Verlust-Special UNO Category

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Willkommen zu unserem Verlust-Special. Verlust ist überall. Er bestimmt uns mehr, als wir wissen (wollen). Wir selbst und die Kultur sind voll des Verlorenen. Zugespitzt lässt sich sagen: Kultur ist Umgang mit Verlust. Und wenn wir lieben, trauern wir auch, „that’s the deal“, betont gerade – absichtsvoll öffentlich – Nick Cave in seinen „Red Hand Files“. Die Idee zu diesem Verlust-Special war ein kleines Korn, entwickelte sich dann immer zwingender. Und breiter. Wir haben das Special zweigeteilt, lesen Sie hier nun die Beiträge unseres Verlust UNO, Anfang Dezember folgt dann dieRead More
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Verlust des Verlustes Eine hauntologische Grille – von Georg Seeßlen                                                                  I Unser Denken entsteht aus Unterscheidungen (Tag/Nacht, Lebendig/Tot, Rau/Glatt, Flüssig/Fest usw.) und unser Leben entsteht aus Trennungen (Mutter/Kind, Ich/Welt, Lust/Pflicht, Realität/Magie usw.). Jede Unterscheidung und jede Trennung ist zugleich Gewinn und Verlust. Etwas muss da immer abhanden kommen, aber wo geht es hin? Verlust ist nur spürbar, weil etwas nicht einfach weg ist. Der Kopf und die Kultur sind voll vom Verlorenen. Der Segen und das Verhängnis des Menschen: Dass er aus dem Verlust eine Produktivkraft gemacht hat.  KulturRead More
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Elf Dörfer entfernt Leg die weißen Gladiolen nieder in jener Mulde der Zeit, in der sich im kühlen Zimmer die Nachbarn drängten wie dunkle Boote am Abend des Sturms. Sein Körper lag noch im Bett: doch er war schon seit Stunden nicht mehr der Mann, der Bretter zu Fässern bog, der seinen Sohn verlor im Krieg und seine Tochter an einen Heimatlosen. Nicht mehr der Mann, zu dem die Katze zurückfand, die er ausgesetzt hatte, elf Dörfer entfernt. Einst hielt er dich auf dem Arm: dachtest du. Aber er stand,Read More
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Das Vergehen unvermeidlich Aus dem Vorwort von Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ Allein schon das 16-seitige Vorwort wäre eines Sonderdruckes auf besonders säurebeständigem Papier wert. Judith Schalansky schlägt darin einen stupenden Bogen zwischen Verlieren und Verschwinden, Vergessen und Zerstören,  Erinnern und Bewahren, öffnet den Raum für ihr in langjähriger Arbeit entstandenes „Verzeichnis einiger Verluste“, für das sie sich einen Untertitel versagt. Einfach nur: Verzeichnis einiger Verluste, als wäre es ein Katalog, ein Register. Das aber ist es natürlich nicht. Vielmehr handelt es sich um eine bis an die Schmerzgrenze des Schönen reichhaltige und kundigeRead More
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“Winning you was easy, but darkness was the price” Schöner sterben mit Leonard. Für Thomas Wörtche – und gewiss nicht nur für ihn – ist Leonard Cohen sozusagen der Schutzpatron des Verlustes. So viel Trost und  Wissen und Lehre in seinen Songs und Worten, in dieser Musik. Im Grunde seit „So long, Marianne“ (1967). “I´ve grown old/in a hundred ways/but my heart is young/& still it plays/on the theme of Love/and the theme of death” (Notebooks – 19-20) Der Verlust des eigenen Lebens ist, egal, wie man dazu steht, ein gravierendesRead More
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  Nicht zurückholen, aber erfahrbar machen Alf Mayer über das „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky Handschmeichlerisch fühlt dieses Buch sich an, die Anmutung wie ein Stück fein bemooster Marmor oder Schiefer, doch deutlich leichter, längst nicht so schwer, die Farbe ein nach oben von Grau ins Schwarz verlaufendes Moiré, die Schrift Silber. Ein wenig wie eine Grabplatte, aber ohne deren Trauer. Tatsächlich ist es ein seltsam heiteres, ein seltsam elegisches Buch – schön oft bis an die Schmerzgrenze. Eine Gegenrezeptur fürs Zeitalter des schnellen Vergessens. Was interessiert noch etwas von Vorgestern? AberRead More
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Subutex und Millenial im Paradise Lost von Ute Cohen Dritter Band. Er stirbt. Mit Vernon Subutex’ Tod versiegt auch jede Hoffnung auf Versöhnung in einer Gesellschaft, in der kein Mensch Kontrolle über sein Leben hat, einer Gesellschaft, in der jeder auf seine Weise trügerischen Hoffnungen erliegt, einer Gesellschaft, in der das Paradies längst verloren ist. Dass der esoterische Klang des zweiten Bandes von Virginie Despentes Trilogie in einer bombastischen Endzeitvision enden würde, wird wohl kaum jemanden verwundern. You want it darker? Despentes killt die letzte Flamme oxytocinverzückter Jünger, lässt dasRead More
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Verdammt, wo ist Katja? Jeder, der länger an einem Ort lebt, kennt das. Im Kiez trifft man sich immer wieder. Man grüßt sich, manchmal sitzt man zufällig am Nebentisch im Café, unterhält sich ein bisschen. Man mag sich, ist miteinander in diesen kurzen Momenten auch ganz vertraut, sagt dann »tschüss«, und dann trifft man sich irgendwann zufällig wieder, davon ist auszugehen. Manchmal fragt man sich, warum es immer nur so kurz so nett sein muss. Man könnte sich ja eigentlich mal ganz bewusst verabreden.  So ging es mir mit KatjaRead More
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Posted On November 4, 2018By Andreas PflügerIn Specials, Verlust-Special 2018, Verlust-Special UNO

Andreas Pflüger „Niemals“

Den Vater verlieren – und mehr als ihn Ein Textauszug aus dem Thriller „Niemals“ von Andreas Pflüger Ein Blitz zerschneidet die Welt wie Papier. Dann noch einer. Innerhalb einer Nanosekunde ist die Welt weg. Bei Tempo zweihundertfünfzig verliert die Polizistin Jenny Aaron auf Seite 19 von „Endgültig“ ihr Augenlicht. Eine blinde Heldin in einem Actionthriller? Es ist die Kunst von Andreas Pflüger, uns mit der wehrhaften Jenny Aaron in bisher zwei Büchern – „Endgültig“ und „Niemals“  – den Puls auf ungeahnte Höhen zu beschleunigen. Ein Umgang mit Verlust , wie er aufregender kaumRead More
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Verlieren sortieren? Hazel Rosenstrauch über einen arg vermissten Menschenschlag: die Weltverbesserer der alten Art Den Verlust von Schlüsseln, Geldbörsen, Liebhabern und Freundinnen könnte ich mit Sternchen à la Hotelqualität ordnen, dabei bekämen letztere 5 *****. Sobald es um den Tod lieber Menschen geht, versagt diese Ordnung. Es gibt Verluste, für die ich, angelehnt an Stiftung Warentest, Noten erfinden könnte – 1 – 5,5. Aber bevor ich darüber nachdenke, was mir alles gestohlen bleiben kann, erinnere ich mich an eine Weltsicht, die es nicht mehr gibt und deren Verlust mir gelegentlichRead More
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Expect the unexpected Isabella Thermes about mourning her parents and finding solace in her work Arthur Sinclair, the protagonist of my graphic novel, made his first appearance on page in the summer of 2014. Back then, I made the decision and the bold move of leaving London, my home of 11 years and the place where I ultimately had a lot of fun working as a literary agent, to venture to Berlin. That summer marked the beginning of a long „sabbatical“ that I used to outline this project, learn German andRead More
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Väter und Mütter  – und was man mit ihnen verliert Verlust oder auch die Angst davor sind das Triebmittel fast aller Bücher, besieht man es sich näher. Frank Schorneck bespricht für uns zwei davon: „Töchter“ von Lucy Fricke und  „Anmut und Feigheit“ von Frank Schulz. I. Im Namen der Väter Eine nicht mehr ganz so junge Frau streift durch Rom, ihr eigentliches Ziel ist ein kleines Städtchen in den Bergen, ganz genau: ein Grab in diesem Ort. Seit zehn Jahren hat sich Betty vorgenommen, dieses Grab zu besuchen, da wird es aufRead More
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Als ich zu den Sternen ging … (2. Fassung) Die Blätter am Hang rauschen Regengemurmel … Wellenschwer … Ich lief auf einem Meeresgrund Von einst, über mir schwebten Ichtyosaurier, ein Liopleurodon Schnappt nach Luft, seine mächtigen Flossen wie Schwingen eines Über mich hinweggleitenden Flugzeuges; ein Luftschiff macht fest An einem erloschenen Vulkan, Umringt von Moby Dicks Und Delphinen; die Erde hebt sich, Faltet Gebirge, faltet den Himalaya, Sie werden sinken, driften, Wieder eingeschmolzen, umgeschmolzen Zu den Wegen, die ich jetzt gehe, Blätter rauschten Regen: ein Echo Jenes fernen Meeres; hinterRead More
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Ein Nachruf auf Sterling Hayden von Wolf-Eckart Bühler Ich erinnere mich genau des jungen Lesesüchtigen, der die winklige, verstaubte Buchhandlung im Zentrum Londons betrat, um zum ersten Mal in seinem Leben Walt Whitman und Dylan Thomas im Original lesen zu können; weshalb er das Buch des ihm völlig Unbekannten erstand, weiß ich dagegen nicht mehr. Vielleicht war es der Titel gewesen, „Wanderer“, oder vielleicht jenes Umschlagsfoto des kräftigen Mannes am Steuerruder, der so genau zu wissen schien, was er tut, und doch so merkwürdig verloren wirkte; die Augen unbeugsam insRead More
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War da etwas? Joachim Feldmann sinniert. Kurz. Neulich war Buchmesse. Und ich habe sie wieder einmal verpasst. Nicht, dass ich ernstlich vorgehabt hätte, nach Frankfurt zu fahren. Glücklicherweise habe ich einen Beruf, der mir zu solchen Extravaganzen keine Zeit lässt. Ehrlich! Früher war das anders. Schon im August überlegte ich, wie es mir gelingen könnte, zwei Tage freizuschaufeln, um den Höhepunkt des literarischen Lebens in diesem Lande nicht zu verpassen. In der Woche vor der Messe radelte ich täglich zum Bahnhofskiosk und durchstöberte die überregionalen Zeitungen nach Literaturbeilagen. Rezensionen, dieRead More
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Der Name der Rose und all der andern Nicht nur als eines der schönsten Weihnachtsgeschenke 2018 geeignet: Alf Mayer über „Die verlorenen Wörter“ von Robert Macfarlane & Jackie Morris in der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe Naturkunden. Nomina si pereunt, perit et cognitio rerum, heißt es bei Carl Linnaeus: „Mit den Namen vergeht auch die Kenntnis der Dinge.” Ulrich Baron, hier in diesem Special mit einem schönen Text vertreten, hat mich darauf hingewiesen. „Breitband“, dieses Wort nahm 2007 das „Oxford Junior Dictionary“ neu in seine Seiten auf, gleichzeitig wurden mehrere Worte des Naturlebens gestrichen. DieRead More
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1. Der Unfall Er hätte tot sein können. Eine Baustelle auf der Landstraße. Eine mobile Ampel auf Rot. Ein wartender Lastwagen. Nebel. Der Wagen traf mit der rechten Seite ungebremst auf den Lastwagen, ein Kotflügel löste sich sofort – Lack und winzige Metallteile stoben in den Nebel hinein und erinnerten im Widerschein des flackernden Rücklichts für einen Sekundenbruchteil an festlichen Zauber –, krachte gegen eine Leitplanke, überschlug sich, flog an dem etwas nach vorne geschobenen Lastwagen vorbei, drehte sich um die eigene Achse, schlitterte über die Straße, wobei die Fahrertür anRead More
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In der Verlustzone Namibische Perspektiven auf die DDR und die Volksrepublik Polen – von Bruno Arich-Gerz Der DDR und der Volksrepublik Polen trauern heute nur noch verschrobene Ostalgiker, Kommunismus-Apologeten und ehemalige Parteifunktionäre der SED oder der PZPR (der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei) nach. Als Verlust begreift außer ihnen niemand mehr das Ende der beiden von der Sowjetunion am Gängelband gehaltenen Staaten. Könnte man meinen. Und damit irren, denn dem gängigen Narrativ zweier in den 1980er Jahren zunehmend in die Defensive gedrängten, von Oppositionsbewegungen angefochtenen und angesichts einer defizitären Versorgungslage mit LegitimationsproblemenRead More
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Ich hatte einmal einen Schulweg. Und der ging so: Aus der Haustür, durch die Gartenpforte, links zu den Garagen. Rauf aufs Rad, Abfahrt runter rechts auf die alte Kopfsteinpflasterstraße. Links und rechts Bauernhöfe und Hausweiden, Baumschule, Tischlerei und ein Kastanienhain, unter dessen Blätterdach ein ausgebranntes Tanzlokal Jahre lang darauf gewartet hatte, durch ein vielstöckiges Punkthaus ersetzt zu werden. Am Ende der Straße links, an Mehrfamilienhäusern vorbei, bis die Hausweiden und auch die Wohnbebauung endeten. Weiter über eine beschrankte Bauernstraße und danach an einem kleinen Industriekomplex vorbei rechts in die StraßeRead More
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Posted On November 4, 2018By Bodo V. HechelhammerIn Specials, Verlust-Special 2018, Verlust-Special UNO

Wo ist Harry Palmer?

Ein kurzes Bekenntnis zu Deightons Agentenfigur   – von Bodo V. Hechelhammer Wer an Agentenfilme denkt, dem kommen als erstes die James Bond-Verfilmungen in den Sinn. Kein Wunder. Seit 1962 wurden inzwischen 24 Filme sehr erfolgreich produziert, vermarktet und erst vor wenigen Wochen die 25. Folge für 2020 angekündigt. Bonds Schöpfer, der britische Schriftsteller Ian Fleming, hatte den MI6-Agenten mit seinem berühmten Roman Casino Royale bereits 1953 erdacht. Insgesamt schuf der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Fleming bis zu seinem Tod 1964 zwölf Romane und neun Kurzgeschichten über 007. Als alle seine originalen Bond-Geschichten verfilmtRead More
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Die Nacht, in der ich fliegen konnte von Bodo V. Hechelhammer   In Erinnerung an meinen viel zu früh verstorbenen Freund Frank Wilhelm (1968-2018) Es war eine dieser warmen Nächte, die es nur früher gab. Am Himmel zeigten sich voller Ungeduld die ersten Sterne und begannen im Angesicht des Vollmonds selbstbewusst zu pulsieren. Vom fernen Wald war das leise Zirpen der Grillen noch immer zu hören. Die schwüle Luft roch nicht nur, nein, sie schmeckte nach Sommer. Diese Nacht umrahmte die Realität, machte sie zu einer unwirklichen Szene. Gleich einemRead More
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  Der leere Spiegel Für die westliche Kultur mit vielen Verlustgefühlen behaftet, wird im Zen das spirituelle Erwachen traditionell als Satori bezeichnet. Jan Hendriksson versucht, das für uns Westler zu übersetzen.     Satori zu erfahren bedeutet, zum Ursprung allen Lebens zurückgekehrt zu sein und tiefe Einsicht in die wahre Natur aller Dinge erfahren zu haben.  Wenn du es erfährst, bedeutet das für dich: Du kannst nicht sterben, weil es kein Ich gibt, das sterben kann. Du warst, bevor du geboren wurdest. Durch das Erlebnis des Satori ist dein Glaube dahin.Read More
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Fantasyland – Die Geschichte Amerikas neu erzählt Textauszug aus dem Buch von Kurt Andersen Das amerikanische Expe­riment, die Fleischwerdung der großen aufklärerischen Idee von der intellektuellen Freiheit, die besagt, dass jeder Einzelne frei ist zu glauben, was auch immer er oder sie will, hat sich zu etwas ausgewachsen, das wir nicht mehr im Griff haben. Dieser Ultra­-Individualismus war von Anfang an tief mit epischen Träumen verknüpft, manchmal auch mit epischen Fantasien – jeder ein­zelne Amerikaner, jedes Individuum aus Gottes erwähltem Volk, schuf sich sein eigenes, maßgeschneidertes Utopia, jeder von unsRead More