
Sich hinter der Haut anschauen
Alf Mayer über den Gedichtband von Ulrike Schrimpf
Vor den Spiegel stellte er sich, entkleidet, und schrie
und schrie: Ich bin ein Mensch, ein Mensch wie ihr!
(Hans Henny Jahnn, Perrudja, 1929)
Dieses Buch zuckt und pulsiert in der Hand. Springt einem ins Gesicht, und faucht und schnurrt, schmiegt sich an, zerkratzt im nächsten Moment. Dieses Buch lebt. Ist radikal. Ist voller Kraft und Schmerz und Zuneigung. Und Selbstbehauptung.
Es tut, was Sprache nur als Lyrik kann: Pochen und schlagen wie ein Herz. Und genau zu sein und unerbittlich. Geschliffen wie Kristall. Ehrlich mit jedem Wort.
In ihrem zweiten Lyrikband »Mein anfällig gewordenes Herz« öffnet uns Ulrike Schrimpf ihre Herzkammern. Zeigt, was sie liebt und fürchtet, erinnert und bewahrt und exorziert. Ganz und gar sinnlich. Mutig.
Und vor allem wild. Und frei.
Oft ist es Nacht in ihm.
Wenn
Frauen schlafen
gehen, gehen Frauen in
Wahrheit nicht schlafen, sondern …
hebt das erste Gedicht an, und fährt fort:
nachts
gehen Frauen
atmen, laufen, denken,
essen, streiten, malen, lieben,
hoffen,
leiden, schaffen,
reparieren gehen sie
vor allem kleine Seelen
und morden.
Ausgebrannte Tiere schlafen hinter deiner Stirn, heißt es in »Schrottplatz«, zweifellos ein ganzer Zoo, den man nicht besuchen darf. Sieh einmal genau hin, trau dich ruhig, ermuntert das Gedicht »Wenn du nackt bist«, sieh dich an… schenke dir einen Blick, sei eine Seherin … als wärst du ein Kind, um zu überleben.
Sich hinter der Haut anzuschauen, gegenseitig, das war für den Dichter Hans Henny Jahnn das Begehr in seinen Romanen. Die Gedichte von Ulrike Schrimpf haben mich daran wieder erinnert. In der den Band abschließenden dreiseitigen, atemlosen Tirade »Einmal« ermuntert sie dazu, einmal im leben auf den tisch springen, hosen runterlassen, schreien, sich winden, am besten nackt … unbedingt einmal nur ohne angst etwas tun, was du wirklich willst, einmal in deinem ganzen leben…
Herz, was willst du mehr. Trau dich. Lies.

Axel Holst liest bei der Buchpremiere in Berlin 
Ulrike Schrimpf und Axel Holst, 2023 in der Brotfabrik
Einen »Sonnengesang« gibt es für die, die gegangen sind und die, die gehen werden. (Als Textauszug bei uns hier.) Auch vor dem Abschied hat dieser Gedichtband keine Angst. Oder vor dem Begehren. Oder der Kindheit. Manche Zeilenfolgen sind wie Gletscherspalten. Brunnenschächte. Narben. Zungenküsse.
Welch ein großes, schmales, wildes, ungezähmtes Buch. Voller Glück und Leid und Liebe und Mut. Von Hendrik Liersch in seiner Corvinus Presse in Berlin-Kreuzberg gesetzt, gedruckt und gebunden, eine bibliophile Kostbarkeit. Bereits in der zweiten Auflage. Und ja, unbedingt auch etwas zum Verschenken.
Der Regisseur, Schauspieler, Buchdrucker, Grafiker, Illustrator und Erzähler Axel Holst hat kongenial illustriert. Hier kann man ihn bei der Buchpremiere lesen hören.
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Ulrike Schrimpf: Mein anfällig gewordenes Herz. Mit 6 Grafiken von Axel Holst. Corvinus Presse, Berlin 2024. Japanische Bindung, 48 Seiten, von der Autorin und vom Autor signiert, zweite Auflage, 30 Euro. Bestell-Email: corvinus@snafu.de
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Siehe auch: Ulkrike Schrimpf, Axel Holst: Blinde Versuche über das Töten: von Menschen. Literatur Quickie Verlag Lou Probsthayn, Hamburg 2023. 3 Euro. – Daraus: Kettenkarussell, exklusiv bei uns im CulturMag-Jahresrückblick 2023.
Ihre Internetseite hier. Ingrid Mylo über den Gedichtband bei uns hier. Das Gedicht »Sonnengesang« als Textauszug bei uns hier.
Ulrike Schrimpf bei uns:
Eine Riesin sein – über Elke Schmitter »Alles, was ich über Liebe weiss…«, CulturMag Dezember 2024
Ein Restlicht: im Universum – über Daniela Kulots Kinderbuch Es geschah auch kein Unfug… Drei Familiengeschichten, CulturMag Oktober 2024
Wenn man Worte hat, kann man froh sein – Antje Bones & Ulrike Schrimpf über Kinder- und Jugendliteratur, CulturMag September 2024
Sprache, Form und Dichtung. engramme. dinge ohne augen zeugen. gedichte zu den arolsen archives, CulturMag Mai 2024
Ein vertikaler Riss in der Wirklichkeit. Ein langes Interview mit Steve Rasnic Tem, CulturMag April 2024
„Auf den sich ausbreitenden Irrsinn sei zu achten.“ Ein Gespräch mit der Künstlerin und Schriftstellerin Ulrike Damm, CulturMag Februar 2024
Herzschlaglektüre: Was Tote träumen. Ulrike Schrimpf zu Andreas Pflügers Roman „Wie Sterben geht“, CulturMag Dezember 2023
Jan Kuhlbrodt „Krüppelpassion“, CulturMag November 2023
„Ich will runter in den Schacht.“ Tanja Schwarz‘ aktueller Roman „Vaters Stimme“. Ein Gespräch, CulturMag Oktober 2023.











