Geschrieben am 1. Juni 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2022

Wozu dichten (5): Markus Pohlmeyer über Horaz

Zur Einleitung: Zusammen mit unserem Essayisten Markus Pohlmeyer (seine Texte bei uns hier) haben wir die Idee zu einer neuen Reihe entwickelt. Hier seine Skizze: Hölderlins Frage: „… wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ (aus „Brot und Wein“) behält für mich in tragischer Weise – zeitgebunden-zeitlos – ihre Berechtigung und ist zugleich auch schon ihre eigene Antwort. Gerade in dürftiger Zeit dichten, als Widerstand (gegen Krieg, Diktatoren, Massenmörder etc. ad infinitum) und als Erinnerung (an das Schöne, Tröstende, Geheimnisvolle, an das Humanum im Menschlichen). Ich erinnerte mich an meine ersten Begegnungen mit Sappho und Archilochos. Kosmische Einsamkeit, schmerzliche Sehnsucht, beißende Ironie, trotziges „Ich“-Sagen, verliebtes Dahinschmelzen … Alf Mayer war begeistert, ich möge daraus eine Reihe gestalten. Nun, Markus im Alleingang durch die Weltliteratur? Meine (mich rettende) Idee war, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen zu fragen, welche Dichterin, welcher Dichter sie begeistert, beeindruckt, nachdenklich gestimmt habe und warum. Kriterien: Leidenschaft und Enthusiasmus für das dichterische Wort, das bezaubert, tröstet, irritiert, aus dem Gewohnten herausreißt und von dem wir lernen können, selbst „ich“ zu sagen – jenseits vorgegebener Muster, Märkte und Meinungen –, von dem wir lernen können, unsere Welt neu zu entdecken, in eigenen Worten.

Dichten bedeutet für mich: anders denken und mit Schönheit verzaubern. Das kann auch durchaus ironisch geschehen.

Bisher erschienen:

Markus Pohlmeyer: Sappho: Lieder, griechisch-deutsch 
Markus Pohlmeyer: Das erst Mal Ich. Der Dichter Archilochos 
Wolfgang Johann:  Paul Celan – Du mußt versuchen, den Schweigenden zu hören
Markus Pohlmeyer: Noch Prosa oder schon Lyrik? – Herrmann Broch:  Vergil-Variationen, lyrische Prosa und Quantenmechanik 
Günter Rinke: Gedichte als Beschwörungen – Der Lyriker Wolfdietrich Schnurre

Anmerkung der Redaktion: Es ist dies – ausgerechnet und zufällig, als wäre es immer darauf zugesteuert – der insgesamt 150. Beitrag, den Markus Pohlmeyer bisher für dieses Magazin geschrieben hat. Wir bedanken uns, sind beglückt. Seine Essays, Gedichte und Texte bei uns hier.

Horaz. Ode(r) über die Kunst des therapeutischen Lachens

Meine freiere Übersetzung von Epistula I 4:

„Lieber Albius, 

glänzender Kritiker meiner ‚Gespräche‘, was soll ich erzählen von deinem Tun im Irgendwo? Du schreibst, was das Machwerk des … [Hier setzen Sie bitte einen Autoren/eine Autorin ein, die Sie nicht mögen; Anm. MP] übertreffen kann? Oder schlenderst du schweigend-melancholisch in wohltuenden Wäldern? Dabei in Gedanken versunken, was auch immer einen Philosophen ausmacht, und zwar einen vortrefflichen? 

Du warst nie ein Wesen ohne Herz: Die Götter gaben dir Schönheit; die Götter gaben dir Reichtum und auch die Fähigkeit des Genießens. Was könnte eine liebenswürdige Amme noch Größeres für ihren süßen Kleinen wünschen?, der verstehen und sagen kann, was er fühlt, und dem im Überfluss zufällt: Ansehen, Ruhm, Gesundheit – und ein schmucker Hausstand bei nie leerem Geldbeutel.

Glaub’s: zwischen Hoffnung und Sorge, zwischen allen Arten von Ängsten und Zorn erstrahlt dir jeder Tag – als der letzte … Erfreulich kommt dann obendrauf eine Stunde, von der man es nicht erwarten wird. 

Mich, gut im Futter, glänzend, mit wohlgepflegten Bauche, kannst du besichtigen, wenn du mal von Herzen lachen willst!, aus Epikurs Herde ein Schlemmermäulchen.[1]

Lebe wohl, dein Horaz

… so möchte ich ergänzen. Und ja, ich weiß, möglich und beliebter ist folgende Übersetzung der letzten Zeile: ein Schwein(chen)/Ferkel(chen) aus Epikurs Herde, z.B.: „Mich wirst du wohlbeleibt, mit glattem Fell / und runden Backen finden, wenn dir einfällt, über / ein wohlgenährtes Schwein aus Epikurs / verschrienem Stalle lustig dich zu machen.“[2] Zur Erklärung: „[D]ie Epikureer hatten (wohl nicht ganz fair) bereits in der Antike keine gute Presse; vgl. Cicero, Gegen Piso 37: ‚Du unser Epikur, hervorgegangen aus dem Schweinestall, nicht einer Philosophenschule!‘“[3]

Albius Tibullus

Der augusteische Dichter Q. Horatius Flaccus (65 – 8 v. Chr.) „[…] bekannte sich vielmehr zu den ‚Gärten‘ des Epikur […]. Man darf darin nicht ein ungehemmtes genußsüchtiges ‚Epikuräertum‘ sehen, wie es nicht selten in der Moderne mißverstanden wird. Vielmehr ist es die Ruhe des Gemüts […], die jenen Kern der Gedanken bildet, dem Horaz folgt.“[4]  

Albius Tibullus war Dichter traurig-schöner Liebeselegien, sprachlich brillant, verehrt und von der Tradition geschätzt, zu früh verstorben … Und Horaz stellt ihn sich und uns nicht ohne Grund einsam durch Wälder schweifend vor, die auch schon heilsam sein können, möglicherweise gegen Liebeskummer. Doch die vom Dichterkollegen angebotene Medizin scheint etwas überraschend: „Der heitere Selbstspott – Horaz war, wie wir wissen, wirklich klein und rundlich – hebt die Spannung der ernsten Mahnung auf, fordert den Freund, den Empfänger, den Leser auf zum Lachen: cum ridere voles – kein schönerer Schluß eines solchen Billets ist denkbar. […] Mit Horaz lachen zu können, bringt jene persönliche Nähe, die dem Leser die Begegnung mit der Antike lebendig und lohnend macht.“[5] Und besäßen wir die ganze Welt und hätten des Lachens nicht, wie arm wären wir dann (… verändert nach Paulus und Luther). Und wie armselig, könnten wir nicht über uns selbst lachen. Ich hoffe, Horaz kann Albius und auch Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, ein Lächeln herbeizaubern. Bei mit gelang es. Dieses Gedicht begleitet mich – auch einen pummeligen Dichter – schon sehr, sehr lange. 

Aber wie nun Horaz übersetzen? „Above all, no one who is not sure that he has the ear of a poet should attempt to translate Horace […].“[6] Nietzsches Kommentar zu Horaz kann uns helfen, diese Stellungnahme besser zu verstehen, markiert aber auch schon dramatisch-pathetisch die Grenzen einer Übersetzung: „In gewissen Sprachen ist das, was hier erreicht ist, nicht einmal zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes Wort als Klang, als Ort, als Begriff, nach rechts und links und über das Ganze hin seine Kraft ausströmt, dies Minimum in Umfang und Zahl der Zeichen, dies damit erzielte Maximum in der Energie der Zeichen – das alles ist römisch und, wenn man mir glauben will, vornehm par excellence. Der ganze Rest von Poesie wird dagegen etwas zu Populäres – eine bloße Gefühlsgeschwätzigkeit…“[7] 

Und dennoch: lieber Horaz übersetzen – das bleibt immer unvollkommen, aber nicht unmöglich – als darauf zu verzichten. Und nun zur Gattung des Textes, die meine Übersetzung mitbestimmt hat. Fraenkel kann sich kaum vor Begeisterung über diesen Brief bremsen: „It is graceful, warmhearted, and rich in stylistic shades […]. The epistle is typical also in that it maintains the manner of a real letter. […] What follows is perhaps the gentlest of the many gentle transitions in Horace’s writings and certainly the one in which his quiet kindliness and his capacity for sharing another’s difficulties show themselves most distinctly.“[8] Fraenkel bezieht sich auf die Wendung, dass Horaz eben nicht (nur) Albius philosophisch (be)lehrt, sondern dem Adressaten empathisch einen Spiegel vorhält.[9] „Horaz schafft jedoch mit seinen Episteln eine völlig neue Literaturgattung. Sie gestattet, mancherlei Themen des täglichen Lebens und der ethischen Daseinsbewältigung von einem persönlichen Standpunkt zu behandeln. Horaz kennt Stoa und Epikureismus – diesem steht er näher […], ist aber weit entfernt von einer dogmatischen Haltung: Er will praktische Lebensweisheit vermitteln.“[10] 

Man kann außerdem diskutieren, ob es sich bei Albius überhaupt um Tibull, den Liebeselegiker, handelt – und: „Für uns kommt nicht allzu viel auf die Identifikation an; wichtiger ist, dass hier kaum mehr von einem ‚Ich‘ gesprochen werden kann, sondern von Horaz selbst; denn wer soll sonst wohl hinter dem Verfasser von sermones[11] […] stehen?“[12] Ich habe mich dieser Argumentation angeschlossen und spreche hier immer von Horaz statt vom (ominösen-was-auch-immer-das-sein-soll) lyrischen Ich.

Das alles scheint trotz literarischer Stilisierung sehr nahe an einem (tatsächlichen) Brief, so dass ich versucht habe, diese Gattung in meiner Übersetzung deutlich werden zu lassen. Und wenn wir ‚Albius‘ wären? Wenn wir melancholisch durch Wald und Welt gingen, ohne zu sehen, was wir wirklich sind und haben? Und so willkommen dann ein Freund, der uns zum Lachen bringen kann, wie zum Beispiel der italienische Differenztheologe Marcello Neri zu seinem deutschen Freund, dem Monisten Markus Pohlmeyer: „Du bist einer der wenigen Dichter, mit dem ich über Dinosaurier sprechen kann.“ 

PS

Aus einem Tibull-Gedicht. Der Ich-Sprecher malt sich eine zukünftige Rückkehr zu seiner Schönen aus – liebenswürdig, sehnsüchtig, lebensecht, frech auch (fast eine Epiphanie) und von geradezu kosmischer Schönheit. Bei meiner Übersetzung verzichte auf die Nachahmung des elegischen Distichons, versuche aber graphisch den Gedichtcharakter beizubehalten:

„Dann 
werde ich kommen, 
plötzlich,
und niemand 
wird es vorher ankündigen, 
sondern
ich will den Eindruck erwecken, als 
wäre ich vom Himmel geschickt 
bei dir. 

Dann 
eile mir entgegen, 
Delia,
wie du sein magst, 
verwuschelt mit deinem langen Haar, 
nackten Fußes. 

Das erfleh’ ich: 
die helle Morgenröte
möge uns bringen 
diesen noch fernen 
Tag, den Licht-
Träger, den strahlenden, 
mit rosenrotem Gespanne.“[13]

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg.


[1] Lat. Text – meine deut. Absatzgliederung orientiert sich auch daran: Horatius. Opera edidit D. R. Shackelton Bailey, (Paperback) Berlin 2008, Epist. I, 4 (259 f.).

[2] C. M. Wieland: Übersetzung des Horaz, hg. v. M. Fuhrmann, Frankfurt am Main 1986, 102.

[3] Horaz: Satiren und Briefe, lat./deut. nach d. Übers. v. O. Schönberger, m. Anm. v. F. Weitz, Darmstadt 2015, 295 (Anmerkungsteil).

[4] B. Kytzler: Horaz. Eine Einführung, Stuttgart 1996, 33.

[5] Kytzler: Horaz (s. Anm. 4), 125 ff.

[6] L. P. Wilkinson: Horace And His Lyric Poetry, Cambridge 1968, 158.

[7] F. Nietzsche, aus: Was ich den Alten verdanke, in: Ders.: Werke in drei Bänden, Bd. 2, hg. v. K. Schlechta, Darmstadt 1997, 1027.

[8] E. Fraenkel: Horace, Oxford 1966 (Paperback), 323 f.

[9] Siehe dazu Fraenkel: Horace (s. Anm. 8), 324.

[10] M. v. Albrecht: Geschichte der römischen Literatur, Bd. 1, 3. Aufl., Berlin – Boston 2012, 605.

[11] Gemeint sind die Satiren des Horaz.

[12] G. Maurach: Horaz: Werk und Leben, Heidelberg 2001, 314.

[13] Tibull, I, 3, 89-94, übers. v. mir; lat. Text nach: Tibull und seine Fortsetzer, lat./deut., übers. und hg. v. D. Flach, Darmstadt 2015, 62.


[12] G. Maurach: Horaz: Werk und Leben, Heidelberg 2001, 314.

[13] Tibull, I, 3, 89-94, übers. v. mir; lat. Text nach: Tibull und seine Fortsetzer, lat./deut., übers. und hg. v. D. Flach, Darmstadt 2015, 62.

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