Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Der Architekt Santiago Calatrava: Schönheit, stolz und klar

Das Vokabular der Architektur erweitern

Alf Mayer über die große Monographie von Philip Jodidio

Philip Jodidio: Santiago Calatrava: Werkschau 1979 – Heute. Dreisprachige Ausgabe Englisch, Französisch, Deutsch. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, auf zwei verschiedenen Papiersorten gedruckt, Format 30.8 x 39 cm, Gewicht 6.79 kg. 688 Seiten, Euro 200. – Verlagsinformationen: taschen.com

Dies ist kein normales Architekturbuch, das wird bereits auf den Vorsatzseiten dieser wahrhaft monumentalen Monografie über Santiago Calatrava klar. Blaue Schwingen, mit kühnem Schwung skizziert, dann ein rötlicher, geflügelter Torso, so ist der Eingang in dieses großformatige, gewichtige Buch. Dieser Architekt könnte auch Bildhauer sein. Seine Bauwerke erfüllen nicht nur eine Funktion – sie sind Skulpturen. In Raum und Zeit.

Die nobelste Aufgabe eines Architekten, findet Santiago Calatrava, sei es, schöne Ruinen zu hinterlassen. In einem gelungenen Bauwerk manifestiert sich für ihn immer eine Botschaft, die bleibt – auch in emotionaler Hinsicht. Er betont: »Die Vielschichtigkeit des Menschen beinhaltet auch das Sakrale, sonst gäbe es nicht so viele Leute, die sich in Rom ins Pantheon drängen, um die runde Öffnung in der Kuppel zu sehen.« Auf seine Arbeit bezogen, sagt er buchstäblich beschwingt: »Die Schwerkraft ist für einen Ingenieur das, was für einen Maler die Farben sind.«

Santiago Calatrava, 1951 in der Nähe von Valencia geboren, wurde in Zürich heimisch, Zweitwohnsitz New York, ist mit einer Schweizerin verheiratet, betreibt Büros in Zürich, Paris und Valencia. »Anfangs wollte ich eine Kunstakademie besuchen«, zitiert Herausgeber Philip Jodidio den Lebenslauf des Porträtierten, »dann ging ich eines Tages los, um etwas in einem Schreibwarenladen in Valencia zu kaufen, und sah ein kleines Buch mit wunderbaren Farben. Es hatte gelbe und orangefarbene Ellipsen auf blauem Untergrund, und ich kaufte es auf der Stelle. Es handelte von Le Corbusier, dessen Werk für mich eine Offenbarung war. Ich sah Bilder von den Treppenhäusern aus Beton in der Unité d’Habitation, und ich dachte bei mir, was für ein außerordentliches Formgefühl! Das Buch sollte die künstlerischen Aspekte im Werk des Architekten veranschaulichen. Die Folge dieses Kaufs war, dass ich an die Architekturfakultät wechselte.«

Von Anfang an wurde Calatrava von der mathematischen Strenge angezogen, die er in bestimmten Werken historischer Architektur erkannte. Im Gefühl, so Jodido weiter, »dass die Ausbildung in Valencia ihm keine klare Richtung vorgegeben hatte, entschied er sich für weiterführende Studien im Fach Bautechnik«. Er schrieb sich 1975 an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) in Zürich ein, qualifizierte sich als Bauingenieur, wurde, 1981 mit dem Thema »Zur Faltbarkeit von Raumrahmen« promoviert, Assistent am Zürcher ETH-Institut für Baustatik und Konstruktion, danach am Institut für Flugzeugstatik und Leichtbau. 1985 trat er der International »Association for Bridge and Structural Engineering“ (Internationale Vereinigung für Brücken- und Hochbau) und dem Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein bei, beide in Zürich.

Im Land der unzähligen Brückenbauwerke entwickelte Calatrava sich zu einem der talentiertesten Planer und Bauingenieure unserer Gegenwart. Zu seinen Hauptwerken zählen Konstruktionen von Brücken und Verkehrsbauwerken mit interessanten Tragsystemen, komplexe Verkehrsanlagen, öffentliche Gebäude wie Kinos und Bibliotheken bis hin zu Fernsehtürmen und hypermodernen Industriegebäuden. Zu seinen Designobjekten gehört unter anderem die Stehleuchte Montjuic für Artemide. Am bekanntesten ist er wohl für seine Brücken. Zum Beispiel:

Pont Bac de Roda, Barcelona (1987)
Puente del Alamillo über den Guadalquivir, Sevilla (1987–1992)
Lusitania-Brücke über den Guadiana, Mérida (1988–1991)
Oberbaumbrücke, Berlin (1992–1995)
Kronprinzenbrücke, Berlin (1992–1996)
Fußgängerbrücke Zubizuri über die Ría de Bilbao, Bilbao (1994–1997)
Pont de L’Europe (Europabrücke) über die Loire, Orléans (1996–2000)
Sundial Bridge, Redding (Kalifornien) (2004)
Fußgängerbrücke Ponte della Costituzione vom Piazzale Roma über den Canal Grande in Venedig (2008)
Samuel Beckett Bridge, Dublin (2007–2009).

Die zur Expo 1992 in Sevilla entworfene Puente del Alamillo über den Guadalquivir war ein Paukenschlag: eine Harfenbrücke und die erste Schrägseilbrücke der Welt ohne Rückverankerung. Der am Eingang zur Sevilla-Expo ’92 stehende imposante, 142 m hohe Pylon ist in einem Winkel von 58 Grad geneigt, dem gleichen wie der der Cheopspyramide, und von einem Großteil der Altstadt aus zu sehen. Ein Renommierprojekt war auch der im Grundriss an einen Mantarochen und in der Anmutung an einen fliegenden Vogel erinnernde Bahnhof am Flughafen Lyon-Saint-Exupéry (1989–1994, im Buch Seite 114). Der 5600 m2 große Bahnhof – das Passagierterminal 120 m lang, 100 m breit und 40 m hoch, mit einem1300 Tonen schweren Dach aus Stahl – gehörte zu einer neuen Generation von Bauwerken, die eigens für das wachsende Netz von Hochgeschwindigkeitszügen (TGV) in Frankreich errichtet wurden. Das Nebeneinander von Bahn-, Luft- und Lokalverkehr am selben Ort gewährleistet ein besonders leistungsfähiges Verkehrssystem.

Kühnheit wäre wohl die zutreffendste Eigenschaft der Arbeiten von Calatrava. Ihre Besonderheit liegt in der spektakulären – kühnen – Gestaltung. Seine Bauten lassen oft Parallelen zu natürlichen Strukturen erkennen, weisen einen stark organischen Designansatz auf, es, wie beispielsweise Flügel von Vögeln. Es gibt Bauten, die an einen Waldweg erinnern, an Animalisches, aber auch an Sakrales.

Der von ihm entworfene Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) für die Expo in Dubai wurde von einem Falken inspiriert, dem Nationalvogel der Emirate. Der 15.000m2 große Pavillon verfügt über 28 bewegliche Flügel aus Kohlefaserverbundwerkstoff, angetrieben von 46 hydraulischen Aktuatoren. Geschlossenen schützen die Flügel die Oberflächenstruktur aus Photovoltaikpaneelen, geöffnet lassen sie ein Maximum an Sonnenlicht ins Innere. Im Zentrum des Pavillons befindet sich ein Auditorium, in dem eine facettierte Kugel mit einem Außendurchmesser von 25 m und einer Höhe von 20 m die Blicke auf sich zieht. Ein Oculus von 12 Metern Durchmesser, durch den natürliches Licht in die Ausstellungsräume fällt, krönt die Struktur. Das Pantheon lässt grüßen.

Menschenfreude als Motiv

Zur Formfindung für den Bau schuf Calatrava (wie so oft) zahlreiche Aquarellskizzen, die schließlich in Architekturzeichnungen umgewandelt wurden. »Ich persönlich«, sagt der Architekt, » wollte mit Architektur nie etwas anderes als Ordnung wiedergeben. Tatsächlich habe ich mich in meiner Arbeit immer auf reine Geometrie und beherrschte Bewegung bezogen.« Und er verrät noch etwas, nämlich die Wurzel seines Tuns: »In der Architektur gibt es ein großes Geheimnis, und das ist ihre philanthropische Natur, und diese Philanthropie kann man im Sinne von Funktion verstehen. Ein Gebäude funktioniert gut aus Liebe zu den Menschen.«

Der Vorzug des auf zweierlei Papier gedruckten, überaus großzügig ausgestatteten und gestalteten Buchs (Buchdesign: Andy Disl und Birgit Eichwede) ist es, dass immer wieder der Entwurfs- und Gestaltungsprozess des Architekten sichtbar wird. Des Öfteren zeichnet Calatrava zuallererst Tiere, um sie dann skizzen- oder skulpturenhaft so zu vereinfachen, dass sie Grundstock seiner Ideen werden und seine Bauwerke sozusagen einer abstrahierten organischen Wirklichkeit entspringen. Das ist oft verblüffend. Denn auf diese Weise entstehen kühne Konstruktionen mit extraordinären Formen, ausgefeilt in Technik und Eleganz.

Das Buch wird so zu einem Fest der Kreativität.  Eins seiner schönsten Eigenschaften: dass der erfahrene Architekturkenner und –Kritiker Jodido sich bezähmt und nicht alles zu Ende erklärt, sondern oft den Künstler Calatrava mit seiner Arbeit sprechen lässt. »Ich möchte sein wie ein Schiff auf See«, sagt der. »Es hinterlässt eine Spur, aber davor gibt es keinen Pfad.«

Calatravas Formensprache ist expressiv. Seine Werke schreiben sich in den Raum. Sie sind Skulpturen. Ihr Vokabular ist emotional, innovativ, elegant und technisch äußerst präzise. Schönheit, stolz und klar. Seine Gestaltungsideen beruhen zum einen auf seinen Kenntnissen und Fähigkeiten als Bauingenieur, andererseits sind sie sehr künstlerisch geprägt. Diese Architektur spricht.

»Architektur und Bildhauerei sind zwei Flüsse«, schreib Calatrava 1997, »in denen dasselbe Wasser fließt. Man kann sich die Bildhauerei als ungehinderte Plastizität vorstellen, während Architektur Plastizität ist, die sich einer Funktion und der offenkundigen Vorstellung menschlicher Maßstäblichkeit (durch Funktion) unterwerfen muss. Wo die Bildhauerei Funktion außer Acht lässt, ungebrochen ist von profanen Fragen der Verwendung, ist sie als reiner Ausdruck der Architektur überlegen. Allerdings ist die Architektur aufgrund ihrer engen Beziehung zum menschlichen Maß und zur Umgebung sowie durch den Umstand, dass wir in sie eindringen und sie betreten können, in diesen spezifischen Bereichen der Bildhauerei überlegen.«

In einem Interview wurde Calatrava zur Auffassung befragt, dass man Architektur doch bitte nie mit Kunst verwechseln solle. Für ihn ist das »pure Ideologie« und eine Folge der Doktrin »form follows function«. Dieser unbedingte Funktionalismus sei beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg vielleicht sinnvoll gewesen. Das Öko­no­mischste wurde das Beste, und daraus wurde eine eigene Schule. »Die reicht bis heute: Unzählige Gebilde entstehen, bei denen man schlicht vergisst, dass sie einen Ort auch durch Schönheit bereichern könnten. Natürlich ist die einfachste Wohnung besser, als unter freiem Himmel zu leben. Doch Architektur ist viel mehr als das. Sie erfüllt nicht nur primäre Bedürf­nisse – sie soll eben auch nach zweieinhalb Jahrtausenden noch etwas zu sagen haben. Und selbstverständlich gibt es eine Verwandt­schaft zwischen dem plastischen Werk und der Architektur. Alexander Calder, Henry Moore, Jean Dubuffet, sie alle machten ihre Skulpturen immer größer, bis man buchstäblich hineingehen konnte. Es geht um ein Sich-ins-Verhältnis-Setzen von Werk und Betrachter. Genau das ist Architektur!«

Den künstlerischen Anteil in der Architektur zu entdecken und zu verteidigen hält Calatrava für ungemein wichtig: »Wenn man das Vokabular der Architektur auf ihre Funktion reduziert, geht ein essenzieller Teil verloren.« Auch in der Architektur könne man doch in den Termini von Bildhauerei oder Musik von Proportion, Rhythmus, Transparenz, Harmonie sprechen. »Eine Brücke in der Landschaft oder eine Kathe­drale können beide dieselbe Wirkung entfalten. Sie bereichern unser Leben, sie werden Teil unserer Umwelt. Jedes Bauwerk hat das Potenzial, eine geradezu spirituelle Erfah­rung auszulösen – und zwar nicht durch seine reine Funktion, sondern durch seine Präsenz in seiner Umgebung.«

Es geht Calatrava um »sichtbare Form, die uns überlebt und etwas über uns erzählen wird; das ist das Erbe der Archi­tektur: Sie belegt Raum und ist da. Die Harmonie im Gesamt­klang der Umwelt, das ist der Kern für mich. Was mich an den antiken Skulpturen fasziniert, ist ihr Gespür für das Sublime. Wir sehen diese Gesichter und empfinden Schönheit. Genau das ist ihre Bestimmung: uns bis heute staunen zu lassen. Es geht darum, etwas für die Nachwelt zu schaffen, das bleibt.«

Welch ein Motto, sich ein Architekturbuch anzuschauen.

Alf Mayer

Hier geht es zur Internetseite von Santiago Calatrava. Ein visueller Überblick seiner Werke ebendort. Zu seinen Brücken mehr auf dieser Seite. Interessant auch der Film »Die Reisen des Santiago Calatrava« (1999) von Christoph Schaub.

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