versehrt sind, die Makel haben, die auffällig riechen, nach Feuer z.B., denn auf diese Weise kann er sie auseinanderhalten und identifizieren. Das ist eine raffinierte Konstellation, die auch auf psychologische Un/Tiefen der Beziehung zwischen den beiden verweist – ich will nicht zu viel verraten. Fakt ist aber, dass das Schreiben und Bücher eine wesentliche, auch selbstreferentielle Rolle in dem Roman spielen. Könntest du dir auch vorstellen, dass deine Romanheld:innen Bäcker:innen sind, Lastwagenfahrer:innen oder Kosmetiker:innen? Welche Rolle spielen Bildung und Kultur für dein Schreiben?

Im Prinzip haben sich Edgar und Vera, die sich dreißig Jahre nicht gesehen haben, immer mit ähnlichen Dingen befasst. Diese Parallelität in den Lebensläufen von Bruder und Schwester war mir wichtig. Die Bücher sind die Verbindung jeweils zu sich selbst, aber auch untereinander. Ihr Umgang damit ist höchst unterschiedlich. Aber in der Jugend, bevor sie sich getrennt haben, waren Bücher ein gemeinsames Thema. 

Der Roman spielt in einem gesellschaftlich-sozialen Umfeld, in dem ich selbst aufgewachsen bin. Auch Hessen als Handlungsort habe ich deshalb gewählt. Allerdings müssen es nicht immer Held:innen aus einer bestimmten Schicht sein. Wenn mir eine Figur begegnet, ist es egal, woher sie kommt. Ich werde mich ihr widmen. So, wie Kulp mich gefunden hat. Ich war vorher noch nie einem Blinden so nah gekommen, und ich habe über meine Arbeit, dem Recherchieren und Schreiben, verstanden, was ihn umtreiben könnte. In meinen Texten gibt es unterschiedliche Figuren wie einen Gerichtsvollzieher, eine Analphabetin, einen Buchhalter. Aber Bücher spielen immer eine Rolle. Sie sind eine Verbindung zu mir selbst und in verschiedenen Ausprägungen zu meinen Figuren untereinander.

Kulp oder wie er zum Fall wurde besteht formal gesehen vor allem aus Dialogen und inneren Monologen. An einem klassischen Storytelling scheinst du nicht besonders interessiert zu sein – die Vorgänge sind in deinem Erzählen vor allem innerlicher, reflexiver, emotionaler und erinnernder Art. Siehst du das auch so, und warum ist dem so?

Die gewisse Handlungsarmut in Kulp heißt nicht, dass mir die Handlung nicht wichtig ist. Ich erzähle gerne Geschichten. Trotzdem weiß ich, warum du diese Frage stellst. Die Handlung in meinen Büchern ist sparsam gesetzt, denn vieles spielt sich in den Köpfen meiner Figuren ab. Manchmal verliere ich mich darin, und das will ich auch. Aber ein Actionroman entsteht daraus wahrscheinlich nicht. Mir hat der Rat sehr eingeleuchtet, den der Autor Andreas Pflüger einst von seinem Mentor bekommen hat. Er hat wohl sowas zu ihm gesagt wie: „Stell dir immer das Schlimmste vor, was deinem Held passieren kann.“ Das fand ich klasse! Allerdings habe ich mir das beim Schreiben nie überlegt. Im Gegenteil: Ich glaube sogar, mich interessieren besonders solche Konstellationen, in denen es keinen offensichtlichen Konflikt gibt. Mit dieser Sichtweise, das weiß ich, werde ich ein Buch, wie es Andreas Pflüger gelungen ist, – Wie sterben geht (Suhrkamp: 2023), – nie schreiben. Ein großartiges Buch! Aber – und jetzt kommt die Pointe: – Auch ich habe auch ein großartiges Buch geschrieben, nur leiser. … Ich muss jetzt lachen. 

In Kulp ist die Gefühlswelt der Figuren die Handlung. Und ich glaube, dass es auch eine Frage der Identifikation ist. In vielem, was meine Figuren denken und fühlen, erkennen wir uns wieder. Wenn wir also Kulp sprechen hören, Augustine oder Vera, hören wir uns selbst. Es klingt ein bisschen kitschig, aber wenn Monologe und Dialoge gut geschrieben sind, gehen sie direkt ins Herz. Da bildet die Story nicht mehr als einen Rahmen.

Du zitierst an einer Stelle des Romans einen Ausspruch von Dostojewski, der mir zu der vorangegangenen Frage zu passen scheint: „Das Nicht-Handeln, das ich so stark empfinde, kann Handlung eines Buches sein.“ Was ist hiermit aus deiner Sicht genau gemeint, und was hat das womöglich mit deinem eigenen Schreiben zu tun? 

Als ich jung war, habe ich mit meiner Freundin Romane gelesen und am nächsten Tag darüber gesprochen. Bei Dostojewski hat sie immer die Dialoge übersprungen, weil sie sie langweilig fand. Sie wollte wissen, wie die Handlung weitergeht. Für mich war das nicht so wichtig. Ich hatte das Gefühl, den Figuren durch das, was sie sagten und wie sie es sagten, nah zu sein. Ich konnte sie lieben, sie leiden sehen, sie verstehen oder ablehnen. Dieses Sich-um-Kopf-Und-Kragen-Reden hat Dostojewski wie kein anderer verstanden. So grauenhaft das absehbare Scheitern, so wunderbar die verzweifelt echten Hoffnungen. Für mich hat Dostojewski auf diese Weise das Nicht-Handeln mit Stimmen gefüllt.  

Kulp oder wie er zum Fall wurde handelt u.a. davon, wie Kriegstraumata und Traumata innerhalb einer Familie diese generationsübergreifend betreffen. Warum dieses Thema? 

Die Familie ist ein Moloch. Reinald Goetz sagt: „Alle Gewalt geht von der Familie aus.“ Da ist was dran. Die Familie ist für uns alle der Anfang, und wenn es normal läuft, werden wir von ihr am Ende zu Grabe getragen. Normal laufen heißt nicht notwendigerweise gut. Jede und Jeder trägt im Familienkreis seine Verletzungen aus. Die kommen von irgendwoher, verfestigen oder vergrößern sich oder verschwinden. Dann ist die Frage, ob sie wirklich vergessen sind, oder nur irgendwo im Innern schwelen, weil leider doch nicht vergessen, sondern nur verdrängt. 

Das geht manchmal weit zurück, und ja, über mehrere Genrationen, und dann brechen die Wunden auf und keiner weiß, warum. Das ist lebendige Literatur. 

Ist es möglich, unserem interfamiliär entstehenden und gleichzeitig gesellschaftshistorisch geprägten ,Schicksal‘ zu entkommen? Gibt es einen Ausweg, Ulrike?

Ich bin mir nicht sicher. Politik beginnt in der Familie, am Küchentisch. Da lernt man, wie es geht, wie man miteinander spricht, sich unterbricht, Meinungen hat, andere Meinungen hat, sich unterordnet. Man lernt, was gilt und was nicht, wie man ignoriert, ablehnt und zustimmt, laut oder leise, wie man wartet, sich zurückzieht, aufgibt, sich durchsetzt und siegt. Man lernt auch, wie es war, und dass man besser darüber schweigt. Damit ausgestattet, geht man in die Welt. Man nennt es „Prägung“. Der Koffer ist voll und man übt, gewinnt Freunde, verliert sie, gewinnt und verliert. Man erkennt, dass das, was man am Küchentisch gelernt hat, nicht aufgeht, dass man manches anders machen muss… Es kostet Kraft und Verstand. Wenn die Einsicht sehr leidvoll ist, kann ein Entkommen aus der Familienkralle gelingen, ansonsten ist es sicher schwer. Wenn man Pech hat, hilft noch nicht mal das Alter. 

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Niemand im Dorf wohnte in einem blauen Haus, es war hell, ein bisschen märchenhaft und das Blau zart wie die Engelflügel auf dem Bild bei Mama über dem Bett, von dem Papa immer gesagt hatte, dass es falsch sei, weil Flügel keine Farbe hätten, sondern einfach nur weiß seien oder gold. Bei Mama war alles irgendwie falsch, sagte er.
Aber mit dem Haus war sie glücklich und ich auch. Du auch, hast du gesagt, aber nach der ersten Nacht in diesem Haus hatte ich schlecht geträumt und du hast mir gesagt, unser Haus sei jetzt in Gift getaucht. Das Haus habe das Gift der Farbe geschluckt und spuckte es aus durch schlechte Träume und schlechte Ereignisse, die bald folgen würden. Das Blau würde mit der Zeit verschwinden, weil die giftige Farbe in uns eingedrungen wäre, und dann würde es düster werden im Haus und um uns herum.
Dein Märchen war ein anderes als meins.
Ich bekam Angst. Das war klar, und dir zur Freude.
Das Gift breitete sich in meiner Vorstellung aus und wenn Mama schimpfte, oder der Lehrer oder du mir böse warst, dann wusste ich, es war das Haus, das zur Strafe wieder Gift verspritzt hatte.
Im Laufe der Jahre wurde es immer schlimmer und nachts lag ich wach und roch die Giftfarbe, weil sie durch alle Ritzen des Hauses gekrochen kam.
Irgendwann ließen Mama und Papa das Haus neu streichen. Aber das Gift ist geblieben.

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Die Geschichte vom blauen vergifteten Haus, die Vera in dem Buch erzählt, scheint mir eine Art von Parabel zu sein, die eine Essenz des Romans in sich verdichtet. Kannst du mit dieser These etwas anfangen und wenn ja, was?

Oh ja, das blaue Haus, beziehungsweise das, was der Bruder der Farbe Blau andichtet, steht für das ungebrochene Vertrauen der Schwester zu ihrem Bruder. Ein etwas zu theatralisch geratener Scherz des Bruders wird für wahr gehalten, nicht, weil er wahr ist, sondern weil er von ihm kommt. Sie ist ihrem Vertrauen ausgeliefert und sie glaubt dem Bruder, weil sie das will. Das ist irrational, aber Liebe. Später wird sie sich diese unkontrollierte Gefolgschaft übelnehmen und sie ihrem Bruder vorwerfen.

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„Eine Perspektive ist noch kein Paradies. Zunächst ist sie nichts weiter als eine Hoffnung.“ (…)
„Es ist aber nicht die Hoffnung.“
„Sondern?“
„Es ist die Sehnsucht. Es beginnt mit der Sehnsucht und endet mit der Enttäuschung darüber, dass es nur eine Sehnsucht geblieben ist. Übrig bleibt: das Dauerschielen nach dem Paradies. Das aber ist ohne jede Inspiration. Es ist die Langeweile allerfüllter Wünsche.“

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Dein Protagonist Kulp spricht an einer Stelle des Romans über seine stete Suche nach einer Geschichte: „Früher, immer hatte ich nach einer Geschichte gesucht, einer echten Geschichte, die zu erzählen lohnend und für andere lesenswert gewesen wäre. (…) / Jeder Mensch braucht eine Geschichte. / Jeder Mensch hat eine Geschichte. / Und während ich diesen Satz schrieb: Ich selbst bin die Geschichte, spürte ich dass jemand im Zimmer war. Das, dachte ich, ist meine Scheißgeschichte.“ – In drei Sätzen, es können auch fünf sein: Was ist deine Geschichte, Ulrike? Und welche Rolle spielt in ihr die Kunst?

Es ist die Geschichte einer Frau, die viel kann und die doch immer erlebt, dass es nicht reicht. Dieser Aspekt zieht sich durch mein Leben. Es reicht nicht, weil die eigenen Fähigkeiten und deren Wahrnehmung in keinem Verhältnis zueinanderstehen. Damit habe ich bis heute zu tun, weil ich es anders will. Also arbeite ich weiter. Punkt.

Wenn du uneingeschränkt könntest, wie du wolltest – was für ein ideales Buch würdest du schreiben? Wie müsste es sein, damit du wirklich glücklich damit wärst? 

Das ideale Buch ist immer das, an dem ich gerade schreibe. Die Figuren sind mir dann nahe und begleiten eine Zeitlang mein Leben. Wenn ich mich darin verliere, wenn ich das Medium für mein Schreiben bin, ist das ein Zustand, den ich als ideal bezeichnen würde. Das ideale Buch klebt also sehr an mir selbst, an dem, was ich zu der Zeit, in der ich es schreibe, bin. 

Ich habe allerdings bemerkt, dass ich während des Schreibens nie über die nachdenke, die es hinterher lesen sollen. Ich denke auch wenig darüber nach, ob der Text gut oder schlecht ist. Ich schreibe, was mich interessiert, was mich beschäftigt. Ich wähle Figuren nicht aus, weil sie sympathisch oder vielversprechend sind oder bei anderen möglicherweise ankommen. Die Figuren kommen zu mir. Und wenn ich mich schreibend mit ihnen befasst habe, hoffe ich, dass ihre Geschichte auch andere interessieren könnte. Nach den Figuren also hoffe ich auf die, die es lesen wollen. So ist die Reihenfolge. Und wenn es diese Menschen gibt, dann bin ich glücklich. 

  • Ulrike Schrimpf wuchs in Berlin auf, studierte dort und in Paris Literaturwissenschaft, lebte und arbeitete seit 2010 als freie Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin in Wien. Sie hat drei Söhne, die Familie ist seit kurzem nach Augsburg umgezogen. Sie hat bislang den Roman „LAUTER GHOSTS“ und ein gleichnamiges Theaterstück geschrieben, zusammen mit Axel Holst den Erzählungsband »Blinde Versuche über das Töten: von Menschen«, zusammen mit der Künstlerin Johanna Hansen den Lyrikband »pariser skizzen. je te flingue«, sowie diverse Kinderromane und Sach- und Fachbücher. Ihre Internetseite hier.

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