Die Ermittlung des Selbst. Ein Schicksalskrimi. Gut, ganz stimmt das nicht. Man kann darüber streiten, ob Gianrico Carofiglios „Der Horizont der Nacht“ überhaupt ein Krimi ist. Eher ein Justizroman besonderer Art, in dem die Sinnkrise des Anwalts Guido Guerrieri und seine Therapiesitzungen ebenso wichtig sind wie ein Prozess um Mord und Totschlag. Nicht zufällig ist Carofiglios Protagonist am 6. Juni 1961 geboren – ausgerechnet am Todestag Carl Gustav Jungs, des Begründers der Analytischen Psychologie. Ein netter Schlenker des Autors, der die Fragen von Schuld, Gerechtigkeit und Sühne in seinem siebten
Read More Die Buchhandlung der „mutigen Männer“ oder Omnia vincit amor – Liebe besiegt alles Vergangene Kriege sind nie weg, hören nie auf. Das erfährt der junge, namenlose spanische Journalist, der 1981 nach seinem Besuch des Schifffahrtsmuseums von Venedig einschlägige Literatur in der Buchhandlung Olterra sucht. Neben einem Foto, das die alte Buchhändlerin als junge Frau mit einem Mann zeigt, erkennt er auf einem anderen Bild denselben Mann auf einem maiale, das er gerade im Museum gesehen hat. Einen kurzen, von Kampfschwimmern gesteuerten Torpedo, der im Zweiten Weltkrieg wegen seiner Schwerfälligkeit Schwein
Read More Die einsame Skeptikerin – oder: Der eigentliche Fall bist du selbst Roland Keller zur Serie „Mord in Genua – Ein Fall für Petra Delicato“ (Originaltitel: „Petra“) Sucht man im Internet nach deutschen und italienischen Kritiken zur Serienverfilmung von Alicia Giménez Bartletts Romanreihe „Petra Delicado“, die hierzulande bei Sky und im ZDF unter dem Titel „Mord in Genua – Ein Fall für Petra Delicato“ lief, könnte man glauben, nichts versäumt zu haben. Da wird die böse Frage gestellt, ob man Zuschauern anderthalb Stunden lang einen solch schwierigen Charakter wie diese Ex-Anwältin Petra zumuten dürfe.
Read More Die ganz private Held:innenreise Sind wir nicht alle auf einer Heldenreise durch unser Leben? Und gespannt, wohin sie uns führt – und vor allem, wie und ob wir sie beeinflussen können? Dazu die große Frage: Wie können wir in unser Schicksal eingreifen, statt es einfach über uns kommen zu lassen, hinzunehmen? Wenn Autoren seit Odysseus’ Zeiten ihre Protagonisten auf Heldenreisen schicken – jetzt im Sommer von Christopher Nolan als großes Kinoepos wiederbelebt –, muss es doch auch uns einfachen Sterblichen gestattet sein, unser Leben als Heldenreise zu uns selbst zu
Read More Terror ist nicht digital Nachdem ihre Ermittlerin Obalski in „Riot Girl“ den Abgründen der Teenagerwelt in den sozialen Medien entkommen ist, wirft Autorin Susanne Kaiser sie in „Witch Hunt“ erneut undercover in den Sumpf der digitalen Welt. Ihr Auftrag ist es, die Quelle und die Verursacher von Hasskampagnen zu finden, die sich gegen Deniz Yanar richten, eine bayerische Landtagsabgeordnete mit Migrationshintergrund. Sie ist die perfekte Angriffsfläche für stehengebliebene Trolle im Netz: eine selbstbewusste Frau ohne „biodeutsche“ Gene, die hier der Fortsetzung der klassischen Hexenjagd in den sozialen Medien ausgeliefert ist.
Read More Kakanische Abgründe Das Leben könnte so schön sein, so klar und sauber wie das Wasser des kleinen Badesees im Burgenland, wenn es keine Grundbesitzer gäbe, die es auf das Geld anderer abgesehen hätten. Denn für die zweihundert Ferienhäuschen rund um den künstlichen See – für die einen ein Paradies, für andere nur eine Ansammlung hässlicher Schuhschachteln – steht eine enorme Erhöhung der Pacht an. Kurz: Das Freizeitidyll der Eisenstädter ist bedroht. Aber nicht allein dadurch, auch ein Gasfeld, das unter dem See entdeckt wird, stört die vermeintliche Harmonie. Dieser Antikrimi,
Read More Nachrichten aus der Welt der Untoten Warum streben Menschen danach, unsterblich zu sein?Vielleicht ist die einfachste Antwort, dass bisher niemand verlässlich weiß, was nach dem Tod passiert. Himmel?Hölle?Oder einfach nichts? Wer es sich leisten kann, wie einst die Pharaonen, lässt Monumente errichten, die zumindest nach menschlichen Vorstellungen ewig an sie erinnern. Auch große künstlerische Werke schaffen es in die Unsterblichkeit, zumindest je nach Lage des Zeitgeistes, des Feuilletons und ihrer Apologeten, die sich auf Zweitverwertung spezialisiert haben. Andere haben das Pech, zu früh zu sterben, und das zweifelhafte Glück, als
Read More Die Hölle ist im eigenen Kopf Ein guter Titel ist ein Versprechen. „Voices. Ich kann euch hören“ löst es ein – und zwar mit beklemmender Konsequenz. Natalie Chandlers Psychothriller beginnt dort, wo jede Selbstgewissheit endet: im Körper, der nicht mehr gehorcht. Ihre Protagonistin Tamsin Shaw, eine forensische Psychiaterin, liegt nach einem Autounfall im Koma mit Locked-in-Syndrom. Kein Blinzeln, kein Zucken, kein Laut. Doch ihr Bewusstsein ist in dieser gelähmten Hülle hyperaktiv. Wie der Titel „Voices“ schon sagt, hört Tamsin alles, nimmt alles in ihrer Umgebung wahr: Gespräche, Zweifel, Lügen. Hilflos,
Read More Kino-Glücksmomente François Loebs „Die Straßenbahn, die ins Kino wollte“ ist eine Hymne voller Poesie, Sehnsucht und Melancholie an die Paläste der Illusion und die Wunder des Lichts, mit wunderbaren Ausbrüchen und Ausflügen aus der Wirklichkeit. Cinemania. Oder in einem Satz: bestes, nein, herrliches Fantasie-Kino zum Lesen. Nein, ganz trifft das nicht. Es ist ein Buch zum Mitreisen, zum Miterleben, mit dem uns der Schweizer Loeb in eine Welt voller kleiner und großer Wunder führt. Angesteckt mit dem Kinovirus wurde er bei seinem ersten Besuch 1944 in Lyon als Vierjähriger. Hingeflogen
Read More Reaktionäre unter sich – Don Camillo und Peppone reloaded In den Dritten Programmen, zumindest im Bayerischen Rundfunk, sind die Don-Camillo-und-Peppone-Filme (1952 bis 1965 entstanden) auch heute noch Dauerläufer. Wunderbar, wie es zwischen den beiden Ideologie-Kriegern und Doktrinären menschelt und Jesus vom Kreuz herab den Kreuzzügler Don Camillo an die christlichen Werte erinnern muss. Da würde man sich wünschen, dass aus Peppones Stalinbild ebenso der Geist Karl Marx’ hervortreten würde, um den Bürgermeister auf den wahren Weg des Kommunismus zu führen. Nun leider hatte es der Autor der Bücher, Giovannino Guareschi,
Read More Ich bin der Tod Felix freut sich seit Langem auf ein Wochenende mit Ben und Laura in einer einsamen bayerischen Waldhütte – und ist entsprechend frustriert, als die beiden unangekündigt Gäste mitbringen. In die angespannte Stimmung platzt ein alter Mann und fordert die Gruppe auf, eine Person auszuwählen, die es verdient, weiterzuleben. Alle anderen müssen sterben. Er stellt sich als der Tod vor. Das Setting von Autor Daniel Alvarenga macht neugierig. Nehmen die jungen Leute die Drohung und Prophezeiung ernst? Zucken sie über die verrückte Ankündigung nur mit den Schultern?
Read More Politthriller gegen Rechts Der Titel „Operation Machtergreifung“ erinnert an 1933. Allerdings konfrontiert Autor Jörg H. Trauboth in seinem Politthriller den Leser mit einem Staatsstreich, der schon in drei Jahren Deutschland zurück in die dunklen Seiten des Faschismus werfen könnte. Die Partei für Deutschland, man muss nicht lange rate, für wen sie steht, versucht bei der Bundestagswahl 2029 die Macht an sich reißen. Bleiben wir beim Wort reißen, besser Reißer. Mit einer clever inszenierten Entführung des Bundeskanzlers Joachim Münster durch rechtsradikale Verschwörer in der Wewelsburg bei Paderborn, einst Kultstätte der SS,
Read More Bewusstseins-Erweiterungs-Thriller Wenn Dan Brown seinen Symbolforscher Robert Langdon samt dessen Freundin Katherine Solomon nach Prag schickt, dann können wir einiges erleben. Einen besseren Reiseführer durch die Gassen und die Vergangenheit der Moldau-Metropole als den allwissenden Langdon gibt es wohl nicht.Eigentlich ist er diesmal nur der Anhang seiner Geliebten Katherine. Die Neotik-Forscherin hält an der Moldau einen Vortrag über ihre jüngsten Erkenntnisse des menschlichen Bewusstseins – Erkenntnisse, mit denen sie und damit auch Langdon ins Fadenkreuz der CIA geraten. Denn die CIA will verhindern, dass ihr neues Buch auf den Markt
Read More Binge-Reading mit Pausen Kommt nach dem Binge-Watching jetzt auch das Binge-Reading? – Von Roland Keller Unter ihrem Pseudonym Karen Sander – die vielschreibende Autorin Sabine Klewe mit einer halben Million Auflage nutzt gleich mehrere für unterschiedliche Arbeiten – legt sie jetzt mit „Die Tiefe“ die erste Folge der dritten Mini-Staffel ihrer Ostsee-Krimi-Trilogie vor, die im Untertitel „Versunken“ heißt. Für Nichtkenner: Die vorangegangenen Mini-Staffeln mit Spiegel-Bestseller-Prädikat tragen die Titel „Der Strand“ und „Der Sturm“ und bestehen aus je drei Folgen. Hier lebt die Fortsetzungstradition wieder auf, die etwa die Leser von
Read More Wien Noir Andreas Pittler: In der Sache Apfelbaum – Bronsteins letzter Fall. Kremayr & Scheriau, 272 Seiten, 17 Euro. „Ein echter Wiener geht nicht unter“ hieß eine ORF-Kultserie – was leider nicht auf Herschel Apfelbaum zutrifft. 1948 hält es der Wiener Emigrant in New York nicht mehr aus. Das wässrige Gesöff, das in Amerika Kaffee heißt, wie auch das Speiseangebot, nimmt er als persönliche Beleidigung. Die zehn Jahre seit der Flucht aus der nazifizierten Ostmark erscheinen ihm wie eine Strafe für sein Überleben. Nichts wie weg, zurück ins befreite Nachkriegs-Wien.
Read More Gelbe Gefahr reloaded Die Gelbe Gefahr, vor der Kaiser Wilhelm II. schon vor 125 Jahren warnte, gibt in Robert Lackners Thriller den Grundton an. Zu Beginn von „Seidenstraße“ gehen die ersten Schüsse lediglich in die Luft. Max Oster, Sicherheitschef des Hamburger Hafenterminals, reißt einem unfähigen Polizisten die Pistole aus dem Halfter und treibt gewalttätige Gegner und Befürworter des chinesischen Einstiegs beim Hamburger Hafen auseinander. Dervon seinem Afghanistan-Einsatz traumatisierte Ex-BND-Mann fackelt nicht lange, wenn er Gefahr wittert – und ihn kümmert es nicht, wie das bei seinen Chefs und in der
Read More Leere Häuser auf Sardinien La Sardegna, ein Traum aus wild-romantische Landschaften, umgeben von azurblauem Meer. Wer aus dem Flugzeug steigt, wird umhüllt vom warmen Wind, der nach See und Natur riecht. Nichts ist vom tief sitzenden Schrecken der Vergangenheit Sardienins zu spüren, der in Vera Bucks „Der dunkle Sommer“ mit Gewalt an die Oberfläche drängt. Der Roman ist mehr als passende Urlaubslektüre, doch Vorsicht, das von Rowohlt verkündete Thriller-Versprechen könnte beim Leser falsche Erwartungen wecken, auch wenn Buck etliche Thrill-Momente und zahlreiche Cliffhanger zwischen ihren Schwenks auf Personen und Ereignisse
Read More Kids-Beben Was genau ist eigentlich die Arbeit von Jugendämtern? Wissen die, was bei der Jugend los ist, was sie bewegt, reibt, wütend macht? Was wissen wir über Jugendliche und ihre Welt, die uns auf der Straße, in der U-Bahn, in der Nachbarschaft begegnen? Oft Kopfhörer im oder auf dem Ohr, als würden sie sich von unserer Welt, die nicht die ihre zu sein scheint, abschotten. Ja, was wissen die Eltern tatsächlich über ihre heranwachsenden Kinder? Und was ist uns aus unserer Jugend im Kopf geblieben? Fragen, die sich in den
Read More Bernhard Aichner,
Read More „PIGS“ – Charles Manson reloaded und die Stadt der Engel In Jens Feuerriegel ersten Roman „PIGS“ sind die schockierenden Morde der Charles-Manson-Sekte Ausgangspunkt, um im düsteren Sound der späten 1960er Jahre tiefe Blutspuren durch ein vom Rassenhass gezeichnetes Los Angeles zu ziehen. Bevor Sie „Pigs“ lesen, sollten sie Roman Polanskis Meisterwerk „Tanz der Vampire“ anschauen, das in der Vorweihnachtszeit 1967 zum Blockbuster wurde. Um so mehr lässt sich der Schock nachvollziehen, den die tödliche Schändung der Hauptdarstellerin Sharon Tate gute eineinhalb Jahre später auslöste. Gleich zu Beginn schildert der Roman
Read More Ein Mordsspaß um Bob Dylan und Arno Schmidt „Sanft strich der Abendwind durch die Blätter der Blutbuchen, die rings um das Schlosshotel Hohenhaus Wache standen”, sind die ersten Zeilen von „Mord auf Hohenhaus”. Sie harmonieren perfekt mit der Warnung auf dem Cover: „Ein Schlosshotel-Kriminalroman”. Zum Glück hat mich das nicht abgeschreckt, der Name des Autors hat mich neugierig gemacht. In welche Niederungen des Genres hat sich Gerhard Henschel verirrt? Stammt nicht von ihm die Satire „Sex-Schock – Penis kaputt?“, die richtig Wellen schlug, nachdem Ex-Bild-Herausgeber Kai Diekmann die taz wegen Störung
Read More Der rasende Reporter im Babylon Prag Für Endzeit-Apostel ist der auf die Erde zurasende Halley‘sche Komet das perfekte Geschenk, um im Mai 1910 die Mitmenschen in Endzeitstimmung zu versetzten. Ihre Botschaften übertönen mit Leichtigkeit die entwarnenden Stimmen der Wissenschaft. Ganz Prag scheint sich in der schaudernden Weltuntergangsstimmung zu suhlen. Nicht ganz. Die drohende Katastrophe interessiert weder den rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, noch seine Freunde. Darunter Franz Kafka, damals noch Feierabendschriftsteller und die Medizinstudentin Lenka Weißbach. Unfreiwillig ist sie von Berlin nach Prag zu ihrer kranken Mutter zurückgekehrt und stößt
Read More Wenn Hermann Görings Killer-Wölfe im Osten wildern Eine Besprechung von Roland Keller Der Thriller „Lupus” von Tibor Rode (Der Wald) versperrt sich einem eindeutigen Genre und wildert, wie sein Killer-Wolf Nero, der im Blutrausch mal schnell 55 brave Schafe reißt und auch vor Menschen nicht Halt macht, in vielen Bereichen. Geschickt spielt Rode mit dem Wolfsmythos und entwirft eine Melange aus Öko-, Wissenschafts-, Historien- und KI-Thriller, samt Familiendrama – die Suche der Protagonistin Jenny Rausch, einer jungen Tierärztin, Jägerin und Wolfsbeauftragten, nach ihrer wahren Herkunft ist ein weiteres Spannungselement. In
Read More Thema Zeit, sogar mit Seneca Bei den ersten Seiten von Andreas Winkelmanns neuem Thriller „Hast du Zeit?“ sah ich die Hinrichtungen der Spiegel-Bestseller in der ARD-Sendung „druckfrisch“ vor meinem Auge. Nicht erst seit Dennis Scheck Bestseller in die Mülltonne wirft, dürfte bekannt sein, dass verkaufte Auflage nicht immer mit Qualität korreliert. Auf „Hast du Zeit“ prangt in Rot der Button „Spiegel Bestseller-Autor“, was als Warnung oder Empfehlung verstanden werden kann. Nach den ersten Seiten sah ich schon, wie Scheck die Wortakrobatik und schiefen Bilder des Autors zitiert und bei den
Read More Können wir der Vergangenheit entkommen? Roland Keller über „Das Haus am Gordon Place“ von Karina Urbach Diese Frage drängt sich bei dem Spionageroman „Das Haus am Gordon Place“ deutlicher auf als die Antwort, wer den betagten Gerald Fraser an dieser privilegierten Adresse im Londoner South Kensington erschlagen hat. Die in Großbritannien lebende und lehrende Historikerin und Schriftstellerin Karina Urbach interessiert sich weniger für das Wer, sondern mehr für das Warum. Ihre Protagonisten, der emeritierte Historiker Professor Hunt und die MI6-Agentin Emma Spencer, lässt sie hierzu aus dem Heute weit zurück
Read More