Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Pohlmeyer: Wozu dichten? (8) – Vergil

Vergil, in einer Handschrift Vatikanstadt, 5./6. Jahrhundert © wiki

Das beste Gedicht des besten Dichters

Für Elin, eine begeisterte Imkerin

I Bienen

Vergil (70 – 19 v. Chr.) begegnete mir zum ersten Mal in der Oberstufe – und zwar mit dem ersten der Hirtengedichte(Eclogae/Bucolica), die Wilfried Stroh auch „‘Cowboy-lieder‘“[1] nennt. In der Welt des Kleinsten und der Kleinen entfalten sich Seelenlandschaften und geradezu kosmische Dimensionen. Schafe und Schäfer, unerreichte Geliebte, Bienen, Sterne und Pflanzen, wohin das dichterische Auge reicht. Klein und scheinbar nebensächlich, am Wegesrand, auf dem Feld, jenseits der großen Städte, Helden, Taten: angemessen für Apoll und Musen? Hier die Hoffnung auf einen politischen Messias, dort ein Lied von der Entstehung der Welt … und tragische Liebe und tragisch verliebte Dichter einfach immer und überall: all das findet sich eingewoben in eine Welt aus Traum, Mythos, Sehnsucht und brutaler Realität. Wie wunderbar – schon oft beobachtet[2] – fängt die 1. Ekloge an: „Tityre, tu …“ Da spielt einer Flöte, was schon in seinem Namen liegt. Hören Sie das? Ti-ty-re-tu. Worum geht es? Ein Gedicht über jemanden, der seine Heimat verlassen und fliehen muss, und über einen, der bleiben kann und darf. Für den Fliehenden erscheint der andere wie in der alten Welt, einer realen Utopie, weiter leben zu dürfen. Und dort gibt es Bienen. Hören Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Summen der Bienen? Ein Summen, das geradezu zum Einschlafen einlädt. Dies bedarf keiner Übersetzung. Alle S von mir groß geschrieben und fett markiert: 

„hinc tibi, quae Semper, vicino ab limite SaepeS
HyblaeiS apibuS florem depaSta Salicti
Saepe levi Somnum Suadebit inire Susurro.“[3]

Und ganz am Ende, die letzten Verse: welche Geste des Bleibenden gegenüber dem Fliehenden! 

„Doch hier würdest du zusammen mit mir die Nacht hindurch ruhen können, / Auf grünem Laube: es gibt für uns zartes Obst, / Milde Kastanien und Käse in Hülle und Fülle. (Anmerkung: Nun weitet sich der Blick des Gastgebers in die Weite und Höhe der Landschaft – Bewegungen nach oben, Bewegungen nach unten –, ein Blick auch in eine friedliche, abendliche Welt der Menschen und in eine des Abschieds und nahenden Todes; aber in der Gastfreundschaft liegen Güte und Trost …) Und in der Ferne schon steigt Rauch von den Firsten der Bauernhöfe auf, / und es fallen länger vom Gebirge, dem hohen, die Schatten.“[4]

II Kosmos

Mit folgender Frage beginnt Vergils zweites große Werk, ein Lehrgedicht über den Landbau (Georgica): was denn Saaten ‚fröhlich‘, üppig mache.[5] Und wie endet das erste Buch? Mit einer erschreckenden apokalyptischen Vision der römischen Bürgerkriege, die unkontrolliert eskalieren – und auch (aber nicht nur) das Landleben vernichten (und zur Landflucht führen). Die kleine Welt der Eklogen wird in diesem Werk tragischer, aber auch tiefer: „Einige lehrten […], in den Bienen wohne ein Funke des göttlichen Geistes und ein Hauch des Äthers. Durchdringe doch Gott alles, jegliches Land, die Weiten des Meeres und den tiefen Himmel; von ihm erhielten kleines und großes Vieh, die Menschen und das ganze Geschlecht der wilden Tiere, ein jedes bei seiner Geburt den zarten Lebenshauch. Dorthin kehre dann auch alles zurück, löse sich heimkehrend auf, und nirgend sei Platz für den Tod, vielmehr schwinge sich das Lebendige empor wie ein Stern und eile zum hohen Himmel.“[6] War Vergil Imker? Wir wissen es nicht. Eine vorsichtige Vergil-Biographie kann im Grunde auf dem Drittel einer Seite Platz finden.[7] Doch spielt das wirklich eine Rolle im Vergleich zum Werk? Folgendem Urteil über die Georgica kann ich aus eigener Lektüreerfahrung nur zustimmen: „The best poem of the best poet.“[8] Wozu dichten? Darum.

III Schatten

Das größte Epos der römischen Literatur, Vergils letztes Werk, die Äneis, endet mit dem Schwert, zerbricht geradezu: wie der gebrochene, an der Last seiner Sendung fast zerbrechende (Anti)Held Aeneas seinem schon besiegten, um Gnade flehenden Gegner Turnus – alles schien gut zu werden – doch noch im letzten Moment das Eisen in die Brust stößt. Wütend, und aus Rache. Ende des Werkes. 

„vitaque cum gemitu fugit indignata sub umbras.“[9]

„Und sein Lebenshauch flieht mit einem Aufstöhnen ins Reich der Schatten.“ (Übers. MP)

Letzter Vers des letzten Buches: und wieder die Schatten. Das ist stark und schwer auszuhalten, führte zu vielen Diskussionen. Die so ersehnte Friedenszeit des Augustus (Pax Augusta), erbaut auf unfasslichen Tragödien und kaum ertragbarem Leid? Ein Friede, der immer umgeben ist vom Chaos, von der Finsternis des Krieges umdunkelt. Vergils Poesie, der lichte Hintergrund, macht dies sichtbar: Darkness visible, wie ein berühmter Buchtitel lautet. „[…] Vergil’s poetry can let us ponder for ourselves what society, justice, and being mean because it has closed with and faced what their absence is and means. […] Aeneas, Dido, and Turnus are in us as they were in Vergil. It is because he discovered and revealed the perennial shape of what truly destroys us – […] that we continue to trust him to guide us through the dim mazes of our arrogance and fear.“[10]

IV Musen

Lesen Sie bitte einmal, wie Vergil das Gerücht (fama) beschreibt (Aeneis IV): ein Monster von immer neuer Aktualität, das im Gehen wächst; oder wie die Furie Allecto einen Turnus in den Kriegswahnsinn stürzt (Aeneis VII); oder wie Aeneas der so geliebten, aber von ihm wegen seiner göttlichen Sendung zum Selbstmord getriebenen Dido in der Unterwelt begegnet, wo all seine Entschuldigungen und Erklärungen an ihrem Schweigen zerbrechen (Aeneis VI). Und in den Georgica und Eklogen: Wie wunderbar wird die kleine Welt der Bienen (aus antiker Sicht) geschildert. Wie Liebeszauber (= Liebesgedichte?) zum Erfolg führen kann; warum der Olmpyp traurig wird, wenn Silenus, ein Saufbold, mit seinem Gesang aufhört, um seine Schafe nach Hause zu treiben. Wie Orpheus die tote Eurydike mit seiner Lyrik der Unterwelt abringen kann … und dann an sich selbst scheitert. Und wie der junge Vergil versucht, zugunsten der Philosophie den Musen zu entkommen … na, ja versucht:

„Geht weg von hier, Musen – auch ihr sollt sofort geh’n, echt jetzt,
Ihr süß-unanständigen Musen – denn ehrlich muss ich gesteh’n:
Süß und unanständig wart ihr – und dennoch schaut sie euch wieder in Zukunft an, 
Meine Gedichte – aber mit Anstand und nicht zu oft.“[11]

Was bedeutet Vergil für mich? Ohne diesen Dichter hätte mein Herz nie begriffen, was Poesie kann, und was Poesie vermag, das hätte mein Verstand nie gefühlt ohne diesen Dichter. 

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte und Gedichte bei uns hier.

Zum Weiterlesen:

Rezeption: Zu Hermann Brochs Vergil-Roman siehe Markus Pohlmeyer: Gedanken zu Hermann Broch, in: CulturMag Mai 2022,Zugriff am 1.5.22


[1] W. Stroh: Latein ist tot, es lebe Latein! Kleine Geschichte einer großen Sprache, 9. Aufl., Berlin 2015, 67.

[2] Siehe z.B. Vergil: Eclogues, hg. v. R. Coleman, Cambridge University Press 1977, 71.

[3] Lat. Text nach Vergil: Bucolica. Hirtengedichte. Lat./deut., übers. v. M. von Albrecht, Stuttgart 2001, 10.

[4] Übers. MP; lat. Text nach Vergil: Bucolica (s. Anm. 3), 14.

[5] Vergil: Georgica. Vom Landbau, lat./dt., übers. u. hg. v. O. Schönberger, Stuttgart 1994. (I, 1)

[6] Vergil: Georgica (s. Anm. 5), 123. Inwieweit liegt hier schon monistisches bzw. panentheistisches Denken vor?

[7] Siehe dazu W. Suerbaum: Vergils ‚Aeneis‘, Epos zwischen Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 2018, 383.

[8] J. Dryden, zitiert nach M. von Albrecht: Vergil. Eine Einführung, 2. Aufl., Heidelberg 2007, 65.

[9] P. Vergili Maronis Opera, hg. v. R. A. B. Mynors, Oxford 1969, 422.

[10] W. R. Johnson: Darkness visible: a study of Vergil’s Aeneid, University of Chicago Press edition 2015, 154.

[11] Latein. Text nach Vergil: Catalepton 5, in: Ders.: Landleben, lat./deut., hg. v. J. u. M. Götte – K. Bayer, 4. Aufl., München 1981, 196. Freiere Übers. von mir. (Vergils Autorschaft von diesem Gedicht soll hier nicht diskutiert werden.)

In unserer Reihe „Wozu dichten?“ bisher erschienen:

Marcello Neri: Pasolini: der letzte Intellektuelle, in CulturMag Juli 2022

Markus Pohlmeyer: Sappho: Lieder, griechisch-deutsch (2021). Eine Rezension, in CulturMag 05_2021, Zugriff am 1.5.2021

Markus Pohlmeyer: Das erst Mal Ich. Der Dichter Archilochos – Ein Essay, in CulturMag 03_2022, Zugriff am 1.3.22

Wolfgang Johann: Du mußt versuchen, den Schweigenden zu hören: Über Paul Celans Schweigen 

Markus Pohlmeyer: Hermann Broch – Noch Prosa oder schon Lyrik? Über Vergil-Variationen, lyrische Prosa und Quantenmechanik. In CulturMag 05_2022, Zugriff am 1.5.2022

Markus Pohlmeyer über Horaz; in CulturMag 06_2022

Günter Rinke zu Wolfdietrich Schnurre: Gedichte als Beschwörungen, in CulturMag 06_2022

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