Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Ulrike Schrimpf, Wolfgang Schweiger

Ulrike Schrimpf: Kettenkarussel

Wenn ich an die Winter- und Weihnachtszeit denke, kriege ich das kalte Kotzen, und das darf ich nicht laut sagen. Dabei will ich es in die Welt schreien, jedem Passanten auf der Straße will ich es vor den Latz knallen, und meiner Schwiegermutter, die so vollendete Plätzchen backt, dass man sie nicht von denen aus einer Konditorei unterscheiden kann, will ich das ins gepflegte Gesicht drücken. Mitten rein in die Visage. Wenn die Weihnachtszeit ein Lebewesen wäre, würde ich ihr einen Dolch in die Brust rammen, mitten zwischen die Lungenflügel hinein, sodass die Schneide hinten wieder rauskommt und alles aufreißt, das Fleisch, Gewebe, die Blutgefäße, Sehnen, Knochen, Fasern. 

Das Weihnachtsfest ist der Höhepunkt des Grauens mit Christbaumschmücken, zur Messe gehen, ein einziges Mal im ganzen Jahr. Beine in den Bauch stehen, Kinder in die Höhe hieven, damit wenigstens sie etwas sehen können im Menschengetümmel. Puschelschafe betrachten. Nur eine Aufgabe haben sie beim Krippenspiel, dekorativ herumstehen. Aber noch nicht mal das schaffen sie, so klein sind sie. Die Puschelschafe im Weihnachtsgottesdienst machen alles Mögliche, nur nicht das, was sie tun sollen. Sie fallen um, verheddern sich, schlurfen den falschen Weg entlang oder rennen plötzlich weg, fangen an zu heulen, popeln Rotz, drängeln um den besseren Platz und hauen sich nieder, aus Versehen und absichtlich. Wenn ich darüber nachdenke, ist das möglicherweise eine Sache, ein Detail, effektiv eine Kleinigkeit, die ich an Weihnachten zumindest ansatzweise schätze: die popelnden, heulenden Puschelschafkinder beim Krippenspiel in der Kirche.

Den Rest aber verachte ich, und er verursacht mir Ekelgefühle. Spätestens ab November laufe ich mit einem Kloß im Hals herum. Wie zugesperrt fühlt sich meine Gurgel an, zugedrahtet, ineinander verklammert. Ich bin womöglich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der über Weihnachten abnimmt. Das ist die einzige Jahreszeit, in der sich meine Beckenknochen konturieren. Hervorstechen wäre zu viel gesagt, ich will nicht übertreiben.

Am Weihnachtsabend koche ich nach den Wünschen meiner Kinder und meines Mannes überfettete Ente, jedes Jahr, die mir persönlich Magenschmerzen verursacht. Ich hasse Entenhaut, diese glasiert glänzende, schwammige Pustelhaut. Die seltsam harte, gallerartige Krustenhaut, an der ich kaue und würge, ohne sie jemals hinunterschlucken zu können. Jedes Mal, jedes Jahr schaffe ich es nicht, die von mir zubereitete Ente hinunterzuschlucken, bis ich sie heimlich in eine Weihnachtsserviette spucke. In eine Weihnachtsserviette spucke ich jeden einzelnen Bissen der von mir zuvor hingebungsvoll gekochten Weihnachtsente, bis sie aufgebläht ist wie ein Segel bei Wind. 

Für meinen Mann und meine Kinder koche ich die Ente mit Orangensoße und Knödeln, selbstverständlich petersilienverfeinert. Ich packe Tonnen von Dingen ein, deren Umhüllung nur Stunden später weggerissen wird, zu gezackten, sich häufenden Bällen verknüllt. Ich sehe meinen Kindern zu, auf dem Sofa liegend, die Arme und die Beine von mir gestreckt, eine Wasserleiche bin ich. Beine, die immer zu kurz und zu kräftig sind. Beine in Strumpfhosen, Pellwurstbeine, fremde Beine, Schaufensterpuppenbeine. Manchmal empfinde ich eine plötzliche Sehnsucht nach ihnen. Eine Sehnsucht nach meinen Beinen, nach Beinen überhaupt, eine Sehnsucht danach, die Beine als meine zu empfinden, sie zu spüren, als gehörten sie zu mir und als würde ich sie mögen.

Mein Mann liest in einen Sessel versenkt, ich sehe sein Haupthaar, sein mit den Jahren immer weiter verflusendes Haupthaar, und meine Kinder sitzen in einer Dingflut. Wie durch ein Fernrohr hindurch betrachte ich sie, und ich liebe sie bis zum Zerrissenwerden, meine Kinder, die von einem Strom aus Objekten umspült werden.

Ich sehe ihr Umspültsein. Ich sehe mein Umspültsein. Unser aller Umspültsein. Ein Fließen ist das, ein Reißen, ein Stoßen. Immer weiter steigt der Pegel an, der uns aus dem Haus treibt und die Straße entlang. Ein Schwimmbadstrudel aus Objekten stößt uns im Kreis herum. Ich hasse Schwimmbadstrudel, die gibt es wirklich, in jedem Schwimmbad, das etwas hermachen will, gibt es diese Schwimmbadstrudel, die einen dazu zwingen, unmittelbar mit allen möglichen fleischigen und haarigen Lebewesen in Verbindung zu treten. Immer im Kreis herum treibt uns der Strudel, ein Panzer aus Dingen, durch die Straßen wirbelt er uns hinaus aus der Stadt und hinein in das gewaltige, in das unfassbare, in das erschlagend schwarze, total leere All. 

Aber auch das funktioniert nicht. Das funktioniert nicht reibungslos, denn das All ist in Wahrheit gar nicht leer. Das All ist vollgemüllt, hat mein Sohn mir neulich erklärt, mein ältester Sohn, der seit einiger Zeit lange Haare hat bis über die Schultern. Ein Alien ist mein ältester Sohn für mich, und er hat mir neulich erklärt, dass sich aktuell ca. 500 Millionen Trümmerteile im Erdorbit befinden. Sie schweben da herum, fliegen, straucheln, keine Ahnung, was sie machen, aber auf jeden Fall wird es Probleme geben, wenn der Strudel uns durch die Straßen wirbelt bis in das All. 

Und auch das ist nicht die volle Wahrheit. Denn in Wahrheit, in der totalen Wirklichkeit, jetzt sage ich es, zweifellos sage ich das jetzt, sitzen wir alle zusammen in einem Kettenkarussell. Jeder für sich.

Cover von Axel Holst: „Blinde Versuche über das Töten: von Menschen. Shortstorys

Allein ich stehe außenvor. Ich sitze nicht in dem Kettenkarussell, sondern ich stehe davor, und meine Kinder fliegen an mir vorbei. Ich versuche ihre Blicke einzufangen, anzuhalten. Stillzustellen. Nur für einen Moment. Dass ich da bin, will ich ihnen zeigen, dass ich ihnen zusehe, dass ich sie verfolge, mit meinen Blicken, dass ich sie nicht allein lasse. Nie allein. Aber immer bin ich zu langsam. Immer sehen meine Kinder genau in dem Moment, in dem sie an mir vorbeifliegen, woanders hin. Von unten, aus dem Boden, aus der Tiefe des Grundes wachsen Flammenzungen, zuerst klein und reizend. Die Flammenzungen wachsen in die Vertikale, sie flackern und lodern, sie werden gierig und fordernd und lecken an den Beinen meiner Kinder, die lachen und rufen und winken. Die Flammenzungen wollen die Beine meiner Kinder auffressen, mit einem Mal ist mir das vollkommen klar. Es ist jetzt nicht mehr nur notwendig, den Augen meiner Kinder zu begegnen, sondern lebensnotwendig. Die einzige mögliche Rettung. Aber es gelingt mir nicht. Es gelingt mir einfach nicht, ihren Lichtpunktaugen zu begegnen, die ich auch einmal hatte, zumindest nehme ich das an, und warum sollte es auch anders gewesen sein. 

Vor Urzeiten hatte ich Lichtpunktaugen, und ich saß auf einem Kettenkarussell. Ob es damals gebrannt hat, von unten aus der Erde heraus lodernd in den Himmel, weißt ich nicht mehr, aber ich weiß, dass ich den Blick meines Vaters gesucht habe, der mich nicht traf und auch nicht streifte. Im Gegensatz zu meinem jetzigen, zu meinem, wie nennt man das, einem Mutterblick, war er nicht existent. Ein Vaterblick, der nicht existent war, hat mich durch mein Leben begleitet. Aber was hat das schon zu bedeuten.

Mehr von solchen Texten in: Ulrike Schrimpf/ Axel Holst: Blinde Versuche über das Töten: von Menschen. Shortstorys. Literatur Qickie Verlag Lou Probsthayn, 2023, 3 Euro. Oder ähnliches in: Lauter Ghosts. Roman, ebenfalls Literatur Quicke Verlag: 2023, 22 Euro.

  • Ulrike Schrimpf wuchs in Berlin auf, studierte dort und in Paris Literaturwissenschaft, lebte und arbeitete seit 2010 als freie Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin in Wien. Sie hat drei Söhne, die Familie ist seit kurzem nach Augsburg umgezogen. Sie hat bislang den Roman „LAUTER GHOSTS“ und ein gleichnamiges Theaterstück geschrieben, zusammen mit Axel Holst den Erzählungsband »Blinde Versuche über das Töten: von Menschen«, zusammen mit der Künstlerin Johanna Hansen den Lyrikband »pariser skizzen. je te flingue«, sowie diverse Kinderromane und Sach- und Fachbücher. Ihre Internetseite hier.

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Wolfgang Schweiger: „Die Vergangenheit kennt kein Ende“

Der ungewöhnlich grausame Mord an einem augenscheinlich harmlosen Landwirts-Ehepaars stellt den Traunsteiner Kommissar Manfred Mehringer vor ein Rätsel. Erst ein anonymer Hinweis bringt ihn auf die Spur eines Holzfällers (Kreuzeder), der mit der getöteten Ehefrau ein Verhältnis hatte. Ein Mord aus Eifersucht? 

   Zur gleichen Zeit erhält der Frankfurter Journalist Holger Seiffert den Auftrag, einen in den Chiemgauer Bergen untergetauchten Nazi-Verbrecher aufzuspüren. Als Mehringer davon erfährt, tut er sich mit dem Mann zusammen, nicht ahnend, dass sie beide dabei in ihr Verderben laufen. – Hier exklusiv für uns ein Textauszug.

   „Ein guter Häftling hält es nicht länger als drei bis vier Monate im KZ aus. Wer es länger aushält, ist ein Gauner“. (SS-Hauptsturmführer und KZ-Kommandant Karl Chmielewski, 1903 bis 1991, auch genannt „Der Teufel von Gusen“)

Textauszug: Kapitel 21

Auf dem Dorfplatz von Beching angekommen, stellte Mehringer seine Horex vor dem Gasthaus namens „Alpenrose“ und blickte sich prüfend um. Er kannte das Dorf nur flüchtig, war nur einmal hier gewesen, als vor etwa einem Jahr dieser Student aus München während einer Wanderung in den Bergen südlich davon spurlos verschwunden war. Vermutlich verunglückt und elendig zu Tode gekommen. 

   Vor der Friedhofsmauer gegenüber war ein VW-Käfer abgestellt, sonst war kein Fahrzeug zu sehen. Und auch keine Menschen.     

   Was nun? Er war noch immer unschlüssig, wie er vorgehen sollte. Sollte er einfach nach Zauners Anwesen fragen und den Mann direkt darauf ansprechen? Oder sollte er zunächst Erkundigungen über ihn einziehen? Vielleicht beim Bürgermeister? Oder bei seinen Nachbarn? Oder gar beim Pfarrer? Aber was würde das schon bringen? Letztlich würde er sich selbst ein Bild von dem Mann machen müssen, von Angesicht zu Angesicht.  

   Er ging einmal um das Motorrad herum und wartete auf ein Lebenszeichen, doch niemand ließ sich blicken. Nicht einmal ein Hund. Der Dorfplatz lag wie ausgestorben vor ihm. Also gut, dachte er, versuchen wir es erst einmal beim Wirt. Seine Marke wollte er vorerst steckenlassen.    

   Er betrat die Gaststube, in der drei Männer am Stammtisch saßen und Karten spielten. Bei seinem Anblick unterbrachen sie ihr Spiel und musterten ihn stumm. Mehringer grüßte freundlich, stellte sich an den Tresen und hielt nach dem Wirt Ausschau. Bis einer der Kartenspieler, ein vierschrötiger Mittvierziger mit stechendem Blick, spöttisch sagte: „Da schau her, schon wieder einer, der ned von da ist.“  

   Mehringer lächelte trotzdem, stieß sich vom Tresen ab und setzte sich an den Tisch gleich neben der Tür. Er musste kurz warten, bevor der Älteste am Stammtisch, ein hagerer Mann um die sechzig mit mürrischem Gesichtsausdruck, sich umständlich erhob und an seinen Tisch trat.   

   „Sie wünschen?“

   „Ein Helles wäre recht …“

   Der Wirt schlurfte hinter den Tresen. Der Vierschrötige behielt Mehringer weiter im Blick. Er sagte: „Was ist, gibst eine Runde aus?“     

   Mehringer zögerte kurz. Der Kerl war ihm zwar zuwider, aber wenn er ihm dadurch ein paar Informationen entlocken konnte. Andererseits wollte er keine Schwäche zeigen, schon gar nicht so einem Dorfrüpel gegenüber.   

   „Kommt darauf an“, erwiderte er. 

   „Und auf was?“ 

   „Ob Sie mir sagen können, wo der Viehhändler Herbert Zauner wohnt?“    

   Der Vierschrötige erstarrte. Wirkte schlagartig feindselig. Als hätte Mehringer ihn zutiefst beleidigt. Dann stand er ruckartig auf, stieß seinen Stuhl zurück und baute sich vor Mehringers Tisch auf.    

   „Wer bist du überhaupt?“

   „Nur ein Mann, der eine Frage hat.“

   „Und woher kennst du den Herbert?“

   „Ich kenne ihn gar nicht. Aber ich würde ihn gern kennenlernen …“

   Der Vierschrötige schien verwirrt. Er leckt sich kurz die Lippen und blickte unschlüssig zum Wirt, der hinterm Tresen stand und sie aufmerksam beobachtete. 

   „Der Janek da arbeitet bei ihm“, sagte der Wirt in die eingetretene Stille. 

   „Hat dich wer gefragt?“, fuhr Janek den Wirt an. „Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß.“ 

   Der Wirt hob abwehrend die Hand. „Ist ja gut, Janek …“

   „Und was willst von ihm?“ Janek war näher gerückt, seine klobigen Hände nun auf die Tischplatte gestützt.  

   „Ist meine Sache, würde ich sagen.“

   „So, meinst du?“

   Mehringer verzichtete auf eine Antwort.  

   „Dann hast Pech.“ Janek grinste unvermutet. „Der Herbert ist heute in Rosenheim und kommt erst spät zurück.“

   „Aber morgen ist er zuhause?“

   Janek zuckte mit den Schultern. „Was weiß ich. Aber vielleicht kann ich ihm ja was ausrichten.“

   „Eher nicht, würde ich sagen. Aber vielleicht können Sie mir den Weg zu seinem Hof zeigen. Ich würde gerne sehen, wie er wohnt.“

   „Was?“ Janek drehte sich zu dem dritten Mann um, der nun ebenfalls aufgestanden war und näher trat. „Hast du das gehört, Max? Nicht sagen, was er will, aber herumspionieren möchte er, der feine Herr.“   

   Na schön, dachte Mehringer, Ende der Vorstellung. Zumal er einen guten Schritt vorangekommen war. Denn wer solch ein Personal beschäftigte, dürfte auch selbst kein angenehmer Mensch sein. Wie der Herr, so‘s Gescherr! Er erhob sich, zückte seine 

Brieftasche und ließ ein Zweimarkstück auf die Tischplatte fallen. 

   „Fürs Bier und die nette Unterhaltung.“  

   Zurück auf dem Dorfplatz, traute er seinen Augen nicht. Da öffnete dieser Frankfurter Journalist namens Seiffert doch gerade die Beifahrertür des VW und kramte im Handschuhfach. So ein falscher Hund, dachte Mehringer. Von wegen, er wäre nur hier, um Material für seine Reportage zu sammeln. Der Kerl wusste definitiv mehr, als er zugab. Verfolgte vielleicht sogar ein bestimmtes Ziel. Was auch der Grund dafür sein dürfte, weswegen er nicht mit seinem Chevrolet mit Frankfurter Kennzeichen hier aufgekreuzt war, sondern mit einem unauffälligen Mietwagen aus Traunstein. 

   Na warte, Bürschchen. Mehringer setzte sich in Bewegung.

   „Wen haben wir denn da?“, rief er auf halbem Weg.  

   Der Journalist drehte sich um und blickte Mehringer mit einer Mischung aus Überraschung und Unwillen an. „Herr Kommissar, was machen Sie denn hier?“

   „Das Gleiche könnte ich Sie fragen, meinen Sie nicht auch?“

   Seiffert lächelte vage. „Ich hab Ihnen doch gesagt, dass ich mir  die Gegend anschauen möchte.“

   „Die Gegend ist groß“, erwiderte Mehringer. 

   „Genau. Und die Welt klein, wie es scheint.“

   „Also?“

   „Also?“, wiederholte Seiffert mit einem Grinsen. „Wollen Sie mir nicht verraten, warum Sie hier sind, Herr Kommissar?“

   „Wenn hier einer zu verraten hat, warum er hier ist, dann doch wohl Sie.“  

   „Finden Sie?“

   Mehringer schob sich an Seiffert vorbei, schlug die Wagentür zu und blickte ihm fest ins Gesicht. „So, und jetzt Schluss mit den Spielchen, raus mit der Sprache: Was verschweigen Sie mir? Oder genauer gesagt: Was hat der Mordfall Miriam Schuler mit Ihrem Auftauchen hier zu tun?“

   „Miriam Schuler“, wiederholte Seiffert stockend.

   „Ja, genau. In ihrer Wohnung grausam umgebracht und dann wie ein Stück Abfall in den Küchenschrank gestopft. Und Sie haben davon gewusst, obwohl die Leiche erst gestern Vormittag entdeckt wurde.“

   „Ich habe nie behauptet, dass meine Recherchen etwas mit diesem Mord zu haben.“

   „Blödsinn. Zwei Frauen, die etwa zur gleichen Zeit ungewöhnlich brutal ermordet werden, die eine in Frankfurt, die andere hier in der Gegend, aber aus Frankfurt stammend. Wollen Sie mir also wirklich weismachen, alles nur ein Zufall?“

   Seiffert blieb stumm. 

   Mehringer stieß einen Seufzer aus. So ein störrischer Kerl! Und er konnte ihn zu nichts zwingen. Aber vielleicht für sich gewinnen, zumal ihm der Mann trotz allem nicht unsympathisch war. Milder gestimmt, sagte er: „Hören Sie, vielleicht ziehen wir beide am selben Strang, ohne es zu wissen. Nur so viel: Ich habe auch meine Zweifel, ob dieser Kreuzeder der Täter war, ob bei diesem Doppelmord nicht andere Mächte am Werk waren.“

   „Ist das Ihr Ernst?“

   „Ja.“

   „Und wie kommen Sie darauf?“

   „Weil ich den Mann kennengelernt habe. Zwar nur kurz und unter extremen Umständen, aber doch gut genug, um ihn nicht für einen Sadisten und eiskalten Mörder zu halten.“

   „Sondern?“

   „Sondern für einen Mann, der möglicherweise auf übelste Art reingelegt wurde.“

   „Na gut, reden wir.“ Seiffert  tippte Mehringer an die Brust. „ Aber Sie zuerst, Herr Kommissar.“

   „Einverstanden.“ Mehringer wartete, bis Seiffert den VW abgesperrt hatte, und fragte dann: „Was halten Sie von einem kleinen Spaziergang?“

   „Gute Idee.“

   Sie gingen nebeneinander über den Platz und wandten sich dem leicht abschüssigen Weg zu, der zum Dorfweiher führte. Seiffert deutete auf die Bergkette im Süden. „Haben die Gipfel da alle auch einen Namen?“

   „Ich denke schon …“

   „Ich habe einen Bekannten, der letztes Jahr bei dieser Nepal-Expedition dabei.“

   „Der würde sich hier nur langweilen, fürchte ich.“   

   Sie blieben am Rand des Weihers stehen und betrachteten schweigend die darin umher schwimmenden Enten. 

   Mehringer räusperte sich und sagte schließlich. „Sie wissen ja von diesem anonymen Anrufer, der uns einen Tag nach dem Mord auf die Spur von diesem Kreuzeder gebracht hat.“

   „Ja, weiß ich.“

   „Nun, als ich gestern nochmals auf dem Moser-Hof war, ist da ein Mann aufgetaucht. Genauer gesagt, ein Viehhändler hier aus Beching, der dem Josef Moser die Kühe abkaufen wollte. Ich selbst habe nicht ihm gesprochen, aber seine Stimme habe ich eindeutig wiedererkannt.“

   „Der anonyme Anrufer?“

   „Exakt.“

   „Und sein Name?“

   „Herbert Zauner.“

   „Und wieso haben Sie den Mann nicht sofort darauf angesprochen?“

   Mehringer zuckte mit den Schultern. „Gute Frage. Vielleicht, weil er mir auf Anhieb unsympathisch war. Aber auch, um den Josef Moser da herauszuhalten.“  

   „Und jetzt fragen Sie sich, wie das alles zusammenhängt?“

   „Allerdings …“

   Seiffert klopfte Mehringer auf die Schulter. „Na dann gehen wir den Herrn doch mal besuchen. Und ich erzähle Ihnen unterwegs, was ich weiß. Also hören Sie gut zu.“

Wolfgang Schweiger (den wir vom „Fahnder“, der „SOKO 5113“ und von vielen Kriminalromanen kennen) ist derzeit hauptsächlich als Kulturjournalist im südostbayerischen Raum/Salzburg unterwegs und hat nach längerer Pause auch wieder angefangen, Kriminalromane zu schreiben. – Seine Website hier. Seine Texte bei uns. Als Book-on-demand gibt es den Heimatkrimi „Land der bösen Dinge“. Besprechung in unseren „Bloody Chops“ hier.

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