Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Roland Keller: »Hast du Zeit?« von Andreas Winkelmann

Thema Zeit, sogar mit Seneca

Bei den ersten Seiten von Andreas Winkelmanns neuem Thriller „Hast du Zeit?“ sah ich die Hinrichtungen der Spiegel-Bestseller in der ARD-Sendung „druckfrisch“ vor meinem Auge. Nicht erst seit Dennis Scheck Bestseller in die Mülltonne wirft, dürfte bekannt sein, dass verkaufte Auflage nicht immer mit Qualität korreliert.

Auf „Hast du Zeit“ prangt in Rot der Button „Spiegel Bestseller-Autor“, was als Warnung oder Empfehlung verstanden werden kann. Nach den ersten Seiten sah ich schon, wie Scheck die Wortakrobatik und schiefen Bilder des Autors zitiert und bei den Sätzen „Felicitas Möller wurde zu ihrem (eigenen) Schrei. Sie presste die Hände auf ihre Ohren, um sich davor zu schützen“ den Thriller genussvoll in die Tonne versenkt. Weitere Kostprobe: Schlafmangel nistet in Augenhöhlen und verschattet die Lachfalten oder eine Nacht voller Tränen und Sorgen schleift an wütenden Augen wie Sandpapier, hätten Scheck wohl auch gereizt.

Wo war der Lektor bei Rowohlt, der mich als Leser vor dem wuchernden Wortgestrüpp und der überbordenden Fantasie des Autors, auch seiner Wiederholungen, hätte schützen können?

Trotzdem wollte ich dem Buch eine Chance gegeben, und war, zugegeben nicht ganz unzufrieden, zumal sich der Stil später etwas beruhigt und die Story allmählich Zug bekommt. Es beginnt mit einer verpatzten Entführung, die zum Tod des flüchtenden Opfers führt, den der Serientäter erst bei einer rituellen Hinrichtung geplant hat. Ein Grund, weshalb sich die Polizei mit der Motivsuche schwertut und auch keine Muster erkennt. Um so mehr engagiert sich ein pensionierter Polizist, dessen Tochter ihn bat ihre nun tote Freundin vor einem Stalker zu schützen. Dumm nur, dass er kurz vor dem Mord mit dem Stalker verwechselt festgenommen wird und somit das Opfer nicht schützen konnte. Nur langsam beginnt er Zusammenhänge mit zuvor Verschwundenen zu finden. Darunter ist eine junge Schornsteinfegerin, deren Lebensgefährtin ihm bei seinen Recherchen unterstützt. Der Täter hat ihn allerdings schneller auf dem Radar und entführt zum Finale seine Tochter, was in parallel angelegten Handlungen spannend ausgereizt und durch die Empathie, die man fühlt, verstärkt wird.

Mit der Frage „Hast du Zeit?“ spricht der Täter, der Züge des geisteskranken Mörders in Hitchcocks „Psycho“ zeigt, seine Opfer an. Er wählt „Menschen wie du“ aus, die ihm angeblich etwas genommen haben, achtlos und rücksichtslos sind. Ihn treibt die absurde Idee an, mit deren Tod Zeit zurückholen zu können, die ihm genommen worden war, wozu er ihre Urnen in einer Wand aufbewahrt.

Beim Thema Zeit bemüht Winkelmann gar den Philosophen Seneca. Auch entwirft er ein ausführliches Psychogramm des Täters, doch dessen Wahn wirkt wenig tragfähig für die Story. Hingegen vertraut man sich bei der Führung durch die komplexe Story gerne seinem pensionierten Polizisten an. Dessen junge Mitstreiterin fällt vor allem durch die Wiederholungen des italienischen Schimpfworts Vaffanculo (Leck mich am Arsch) auf, egal ob es in der Situation passt oder nicht.

Ein Unterhaltungs-Thriller, der mehr hätte werden können. Mit schnellerem Erzähl-Rhythmus, einem Eindämmem der oft schiefen, mit ungezügelter Fantasie vollgestopften Bilder und ohne den Versuch des pseudo-philosophischen Überbaus mit Hinweis auf Seneca hätte das Buch gewonnen. Angesichts des Titels „Hast du Zeit“ wäre das der Story gut bekommen. Weniger wäre mehr gewesen und hätte den Thrill gesteigert.

Roland Keller

Andreas Winkelmann: Hast du Zeit? Rowohlt Verlag, Hamburg 2024. 416 Seiten, 13 Euro.

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