Posted On 15. Dezember 2016 By In Crimemag, Interview With 888 Views

Marcus Müntefering: Bloody Questions – The Crime Questionnaire (21)

garry-disher-autor-276x300Heute: Garry Disher

von Marcus Müntefering

Niemand weiß mehr über Garry Disher als Crimemag’s own Alf Mayer. Deshalb möchte ich hier, anstatt selbst etwas Halbgebildetes zu verfassen, auf Alf Mayers gelehrte und lehrreiche Beiträge verweisen: Zum einen ein Interview von Anfang 2016, das er in der australischen Heimat des Autors geführt hat – und das weit mehr ist als ein Q&A. Zum anderen hat er bereits 2014 den Roman „Bitter Wash Road“ besprochen, der erst im Februar 2016 auf Deutsch im Unionsverlag erschienen ist.

„Manche Passagen in  Bitter Wash Road lesen sich wie aus hartem Buschholz geschnitzt. Disher war immer schon präzise und knorzig, mit Hirsch legt er noch eine ordentliche Schippe drauf. Hardboiled bekommt hier einen neuen Härtegrad. Keine Schnörkel, kein Gewinsel, keine Scherze“, schreibt er – und viele Kritiker-Kollegen sind ähnlich begeistert: „Nicht unbedingt sind in einem Disher-Krimi die Dinge anders, als sie scheinen. Auch das ist seine hohe Kunst, dass er der Glaubwürdigkeit den Vorzug gibt vor dem Spektakulären“, schwärmt zum Beispiel Sylvia Staudte in der „FR“.

Auch Elmar Krekeler zeigt sich in der „Welt“ begeistert: „Dishers Romane sind so trocken und geradlinig wie die Straßen, auf denen garry-disher-hitze-190x30051dwpueph9l-_sx298_bo1204203200_Hirsch täglich Hunderte von Kilometern Patrouille fährt. Metaphern, knorrige Konzentrate von Bildern, fliegen auf wie vom Pick-up aufgewirbelte Kieselsteine. Sie sind sehr schön, diese Steine, und sie schlagen immer ein. „Bitter Wash Road“, Hirschs erster Fall, ist darin (und nicht nur darin) ein verdammtes Meisterstück.“

Warum ich hier die Kollegen zitiere? Weil „Bitter Wash Road“ zu den Romanen zählt, die ich 2016 beiseite gelegt habe. Nicht weil er mir nicht gefallen hätte. Sondern weil anderes dringlicher schien (und manches natürlich doch nicht war). Außerdem habe ich das Jahr damit verbracht, auf Garry Dishers neuen und damit achten Wyatt-Krimi zu warten, „Hitze“ (das Original „The Heat“ erschien bereits 2015) ist schon länger bei Pulp Master angekündigt, aber noch ist nichts passiert …

1. Haben Sie je darüber nachgedacht ein Verbrechen zu begehen oder gar schon mal eines begangen?

Kriminalromane sprechen unsere dunkle Seite an, was ein Grund ist, warum sie so interessant sind. Ich hätte nicht so viel Spaß daran, Krimis zu lesen und zu schreiben, wenn ich nicht schon mal darüber nachgedacht hätte, wie der perfekte Raub gelingt oder ich Rache an meinen Feinden übe. Aber ich bin ein Lehnstuhl-Dieb, ein Lehnstuhl-Mörder. Das einzige Verbrechen, dass ich beichten kann, ist der Diebstahl eines Schokoriegels. Damals war ich noch ein Kind und habe mich so sehr geschämt, dass ich den Riegel zurückgebracht habe.

2. Wer ist der schlimmste Schurke (oder der beste Bösewicht) der Literaturgeschichte?

Hannibal Lecter. Er ist eine perfekte Figur, sehr intelligent und er hat keine Selbstzweifel, keine Skrupel und ist emotional stabil – also ganz anders als echte Kriminelle.

3. Erinnern Sie sich an Ihren ersten literarischen Mord?

Nein, dafür waren es einfach zu viele. Die Opfer sind auch gar nicht so interessant. Spannender sind die Fragen danach: Warum wurden sie getötet? Was zieht ihr Tod nach sich? Und der Verlauf der Untersuchung natürlich.

4. Die Beatles-oder-Stones-Frage: Chandler oder Hammett?

Chandler. Ein einsamer Mann, der scheinbar ungerührt auf Figuren und Handlung schaut.

5. Haben Sie schon mal einen Toten gesehen? Wenn ja, wie hat dies Ihr Leben verändert?

Meinen Großvater in seinem Sarg, kurz bevor er begraben wurde. Ein friedvolles Bild. Ich war 19 Jahre alt und es hat mich beeindruckt, aber nicht nachhaltig.

6. Wurden Sie jemals Zeuge eines Verbrechens?

Den ein oder anderen Ausbruch von Gewalt habe ich schon mitbekommen, zum Beispiel Kneipenschlägereien. So etwas bringt mich ziemlich durcheinander, was für Gewalt in Romanen nicht gilt. Wenn Menschen mich bei Lesungen fragen, wie ich es schaffe, mir so gewalttätige Geschichten auszudenken, antworte ich, dass nichts, was ich mir ausdenke, mit der Realität mithalten kann.

7. Gibt es irgendjemanden auf der Welt, dem Sie den Tod wünschen?

Donald Trump.

8. Welche Jobs hatten Sie, bevor Sie vom Schreiben leben konnten?

Ich habe in der Erwachsenenbildung gearbeitet, als Lehrer für Geschichte, Englisch und creative writing. Mein augenscheinlicher Erfolg als Schriftsteller bedeutet übrigens nicht, dass ich viel verdiene. Ich komme gerade so über die Runden.

9. Wären Sie nicht Schriftsteller – was würden Sie stattdessen tun (wollen)?

Fotograf oder Wassermaler – ich habe eine sehr bildhafte Fantasie.

10. Hören Sie beim Schreiben Musik? Und falls ja: welche?

Niemals. Ich brauche totale Stille.

11. Schreiben Sie lieber tagsüber oder nachts? Zu Hause am Schreibtisch oder wo immer Sie gerade sind?

Schreiben ist mein Job und so verhalte ich mich auch. Ich setze mich morgens gegen acht Uhr an den Schreibtisch und arbeite bis zur Mittagszeit, sechs Tage die Woche. Wenn ich unterwegs bin, notiere ich mir manchmal Ideen, aber ich schreibe niemals an meinen Romanen.

12. Was machen Sie, wenn Sie mal nichts Vernünftiges zu Papier bringen?

Passiert selten. Zu schreiben sortiert meine Gedanken, schafft Klarheit in meinem Kopf, also schreibe ich auch, wenn mir die wahre Inspiration fehlt. Den Worten mag es dann an Eleganz fehlen, aber schon bald bildet sich ein Rhythmus heraus. Es gibt aber auch seltene Gelegenheiten, bei denen mir nichts einfällt, mir die Inspiration fehlt. Das liegt dann daran, dass ich noch nicht genug über mein Thema weiß und mehr recherchieren muss.

13. Was passiert nach dem Tod? Und was sollte nach dem Tod passieren?

Ich bin Atheist. Ich glaube nicht an eine unsterbliche Seele, die im Himmel oder sonst wo weiterlebt.

14. Verbrechen und Bestrafung: Was halten Sie vom Prinzip Auge-um-Auge/von der Todesstrafe?

Ich verstehe durchaus den Abscheu, den Menschen bei vielen Gewaltverbrechen verspüren, und ich verstehe die Sehnsucht nach Rache – aber die Gesellschaft hat kein Recht, die Todesstrafe zu verhängen.

15. Ihr Kommentar zu dem Bert-Brecht-Zitat „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank“…

Passt gut zu einem anderen berühmten Zitat, das besagt, dass hinter jeder großen Familie (oder jedem erfolgreichen Unternehmen) ein großes Verbrechen steckt.

16. Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?

Er ist ungestraft davongekommen.

Marcus Müntefering

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  • Annette Dutton

    Danke für das Interview! Ich habe Garry Disher vor zwei Jahren bei einer Lesung in Melbourne erlebt. Er las aus „Bitter Wash Road“. Ein ruhiger und besonnener Autor, dem die Gabe geschenkt wurde, angehende Autoren mit einem Halbsatz zu desillusionieren. Ich staunte nicht schlecht, als er auf eine Frage aus dem Publikum zu seinem internationalen Erfolg ungerührt antwortete: „Ich verdiene nicht mehr als das Check out-Girl im Supermarkt.“ Außerdem: „Kein Krimi spiegelt jemals wieder, wie unglaublich dumm und extrem brutal die Realität des Verbrechens ist.“ Gotta love Disher!