Geschrieben am 5. August 2019 von für Allgemein, Litmag, NATUR Special, News, Specials

Editorial NATUR Special

Willkommen zu unserem NATUR Special.

Es gibt den Reflex, dass man sich über Natur, das eigene Verhältnis dazu oder ihr Erleben lieber nicht öffentlich äußert. Dass man so etwas für schwierig hält, belastet oder kontaminiert, für peinlich und eben privat. Das war auch bei den Reaktionen auf die Einladungen zu diesem CulturMag Special zu bemerken. Natur ist Projektionsfläche, aber hallo. Nature Writing hat eher Wurzeln in der angloamerikanischen Tradition. Umso mehr lohnt der Versuch.

Unser Special NATUR ist die logische Fortsetzung des zweiteiligen Specials VERLUST UNO und DUE aus dem letzten Jahr und wäre ohne die dort ausführlich porträtierte Reihe „Naturkunden“ und die Arbeit von Judith Schalansky – ein CulturMag-Interview hier – nicht denkbar.

Wir freuen uns sehr, mit Ludwig Fischer einen Grundlagenforscher und Praktiker des Nature Writing dabei zu haben, dessen große Studie „Natur im Sinn“ Alf Mayer bespricht. Von Ludwig Fischer selbst gibt es eine gehaltvolle Kulturgeschichte des Moores und vier seiner Gedichte, zudem amüsiert er sich über das heute so leichte Schreiben draußen und macht mit bei den Rezensionen in „Naturbücher, kurz“. 

Besonders stolz sind wir auf den von Brigitte Helbling übersetzten und damit erstmals auf Deutsch vorliegenden Essay „Die brauen Wespen“ von Loren Eiseley aus dem Jahr 1956 – ein Klassiker. Johannes Groschupf, gerade mit seinem Thriller „Berlin Prepper“ in aller Munde, gibt freimütige Auskunft über den Schiffbruch eines Romanprojekts: eine Reise auf den Spuren des Naturforschers Georg Steller und der Großen Nordischen Expedition nach Sibirien. Georg Seeßlen hat sich mit Primzahlen und Zikaden befasst, Sie werden künftig ganz anders über diese Gartenmusikanten denken. Und Alf Mayer erklärt: Alle Menschen sind Gärtner, eigentlich.

In der englischsprachigen Abteilung erzählt unser US-Korrespondent Thomas Adcock in Ah … the country life von seiner merkwürdigen Doppelexistenz in Manhattan und Upstate New York. Out in the Country waren für uns Alan Carter (Neuseeland), Garry Disher (Australien), Lisa Sandlin (Texas) und Benjamin Whitmer (Colorado).

Markus Pohlmeyer zeigt uns, wie Alexander von Humboldt mit KOSMOS von der Erd- zur Weltsicht kam und entwirft uns in einem zweiten, genialen Wurf „die Schöpfung“. Unsere Kolumnistin Hazel Rosenstrauch fremdelt etwas mit unseren digitürlichen Ansichten von der Natur, mein alter Kollege Peter Christian Hall aus „medium“-Tagen hat sich lange mit dem Thema des Grotesken beschäftigt und liest für uns Max Klingers Gemälde „Der Tod am Wasser“, auch als „Der pissende Tod“ bekannt. Katrin Doerksen war für den Fotoessay „Deät Lun – The Land“ auf Helgoland, Rolf Barkowski hat zwei Häuser in der Nachbarschaft fotografiert. Peter Münder begegnete bei einer Fahrradtour entlang der Kurischen Nehrung Waldeinsamkeit und Romantik, im Hintergrund den Napalmgeruch aus „Apocalypse Now“.

320 Jahre nordamerikanischer Geschichte behandelt Annie Proulx in ihrem Roman „Aus hartem Holz“, den Susanna Mende für uns gelesen hat. Iris Tscharf ist begeistert von Tim Winton und „Die Hütte des Schäfers“, Andrea O’Brien hin- und mitgerissen von Peter Hellers „Der Fluss/ The River“.

Anna Hoffmann lässt uns an Hartmut Robert Andryczuks Künstler-Buch über Elementarteilchenphysik teilhaben, eines der vergriffenen 24 Exemplare hätte 800 Euro gekostet. Kostbar auch die „Ansichten in stillem Blau“ von Barbara Weitzel und Kornelius Wilkens, die uns Ute Cohen näherbringt. Natur ist auch Thema in „Gedichte unter freiem Himmel“ von Ludwig Fischer, Ingrid Mylo, Roland Oßwald, Monika Geier featuring Christian Morgenstern und Markus Pohlmeyer, der mit dem Eichendorff-Gedicht „Mondnacht“ noch einen eigenen Auftritt hat.

Herman Melvilles 200. Geburtstag begehen wir mit einem Textauszug aus seinem lange unübersetzt gebliebenen „Mardi und eine Reise dorthin“, Tenor: „Haie sind liebenswert“. Nan Shepherd singt uns in ihrem Klassiker „Der lebende Berg“ das Lied, am Berg auch zu schlafen, um wirklich dort zu sein.

Naturbücher, kurz“ heißen unsere nicht so sehr kurzen Kurzbesprechungen. Johannes Groschupf, Ludwig Fischer und Alf Mayer besprechen 26 Bücher von Otl Aicher, Frauke Bagusche, Henry Beston, Arnulf Conradi, Ludwig Fischer, Karl-Heinz Göttert, Jan Haft, Sammy Hart, Chloe Hooper, Alexander von Humboldt, Hygiene-Museum Dresden, Christopher Kemp, John Lewis-Stempel, Barry Lopez, Rita Mielke, Julia Numßen, Rudi Palla, Rebecca Solnit, Horst Stern, David Wallace-Wells, Don Watson, Andrea Wulf & Lillian Melcher und Henning Ziebritzki.

NATUR ist ein spannendes Thema. Lassen Sie sich verführen, treten Sie ein. Lesen Sie Teile davon aber auch auf dem Balkon, an der frischen Luft oder bei offenem Fenster. Draußen wartet sie, die Natur.

Alf Mayer, als Kurator

Alf Mayer, Journalist & Literaturkritiker, Kurator dieses Natur-Specials, Redakteur von CrimeMag, zusammen mit Frank Göhre Autor des Ed McBain-Porträts „Cops in the City“ und von „King of Cool. Das Elmore Leonard Lesebuch“ (beide bei CulturBooks), Entdecker und Übersetzer der Crissa-Stone-Romane von Wallace Stroby, lebt in Bad Soden am Taunus. Seine Herkunft ist bäuerlich, Störche und Frösche, Libellen und Vögel und Mäuse gab es zuhauf im „Ried“, wo er als junger Allgäuer Kühe hütete, in einer durch die „Flurbereinigung“ dann zerstörten traumhaften Biotop-Landschaft. Seine CulturMag-Texte hier.

Kontakt: cult-mag(at)alf-mayer.de