Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Ulrike Schrimpf führt ein langes Interview mit Steve Rasnic Tem

Ein vertikaler Riss in der Wirklichkeit

Der erste deutschsprachige Erzählungsband von Steve Rasnic Tem ist im Literatur Quickie Verlag erschienen: „Das langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort“ ist eine Sensation. Die Autorin Ulrike Schrimpf – siehe auch den Lesungshinweis ganz unten – hat sich mit dem Schriftsteller unterhalten.

„Manche würden sagen, ich sei ein Mann mit mickriger Vorstellungskraft. Manche würden sagen,
ich hätte mein Leben mehr heimgesucht als es gelebt. Aber ich mag einfach einen ruhigen Ort,
wo ich sitzen und lesen kann, wo ich das langsame Fallen von Staub beobachten kann und die vielen
Formen, die er enthüllt.“ (Das langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort)

STEVE RASNIC TEM ist ein Erzählgigant aus Nordamerika, der sich vor allem den Genres Fantasy und Horror und der Kurzgeschichte verschrieben hat. In seiner langen Laufbahn als Schriftsteller hat er bislang sieben Romane, einen Lyrikband und knapp 500 Kurzgeschichten veröffentlicht und wurde mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. mit dem British Fantasy Award, dem World Fantasy Award und viermal mit dem Bram Stoker Award. Kollegen wie Joe Lansdale, Dan Simmons und Stephen King feiern Tem und vergleichen ihn zu Recht mit solchen literarischen Größen wie Franz Kafka, Raymond Carver und Ray Bradbury. Seine Texte wurden weltweit in zahlreiche Sprachen übersetzt, aber, und jetzt kommt der Knaller, noch nie ins Deutsche. Kein Mensch weiß, warum, ich zumindest weiß das nicht, und ich kann mir auch keinen Reim darauf machen.

Zu meinem großen Glück ist nun erstmals eine Sammlung von Tems Kurzgeschichten in deutscher Sprache erschienen, was dem Schriftsteller und Übersetzer Gerrit Wustmann zu verdanken ist, der Tems Texte differenziert und sorgsam ins Deutsche übersetzt hat, sowie dem Verleger Lou Probsthayn vom Literatur Quickie Verlag, hinreichend bekannt für seine außergewöhnlichen, eigensinnigen Bücher.

Der Erzählungsband trägt den wundersamen Titel Das Langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort und ist nicht weniger als eine literarische Sensation! Für mich ist das Buch eines der bewegendsten, hintergründigsten, auch stilistisch gelungensten, die ich seit langem gelesen habe. Dreh- und Angelpunkt von Tems Schreiben ist die untrennbare und gleichzeitig fließende Verschlingung von – angeblicher – Wirklichkeit und Fantastik. Die Texte des Schriftstellers sind von Schatten bevölkert, Geistern, Untoten, Verzweifelten, Einsamen und Wahnsinnigen, die alle so lebendig, real, berührend und auch auf gewisse Weise normal sind, dass eben kein plattes Horrorkabinett entsteht, sondern ein vielseitiges, tragikomisches Bild vom Leben.

In mir wuchs also der Wunsch, ein Interview mit dem Schriftsteller zu seiner ersten deutschsprachigen Publikation zu führen. Als ich ihn schriftlich fragte, ob er dazu bereit wäre, antwortete er so freundlich, dass ich erleichtert war und auch ein bisschen aufgeregt wurde. Wie spricht man mit einem so erfahrenen Erzähler, und wie gelingt es einem, ihm Fragen zu stellen, die ihn nicht zu Tode langweilen, weil er sie schon unzählige Male gehört hat? Ich habe das probiert, und hier ist das Ergebnis: Tem und ich unterhalten uns u.a. über verschiedene Genres, Fantasy und Horror, über Geister, Dämonen und Engel, über die Fragen, ob Schriftsteller Wahrsager sein können, und was es bedeutet, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Wir sprechen über eine spezifische Ich-Bezogenheit von Geschichten, Empathie von und in Literatur, Geschlechterrollen, Väter und Söhne, Tems Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau Melanie Tem, ebenfalls Schriftstellerin, darüber, ob Frauen andere Horrorgeschichten schreiben als Männer, über eine grundlegende menschliche Sehnsucht nach Erhebung und über Glaubensfragen.

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„Da schien ein vertikaler Riss in der Realität zu sein, ein Webfehler im Atmosphärenstoff, aber er glaubte nicht an so etwas. Es war wie ein Riss, durch den von der anderen Seite aus etwas hindurch spähte. Die Ränder des Risses hingen hinaus und gaben den Blick frei. Es schien eine Frau zu sein oder ihr Schatten, denn es war grau und leicht durchscheinend. (…) Er wandte den Blick von der grauen Gestalt ab, die so still dort stand, wie eine Statue, doch er sah, wie es überall in den Hügeln geschah, bis hinunter in die flache Betonsenke des Einkaufszentrums: diese vertikalen Risse und die verschatteten Statuen dahinter, unbeweglich und still, wie sie betrachteten, was aus der Welt geworden war.“ (Hier bei den Schatten)

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„Ein ambitionierter Schriftsteller sollte immer versuchen, sich selbst sein eigenes Genre zu sein“ – Ein Interview von Ulrike Schrimpf

ICH BEGINNE MIT einer simplen Frage, die aber vielleicht gar nicht so leicht zu beantworten ist: Ich lese keinen Horror, aber ich liebe und verehre Ihre Texte. Wie kann das sein?

Steve Rasnic Tem: Ich danke Ihnen sehr für das Kompliment! Horror umfasst viel Verschiedenes, und die Autoren, die in diesem Bereich arbeiten, bringen natürlich jeweils ihre eigenen Geschichten, Hintergründe und Einflüsse in den Stoff mit ein. Ich war schon immer daran interessiert, Geschichten über die „verborgenen“ Aspekte der Realität zu schreiben – Tag- und Nachtträume, Mythen, das Unterbewusstsein -, und es hat eine gewisse Zeit gedauert, bis ich eine Form für die Geschichten gefunden hatte, die ich erzählen wollte. Eine meiner Heimaten wurde der Horror, aber meine frühen Einflüsse waren Autoren wie Kafka, Calvino, Borges, Buzzati, Bradbury, Barthelme usw. Obwohl ich manchmal „gruselige“ Geschichten schreibe, geht es mir bei den meisten meiner Geschichten nicht in erster Linie darum, zu erschrecken, sondern darum, beunruhigende Themen zu erkunden. Daher finden sich unter meinen Fans oft auch Nicht-Horror-Leser.

ES HAT SICH in meinem Leben bislang einfach nicht ergeben, dass ich Horrorgeschichten gelesen habe. Zudem habe ich schwache Nerven. Beim Lesen Ihrer Geschichten bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie auch fernab von solchen Genrezuschreibungen leben und bestehen können, denn sie erzählen auf vielfältige Art und Weise vom Leben selbst. Sehen Sie das ähnlich, oder ist Ihnen die Zuordnung zu den beschriebenen Genres wesentlich?

Steve Rasnic Tem: Ich mag Horror, aber diese Klassifizierung ist gar nicht wichtig für mich. Ich glaube mein Leben lang daran, dass ein ambitionierter Schriftsteller immer versuchen sollte, sich selbst sein eigenes Genre zu sein. Wenn man versucht, Geschichten zu schreiben, die genau in ein Genre passen, beschränkt man sich. Dann drosselt man seine Phantasie exakt in dem Moment, in dem man sie doch für alle vorstellbaren Möglichkeiten öffnen sollte.

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„Jedes Leben ist komplizierter als es aussieht. Und dann gibt es die Welt jener, die gegangen sind. Nicht wirklich Geister, aber diese Präsenz, an die man sich erinnert, und diese Erinnerungen, nun, die sind überall, und wenn du das um den Faktor multiplizierst, dass wir die Dinge unterschiedlich sehen, dass Menschen sich an andere Menschen auf hunderte verschiedene Arten, an hunderten Orten erinnern, das ist atemberaubend, oder? Die schieren Zahlen, die das einnimmt in unserer Umgebung und in unseren Köpfen. An manchen Nachmittagen könnte ich schwören, du kannst Menschen hören: Die Vibrationen ihrer Leben, die Gefühle, die ihr Tod hinterlässt, erschüttern die Erde und erfüllen die Luft mit Wellen aus Klang und Bewegung.“ (Hier bei den Schatten)

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„In meiner Fiktion sind Geister ein gutes Mittel, um über die Vergangenheit und die Erinnerung zu sprechen, darüber, wie sie uns kontrollieren und unterdrücken.“

DIE VERSCHIEDENEN FORMEN und Bedeutungen, die Geister, Gespenster, ghosts annehmen können, interessieren mich, und sie spielen auch für mein eigenes Schreiben eine Rolle, ohne dass ich tatsächlich an sie glauben würde. Was bedeuten sie Ihnen und für Ihre Erzählungen?

Steve Rasnic Tem: Ich bin ebenfalls ein Schriftsteller, der über das Übernatürliche schreibt, ohne tatsächlich daran zu glauben. Für mich ist das Übernatürliche einfach eine nützliche Metapher. Ich glaube, dass es Aspekte der Realität gibt, die sich unserem Verständnis entziehen, aber sie übersteigen auch unsere sprachlichen Möglichkeiten. Die fantastischen Figuren, die wir erfunden haben – Geister, Dämonen, Engel und Götter – sind gleichermaßen beruhigend und bequem für uns. Sie sind ziemlich menschenähnlich, und ihre Erfindung nährt unsere Bedürfnisse. Aber ich bezweifle, dass sie irgendeine Ähnlichkeit mit dem haben, was es in der Welt tatsächlich an Geheimnissen gibt. In meiner Fiktion sind Geister ein gutes Mittel, um über die Vergangenheit und die Erinnerung zu sprechen, darüber, wie sie uns kontrollieren und unterdrücken. Viele von uns wissen, dass es gesund ist, im JETZT zu leben, aber es ist ziemlich schwierig, die Vergangenheit so beiseitezuschieben, dass man das Jetzt klar sehen kann.

IN IHRER GESCHICHTE Der Krankheitskünstler, die offensichtlich auf Kafkas Hungerkünstler referiert, aber auch auf die Zeit der Aids-Epidemie, schreiben Sie an einer Stelle: „Das Problem ist, dass die Leute vergessen haben, ihre eigene Sterblichkeit wertzuschätzen.“ Was für eine Entwicklung ist das, woher kommt sie, und seit wann beobachten Sie sie?

Steve Rasnic Tem: Ich glaube, wir alle wissen, dass wir sterben werden, und doch tun wir alle immer so, als wäre das eine Art von Geheimnis. Und wenn es dann tatsächlich so weit ist, sind wir überrascht. Menschen, die wissen, dass sie unheilbar krank sind und nur noch eine begrenzte Zeit zu leben haben, sprechen davon, dass sie die kleinen Dinge wieder zu schätzen wissen – Pflanzen und Tiere, einen sonnigen Tag, die Berührung eines geliebten Menschen. Plötzlich sind sie sich dieser Dinge bewusst, weil sie dazu gezwungen waren, sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Ich habe in meinem Leben einige schwere Verluste erlitten: Ich habe beide Eltern verloren, meine Frau und einen Sohn. Vor kurzem hatte ich auch eine Krebserkrankung – ein Tumor, von dem alle glaubten, er wäre bösartig, erwies sich als gutartig. Unsere Zeit auf dieser Welt ist kurz und zerbrechlich. Aber wenn man nur wenig Zeit hat, wie verbringt man sie dann? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wie man vielleicht denkt.

ANGEBLICH HABEN BESONDERS begabte Menschen oft die Fähigkeit, Zusammenhänge und Entwicklungen schneller zu erkennen als andere. Mich hat beim Lesen frappiert, wie viele Motive und Themen, die durch Covid virulent geworden sind, die Erzählung Der Krankheitskünstler vorwegnimmt. Für mich erweisen Sie sich hier als scharfsichtiger Wahrsager einer Zukunft, die für andere vielleicht nicht so absehbar war. Was denken Sie dazu, und geht es Ihnen möglicherweise öfter so, dass Sie in Ihrem Schreiben etwas schaffen, das später auch in der Wirklichkeit eintritt?

Steve Rasnic Tem: Im Allgemeinen glaube ich, dass Schriftsteller schlechte Wahrsager sind. Aber es gibt Dinge, die schon in unserer Vorstellungskraft existieren, weil ihre Wurzeln bereits hier in der Realität liegen, die wir alle erleben. Ich denke, wir wussten bereits, wie sich COVID auf uns auswirken würde, bevor es sich tatsächlich manifestierte. Genauso wie wir auch schon wissen, was der Klimawandel sozial und psychologisch für uns bedeuten wird, weil zentrale Aspekte davon schon angefangen haben, sich zu zeigen.

„Unsere Zeit auf dieser Welt ist kurz und zerbrechlich. Aber wenn man nur wenig Zeit hat, wie verbringt man sie dann? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wie man vielleicht denkt.“

ICH HEGE EINE tiefe Bewunderung dafür, wie Sie Menschen und Dinge, Orte, Situationen, Gefühle schildern. Das ist so eigentümlich, malerisch und schöpferisch, und wirkt gleichzeitig mühelos und natürlich. Hier ein paar Beispiele:

In „Apartment B“ beschreiben Sie das Aussehen eines Mannes mit den Worten: „Die Haut des Mannes wirkte schlaff, als würde sie ihm nicht richtig passen.“  

In „Hier bei den Schatten“ heißt es über einen alten, dementen Mann, er würde auf dem Gehweg auf seine Tochter warten „sein letztes Bündel Erinnerungen wie ein Kind in seinen Armen haltend.“

Ein ganz normales Telefon schildern Sie in „Unter den Lebenden“ mit den Worten: „Er griff in die Luft, die die Farbe von stumpfem Metall hatte, und fand das Telefon auf Anhieb, das ihn erwartete wie ein treues Haustier“, und die kaputten Holzpaneele in der gleichen Erzählung „sahen nicht mehr wie Holz aus, sondern wie farbloses Wundgewebe, das Stückchen von Himmel und Erde durchscheinen ließ.“

Das wirkt alles plastisch, sinnlich und organisch und ist gleichzeitig originär. Wie gelingt Ihnen das?

Steve Rasnic Tem: Ich weiß nicht, ob ich darauf eine gute Antwort habe. Mir geht es beim Schreiben oft darum, die innere Welt des Protagonisten in die äußere Welt zu transportieren und zuzulassen, dass sie das, was die Figur sieht, verändert. Die phantastische Literatur in allen ihren Ausprägungen wurde oft für ihre mangelhafte Figurenzeichnung kritisiert. Das kann manchmal daran liegen, dass die Kritiker die Beschreibungen der Landschaft nicht als Teil der auftretenden Charaktere erkennen. Für mich sind Geschichten sehr solipsistisch, sehr ich-bezogen: Ihre verschiedenen Elemente spiegeln tendenziell Aspekte wider, die für die Hauptfigur wichtig sind. Das kann zuweilen zu verblüffenden Beschreibungen führen. Ich glaube, ich habe vieles davon durch die Lektüre der Werke von Ramsey Campbell und Robert Aickman gelernt.

„Ich glaube, dass ein Großteil der Unbeholfenheit und Falschheit, die beim Schreiben von Belletristik auftreten kann, daher rührt, dass der Autor die Figur, um die es geht, noch nicht vollständig verinnerlicht hat.“

ICH HABE NICHT das Gefühl, dass Sie lange nachdenken müssen, um Bilder und Vergleiche zu finden. Stimmt das?

Steve Rasnic Tem: Ich überarbeite sehr viel. Seitdem ich am Computer schreibe, überarbeite ich meine Sätze ständig, auch die, die ich schon Tage zuvor geschrieben habe. Als ich noch mit der Schreibmaschine schrieb, brauchte ich für viele Geschichten zehn bis zwölf Entwürfe. Aber meine ursprüngliche Bildersprache kommt normalerweise schnell und natürlich.  Ich glaube, dass ein Großteil der Unbeholfenheit und Falschheit, die beim Schreiben von Belletristik auftreten kann, daher rührt, dass der Autor die Figur, um die es geht, noch nicht vollständig verinnerlicht hat. Je mehr man sich dem wahren Herzen der Figur nähert, desto besser wird die Prosa, auf natürliche Art und Weise. Ich glaube, das ist so ähnlich wie bei Schauspielern, die sich in eine Figur hineinversetzen.

DIE KÜRZESTE GESCHICHTE des Bandes ist gleichzeitig auch, für mich, mit die furchtbarste, vermutlich gerade, weil sie so knapp und sachlich geschrieben ist und darin hammerhart. Ich zitiere sie hier in voller Länge:

14 Uhr: Der Immobilienmakler trifft ein

Im Garten, nachdem die Familie fortgezogen ist: angedellter blauer Futternapf, abgenutztes Hundehalsband, zerrissene Jungenshorts, Dinosaurier-T-Shirt, Seil, rostige Dose, Kindermaske voller Sand. In der Ecke der schwache Umriss eines Grabes, die Hundeleine liegt da wie eine offene Klammer. Dann erinnerst du dich. Die Familie hatte keine Haustiere.

Wie halten Sie das Dunkle aus, das Ihre Erzählungen durchdringt, die Gewalt und Zerstörung, das menschliche Verlassensein und unseren täglichen Untergang, denen Sie sich unermüdlich und darin auch kämpferisch schreibend stellen?

Steve Rasnic Tem: Das Schreiben von Fiktion war für mich immer befreiend. Manche würden sagen „therapeutisch“. Es entschärft Wut, Traurigkeit, Gewalt und Verzweiflung.  Wenn mich etwas beunruhigt – und mich beunruhigen viele Dinge – schreibe ich darüber. Ich lasse es aus mir heraus und bringe es auf Papier nieder. Anstatt wegzulaufen, versuche ich, näher heranzugehen und zu beobachten. Ich habe immer daran geglaubt, dass Fiktion ein Akt der Empathie ist – sowohl für den Autor als auch für den Leser. Ich frage mich manchmal, wie Menschen, die keine Belletristik lesen, Empathie lernen.

„IN DEN BÄUMEN“ ist zum Beispiel eine dieser Geschichten, in denen der Leser die ganze Zeit bangt und zittert, weil er das unfassbare Unheil kommen sieht, und gleichzeitig mit allem, was er hat, hofft, dass es nicht eintritt. Die Art und Weise, wie Sie hier die Spannung aufbauen, erhalten und schließlich ins Unerträgliche steigern, ist meisterlich.

Gleichzeitig frage ich mich: Warum muss immer das Furchtbarste geschehen? Warum wird es nicht EINMAL gut? Oder wird es das, und wenn ja, wann und wie?

Steve Rasnic Tem: Ich denke, in der Horrorliteratur geht es meistens darum, sich das Schlimmste vorzustellen. Unsere Figuren überleben vielleicht nicht, aber WIR überleben. Wir erfahren eine gesunde Katharsis aufgrund der Tragödien, die unsere Figuren durchleben.

„Ich habe immer geglaubt, dass Fiktion ein Akt der Empathie ist – sowohl für den Autor als auch für den Leser. Ich frage mich manchmal, wie Menschen, die keine Belletristik lesen, Empathie lernen.“

HATTEN SIE SCHON mal das Bedürfnis, eine reine Komödie zu schreiben, oder etwas ganz Leichtes, Helles, Einfaches? Vielleicht haben Sie das sogar getan, und ich kenne es nur nicht. Ich kann mir das allerdings kaum vorstellen. Liege ich falsch?

Steve Rasnic Tem: Ich habe ein paar komödiantische Geschichten geschrieben, „The Carl Paradox,” „The Painters Are Coming Today“ und „Shaggy Dog Story.” Ich finde es aber schwierig, sie zu schreiben. Normalerweise brauche ich auch mehr Zeit für sie. Meine Sammlung „The Harvest Child & Other Fantasies“ enthält einige meiner „weniger düsteren“ Geschichten. Meine Crime-Sammlung allerdings, „Rough Justice: Tales of Crime & Deception“, führt den Leser an noch düsterere Orte als meine Horrorgeschichten.

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„Nein, ich war kein sonderlich guter Vater. Aber das bedeutet nicht, dass ich meine Tochter nicht liebte. Die einzige Liebe, die ich bis dahin gekannt hatte, war die Liebe eines Mannes für eine Frau, oder die furchtbar schwierige und ambivalente Liebe eines Sohnes für seine Eltern. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Die Liebe eines Mannes für eine Frau ist eine bestimmte Art von Spannung, Abstoßung und Anziehung, eine Erregung über ‚den Anderen‘. Aber die Verbindung zu Kat war etwas gänzlich anderes, das absolute Gegenteil. Es war eine Ahnung von Identifikation (und für mich war das eine einzigartige Erfahrung, da ich mich nie zuvor mit jemandem identifiziert hatte) und Gleichheit, das Gefühl, als wäre Kat ein Organ meines Körpers, so sehr ein Teil von mir wie mein Herz oder meine Lunge, aber frei, herumzulaufen, zu sprechen, zu denken.“
(Das langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort)

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MICH BEEINDRUCKT UND bewegt auch, wie Sie Zwischenmenschliches beschreiben, vor allem die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern. „In den Bäumen“ ist eine Vater-Sohn-Geschichte wie ich sie noch nie gelesen habe, und „Das langsame Fallen von Staub an einem ruhigen Ort“ erzählt u.a. von der besonderen Beziehung eines Vaters zu seiner Tochter. Was bedeuten diese interfamiliären Konstellationen für Ihr Schreiben und Ihr Leben?

Steve Rasnic Tem: Ich bin Vater, Großvater und Urgroßvater. Für mich war es immer wichtiger, ein gutes Elternteil und ein guter Ehemann zu sein, als ein guter Schriftsteller. Meine verstorbene Frau Melanie und ich haben fünf Kinder adoptiert, die alle aus schwierigen Verhältnissen stammten. Ich glaube, das meiste, was ich über Frauen, Kinder, Menschen und ihre Entwicklung weiß, habe ich in diesen Beziehungen gelernt, indem ich meiner Frau und meinen Kindern zugehört habe, und indem ich an ihrem Leben teilgenommen habe.

„Aber in den Bäumen waren Jungs, die lachten und spielten, ohne Angst und Gefühl für Gefahr. Dunkle Haare wehten, als die Jungs höher kletterten und rangelten in den schwachen, dünnen, hohen Zweigen des Waldes. Blitze bleichten ihr Haar. Wind und Elektrizität verlieh ihnen Flügel.“ (In den Bäumen)

„IN DEN BÄUMEN“ ist in meinen Augen auch eine berührende Geschichte zu der Frage, was es bedeutet, ein Mann zu sein, ein Vater und ein Sohn.  Wir leben in einer Zeit, in der es viel um Geschlechterrollen geht. Das gegenwärtige Ringen um möglichst viel Offenheit und Toleranz führt gleichzeitig und auch paradoxerweise zu einer Vervielfachung von Definitionen und Zuordnungen und zu einer grundlegenden Verunsicherung: Was ist ein Mann, und was ist eine Frau? Welchen Wert haben diese Zuschreibungen und Konzepte – noch -, und was kann sie möglicherweise ersetzen oder ergänzen, erweitern?

Steve Rasnic Tem: Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, aber ich habe viel darüber nachgedacht, wie Jungen und Männer in der westlichen Gesellschaft erzogen wurden, und im Allgemeinen glaube ich, dass sie schlecht erzogen wurden, mit unrealistischen Erwartungen und viel Selbsthass, der sie von ihrer „weiblichen Seite“ entfremdet hat – obwohl ich es für eine Verzerrung halte, bestimmte Eigenschaften als „weiblich“ und andere als „männlich“ zu bezeichnen. Es handelt sich dabei einfach um Eigenschaften, die bei allen Menschen vorhanden sind.

Viele Menschen scheinen zu glauben, dass die sich verändernden Vorstellungen von Geschlecht eine neue Sache sind, aber es gab sie schon immer. Nur verstehen wir diese Dinge jetzt etwas besser, und die Menschen sind eher bereit, offen darüber zu sprechen.

Ich verstehe vielleicht nicht immer die Entscheidungen der Menschen oder ihre Überzeugungen in Bezug auf ihre Identität, aber ich denke auch nicht, dass ich sie verstehen muss. Ich bin einfach der Meinung, dass man Menschen grundsätzlich mit Respekt behandeln und sie mit den Namen ansprechen sollte, die sie haben möchten, und die Pronomen für sie verwenden sollte, die sie bevorzugen. Für mich ist das eine Frage des grundlegenden Respekts. Ich glaube fest an Empathie, aber manchmal scheint es der Gesellschaft fundamental daran zu mangeln. Viele Menschen haben Schmerzen. Viele Menschen leiden im Stillen. Man weiß nie, was ein anderer Mensch durchmacht. Ich möchte niemals aus Versehen den sowieso schon schlechten Tag eines anderen Menschen weiter verschlimmern.

„Ich habe viel darüber nachgedacht, wie Jungen und Männer in der westlichen Gesellschaft erzogen wurden, und im Allgemeinen glaube ich, dass sie schlecht erzogen wurden, mit unrealistischen Erwartungen und viel Selbsthass, der sie von ihrer ,weiblichen Seite‘ entfremdet hat.“

SIE HABEN JAHRZEHNTELANG zusammen mit ihrer Frau, Melanie Tem, gelebt, gearbeitet und geschrieben, die ebenfalls eine erfolgreiche Schriftstellerin von Fantasy- und Horrorgeschichten war. Ähneln sich Ihre Erzählungen, Ihre Arten zu schreiben, oder gibt es deutliche Unterschiede? Wenn ja, welche?

Steve Rasnic Tem: Wir hatten ähnliche ästhetische Vorstellungen davon, was gutes und was schlechtes Schreiben ist. Das hat es uns ermöglicht, erfolgreich zusammenzuarbeiten. Sie sagte immer, meine Ideen seien besser als ihre, und ich half ihr manchmal bei strukturellen Fragen. Ich fand immer, dass ihre Prosa, Zeile für Zeile gelesen, besser war als meine. Und sie war eine der besten Lektorinnen, die ich jemals gekannt habe. Sie hatte ein natürliches Gespür für Sprache. Meine Geschichten waren meist etwas düsterer als ihre. Ihre Geschichten endeten häufiger mit einem Happy End als meine. Außerdem enthielt sie manchmal Sprache und sexuelle Inhalte, die mir peinlich gewesen wären. Ihre Figuren neigten auch dazu, mehr zu fluchen als meine.

„Das meiste, was ich über Frauen, Kinder, Menschen und ihre Entwicklung weiß, habe ich gelernt, indem ich meiner Frau und meinen Kindern zugehört habe, und indem ich an ihrem Leben teilgenommen habe.“

SCHREIBEN FRAUEN GRUNDSÄTZLICH andere Horror- und Fantasygeschichten als Männer oder ist das, so wie die generelle Annahme, dass das jeweilige Geschlecht zu einem bestimmten Schreiben führt, Unsinn?

Steve Rasnic Tem: Im Allgemeinen halte ich das für Unsinn. Männer und Frauen schreiben möglicherweise über unterschiedliche Themen und aus unterschiedlichen Perspektiven. Natürlich – sie leben ja auch unterschiedliche Leben, manchmal sehr unterschiedliche Leben.  Aber ich glaube nicht, dass diese Unterschiede sich auf die Art des Schreibens auswirken. Einige der allerbesten Horrorautoren sind Frauen. Es handelt sich dabei nicht um ein exklusives Genre für Männer.

„Ich glaube fest an Empathie, aber manchmal scheint es der Gesellschaft fundamental daran zu mangeln. Viele Menschen haben Schmerzen. Viele Menschen leiden im Stillen. Man weiß nie, was ein anderer Mensch durchmacht. Ich möchte niemals aus Versehen den sowieso schon schlechten Tag eines anderen Menschen weiter verschlimmern.“

VOR MITTLERWEILE FAST zehn Jahren ist Ihre Frau gestorben. Damit haben Sie eine für Ihren künstlerischen Schaffensprozess wesentliche, wenn nicht essenzielle Partnerin verloren. Richtig? Was hat das mit Ihrem Schreiben gemacht? Wie hat es sich seitdem verändert?  Welche Bedeutung hatte Melanie Tem insgesamt für Ihre schriftstellerische Laufbahn?

Steve Rasnic Tem: Melanie war nicht nur meine Lebenspartnerin, sondern auch meine beste Freundin. Wir führten eine wunderbare Ehe, und ich werde jeden Tag daran erinnert, wie viel Glück ich hatte, eine solche Ehe führen zu können. Ohne sie fühle ich mich manchmal weniger als Mensch. Sicherlich ist mein Leben ohne sie ganz anders. Es gibt keinen Ersatz für sie. Sie las alles, was ich schrieb, bevor es unser Haus verließ – ich vertraute auf ihre Meinung.

Ich habe meinen Schreibprozess seit ihrem Tod angepasst. Wenn ich endlich einen vernünftigen, fast fertigen Entwurf habe, lege ich ihn für mindestens eine Woche zur Seite, manchmal sogar für ein oder zwei Monate. Wenn ich dann darauf zurückkomme, versuche ich mir vorzustellen, wie Melanie den Text gelesen hätte, und welche Probleme und Unstimmigkeiten sie gefunden hätte. Sie sagte immer, ich würde oft einen erzählerischen Tick in meinen Geschichten entwickeln – eine bestimmte Wiederholung, eine bestimmte Art zu formulieren, eine bestimmte rhetorische Struktur -, und sie wies mich jedes Mal darauf hin. Jetzt „kanalisiere“ ich Melanie, und auf diese Weise finde ich meine eigenen Ticks und Probleme in der Geschichte.

„Manchmal geben wir uns mit dem Drama der Zerstörung zufrieden, weil wir die dramatische Steigerung, die wir ersehnen, nicht auf positive Weise erleben können.“

IN „HIER BEI den Schatten“ lassen Sie einen Ihrer Protagonisten denken: „Mir kam ein komischer Gedanke. Aus irgendeinem Grund dachte ich, da sitzt jemand. Aber klar sitzt da niemand. Ich bin nicht verrückt. Es ist halt so, dass man manchmal nicht erwartet, jemanden an einem bestimmten Ort zu sehen, und dann ist er doch da. Und manchmal denke ich, da ist dieser leere Platz, da ist niemand, aber aus irgendeinem Grund erwartet man, dass da jemand ist. Und weil er nicht da ist, vermisst man ihn. Das macht überhaupt keinen Sinn, oder?“

Ihre Erzählungen handeln aus meiner Sicht immer auch von der menschlichen unstillbaren Sehnsucht nach etwas Anderem, Weiteren, Größeren. Nach etwas, das unsere Wirklichkeit durch- und aufbricht. Aber was ist das, was kann das sein? Transzendenz? Oder etwas Anderes?

Steve Rasnic Tem: Alle Menschen sehnen sich nach irgendeiner Form von Erhebung – einem spirituellen Hoch, einem körperlichen Hoch, nach dramatischen Höhepunkten, einer Aufregung oder einer tiefen Befriedigung. Wir wissen nie, was es sein wird, und oft ist es nicht das, was wir erwartet haben. Wie Erich Fromm feststellte, geben wir uns manchmal sogar mit dem Drama der Zerstörung zufrieden, weil wir die ersehnte dramatische Steigerung nicht auf positive Weise finden können. Genau darum geht es in meinem Roman „Ubo“.

WORAN GLAUBEN SIE, das Sie genau aus dem Grund vermissen, dass es nicht da ist? Gibt es so etwas in Ihrem Leben?

Steve Rasnic Tem: Ich habe mein Hochgefühl immer in anderen Menschen, in einer Beziehung gesucht. Melanie hat diese Sehnsucht für mich erfüllt. Im Moment habe ich niemanden in meinem Leben, der so ist.

„Ich glaube an Großzügigkeit und Liebe und daran, der Versuchung zu widerstehen, über Menschen zu urteilen.“

NOCH EINMAL IN „Hier bei den Schatten“ sprechen Sie an einer Stelle von der „absoluten Unmöglichkeit der Welt“, und an anderer Stelle heißt es: „Er wollte seinem Großvater erzählen, was wirklich in ihm vorging, konnte sich aber nicht dazu überwinden, es laut auszusprechen. Selbst heute, als alter Mann, war er nicht sicher, ob der es wirklich verstand. Wie viele Leben, wie viele Leichen, wie viele Erinnerungen, wie viel Schmerz passten in eine Welt? Vielleicht war sie eines Tages voll, und sie mussten gehen, anstatt auf einem Friedhof zu leben.“

Gibt es einen Ausweg aus unserem Jammertal? Aber welchen? Und wohin gehen die Menschen, die Lebenden und die Toten, die Echten und die Ausgedachten, alle Gespenster, Schatten und Lichter, wenn die Welt wirklich einmal voll ist? Haben Sie eine Idee?

Steve Rasnic Tem: Nun, das zu beantworten, übersteigt natürlich meine Fähigkeiten. Ich neige eher dazu, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Ich glaube an Großzügigkeit und Liebe und daran, der Versuchung zu widerstehen, über Menschen zu urteilen. Wir interpretieren die Menschen immer, machen Annahmen darüber, wie sie sich fühlen und was sie wirklich glauben, und das auf der Grundlage von sehr wenigen Beweisen. Vielleicht sind wir Schriftsteller in dieser Hinsicht schlimmer als die meisten anderen. Wir glauben gerne, dass wir die Menschen wirklich verstehen, dass wir ihren Charakter besser erfassen als die meisten anderen, aber wie jeder andere sind auch unsere Interpretationen mit Fehlern behaftet. Vielleicht könnten wir etwas großzügiger sein, wenn es darum geht, was wir in andere hineinlesen und -interpretieren.

Ulrike Schrimpf: ICH DANKE IHNEN für das Gespräch.

Hinweis d. Red.: Dialogische Lesung aus Ulrike Schrimpfs Roman „Lauter Ghosts“ (Literatur Quickie Verlag: 2023) mit dem Schauspieler Bijan Zamani und Ulrike Schrimpf am Do 18.4.,18 Uhr, in der Buchhandlung Rieger & Kranzfelder Nachf, Maximilianstraße 36 , Augsburg.

  • Ulrike Schrimpf wuchs in Berlin auf, studierte dort und in Paris Literaturwissenschaft, lebte und arbeitete seit 2010 als freie Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin in Wien. Sie hat drei Söhne, die Familie ist seit kurzem nach Augsburg umgezogen. Sie hat bislang den Roman „LAUTER GHOSTS“ und ein gleichnamiges Theaterstück geschrieben, zusammen mit Axel Holst den Erzählungsband »Blinde Versuche über das Töten: von Menschen«, zusammen mit der Künstlerin Johanna Hansen den Lyrikband »pariser skizzen. je te flingue«, sowie diverse Kinderromane und Sach- und Fachbücher. Ihre Internetseite hier.

Siehe auch von ihr bei uns:

„Auf den sich ausbreitenden Irrsinn sei zu achten.“ Ein Gespräch mit der Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm, CulturMag Februar 2024
Herzschlaglektüre: Was Tote träumen. Ulrike Schrimpf zu Andreas Pflügers Roman „Wie Sterben geht“, CulturMag Dezember 2023
Jan Kuhlbrodt „Krüppelpassion“, CulturMag November 2023
„Ich will runter in den Schacht.“ Tanja Schwarz‘ aktueller Roman „Vaters Stimme“. Ein Gespräch, CulturMag Oktober 2023

Kranzfelder Nachf, Maximilianstraße 36 , Augsburg.

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