Geschrieben am 5. August 2019 von für Litmag, NATUR Special, Specials

Die Schöpfung – ein Essay von Markus Pohlmeyer

Kosmische Meditationen

Teil I: Seneca oder Vom Denken und Dichten der Anfänge. Ein Essay über (Un)Mögliches – von Markus Pohlmeyer

In Science Fiction-Filmen und -Erzählungen wird Schöpfung vielfältig aufgegriffen – mit mehr oder weniger hohem Niveau, in mythopoetischer Aneignung oder einfach nur als trash-Dekoration: von „Frankenstein“ über „2001“ und „Prometheus“ bis hin zu den nie endenden Mulitversa-Varianten eines Stephen Baxter. Interessanterweise findet sich häufig die moralische (oder reflektierter: die ethische) Frage, ob ein Schöpfer, z.B. der Mensch, gegenüber seinen Geschöpfen, z.B. biogenetischen Produkten oder KIs, Verantwortung übernehmen kann? Wären z.B. Klone frei – oder nur urheberrechtlich geschützte Produkte des herstellenden Konzerns?[1]

Denken und Dichten werden hier verstanden eben nicht als Antithesen im Sinne von Mythos versus Logos, von einem Logos, der – am besten noch mit einem fatalen Anspruch auf Überlegenheit – den Mythos ablöst. Der Logos der Schöpfung (sollte es denn einen geben), entsteht erst als narratives Ergebnis (Mythos) eines hermeneutischen Zirkels ex eventu, ist also nur als konstruierter – quantifiziert oder poetisch imaginiert – präsent im Gestus des Zurückverweisens und (damit verbunden) eines prophetischen oder abgeleiteten Endes.[2] Denn: „Der Schöpfungsakt selbst […] ist keiner Beobachtung zugänglich, und insofern hat der kreative Akt unbedingten Vorrang […]. Kosmologien, die empirisch an Messdaten orientiert sind, setzen die metaphysische Bedeutung des schöpferisch Neuen schon voraus […].“[3]

Es gibt verschiedene Diskursformen von Schöpfung, abhängig von den jeweiligen kulturell-religiösen Kontexten. Um genauer zu sein: Schöpfung impliziert einen Schaffenden/Schöpfer. Was aber, wenn der Kosmos autopoetisch wäre? Rhetorische Gestaltungen, poetische Formen und literarische Konventionen können integrativer Bestandteil des jeweiligen Diskurses sein. Dies geht so weit, dass das schöpferische Wort performativ evoziert, divinisiert oder kanonisiert wird, beispielsweise in Riten oder Heiligen Texten. Ordnung und Schönheit der Dichtung – die Schönheit von Sprache, die sich z.B. in ihrer Ordnung (Metrum, Reim, rhetorische Figurationen) manifestiert – könnte dann einer Schönheit und Ordnung der Schöpfung (projektiv) entsprechen, die vor der Prosa des Chaos schützen mag. Die Sieben-Tage-Rhythmisierung des Ersten Schöpfungsberichts der Genesis ist nicht nur eine Aitiologie des Sabbats, sondern auch der Wunsch nach und die Beschwörung einer verlässlichen Wiederkehr des immer-gleichen All-Tages: „Die altorientalischen Schöpfungsmythen (und analog die alttestamentlichen Urgeschichten) reden eigentlich nicht darüber, wie es zu dieser Welt gekommen ist, sondern wie diese Welt ‚eigentlich‘ ist, wie der Mensch sie und sich in ihr sehen soll und vor allem: wie die Götter bzw. der Gott Israels zu dieser Welt stehen, sie halten und schützen sollen. Der Mythos ist geradezu das Einklagen einer Weltordnung […].“[4]

Seneca (55 v. Chr. – 40 n. Chr.) bündelt zum einem grundlegende westlich-antike Positionen zur Gottesfrage in Verklammerung mit naturphilosophischer Kosmologie. Zum anderen bedarf der hier dargestellte Textauszug vieler Fortschreibungen und kritischer Ergänzungen, wie sie ja auch in der westlichen Tradition geleistet wurden (z.B. durch idealistische bzw. neuzeitliche Subjekt- und Selbstbewusstseinsphilosophien), und eröffnet implizit und systematisch (!) zudem Perspektiven in Richtung östliche Religionsformen, wobei ein historisch nachzuweisender Einfluss z.B. indischen Denkens auf die griechisch-römische Antike – und auch umgekehrt? – hier ausgelassen werden muss.[5] Der zur Debatte stehende Text stammt aus der Praefatio der Naturales Quaestiones I. (Textkritische Probleme werden hier nicht berücksichtigt; die Entstehung: 62-63 n. Chr.[6]; die Übersetzung stammt von mir.) Die dort präsentierten Alternativen einer Verhältnisbestimmung von Gott und Kosmos werden von mir knapp erläutert und mit kurzen historischen und systematischen Kommentaren erweitert. Es folgt ein Versuch, nur skizzenhaft, Schöpfung zu denken bzw. daran zu scheitern. Seneca verwende ich hier auch als die traditionsvertraute Stimme der Erzählinstanz. Nun die Übersetzung:

Ich sage dem Wesen der Welt Dank dann, […], wenn ich immer wieder lerne, was das Baumaterial des Universums sein könnte, wer sein Urheber/Gesetzgeber und Wächter, was Gott sein könnte, ob er in seiner Gänze nur auf sich ausgerichtet sei oder ob er manchmal auch uns erblicke, ob er täglich etwas schaffe oder nur einmal geschaffen habe, ob er Teil des Alls oder das All (sein könnte), ob es ihm erlaubt wäre, auch heute noch zu entscheiden und ob er teilweise etwas vom Gesetz der Weltordnung abschaffen könne, ob die Korrekturbedürftigkeit des Geschaffenen eine Minderung seiner Größe und ein Bekenntnis von Fehlerhaftigkeit wäre, (Notwendig müsste ihm aber dasselbe gefallen, welchem nichts außer dem Besten gefallen könnte; und darum ist er nicht weniger frei und mächtig, ist er selbst nämlich die Notwendigkeit seiner (selbst).)“[7]

Es finden sich stark juristisch eingefärbte Wortfelder, was ungefähr auch der legalistischen Einstellung der römischen Religion entspricht. Außerdem war Seneca nicht nur Philosoph, sondern auch Politiker.[8] Interessanterweise kommt Gott nur im Singular vor.[9] Zwar ermöglicht die Natur Einblicke in ihre secretiora, in ihre tieferen Geheimnisse – und jetzt wären klare Antworten zu erwarten; stattdessen aber werden zum Teil sich widersprechende Alternativen aufgelistet. Im Text überwiegen indirekte, disjunktive Fragesätze, die (vorerst) unbeantwortet bleiben. Der Text entfaltet, auch in Richtung Epilog, ein faszinierendes Plädoyer für Natur- und Religionsphilosophie: nämlich die Natur und das sich in ihr zeigende Göttliche nicht nur als Phänomene zu beschreiben, sondern auch zu deuten. 

Und nun Senecas Alternativen mit erweiterten systematischen, historischen Kommentaren – dennoch bisweilen im wilden Freestyle.[10] Dazu werde ich folgende Anmerkung erweitern: „Daß Gott ganz für sich lebt, ist epikureische Lehre. Zur Auffassung, Gott habe alles auf einmal geschaffen, vgl. Sen. benef. 6,23,1: [distatuerunt quae non mutarent.– Daß Gott nur Teil des Weltalls sei, ist stoische Ansicht; vgl. Cic. nat. deor. 1,33. – Gott als seine eigene Notwendigkeit: Die gleiche Vorstellung findet sich bei Spinoza.“[11]

Gott sei also:

… Urheber/Gesetzgeber, der sich beispielsweise zur aristotelischen Materie ordnend verhält. Das Motiv des auctor impliziert auch eine ethische relevante Weltordnung:  secundumnaturam vivere[12], gemäß der Natur leben. Oder in der monotheistisch biblisch-christlichen Lesart mit Blick auf die Genesis: Gott ist ein Ordner vorhandenen Chaos und Kosmos-Bewahrer (s. oben). Oder das Böse wird von Gott weg erzählt (Buch Hiob), um ihn zu entlasten, damit er nicht vor Gericht gestellt wird (Theodizee). Im Christentum findet sich später eine Entwicklung zur creatio ex nihilo als Ausdruck einer Souveränitätssteigerungsstrategie für Gott und vielleicht aus Angst vor dem bösen theologischen Gespenst, weil zu oft unverstanden, namens Monismus.[13]

… Wächter (siehe dazu auch weiter unten).

… selbst-reflexiv und gleichgültig gegenüber der Welt (Epikureismus und – moderner, systematisch gesehen – Deismus).

… offen für Interaktion: Vielleicht durchbricht Gott jene unendliche Distanz von Schöpfer und Geschöpf und schaut auf uns: Dies könnte verschiedene Formen einer Offenbarung sein oder, christlich gewendet und gesteigert: Inkarnation.

… Teil des Alls? Das wäre eine stoische Position (vergleichbar mit Rig-Veda X, 129), die als Monismus ausbuchstabiert werden könnte? Dies leitet über zu:

… das All? Es stellen sich die Fragen nach Einheit und Vielfalt, nach dem Absoluten und Kontingenten. Die Formulierung necessitas sua baut eine Brücke zu Spinozas Konzeption einer causa sui.[14]

… frei? Der Autonomiegedanke erlaubt einen Blick in die Kantische Philosophie und die Freiheitskonzepte von T. Pröpper.[15] Und mit Blick auf das Gottes-Prädikat Vollkommenheit formuliert Seneca die Provokation mutanda fecisse– was in ziemliche Aporien hineinführt: er habe geschaffen, was zu ändern wäre.

… dem Weltgesetz unterworfen? Das wäre typisch römisches Denken, welches z.B. dichterisch in der Aeneis von Vergil seinen kanonischen Ausdruck findet; selbst die Götter sind dem fatum (von fari) unterworfen: es gibt ein kosmisches Weltgesetz, das den geschichtlichen Ablauf festlegt und in diesem Fall zum augusteischen Rom führt.

Für den Philosophen (und Theologen) Fichte sei Schöpfung „[…] der absolute Grundirrtum aller falschen Metaphysik und Religionslehre […].“[16] Dazu folgende Begründung: „[…] denn eine Schöpfung läßt sich gar nicht ordentlich denken […] und es hat noch nie irgendein Mensch sie also gedacht.“[17] Was wäre aber nun die Bedingung der Möglichkeit, Schöpfung a priori zu denken, ohne in Aporien, Zirkelschlüssen und Projektionen zu verfallen? Eine radikale Verabschiedung vielleicht von diesem Gedanken, weil keine übergeordnete Instanz ausfindig zu machen wäre, die darüber Auskunft geben könnte: 

„1 Nicht existierte Nichtseiendes, noch auch existierte Seiendes damals – nicht existierte der Raum, noch auch der Himmel jenseits davon. … 2 … Es atmete (begann zu atmen) windlos, durch eigene Kraft da ein Einziges. … 6 … Diesseits sind die Himmlischen von der Emanation dieser [Welt]. … 7 Woher diese Emanation geworden (‚gekeimt‘) ist, ob sie getätigt worden ist [von einem Agens] oder ob nicht – wenn ein Wächter dieser [Welt] ist im höchsten Himmel, der weiß es wohl: oder ob er es nicht weiß?“[18]

Differenzdenken wird in diesem Gedicht des Rig-Veda zu einem sekundären Ereignis und setzt eine Einheit voraus, die ihrerseits wieder voraussetzungslos sein muss, um implizit einen infiniten Regress zu vermeiden. Die Götter sind also Teil der Schöpfung. Gibt es einen Wächter (custos bei Seneca) des Kosmos, der uns davon mit Autorität (auctoritas) Kunde gibt? Die Frage bleibt im Text resignativ offen.[19]

Für den Buddha lässt sich ein Erkunden nach dem Woher der Schöpfung aus ethischen Gründen dispensieren: „Mag die Ansicht bestehen ‚die Welt ist ewig‘ oder mag die Ansicht bestehen ‚die Welt ist nicht ewig‘: In jedem Fall gibt es Geburt, gibt es Alter, gibt es Tod, gibt es Leid und Klagen, Schmerz, Kümmernis und Verzweiflung, deren Überwindung schon auf dieser Erde ich verkünde.“[20] Dazu H.-M. Barth: „Buddhisten fragen nicht danach, wie die Welt entstanden sein mag; was sie interessiert, ist die Daseinsanalyse, und dabei treffen sie auf die Grundfaktoren Leid und Vergänglichkeit […].“[21]

Die Rezeption von Epikur (und Demokrit) durch Lukrez[22] geht von einem Atommodell aus: ein ewiger Fall der primordia/Atome und deren Abweichungen führen zur Gestaltung von Vielfalt. Es gebe zwar Götter, aber in abgeschiedenen Regionen. Die Zielrichtung von Lukrez ist eine mehrfache: Epikur in Rom bekannter zu machen, eine Religionskritik durchzuführen und – damit engverknüpft eine therapeutisch-soteriologische Intention, ähnlich wie bei Buddha. Der römische Dichter Vergil fasst dies wunderbar in seinen Georgica (2, 490-492) zusammen: 

felix, qui potuit rerum cognoscere causas
atque metus omnis et inexorabile fatum
subiecit pedibus strepitumque Acherontis avari …[23]

„Glücklich, wer vermochte, das Wesen der Welt zu erkennen,
und jegliche Ängste unter seine Füße warf
und ein Schicksal, das Bitten nicht zugänglich,
und des gierigen Unterweltflusses Tosen.“ (Übers. MP)

Fichte, wieder in der „Anweisung“, entwirft auf der Basis einer christlichen Hermeneutik des Johannes-Prologs folgenden Lösungsvorschlag: durch die trinitarische Binnenstruktur Gottes ist Schöpfung qua Wort eine begrifflich-wirkliche Immer-schon-Mitgegebenheit in Gott: „Ebenso so ursprünglich als Gottes inneres Sein ist sein Dasein […]: und dieses göttliche Dasein ist in seiner eigenen Materie notwendig Wissen: und in diesem Wissen allein ist eine Welt und alle Dinge, welche in der Welt sich vorfinden, wirklich geworden.“[24] Dies eröffnet trotz des a-posteriorischen Momentes der christlichen Dreifaltigkeitslehre Wege in die komplexen Theoriefelder des Pan-en-theismus und des Monismus. Nach K. Müller präferiere C. Hartshorne folgende Gottesbegriffe: Gott sei der, „[…] der in manchen Hinsichten absolut vollkommen, in einigen nur relativ vollkommen ist […].“[25] Das wäre ein prozesstheologischer Ausweg aus Senecas Aporie: wie könne Gott mutanda (Veränderungsbedürftiges) schaffen, da er doch selbst vollkommen sei? Gott als dynamisch-evolutionärer Dichter des Kosmos? „God has a spatial aspect; the divine ‚ubiquity‘ is God’s presence everywhere in space; but if space is finite, then so is the divine ubiquity. Moreover, if the special expansion of the cosmos is possible, God’s spatial finitude can also expand. But what canot be is that God should be a mere fragment of the spatial whole, as each of us.”[26] Und weiter: wie wäre Gott als frei zu denken, um beispielsweise einem stoischen Determinismus zu entgehen? Hartshorne fügt in seinen religionsphilosophischen Überlegungen moderne Naturwissenschaft mit ein (was zumindest irgendeine Form von einem All-Einheitszusammenhang von Gott und Kosmos impliziert), so z.B. in der These: „There seems nothing in quantum mechanics that conflict with theism. If even particles have no wholly predetermined path, and atoms can change their internal organization, subject only to a statistic law, then creativity may indeed be universal. When classical physics appeared to deny this, it was functioning not as science but as philosophy, as a metaphysics.”[27]

Seneca reizt in seinem Prosatext die Möglichkeiten des Lateinischen und des antiken Gottdenkens aus – in einem Hin und Her zwischen Meta- und Fachsprache und rhetorisch-semantischen Ambiguitäten (z.B. fata). In Kapitel 13 der Präfatio wird sogar das aristotelische Nicht-Widerspruchsprinzip – gewissermaßen als Bauplan einer späteren cusanisch-negativen Theologie – außer Kraft gesetzt werden, um in einer Art Grenzmetapher die Denkbarkeit Gottes sprachlich zu fassen; vermutlich griff Anselm von Canterbury bei seinem berühmten ontologischen Argument auf diese Vorlage mit ihrem absoluten Komparativ zurück. „Was ist Gott? Was du siehst: Alles, und was du nicht siehst, auch Alles. So erhält er schließlich seine Größe zurück, im Verhältnis zu der nichts Größeres gedacht werden kann – unter der Bedingung, dass er allein alles ist […].“[28]

Die vielfältigen Wege, die Senecas Präfatio eröffnet, zeigen sowohl grundlegende Fragestellungen als auch zugleich unabschließbare Aufgaben, die zum einen in umfassender Ausbildung ihren festen Platz haben sollten, so Senecas Schlussplädoyer als eines Anwalts der Naturphilosophie, und die zum anderen Achtung bezeugen vor dem, was in verschiedenen Philosophenschulen vorher und vor-gedacht wurde. Seneca bedauert das Aussterben bestimmter Traditionen in Rom. Außerdem kritisiert er das Verstricktsein in eine rauschhafte Ablenkungskultur, in seiner Zeit konkret ‚Schauspiele‘ und eskalatorische ‚Gladiatorenkämpfe‘, die den Zugang zum Wesen der Welt verstellen. 

Und Dichten? G. Gamm und seine Mitherausgeber formulieren in ihrer Einleitung zu „Philosophie und Literatur“: letztere erspare sich, „[…] von Anfang an aufgrund ihrer Performativität und Fiktionalität […], intentio recta die Dinge erfassen zu wollen. […] Der doppelte Boden der Form, der ästhetischen zumal ruft die Philosophie auf den Plan, um, wenn sie es denn könnte, Näheres dazu zu sagen.“[29] Beispielsweise zur Schöpfung und wie darüber gedichtet und geschrieben wurde. 

Teil 2

nātūra, -aef. ‚Geburt; Geborensein; […] angeborene Beschaffenheit, Wesen; Natur, Welt‘ […].“[30]

„Das Küken im Ei,
das schon in der Schale redet –
du gibst ihm Luft darinnen, um es zu beleben.
Du hast ihm seine Frist gesetzt,
(die Schale) zu zerbrechen im Ei;
es geht hervor aus dem Ei,
um zu sprechen zu seiner Frist,
es läuft schon auf den Füßen, wenn es herauskommt aus ihm.“[31]

„Atem der Götter, der Schöpfung Keim, dieser Gott geht und weht, wie er will. Sein Rauschen und Brausen lassen sich hören, nicht seine Gestalt. Ihm hier, dem Wind, wollen wir verehren und opfern.“[32]

„… so dass nicht waren unbegrenzte Zeit Chaos oder Nacht, sondern Dasselbe: immer, entweder periodisch oder anders, wenn überhaupt Wirkende-Wirklichkeit eher als die Möglichkeit (war).“[33]

„Das gesamte Weltall geht in bestimmten Perioden in Feuer auf, um sich dann aufs Neue wieder zu bilden. Das Urfeuer ist wie ein Same, der alle Gründe und Ursachen dessen, was ward, wird und werden wird, in sich birgt.“[34]

„[…] und auf Grund welcher Schwere Alles sich nach unten bewegt und stets nach dem Mittelpunkt der Erde strebt, der seinerseits der unterste Punkt im Kreise ist. […]; der Mensch läßt sich nicht in die Kürze des Lebens einengen, wenn er die Ursachen der Dinge sieht, wie die eine an die andere angepaßt und mit Notwendigkeit verknüpft ist und die seit ewiger Zeiten dahinfließen und noch für alle Ewigkeit von der Vernunft und dem Geist regiert werden.“[35]

„Ihre Beschäftigung mit Astronomie, Mathematik und Philosophie sei eine finstere Angelegenheit. Hypatia war eine Frau, konnte also nur eine Hexe sein, die sich der schwarzen Magie hingab. Im März 415 (oder 416) schritt die Menge zur Tat […]. Vor ihrem Haus wurde die heimkehrende Hypatia aus dem Wagen gezerrt und zu einer Kirche geschleift […]. Dort riss man der sechzigjährigen Philosophin die Kleider vom Leib und ermordetet sie, wie es in den Quellen heißt, mit Scherben (griechisch ostraka). […] Irgendwann sprach die Kirche Kyrill, den Helden des christlichen Mobs, heilig. Mit dem Mord an Hypatia endete nicht nur das Leben einer bemerkenswerten Frau, er markierte auch den Niedergang des geistigen Lebens in Alexandria, war das Totengeläut für eine ganze geistige Tradition […].“[36]

„Der Säkularisierungsschub des 18. Jahrhunderts erbrachte eine vielfach unmittelbare, oftmals aus der Anschauung gewonnene Wahrnehmung der Natur, die nun nicht mehr als nur göttlich geschaffene, sondern selbst als schaffende Kraft gedeutet wurde. […] Umso mehr wurde es zur Aufgabe der theoretischen Systeme, die Natur zu begreifen und ihre ständig voranschreitende wissenschaftliche Beschreibung durch eine gedankliche, nicht mehr religiöse Interpretation zu bewältigen.“[37]

Einen zu bereichern, unter allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.
Traurig such ich an dem Sternenbogen,
Dich, Selene, find ich dort nicht mehr;
Durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen,
Ach! sie widerhallen leer!

Unbewußt der Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Trefflichkeit, 
Nie gewahr des Armes, der sie lenket,
Reicher nie durch meine Dankbarkeit,
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur!“[38]

„Gravitation, Du hast uns bislang weit geführt,
vom Rand eines Randes – er ist null –
zur Impenergie als Rotationsmoment, 
und am Ende dieses Weges
haben wir Deinen schönsten Preis errungen:
die Raumzeitgeometrie
in der Umgebung eines Anziehungszentrums,
das Leitprinzip der Gravitation von Erde und Sonne,
Schwarzem Loch und Kosmos.“[39]

„The Cosmos is all that is or ever was or ever will be.”[40]

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine vielfältigen Texte bei CulturMag hier.


[1]Vgl. dazu beispielsweise die Serie Orphan Black.
[2]Siehe dazu auch D. Henrich: Subjektivität als Prinzip, in: Ders.: Bewußtes Leben. Untersuchungen zum Verhältnis von Subjektivität und Metaphysik, Stuttgart 2008, 49-73, hier 64: „Aber nicht nur in Beziehung auf das Einzelne, das ich bin, sondern bereits in Beziehung auf die Verfassung des Wissens von sich ist die Frage nach einem Grund der wissenden Selbstbeziehung unabweisbar. Denn diese Verfassung ist komplex und durchaus nicht aus sich zu begreifen. Sie hat nicht die Selbstgenügsamkeit einer platonischen Idee, und wir können sie auch nicht in selbständige Komponenten zerlegen, um von einer dieser Komponenten her das Ganze synthetisch zu rekonstruieren. In solchen Fällen muss immer nach einem vorausgehenden Grund gefragt werden, womit zugleich die Frage nach dem Woher aufgenommen wird, in die das seiner selbst bewußte Leben auch von sich aus immer schon gezogen ist. Schöpfungsakte können sie nicht beantworten, da in ihnen ein Subjekt von grundsätzlich derselben Wesensart vorausgesetzt wäre, wie die unsrige es ist.“
[3]H. Deuser: Religion: Kosmologie und Evolution. Sieben religionsphilosophische Essays, Tübingen 2014, 37.
[4]K. Löning – E. Zenger: Als Anfang schuf Gott. Biblische Schöpfungstheologien, Düsseldorf 1997, 41. Zum (post)modernen Verlust des Weltbezuges siehe bitte H. Rosa: Unverfügbarkeit, Wien – Salzburg 2018, 33: „Solche Art von Weltverlust ist nun aber offensichtlich unabhängig von der Frage der Weltreichweite; er kann sich (individuell und kollektiv) in aller Radikalität gerade auch dort einstellen, wo Menschen die Welt technisch, ökonomisch und sozial in hohem Maße verfügbar ist. Da draußen ist alles tot, grau, kalt und leer, und auch in mir ist alles stumm und taub.
[5]Vgl. dazu Markus Pohlmeyer: Weihnachten kommt aus Indien – Interdependenzen. Ein Versuch, in: M. Pohlmeyer – B. Schmelz (Hrsg.): Weihnachten. Von der globalisierten Postmoderne in die Antike – (un)gewohnte Zugänge, Flensburger Studien zu Literatur und Theologie, Bd. 11, Hamburg 2017, 115-131. Siehe auch A. Schriefl: Stoische Philosophie. Eine Einführung, Stuttgart 2019, 172 f.
[6]Vgl. dazu Nachwort, in: L. Annaeus Seneca: Naturales quaestiones. Naturwissenschaftliche Untersuchungen, lat./dt., übers. u. hg. v. O. u. E. Schönberger, Stuttgart 1998, 513. 
7]Lateinischer Text nach L. Annaeus Seneca: Naturales quaestiones. Naturwissenschaftliche Untersuchungen, lat./dt., übers. u. hg. v. O. u. E. Schönberger, Stuttgart 1998, 6. (Übers. v. M. Pohlmeyer) Vgl. dazu auch G. Maurach. Geschichte der römischen Philosophie, 3. Aufl., Darmstadt 2006 und Ders.: Seneca. Leben und Werk, 4. Aufl., Darmstadt 2005, 145-157. Und auch M. v. Albrecht: Seneca. Eine Einführung, Stuttgart 2018.
[8]Vgl. dazu J. Romm: Seneca und der Tyrann. Die Kunst des Mordens an Neros Hof, übers. v. K. H. Siber, München 2018.
[9]Vgl. dazu H. Verweyen: Philosophie und Theologie. Vom Mythos zum Logos zum Mythos, Darmstadt 2005, 118 f.
[10]Methodisch angelehnt an T. Wörtche.
[11]Anmerkungen, 3, in: L. Annaeus Seneca: Naturales quaestiones. Naturwissenschaftliche Untersuchungen, lat./dt., übers. u. hg. v. O. u. E. Schönberger, Stuttgart 1998, 465.
[12]Vgl. dazu Sen. ep. moral. 41.
[13]Vgl. dazu Markus Pohlmeyer: Narrare è creare. Come Echnaton e Thomas Mann inventarono Dio, in Il Regno, 16/2016, 475-478.  
[14]Siehe dazu ETHICA, in: Benedictus de Spinoza: Opera, lat./dt., Bd. 2, 4. Aufl., Darmstadt 1989, 86.
[15]Beispielsweise T. Pröpper: Evangelium und freie Vernunft. Konturen einer theologischen Hermeneutik, Freiburg im Breisgau 2001.
[16]J. G. Fichte: Die Anweisung zum seligen Leben, oder auch die Religionslehre (1806), in: Ders.: Ausgewählte Werke in sechs Bänden, hg. v. F. Medicus, 5. Band, Darmstadt 2013, 103-307, hier 191.
[17]Fichte: Anweisung (s. Anm. 16), 191. Vgl. dazu auch K. Müller: Gott – größer als der Monotheismus? Kosmologie, Neurologie und Atheismus als Anamnesen einer verdrängten Denkform, in F. Meier-Hamidi – K. Müller (Hrsg.): Persönlich und alles zugleich. Theorien der All-Einheit und christliche Gottrede, Regensburg 2010, 9-46.
[18]Gedichte aus dem Rig-Veda, übers. v. P. Thieme, Stuttgart 1983, 66 f. Vgl. dazu auch T. Oberlies: Der Rigveda und seine Religion, Berlin 2012. Text im vedischen Sanskrit in: A. A. Macdonell: A Vedic Reader, 17. Aufl., Oxford University Press, 1990, 207-211.
[19]Vgl. dazu mit stark monistischer Lesart Cassian R. Agera: Creation in the Nasadiyasukta (Rg Veda X: 129): A Metaphysical Explorat, in: Studies in interreligious dialogue 15, 2005, 155-164. 
[20]H. Bechert (Hg.:) Reden des Buddha. Lehre, Verse, Erzählungen, übers. v. H. Oldenberg, Freiburg – Basel – Wien 1993, 165.
[21]H.-M. Barth: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch, 2. Aufl., Gütersloh 2002, 468. 
[22]Siehe dazu Lukrez: Über die Natur der Dinge, übers. v. K. Binder, München 2017.      
[23]P. Vergili Maronis Opera, hg. v. R. A. B. Mynors, Oxford 1969, 61 f.[24]Fichte: Anweisung (s. Anm. 16), 193. Siehe auch H. Kessler: Evolution und Schöpfung in neuer Sicht, 5. Aufl., Kevelaer 2017. 
[25]K. Müller: in J. Enxing – K. Müller (Hrsg.): Perfect Changes. Die Religionsphilosophie Charles Hartshornes, Regensburg 2012, Gott: Totus intra, totus extra. Über Charles Hartshornes Transformation des Theismus, 11-24, hier 14.
[26]C. Hartshorne: Onnipotence and other Theological Mistakes, State University of New York, Albany 1984, 131. Vgl. dazu auch R. Faber: Gott als Poet der Welt. Anliegen und Perspektiven der Prozesstheologie, 2. Aufl., Darmstadt 2004.
[27]C. Hartshorne: A Natural Theology For Our Time, 6. Aufl., Open Court Publishing Company 1989, 92 f.
[28]Vgl. dazu L. Annaeus Seneca: Naturales quaestiones. Naturwissenschaftliche Untersuchungen, lat./dt., übers. u. hg. v. O. u. E. Schönberger, Stuttgart 1998, 12. 
[29]G. Gamm – A. Nordmann – E. Schürmann: Philosophie und Literatur, in:  G. Gamm – A. Nordmann – E. Schürmann (Hrsg): Philosophie im Spiegel der Literatur, Hamburg 2007, 5-9 hier 8 f.
[30]A. Walde – J. B. Hofmann: Lateinisches etymologisches Wörterbuch, Bd. 1, 6. Aufl., Heidelberg 2008, 598.
[31]Aus: Der Sonnengesang Echnatons, zitiert nach E. Hornung: Echnaton. Die Religion des Lichtes, 2. Aufl., Düsseldorf – Zürich 2001, 90.
[32]Aus Rig-Veda X, 168, Originaltext in: A. A. Macdonell: A Vedic Reader, 17. Aufl., Oxford University Press, 1990, 218. Freiere Übersetzung von mir.
[33]Aristoteles, gr. Text nach Aristoteles: Metaphysik XII, übers. u. kommentiert v. H.-G. Gadamer, 2. Aufl. Frankfurt am Main 1970, 30. Übersetzung hier von mir.
[34]Aristocles ap. Euseb. XV, in: Stoische Weisheit. Griechisch-Lateinisch-Deutsch. Auswahl v. H. Panitz, Münster 1974, 81. Siehe dazu auch Stoa und Stoiker, Bd. I, Griechisch-lateinisch-deutsch, übers. v. R. Nickel, Düsseldorf 2008 (vor allem 2.3 „Physik“).
[35]Cicero: Gespräche in Tusculum, in: M. Tullius Cicero: Ausgewählte Werke, Bd. 1: Philosophische Schriften, hg. u. übers. v. R. Nickel u. O. Gigon, Düsseldorf und WBG 2008, 255-487, hier 465 f.
[36]S. Greenblatt: Die Wende. Wie die Renaissance begann, übers. v. K. Binder, 3. Aufl., München 2012, 102.
[37]M. Mayer: Klassik und Romantik (Geschichte der deutschen Lyrik, Bd. 3), Stuttgart 2012, 56 f.
[38]Aus: F. Schiller: Die Götter Griechenlands, in Ders.: Sämtliche Werke, Bd. 1, Gedichte – Dramen I, hg. v. A. Meier, München 2004, 168.
[39]J. A. Wheeler: Gravitation und Raumzeit. Die vierdimensionale Ereigniswelt der Relativitätstheorie, übers. v. C. Kiefer, Heidelberg – Berlin – New York, 1991/92, 159.
[40]C. Sagan: Cosmos, New York 2013 (Paperback-Ausgabe), 1.

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