Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Garry Disher, Katrin Doerksen, Stefan Ertl, Ekkehard Faude, Joachim Feldmann

Garry Disher: The great divide…

         It’s often believed that crime writing is not proper writing—that crime writers do not, and need not, pay attention to tone, style, atmosphere, theme or some flair in their use of the language.  It’s assumed that a crime novel needs only some sex, a car chase and a ghoulish murder (particularly, in Australian crime writing, in an outback town).

         And although crime-writing panels are very popular at Australian writers’ festivals, the writers themselves are rarely asked to appear on panels dealing with ‘literary’ aspects of writing, for fear that they might embarrass the ‘proper’ writers.

         But isn’t all fiction about characters under strain and behaving badly to each other?  Crime fiction simply does that through the prism of a crime (often a murder, but the murder is usually the fallout of another, more devastating or interesting crime).

         And we crime writers learn to write from reading all types of fiction and absorbing the ‘lessons’ that all types of novelists have learned in their writing careers.  When I look back on a recently completed manuscript, or stop writing a current one because I’m ‘stuck’, I look to remarks made by the greats of literature…

Charles Dickens: ‘Make ‘em laugh, make ‘em cry, make ‘em wait.’ Collette: ‘Look long and hard at the things that please you, even longer and harder at what causes you pain.’

Saul Bellow: ‘Art has something to do with stillness in the midst of chaos.’

E. M. Forster: ‘How do I know what I think until I see what I say?’

John Cheever: ‘Talent is long impatience.

John Ciardi: ‘The act of writing a poem is not the act of having an emotion but the act of communicating it.’

Fay Weldon: ‘There is no such thing as writer’s block.  We stop writing because we don’t yet know enough about the subject.

And, when all else fails, Raymond Chandler: ‘When in doubt, have a man come through the door with a gun in his hand.

Garry Disher, einer der besten Kriminalautoren der Welt, kam 2022 Corona zum Trotz mit „Stunde der Flut“ (bei uns von Alf Mayer besprochen) auf Lesereise nach Deutschland und nahm auch an der Tagung „Ästhetik des Kriminalromans“ teil. Bloody Questions für ihn von Marcus Münterfering. Alf Mayers Besuch bei ihm auf der Mornington Peninsula „Der Schauplatz als Charakter.“ und ein zweites Mal in 2020. Garry Disher wurde bereits vier Mal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Seine Bücher gibt es im Unionsverlag und die mit dem Räuber Wyatt (kein Vorname) bei Frank Nowatzkis Pulp Master.
»Desolation Hill« (Day’s End), der vierte Roman mit dem in die Provinz versetzten Polizisten Constable »Hirsch« Hirschhausen erscheint am 20. Februar 2025.

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Katrin Doerksen: Bei den Katzen von Ushimado und andere Orte…

Liebster Krimi: Wage es nur! – Megan Abbott

Jede einzelne Seite in diesem grandiosen Thriller sehe ich wie von Sofia Coppola verfilmt vor meinem geistigen Auge zum Leben erwachen. Selten wurden und werden Mädchen als komplexe Hauptfiguren und wunderbar fiese Bösewichte, als knallharte Sportlerinnen und kompromisslose Träumerinnen in all ihren Emotionen, Begierden, Ängsten sowie psychischen und physischen Kompetenzen so ernst genommen wie in dieser verwickelten Cheerleadergeschichte.

Liebster Comic: Ginsengwurzeln – Craig Thompson

Die Sommer seiner Kindheit verbrachte der Comic-Autor Craig Thompson (Blankets) kniend auf den Ginsengfeldern seiner Heimat Marathon County im US-Bundesstaat Wisconsin. Jahrzehnte später und mitten in einer Schaffenskrise steckend besinnt er sich auf diese Wurzeln und beginnt zu recherchieren. Das Ergebnis ist eine sachte forschende, dabei aber unglaublich reichhaltige Graphic Novel irgendwo zwischen Coming-of-Age und Reisebericht, Sachcomic und visuellem Essay, die neben Thompsons persönlicher Geschichte Themen wie die Globalisierung und Handelskriege, Arbeitsmigration oder Klassenunterschiede streift.

Liebster Film: Die Katzen vom Gokogu-Schrein – Soda Kazuhiro

Soda Kazuhiros neuer observational film begleitet die wilden Katzen, die sich bei einem Schrein in seinem Heimatdorf Ushimado am japanischen Seto-Binnenmeer niedergelassen haben. Das ist nicht nur niedlicher cat content, sondern erzählt davon, wie sich hartnäckig eine Gemeinschaft in einem von der Überalterung bedrohten Dorf hält, wie Leute jeden Tag Care-Arbeit bewältigen, wie sie Kompromisse und nicht weniger als das menschliche (und tierische) Miteinander aushandeln. Mein Urteil ist aber ganz sicher nicht objektiv, denn eine Japanreise führte mich in diesem Herbst selbst für ein paar Tage zu den Wildkatzen von Ushimado.

Liebstes Fotobuch: Lüderitz – Tim Gassauer

Das Dorf Lüderitz im Norden Sachsen-Anhalts und die Stadt Lüderitz im Südwesten Namibias — zwischen diesen beiden Polen spannt Tim Gassauer seine Abschlussarbeit für den Jahrgang Achtzehn der Ostkreuzschule für Fotografie auf, bringt deutsche Kolonialgeschichte und Gegenwart, eigene Bilder und eine Auswahl historischen Materials aus dem Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft in einem Projekt zusammen. Ein visuelles Ausloten der Widersprüche und Abgründe im deutschen Heimatbegriff.

Liebstes Album: Superkilen – Svaneborg Kardyb

Musik, die den bösen Geist in mir beruhigt, kommt vom dänischen Nordic-Jazz-Duo Svaneborg Kardyb. Ihr neues Album ist nach dem Superkilen-Park im Kopenhagener Nørrebro benannt, einem Ort der Zusammenkunft in einem für dänische Verhältnisse rauen Bezirk. Minimalistisch softes Piano, meditative Schlagzeugrythmen, ein Groove, als wollten die Melodien jederzeit in ausgelassenen Krautrock ausbrechen und sich dann doch für die entspannte Variante entscheiden.

Katrin Doerksen schreibt – über Film vor allem, manchmal auch über Comics, Mode und Fotografie. In der FAZ über Kriminalromane. Und immer ein Höhepunkt des Jahres: ihr Berlinale-Tagebuch bei uns.

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Stefan Ertl: Köln * Zugspitze * Monaco * Prag *

FILME: Neu: CHALLENGERS (Luca Guadagnino) * CONFESS, FLETCH (Greg Mottola) * COUP DE CHANCE (Woody Allen) * RICKY STANICKY (Peter Farrelly) * WOMAN OF THE HOUR (Anna Kendrick)

Alt: CODE OF SILENCE (Andrew Davis) * DAS DORF UNTERM HIMMEL (Richard Häussler) * HEUTE HAU´N WIR AUF DIE PAUKE (Ralf Gregan) * PORTRAIT OF JENNIE (William Dieterle) * SAINT MAUD (Rose Glass) * SAN DIEGO I LOVE YOU (Reginald Le Borg) * SEVEN WAYS FROM SUNDOWN (Harry Keller) * STRAIGHT TIME (Ulu Grosbard) * TELL ME IN THE SUNLIGHT (Steve Cochran) * TÔKYÔ BOSHOKU (Yasujirô Ozu) * UNA SULL´ALTRA (Lucio Fulci) *

Dok.: BORN TO BE WILD – THE STORY OF STEPPENWOLF (Oliver Schwehm) * SUPERNOVA: THE MUSIC FESTIVAL MASSACRE (Yossi Bloch, Duki Dror, Noam Pinchas) * WELTBERÜHMT IN WEST-BERLIN – LEBEN UND LIEBEN DES BERND FEUERHELM (Frank Schoppmeier) * WILLIAM SHATNER: YOU CAN CALL ME BILL (Alexandre O. Philippe) *

MUSIK: HOLGER BIEGE: Cola-Wodka * LANA DEL REY: Take Me Home, Country Roads * ROLAND KAISER: Eine Nacht, die ich nie mehr vergessen kann * WILLIE NELSON: The Border * THE OBSESSED: Gilded Sorrow * ORVILLE PECK & WILLIE NELSON: Cowboys Are Frequently Secretly Fond Of Each Other * PET SHOP BOYS: Nonetheless * SAM QUEALY: Blonde Venus * SOAP & SKIN: What´s Going On? * BRIDGET ST. JOHN: Ask Me No Questions * MIKE WATT: Long May You Burn/PAPA M: Fireman Hurley * NEIL YOUNG: Fu##in´ Up * TUCKER ZIMMERMAN AND FRIENDS: Dance Of Love *

BÜCHER: WILLIAM FINNEGAN: Barbarentage * THOMAS MULLEN: Lange Nacht * KATJA PETROWSKAJA: Vielleicht Esther * ROBERT L. STEVENSON: Das Licht der Flüsse *

ORTE: Köln * Zugspitze * Monaco * Prag *

Stefan Ertl, Autor und Redakteur der von uns hochgeschätzten Filmzeitschrift SigiGötz-Entertainment. Ein SGE-Abo (4 Ausgaben) kostet 18 Euro (international: 26 Euro), bringt echtes Herzblut ins Haus. Mail an: info@sigigoetz.de.

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Ekkehard Faude

war was? im januar beim solothurner festival ein dokumentarfilm, der mir nachging: „Operation Silence“ von Werner Swiss Schweizer.

über einen mordfall des jahrs 1977, das zufällige opfer war ein schweizer offizieranwärter bei einer nachtübung. tage später wurde er auf französischem gebiet gefunden. eine granate. die behörden vertuschten; behaupteten: selbstmord. die familie glaubte das nie. ein düsteres gemenge aus schweizer innenpolitik, internationalem waffenhandel, RAF-jagd. (das mörderische neben dem leben.)

an einem sommerfest in zürich ergab sich mit einer unbekannten ein gespräch über filme, auch solothurn. ich erzählte von einem beeindruckenden film vor 2-3 jahren, über pilze und die ganz andere zeitdimension dieser lebewesen: „the mushroom speaks“. die lady verwundert: das sei ihr film, sie habe ihn allein gemacht. feiner zufall. sie war noch nie jemandem begegnet, der den film kannte.

und dann die beste biographie (recherchiert, mediengeschichtlich durchdacht, geschrieben): 

David Bellos: Georges Perec. Ein Leben in Wörtern. Aus dem Englischen von Sabine Schulz; bei Diaphanes.

dieser unfassbar produktive, herumspielende, planende, sich verändernde Perec. in deutschland wurde er zuerst über seine hörspiele bekannt, kongenial übersetzt von Eugen Helmlé.

der brd-rundfunk war – weil nicht zentralisiert – europaweit einzig. der saarländische sender hatte als erster ein studio für stereoaufnahmen. stimmen im raum. 1967 (!) entstand dort Perecs hörstück „die maschine“: es spricht darin nur eine maschine, mit vier stimmen, drei speicher, eine kontrollinstanz, die sich auch die frage stellt: ob sie existiere. nebenbei verhackstückt Perec darin Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh…“. 

für die gefilterten nachrichten das jahr über gilt, was Markus Werner vor reichlich 40 Jahren über sich sagte: 

„Dem Weltgeschehen schenke ich Interesse und Wut, aber ich glaube, es pfeift drauf.“

auch 2025 bleibt „Roland Barthes par Roland Barthes“ meine bahnlektüre. 

ein autor, der im rückblick den mäandern, brüchen, anfeuerungen seines denkens nachgeht. scharfsinn, auf keine schnellen schlüsse aus.

ein handliches format, lesetechnisch: häppchen, stilistisch: wortgenau bedacht. ein mosaik: das herkömmliche sinnkonstruktionen verweigert. man schaut oft übern buchrand bei solcher lektüre.

Ekkehard Faude ist Verleger des Libelle Verlags im Schweizerischen Lengwil. Zuletzt von uns bei ihm eine Erinnerung an Thomas Wörtche, »Materialien zu einem Portrait of the Artist as a Younger Man«, der bei ihm »Das Mörderische neben dem Leben« veröffentlicht hat.

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Joachim Feldmann: 2024 – Gelesen, gehört, gesehen. Eine unsystematische Liste

Musik

Immer wieder

Art Pepper live at the Village Vanguard (1977) – 4 LPs

Extravagant

Bob Dylan and the Band. The 1974 live recordings. Box mit 27 CDs

Nostalgisch

Emerson, Lake and Palmer: Pictures at an Exhibition (1971). Spontankauf in einem Laden für gebrauchtes Vinyl

Bücher

Wissenswert

Alex Papademas: Quantum Criminals: Ramblers, Wild Gamblers, and Other Sole Survivors from the Songs of Steely Dan (University of Texas Press)

Hintergrund

Julia Lovell: The Opium War. Drugs, Dreams, and the Making of Modern China (Picador)

Zeitgeschichte hautnah

Burkhard Spinnen: Vorkriegsleben. Roman (Schöffling)

Herausfordernd

Clemens Meyer: Die Projektoren. Roman (S. Fischer)

Anregend

Ute Cohen: Der Geschmack der Freiheit. Eine Geschichte der Kulinarik. (Reclam)

Erhellend

Steffen Mau: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt. (Suhrkamp)

Klatsch und Tratsch

Siegfried Unseld: Hundert Briefe. (Suhrkamp)

Amüsant

Kate Atkinson: Death at the Sign of the Rook. A Jackson Brodie Novel (Penguin)

Berührend

Matthias Wittekindt: Hinterm Deich. Ein Fall von Kriminaldirektor Manz a. D. (Kampa)

Turbulent

Liza Cody: Die Schnellimbissdetekivin (Ariadne)

Filme und Serien

Spannend und lehrreich

Sherwood. Season One (BBC) –

Eskapismus pur

Alle sechs Filme aus der “Thin Man“-Reihe mit Myrna Loy und William Powell (1934 – 1947)

Die Texte von Joachim Feldmann bei uns hier. Seit 1977 macht er zusammen mit Michael Kofort und anderen die Literaturzeitschrift Am Erker. Im Freitag schreibt er die Krimikolumne „Feldmanns dunkle Seite“. Zudem ist er bei so gut wie jeder Lieferung unserer Bloody Chops dabei.

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