Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

10 Anmerkungen zu Star Trek „Picard“ (2)

Endlich Zeit, die Galaxis zu retten

Markus Pohlmeyer zu einer neuen Staffel von Star Trek „Picard“ (2022)

1 Alles irgendwie bekannt, aber erfrischend arrangiert. Darum besser als die erste Staffel.

2 Zu Beginn bewegt sich Admiral Picard gefährlich nahe am Rand eines Abgrundes, in eine Herzensangelegenheit verstrickt zu werden; doch Q (deus ex universo) und eine Borg-Königin (dea in machina) betreten im richtigen Augenblick die Bühne. Wozu hat man alte Freunde? Pardon, Feinde.

3 Bleibe niemals mit einer Borg-Königin allein. Nie. Nicht. Niemals. Unter keinen Umständen. Und mag sie auch lächeln. Egal, welches Angebot sie über den digitalen Gartenzaun wirft. Sie kommt immer auf echt miese Gedanken – vor allem, wenn du sie beeindrucken kannst. Und sie steht voll auf Auto-Batterien.

4 Was passiert, wenn eine Borg-Königin einmal so richtig Party feiern will? Da müsst Ihr jetzt echt stark sein, liebe Science Fiction-Fans: Ein Musical ist nichts dagegen … Also echt, Star Trek schreckt langsam, aber sicher vor nichts mehr zurück.

5 Raffi, immer im Kampfmodus, plant mit Seven (die angeblich einige Bindungsprobleme hätte – so von wegen ihres Borg-Hintergrundes) eine gemeinsame Zukunft – klingt doch romantisch? „Unser Kummer ist schön und tragisch … Abgesehen davon sind wir der Hauptplot … Wir zwei, alt, sitzen auf einer Parkbank und schubsen mit unseren Gehstöcken […].“ Seven: „Darin bin ich besser.“[1]

6 Krass psychoanalytisch, was so einige im Keller ihres Unterbewusstseins verborgen halten. Mutig und herausfordernd die ausgeleuchteten dunklen Seiten liebgewonnener Figuren. Und diese Dr. Frankenstein-Variante von ‚Data‘ beispielsweise, das wirkt einfach nur gespenstisch. Aber auch dies: Vielleicht sind die Monster, vor denen wir Angst haben, gar nicht die Monster, vor denen wir uns fürchten müssen?

7 Rios macht vor, wie ein brillantes Summary aussieht. Einmal bis zum Anschlag um die Sonne rauschen. Zeitreise. Bummm. Charmante, aber hammermäßige Ärztin kennengelernt, doch nun festgehalten in einem Lager für illegale Einwanderer, Rios gegenüber einem Wächter so: er komme aus der Zukunft, stecke nun in einer primitiven Vergangenheit fest („Nichts für ungut!“), versuche, die Zeitlinie zu kitten; bunte Truppe, darunter seien eine kybernetische Königin, die vorhätte, die Menschheit komplett auszulöschen („Mit ihren Legionen.“) … und ein mürrischer, alter Admiral, der ein Roboter aus Fleisch und Blut sei. Das habe er aber noch nicht so ganz erklärt bekommen. Bummm.

8 Berührend, wie die junge Guinan die Welt des 21. Jahrhunderts beschreibt – aus der Perspektive einer Außerirdischen – und dabei anfängt, zu weinen. Ökologische Katastrophen und Hass … mögliche Weichenstellungen in eine xenophobe, faschistoide Zukunft (in der Seven  Präsidentin und verheiratet sein wird; wenn sie zu ihrem Mann „Schatz“ sagt, friert eine Supernova zu.)

9 Irgendwie tritt auch in der Vergangenheit Picards Beinahe-aber-ich-konnte-noch-rechtzeitig-wegrennen-Beziehung wieder auf. Eine seltsame Metamorphose, denn die Gestalt bleibt, aber das Wesen hat sich verändert. Sie ist eine „Wächterin“. Wow. Lernzielsicherung: Kümmere dich um dein Herz, sonst leidet das ganze Universum darunter. Dazu ein Dialog von existentieller Wucht (Stellen Sie sich Picard dabei gelangweilt, genervt und gleichzeitig gehetzt vor):

Raffi: „… Sie haben gesagt, dass es kompliziert ist …“
Picard: „Nicht jetzt.“
Raffi: „Aber ihre neue Freundin … sieht sie nicht genauso aus wie …“
Picard: „Ist mir bewusst.“
Raffi: „Und das finden Sie nicht irgendwie gruselig?“
Picard:  „Ja doch.“
Raffi: „Tolle Unterhaltung.“

10 Hoffentlich habe ich hier nicht zu viel verraten. Unbedingt sehenswert. Und was sind überhaupt die Motive von Q? Okay, nun wird es wirklich Zeit, erwachsen zu werden, um die Galaxis zu retten – auch ohne Kirk und Spock.

Desiderat

Die Relevanz von Streichquartetten (Picard scheint an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig) und Schimpfwörtern (Agnes, tragische Figur, gefangen in ihrer Einsamkeit, zum Admiral: „Überheblicher Wi[Piep]!“) dürfte in diesem Serien-Kosmos noch ein offener Forschungsgegenstand sein. Ich verweise hierbei auf die wegweisende Serie Lower Decks Staffel 1 und 2 – so was von frech, brillant und vor, unter, hinter jedem Ereignishorizont … und daneben.

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte und Gedichte bei uns hier.


[1] Alle direkten und indirekten Zitate entnommen aus: Star Trek PICARD. Staffel Zwei. © 2022 CBS Studios/Paramount.

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