Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Dezember 2022

Kurzbesprechungen von Joachim Feldmann (JF), Sonja Hartl (sh), Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW)

Herbert Dutzler: In der Schlinge des Hasses
André Georgi: Trump
Tatjana Kruse: Es gibt ein Sterben nach dem Tod
Attica Locke: Pleasantville
Sara Paretsky: Schiebung
Matthias Wittekindt: Die rote Jawa
Michael Mann, Meg Gardiner: Heat 2
Markus Pohlmeyer: Und doch! – Gedichte

Vier Indianerinnen

(AM) Einmal noch in diesem Jahr ist es mir ein Anliegen, vor einem Buch und einem Autor den Hut zu ziehen. André Georgi hätte sich gewiss ein einfacheres Thema für seinen dritten Roman suchen können. Dass er sich ungemütlichen Gestalten sinnhaft anzunähern versteht, hat er bereits 2014 in „Tribunal“ mit dem Kommandanten einer serbischen Elitetruppe bewiesen, der wegen Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg vor dem Internationalen Strafgerichtshof in den Den Haag steht, oder mit „Die letzte Terroristin“ (2018). Nun also Trump.

Ausgerechnet. Die Verlage, hörte ich, standen nicht gerade Schlange. Respekt also auch vor dem Wehrhahn Verlag in Hannover (meine Besprechung eines dort eben erschienenen hochinteressanten Filmbuchs hier nebenan in dieser Ausgabe). Jenseits aller Sensationshascherei erzählt André Georgi das Leben von Friedrich „Frederik“ Trump aus dem pfälzischen Kallstadt, der in die USA auswanderte, dort wie man so euphemistisch sagt, „sein Glück“ machte, und dessen viertes Enkelkind Donald dann zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten aufstieg. Der „deutsche Großvater“ war während der Trump-Jahre immer wieder ein Medienthema, André Georgi schaut genauer hin, ruhig und besonnen. Unerschrocken. Unaufgeregt. Detailreich. Und eben: als Erzähler.

Was er aus dieser Auswanderer- und Goldgräbergeschichte schürft und nicht ohne eine Restwärme der Empathie entwickelt, ist eine Seelengeschichte des eiskalten Geschäfts, das sich über jede moralische Schwelle hinwegsetzt, „The Art of the Deal“, die Rücksichts- und Prinzipienlosigkeit als atavistisches Überlebensprinzip – die Kälte des zum „amerikanischen Traum“ gewordenen Kapitalismus in all seinem schäbigen Alltag. Und, fürchterlicher Weise, ist dies zugleich ja auch ein Teil der Seelengeschichte der Emigration. Dieser Spiegel scheint immer wieder auf.

Die Verlagsankündigung spricht zu Recht von einer „Urgeschichte eines amerikanischen Albtraums“. Natürlich, heißt es auf Seite 180, hatte „Friedrich Skrupel. Erst hatte er den Gedanken, selbst Frauen zu kaufen, verworfen – es war zu heikel, viel zu schwer umzusetzen, und niemand zuhause würde ihn auch nur im Ansatz verstehen, seine Schwestern nicht, sein Schwager nicht, seine Mutter erst recht nicht –, aber der Gedanke hatte sich längst in ihm festgesetzt … dass dies die beste und wahrscheinlich einzige Gelegenheit war, wie er in diesem Leben doch noch zu Geld kommen konnte. Er war erwachsen und nicht jeder aus seiner Familie musste alles wissen.“ Also kauft er vier Indianerinnen, zwingt sie zur Prostitution, legt den Grundstein zum Trump-Imperium wie wir es kennen …

André Georgi: Trump. Wehrhahn Verlag, Hannover 2022. 295 Seiten, Hardcover, 24 Euro. – Eine Leseprobe hier.

Trost durch Schönheit

(AM) „Die Dichtung gehört nicht den Literaturwissenschaftlern, sondern den Lesern“, zitiert dieser Gedichtband den Philosophen Kurt Flasch als Motto, gewiss nicht zufällig aus dessen Einleitung zu „Giovanni Boccaccio: Poesie nach der Pest. Der Anfang des Decameron“ entnommen. Die 100 Novellen des zwischen 1349 und 1353 entstandenen „Zehn-Tage“-Werks, in dem sich, vor der Pest in Landhaus vor Florenz geflohen, sieben junge Frauen und drei junge Männer gegenseitig unterhalten, gelten als stilbildend für unsere abendländische Prosa. Wenn sich jemand damit beschäftigt hat, dann unser „Hausdichter“ Dr. habil. Dr. theol. Lic. theol. Markus Pohlmeyer, den wir uns glücklich schätzen, zu unseren Autoren zählen zu können. Er lehrt an der Europa Universität-Flensburg Katholische Theologie und im Studiengang Kultur-Sprache-Medien. Bei uns ist er Dichter, Essayist und Autor; eine Übersicht seiner inzwischen 161 Essays, Beiträge, Rezensionen, Gedichtzyklen (seit August 2012) bei uns hier. Alleine in dieser Ausgabe finden sich eine kulturgeschichtliche Betrachtung über Dinosaurier, zehn Anmerkungen zu einer neuen Staffel von „Star Trek Picard“, eine Lieferung Herbst-Gedichte (II) und in der von ihm editierten Reihe „Wozu dichten?“ ein Streiflicht auf die besten Gedichte von Vergil.

Pohlmeyers Gedichtband Und doch! ist Reflex und Reflektion – dichterische Verarbeitung – einer durch Corona und Krankheit kontaktbeschränkten Zeit. Dichtung als Trost und Zuflucht. Als Ventil. Als aktive Selbstheilung. Als Beitrag zum Schönen in der Welt. Jedes Wort kostbar und der Dunkelheit abgerungen, in den Versmaßen die Meisterinnen und Meister der Antike deklinierend, auch auf diversen Meta-Ebenen zusätzlicher Genuss. Und dann gibt es noch die Fotografien von Anne Kuhlmeyer. Warum nicht solch einen Gedichtband zu Weihnachten schenken?

Markus Pohlmeyer: Und doch! – Gedichte. Als ich zu den Sternen ging. Fünfter Teil. Mit Fotos von Anne Kuhlmeyer. Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Band 26. Igel Verlag, Hamburg 2022.  114 Seiten, 19,50 Euro. ISBN 978-3-948958-10-7 

Musterbeispiel engagierten Erzählens

(JF) In Pleasantville, einem winzigen Stadtteil der texanischen Millionenmetropole Houston, leben heute um die 4.000 Menschen. Die öffentlichen Schulen sind überdurchschnittlich gut und die Häuserpreise vergleichsweise niedrig. Seit der Grundsteinlegung Ende der 1940er Jahre war Pleasantville besonders attraktiv für die schwarze Mittelschicht, denn hier konnten Afroamerikaner legal Immobilien erwerben. Doch obwohl der Ort als reines Wohngebiet ausgewiesen war, erlaubte eine Gesetzeslücke die Ansiedlung von Industrieanlagen ganz in der Nähe. Mit unberechenbaren Folgen: 1995 mussten alle Anwohner aufgrund eines Feuers in einem Chemielager evakuiert werden, denn niemand wusste genau, welche Stoffe dort in Brand geraten waren. Ein Fall wie geschaffen für den (fiktiven) Anwalt und früheren Polit-Aktivisten Jay Porter, der mit Leidenschaft für die Opfer rücksichtsloser Industriepolitik eintritt. Natürlich sind die Umweltskandale, mit denen sich der engagierte Jurist befasst, erfunden, aber, wie man sieht, nicht weit entfernt von der Wirklichkeit. Realistisch dürfte auch sein, dass Unternehmen eine Niederlage vor Gericht nicht unbedingt zum Anlass nehmen, sofort die entsprechende Entschädigungssumme zu überweisen. Das zermürbt. Nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Anwalt. Deshalb möchte dieser sich eigentlich zur Ruhe setzen, zumal er sich seit dem Krebstod seiner Frau vollkommen ausgelaugt fühlt. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so. Vor allem in der Spannungsliteratur.

Jay Porter spielt die Hauptrolle in zwei Kriminalromanen der aus Houston stammenden Schriftstellerin Attica Locke, „Black Water Rising“ (2009, dt. 2021) und Pleasantville (2015), soeben in deutscher Übersetzung erschienen.  Die Handlung ist 1996 angesiedelt. Houston ist im Wahlkampffieber. Denn mit dem  Polizeichef von Pleasantville, Sohn des einflussreichen Patriarchen Sam Hathorne, könnte erstmals ein Afroamerikaner Bürgermeister werden. Doch dann gerät dessen Neffe und Wahlkampfmanager unter Mordverdacht. Und Jay Porter soll ihn verteidigen. Dabei hat er genügend eigene Sorgen, denn bei einem Einbruch werden Unterlagen zu seinem ersten und noch immer wichtigsten Fall gestohlen. Jemand will offenbar seine Arbeit torpedieren, aber er hat nur eine ungefähre Ahnung, warum. Und diese ist wahrscheinlich falsch.

Denn wie in allen guten Politthrillern ist der Protagonist auch in diesem Roman nicht immer das Subjekt seiner Handlungen und es braucht einen clever eingefädelten Showdown, bis jedes Puzzleteilchen an seinem Platz ist, um ein Bild zu ergeben, das ebenso hässlich wie realitätsnah ist. Attica Locke bewältigt diese Herausforderung scheinbar mühelos, so dass „Pleasantville“ als genreübergreifendes Musterbeispiel engagierten Erzählens im Gedächtnis bleibt.

PS: Wer sich an den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 und die unrühmliche Rolle eines Unternehmens namens Cambridge Analytica erinnert, wird bei der Lektüre von „Pleasantville“ so manches Déjà-vu-Erlebnis haben. Dabei spielte das Internet 1996 noch gar keine Rolle.

Attica Locke: Pleasantville (2015). Aus dem Amerikanischen von Andreas Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2022. 450 Seiten. 26 Euro.

Ein kleiner, großer Roman

(TW) Die rote Jawa heißt Matthias Wittekindts dritter Roman um die alten Fälle des Kriminaldirektors a. D. Manz. Eine Jawa war ein in der DDR sehr beliebtes Kleinkraftrad mit Zweitakt-Einzylindermotor aus tschechischer Produktion, auf dem – mit der typischen roten Lackierung – sich der junge Manz im Sommer 1961, kurz vor dem Mauerbau, durch die Mecklenburgische Provinz bewegt. Auf dem Sozius, denn die Jawa wird von Maja gefahren, 19 Jahre alt und erotisch für den 16jährigen Manz von hohem Interesse. Aber noch mehr interessiert ihn ein Brand auf einem Bauernhof, bei dem das Besitzerehepaar ums Leben kommt, während seine beiden Töchter unbeschadet bleiben. Manz ist eigentlich nur nach Klein-Glevitz gekommen, um ein Praktikum bei der Feuerwehr zu machen, als Vorbereitung für seinen Wunschberuf Matrose. Aber etwas ist „krumm“, an dem Feuer, das eine Brandstiftung war, daran, dass die Polizei die beiden Mädchen als Täterinnen sieht, später dann einen schwedischen Wanderarbeiter. Manz spürt das, schaut genau hin, fragt, sammelt Fakten. Ohne dass er es schon weiß, steckt ein Polizist, ein Mordermittler in ihm. Nicht dass er den Fall klärt, das wäre zu billig für einen Autor vom Rang Wittekindts. Und wohl auch unmöglich, denn der Brand steht zudem im Zusammenhang der Landwirtschaftsreform und anderen „Modernisierung“-Projekten der DDR, die nicht unbedingt auf die Befindlichkeit der betroffenen Menschen Rücksicht nahmen, Stichwort Enteignungen. Erst in der Retrospektion, Jahre später, fällt dem Polizeiroutinier Manz noch eine andere Lösung ein, die ziemlich niederschmetternd ist. Aber da ist es schon lange zu spät.

Matthias Wittekindt, der Meister der leisen Töne, erzählt behutsam auf zwei Ebene – im Jetzt, Weihnachten 2019, als der Geruch von gebratenen Milchhähnchen – Wittekindts Proust´sche Madeleine – seine Erinnerungen an diesen Sommer 1961 auslöst; und eben 1961, als Manz allmählich erwachsen wird. 

Man hat Matthias Wittekindt immer gerne in die Tradition von Georges Simenon gestellt, aber wenn es einen Bezug zur französischen Literatur in diesem Buch gibt, dann deutlich zu Guy de Maupassants Geschichten. Wittekindt beschreibt einlässlich und genau die Landschaft der mecklenburgischen Seenplatte um Waren an der Müritz, das spezielle Licht, den weiten Himmel, die Gerüche, die Vegetation, die Tiere und die Menschen. Das ist bunt, kraftvoll, wie auf impressionistischen Gemälden, und wie bei Maupassant, auch hochgradig vergiftet. Denn die politische Situation der Zeit bringt Unglück über die Menschen, die noch an das Gute im „realexistierenden Sozialismus“ glauben wollen, auch wenn das dem jungen Manz im Eifer der Wahrheitssuche noch gar nicht recht bewusst ist. Wittekindts Giftfallen sind gut versteckt ausgelegt, er muss nicht auf sie hinweisen, er muss seine virtuose Technik nicht wichtiger machen als seine Geschichte. Deswegen muss auch das Lesepublikum genau hinschauen, um die federleicht hingetupfte Komplexion zu verstehen und zu genießen, die der Roman bietet. Ein kleiner großer Roman. 

Matthias Wittekindt: Die rote Jawa. Kampa Verlag, Zürich 2022. 220 Seiten, 19,90 Euro.

Unterhaltsamer Kampf gegen das Unrecht

JF) „Rundum sorglos“ heißt das Unternehmen, und selten war ein Name zynischer gewählt. Denn wer die Dienstleistungen dieses Kreditvermittlers in Anspruch nimmt, wird nicht mehr ruhig schlafen. Und wenn es hart kommt, fehlt demnächst sogar das Dach über dem Kopf. Angeblich geht es nur darum, mit dem geliehenen Geld die Durststrecke bis zur nächsten Gehaltszahlung zu überbrücken. In Wirklichkeit laufen Zinsen in einer Höhe auf, die selbst Kredithaie von der Mafia erröten ließen.

So zumindest formuliert es Victoria Warshawski, in deren Heimatstadt Chicago „Rundum sorglos“ jede Menge Filialen unterhält, gerne in Gegenden, wo das Geld notorisch knapp ist. Dass die Firma noch perfidere Tricks auf Lager hat, weiß die Privatermittlerin zu diesem Zeitpunkt noch ist. Aber sie wird es herausfinden. Dass sie sich überhaupt mit dieser besonders fiesen Spielart der „Weiße-Kragen-Kriminalität“ beschäftigt, ist ein Freundschaftsdienst für die Nichten ihres nichtsnutzigen, aber schwerreichen Ex-Ehemanns Dick. Die genauen Zusammenhänge sind Bestandteil des Warshawski-Universums, das Sara Paretsky seit nunmehr vierzig Jahren und in zwanzig Romanen liebevoll pflegt. Dazu gehört auch die mit über 80 noch immer praktizierende Ärztin Lotty Herschel, deren maulfauler Großneffe Felix unbedingt davor bewahrt werden muss, wegen Mordverdachts verhaftet zu werden.

Beide Fälle, die selbstredend miteinander in Verbindung stehen, bilden den Plot des 19. Warshawski-Abenteuers, dessen deutsche Übersetzung jetzt unter dem Titel Schiebung vorliegt. Und eigentlich könnten nun  Auszüge aus der Besprechung des 20. Bandes „Landnahme“ folgen, die vor gut anderthalb Jahren an dieser Stelle erschienen ist. Denn auch dieser klassische Detektivroman amerikanischer Prägung weist all die Vorzüge auf, die damals zu loben waren, von der brisanten Aktualität des gesellschaftlichen Hintergrunds über die erfrischende Erzählweise bis zur flüssigen Übersetzung durch Else Laudan. Und noch immer müssen wir damit leben, dass der unermüdliche Kampf gegen das (sehr realistisch geschilderte) Unrecht der Welt so unterhaltsam daherkommt.

Sara Paretsky: Schiebung (Shell Game, 2018). Deutsch von Else Laudan. Argument Verlag, Hamburg 2022. 510 Seiten, 25 Euro.

Im Kopf und unter der Haut

(AM) „Intensiver Kontakt mit der Schulbürokratie ließ es zwingend notwendig erscheinen, Gewaltphantasien in das literarische Schaffen abzuleiten. So mussten in meinen Krimis bereits Schuldirektoren ins Gras beißen – obwohl ich sogar selber einmal einer werden wollte. Ein gnädiges Schicksal hat mich davor bewahrt“, verrät Herbert Dutzler, gerade mit dem Österreichischen Krimipreis 2022 ausgezeichnet, auf seiner Internetseite. Der in diesem Jahr in Pension gegangene ehemalige Lehrer für Deutsch und Englisch, daneben noch Informatik und Darstellendes Spiel, hat einen Lauf: Bei servus tv ist die Verfilmung seiner im Salzkammergut beheimateten Gasperlmaier-Krimis ein Publikumserfolg. Die Nummer 10 seiner Reihe mit dem Altausseer Polizisten Gasperlmaier ist für nächstes Jahr angekündigt, sie wird „Letzter Tropfen“ heißen. Davor gab es schon „Letzter Knödel“, „Letzter Jodler“, „Letzter Fasching“, „Letzter Saibling“ und andere mehr. Die Provinz lässt darin fröhlich und gemütlich grüßen.

Aber es gibt auch den ernsten Dutzler. „Die Einsamkeit des Bösen“ und „Am Ende bist du still“ folgten mit ziemlich viel Sympathie je einer Täterin, jetzt ist er für In der Schlinge des Hasses noch grimmiger geworden. Auf zwei Zeitebenen, der Kindheit und heute, erzählerisch „Ich“ und „Er“, verfolgt der Roman die Gewaltspirale eines zunehmend der Welt entfremdeten Einzeltäters aus eigentlich gutem Milieu. Ja, er habe in seinem Beruf Eltern kennen gelernt, die ihren Kindern nicht gut taten und „mehrere Schüler, die mir Angst machten – in der Hinsicht, dass sie dazu in der Lage wären, Amok zu laufen und anderen Gewalt anzutun“, bekundete der Autor in einem mit sich selbst geführten Interview. Leopold der Vierte, der die Familientradition fortführen und ein guter Student sein soll, sieht sich zusehends auf einer Mission. Der jeder Gemütlichkeit abholde Roman folgt ihm bis zum bitter-destruktiven Ende.

Herbert Dutzler: In der Schlinge des Hasses. Haymon Verlag, Innsbruck 2022. 342 Seiten, 17,90 Euro.

Fortsetzung eines Filmklassikers in Buchform

(sh) Im Jahr 1995 schuf Michael Mann in seinem Film „Heat“ einen unvergesslichen Moment der Filmgeschichte: Al Pacino und Robert de Niro waren das erste Mal in derselben Szene zu sehen. Nun hat Michael Mann mit Meg Gardiner eine Fortsetzung (als Buch) zu seinem Klassiker geschrieben. Heat 2 setzt nahtlos am Ende des Films im Jahr 1995 ein: Der Cop Vincent Hanna hat gerade den Gangster Neil McCauley erschossen, der mit seiner Bande einen blutigen Banküberfall in Los Angeles begangen hat. Nun ist nur noch einer von Neils Komplizen flüchtig: der schwerverletzte Chris Shiherlis. Er kann sich nach Paraguay absetzen und beginnt dort einen langsamen Aufstieg in einem Gangstersyndikat.

Der Strang um Chris soll den Kosmos von „Heat“ in die Gegenwart überführen, in der das große Verbrechen längst virtuell stattfindet. Da ein wesentlicher Reiz des Films aber in der Figur des verstorbenen Neil McCauley liegt, baut der Roman eine Vorgeschichte ein: Im Jahr 1988 plant Neil mit seiner Bande einen spektakulären Einbruch in Chicago. Dort ermittelt zur gleichen Zeit – welch Zufall –Vincent Hanna in einer Einbruchsserie. Dieser Handlungsstrang hat drei Funktionen: Er soll die Konstellation von „Heat“ wiederholen und damit dessen Fans ansprechen – es gibt sogar wieder einen Psychopathen, der Frauen quält und Neil in die Quere kommen wird. Er soll einen Showdown am Ende von „Heat 2“ aufbauen, der eine Fortsetzung ermöglicht, und Neil McCauley eine Backstory verpassen, die ihn zusätzlich romantisiert.

„Heat 2“ setzt auf den Appeal des Films und bedient Lesererwartungen geflissentlich. Deshalb wird jede ikonische Szene noch einmal beschrieben, jeder Filmmoment in Erinnerung gerufen, haben Gangster wie Chris eine weiche Seite, während der frauenmordende Psychopath durch und durch verkommen ist. Am Ende wird dann die entscheidende Frage des Films wiederholt: Rache oder Flucht? Aber was im Film den Existentialismus der Figuren unterstrichen hat, ist im Buch dank der ausgewalzten Backstorys pathetisch.

Dieser altmodische Kriminalroman passt hervorragend in den Retro-Trend in der Kriminalliteratur. Er bedient nicht die Sehnsucht nach behaglichem Mordrätsellösen im ländlichen England, sondern den testosterongesättigten Wunsch nach Action und frauenbeschützenden Männern. Jedoch zeigt sich gerade bei den Action- und Verfolgungsszenen, dass es nicht ausreicht, die Erzählmuster des Films im Buch zu wiederholen. Auch filmische Stilmittel wie beispielsweise die Charakterisierung von Figuren durch die Räume, in denen sie sich aufhalten und bewegen, lassen sich im Buch nicht einfach durch zu ausführliche Beschreibungen replizieren – das verschleppt einfach nur das Tempo.

Im Zusammenspiel mit der Popularität des Films ist der Erfolg des Buchs garantiert. Eine Verfilmung ist angekündigt, weitere Fortsetzungen sind nicht ausgeschlossen, immerhin hat Michael Mann in den USA sein eigenes Imprint gegründet. Jenseits des Retro-Versprechens aber hat „Heat 2“ nichts zu bieten.

Michael Mann, Meg Gardiner: Heat 2. Aus dem Englischen von Wolfgang Thon. HarperCollins, Hamburg 2022. 687 Seiten, 14 Euro.

Außerkörperliche Erfahrung?

(AM) Krimödie nennt Tatjana Kruse ihre schrägen Bücher, wären die Marx Brothers Kriminalautoren könnte sie ihre Cousine sein. Seit gut 20 Jahren mischt sie das Genre auf, führt es immer wieder zum Absurdum. „Kreuzstich, Bienenstich, Herzstich“ brachte den ersten Auftritt des stickenden Ex-Kommissars aus Schwäbisch Hall (ihrem Geburtsort, der gehörig im Kakao schwimmt), weitere Titel hießen „Nadel, Faden, Hackebeil“,„Gestickt, gestopft, gemeuchelt“, „Sticken, stricken, strangulieren“ oder „Der Tod stickt mit“. Ich mochte auch den sarkastischen Alpenkrimi „Leichen, die auf Kühe starren“.

Nun also Es gibt ein Sterben nach dem Tod, eine „Karma-Krimödie“. Die Prämisse: Stell dir vor, du bist tot und keiner hört zu. Kruse hatte im Lockdown mit großer Begeisterung dem Schauspieler Simon Stanhope zugehört, der auf Youtube viktorianische Geistergeschichten vorlas. „Und ich dachte: Hm, ob ich nicht auch mal etwas Paranormales schreiben sollte?“ Ein Hausgeist der Kindheit trat auch noch auf den Plan, wurde mitverantwortlich für eines der verrücktesten Anfangskapitel des Krimijahres. Börnie, Marketingexpertin bei Schön Cosmetics, wacht darin nach der großen, etwas aus dem Ruder gelaufenen Betriebsfeier auf dem Büroboden auf und muss feststellen, dass sie ermordet wurde. Was hat man da wohl falsch gemacht? Hat sie gerade eine Komarausch-induzierte außerkörperliche Erfahrung? Nein, hört sie eine Männerstimme sagen: „Bläulich verfärbte Haut, Geruch nach Mandeln. Ich bin mir ziemlich sicher, bei der Toten liegt eine Zyanidvergiftung vor.“

Lobenswerter Weise führt das Buch hinten noch einmal all die Kapitelüberschriften an (etwas, was längst nicht alle Krimis tun, und was manchmal echt schade ist, weil auch da die Autoren sich etwas denken). Ich blättere noch einmal zu „Schokolade ist wie Sex – nur besser, weil man sich dafür nicht die Beine rasieren muss!“ Und mal sehen, ob es aus der angedachten Geister-Detektei etwas wird…

Tatjana Kruse: Es gibt ein Sterben nach dem Tod. Haymon Verlag, Innsbruck 2022. 240 Seiten, 15,90 Euro.

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