Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Roland Keller: Nazigold, der Dritte Mann und die Agenten des Guten

Können wir der Vergangenheit entkommen?

Roland Keller über „Das Haus am Gordon Place“ von Karina Urbach

Diese Frage drängt sich bei dem Spionageroman „Das Haus am Gordon Place“ deutlicher auf als die Antwort, wer den betagten Gerald Fraser an dieser privilegierten Adresse im Londoner South Kensington erschlagen hat.

Die in Großbritannien lebende und lehrende Historikerin und Schriftstellerin Karina Urbach interessiert sich weniger für das Wer, sondern mehr für das Warum. Ihre Protagonisten, der emeritierte Historiker Professor Hunt und die MI6-Agentin Emma Spencer, lässt sie hierzu aus dem Heute weit zurück in die geheimnisvolle Vergangenheit der Bewohner dieses Hauses graben. Seit einer Geheimdienstaktion im Wien von 1948 ist deren Leben auf schicksalhafte Weise verbunden.

Die parallellaufende Handlung führt in die Schattenwelt der viergeteilten Stadt. Dort wird ein stickiger Tunnel von den Briten genutzt, um die Sowjets aus dem Untergrund abzuhören. Urbach beschwört perfekt die düstere Atmosphäre des Nachkriegswiens herauf, die wir aus dem Filmklassiker „Der dritte Mann“ kennen. Mehr noch, geschickt verwebt sie die Dreharbeiten des Films mit der Romanhandlung und enthüllt im Nachspann, dass die Briten tatsächlich die Dreharbeiten für verdeckte Geheimdienstoperationen im sowjetischen Sektor nutzten. Mit dieser Entdeckung, Filmhistorikern scheint sie entgangen zu sein, verleiht sie der Geschichte eine weitere Spannungsebene.

Nur drei Jahre nach Kriegsende nimmt der neue, kalte Krieg mächtig Fahrt auf – auf der einen Seite die Sowjets der Stalinzeit, auf der anderen die sogenannten Guten. Trotz all dem Schrecken, der um sie herrscht, bewahren die sich ein Stück ihrer ganz privaten Menschlichkeit. Sie retten ein namenloses lettisches Flüchtlingskind vor dem sicheren Tod – ein Kind, das 75 Jahre später als Gordon Fraser tot in der Wohnung seines Nachbarn Hunt gefunden wird.

Ihr Historiker-Kollege und Protagonist Hunt, dem die Autorin, warum auch immer, einen Vornamen verweigert, ist der Erste, der für die Tat büßen muss. Seine Recherchereise für sein neues Buch in den USA endet abrupt bei der Ankunft im New Yorker Flughafen, womit die Krimi-Ebene des Romans ihren Anfang nehmen könnte. Die wird durch die britische Agentin Spencer gestört, die Hunts Festnahme mit Hilfe der Amerikaner inszeniert hat, der sich vergeblich fragt, warum ihn der Geheimdienst und nicht die Polizei verhört. Mit freundlicher Hartnäckigkeit stellt ihn Spencer vor die Alternative, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag im Transitbereich des Flughafens zu verrotten oder auf MI6-Kosten per Business-Class nach London zurückzukehren.

Dort soll er bei der Aufklärung helfen, wobei es dem Geheimdienst weniger um den Toten in seiner Wohnung geht als um das, was aus einem aufgebrochenen und leergeräumten Hohlraum in einer Wand verschwand.

Vielen Krimiautoren würde jetzt auf Spannungsmustern à la John Buchans Spionageroman „Die neununddreißig Stufen“ zugreifen, wie sie Hitchcock in seinen Filmen gleich mehrfach variiert hat. Doch Urbach enttäuscht und überrascht gleichermaßen. Aus ihrem Historiker, der auf seinen Cholesterinspiegel achten muss, wird kein Cary Grant, der in „Der unsichtbare Dritte“ nicht weiß, wer Feind und Freund ist, und seine Haut vor skrupellosen Spionen bis zum glücklichen Ende des Films retten muss. Hunts Unschuld stellt sich heraus, bevor der im Heute spielende Teil der Story richtig Fahrt aufnimmt, was gleichermaßen Kalkül und Spiel mit unseren Erwartungen ist.

Denn weniger gemütlich und gesittet, aber umso spannender geht es in den dicht und beklemmend erzählten Spionage-Aktivitäten im noch kriegswunden Wien zu. Dabei dürfte auch eine Menge Material aus Urbachs Forschungen zur Geschichte der Geheimdienste eingeflossen sein, das auch in einer taz-Kolumne vom 30. 4. 2024 seinen Niederschlag fand („Warum Frauen die besseren Geheimagentinnen sind“). Diese Kenntnisse helfen ihr ein intensives und packendes Bild der Nachwehen des Krieges zu zeichnen, das geprägt ist von Tod, Leid, Hunger und Misstrauen. All das spiegelt sich auch in den Schicksalen dieser britischen Spionagegruppe wider, aus der sie eine Agentin, Daphne Parson, die damals tatsächlich in Wien stationiert war, hervorhebt.

Doch bleiben wir noch bei Hunt, dessen Testosteronspiegel nur zu steigen scheint, wenn er die Geheimnisse des Hauses am Gordon Place ans Licht bringt. Die Spätdreißigerin vom MI6 hat trotz ihres guten Aussehens als Frau keine Chance bei ihm, auch wenn er zugibt, eine Schwäche für dunkle, erotische Damenstimmen zu haben. Emma Spencer ist nicht sein Typ, wie er sich gleich zu Anfang einredet, zudem nervt sie ihn. Ist das Selbstschutz, um sich vor einer Enttäuschung zu bewahren? Denn vor ihren Waffen als Frau muss er sich nicht fürchten. Die verschwendet sie erst gar nicht an ihn. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob ihr Verhältnis so unterkühlt bleibt. Immerhin gibt Hunt im Laufe der Handlung zu, dass ihn komplizierte Frauen interessieren, wobei ihn eher die Aura des Geheimnisvollen, in die sie sich hüllt, ihn reizen dürfte. Wie Emma auf ihn als Mann blickt, bleibt – wie ihr ganzes Privatleben – geheim.

Allzu viel erfahren wir aber auch über Hunt nicht. Er wirkt wie ein Gentleman alter Schule und lässt sich von Emma eher aus Eigeninteresse einspannen, weil er natürlich wissen will, wer der Täter und sein Motiv ist. An die teure Wohnung in dem exklusiven Haus am Gordon Place wäre er mit seiner Einkommensgruppe nie gekommen, hätte sie ihm nicht eine Freundin aus einer alten, zerstörten Beziehung vererbt. Deren Mutter, die ebenfalls verstorbene Mi 6-Agentin Daphne Parson, lebte einst in der Wohnung, als in der Wand etwas eingemauert worden war, für das sich der Geheimdienst noch immer brennend interessiert.

Schicht um Schicht dringen Emma und Hunt tief in die Geschichte des Hauses ein und entdecken, warum die Vergangenheit bis in die Gegenwart wirkt. Nichts und niemand in dem Haus ist, wie es scheint. Selbst Tote stehen wieder auf.

Der Sprung in das Jahr 1948 lässt spüren, wie verzweifelt die britische Agententruppe den Schrecken der Nachkriegszeit entfliehen will. Es ist ein anderer, stiller Krieg, in dem überall neue unsichtbare Gefahren lauern, die an den Sektorengrenzen der Westmächte nicht Halt machen. Die junge Daphne Parson schaudert es immer wieder beim Abstieg in den düsteren Tunnel unter der Stadt, aus dem sie mit ihren Kollegen die Sowjets abhört. Erinnert sie das bitter an die Folterkeller der Nazis, die sie schwer gezeichnet überlebte? Als wolle sie die unauslöschlichen Spuren an ihrem Körper verdrängen, verdeckt sie die Narben beim Sex mit ihrem Agentenkollegen. Die psychischen Verletzungen lassen sie bei ihrer gnadenlosen Jagd nach Nazis zu schnell den Finger am Abzug der Pistole krümmen, ohne danach Linderung zu spüren.

Ein gefährliches Himmelfahrtskommando zwingt Daphne und ihr Team, eine Tonne Nazigold, die im Prater vergraben ist, aus dem sowjetischen in den britischen Sektor zu schmuggeln. Die ehemaligen Verbündeten werden unisono als brutal, gefährlich und unberechenbar dargestellt, was zwar die Spannung erhöht, aber wie Schwarzweißmalerei wirkt, wenn in ihrer Darstellung erlittenes Unrecht brutal mit Unrecht vergolten wird. Da schwingt Empörung über die von der sowjetischen Führung gebilligten Vergewaltigungen bei der Einnahme großdeutscher Gebiete mit, auch über willkürliche Verhaftungen und Verschleppungen.

Wie lässt sich in dieser Situation das schmutzige Gold aus dem Prater holen, ohne Leben in Gefahr zu bringen? Urbach kann aushelfen, schließlich versteht sie nicht allein ihr Handwerk als Historikerin, was ihre Sachbücher wie „Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht“ beweisen, sondern auch das der Romanautorin. Ihre Agententruppe kommt auf die Idee, bei ihrem Goldraub die Sowjets durch Dreharbeiten für einen Film abzulenken. Gedreht wird nichts Geringeres als der Schwarzweiß-Klassiker „Der dritte Mann“, an dessen Drehorten tatsächlich britische Agenten gewesen sein sollen, wie ihr ein noch lebendes Teammitglied bei ihren Recherchen bestätigte.

Um Gold dürfte es damals nicht gegangen sein, eher um verdeckte Operationen im sowjetischen Sektor, die weiterhin ein Geheimnis des MI6 bleiben dürften. Egal, Regisseur Carol Reed, Autor Graham Greene und Produzent Alexander Korda, die im Krieg für den britischen Geheimdienst arbeiteten, werden von Urbach aufs Neue für ihren Coup verpflichtet, um Fakten und Fiktion zu einem fesselnden Tableau zu verschmelzen. Zwischen den Zeilen glaubt man Orson Welles als üblen Geschäftemacher Harry Lime auf seiner vergeblichen Flucht im Wiener Untergrund zu erkennen und ahnt, dass die Beschaffung des schmutzigen Goldes nicht ohne nachwirkende Beschädigung für die eingeschworene Agentengruppe bleibt. Zumal von dem Nazigold nicht allein das britische Königreich profitiert, sondern es in den frühen 50er Jahren dem harten Kern der Agentengruppe erlaubt, sich an der feinen Adresse des Gordon Place niederzulassen.

Orson Welles in DER DRITTE MANN

Mehr zu verraten wäre unfreundlich, außer, dass Urbach genussvoll, je näher die Lösung des Falls voranschreitet, Nachkommen der Agenten-Wohngemeinschaft mit böser Ironie überzieht. Jede Zeit hat die Schicksale, die sie verdient. Gefangen in künstlichen Wohlstandsproblemen und billigen Sorgen, sind sie weit weg von den echten Menschen, die wir aus Wien kennenlernen. Abgesehen von Hunt wirken die aktuellen Mitbewohner des Hauses am Gordon Place erschreckend leer und hohl, ein wenig wie Karikaturen, die etwa mit „Racheficks“ vergeblich gegen ihr kaputtes Eheleben ankämpfen. Ansonsten bleibt die Sprache Urbachs jugendfrei.

Die Lösung des Falls wirkt fast banal. Dummheit, Egoismus und Gier waren der Auslöser für den Totschlag, angestoßen durch einen wiedergefundenen Brief aus der Vergangenheit, der zur falschen Zeit in falsche Hände geriet.

Bleibt zum Schluss des Romans noch ein eher privates Treffen von Hunt und Emma, die ihn trotz ihres Altersunterschieds sympathisch zu finden scheint. Auch er scheint das Vorurteil abgestreift zu haben, sie sei nicht sein Typ. Natürlich tauschen sie nur die letzten Erkenntnisse ihrer Recherchen aus. Dabei erfährt Hunt, wie Daphne Parsons große Liebe in den 50er Jahren durch einen MI 6-Offizier zerstört wurde, aber nach dem Zusammenbruch des Ostblocks neu aufblüht. Dabei nimmt er Emmas Hand und sagt: „Das ist die beste Liebesgeschichte, die ich je gehört habe.“ Ob es weitere, intensivere Treffen zwischen den beiden geben wird, lässt Urbach offen. Für die Zukunft ist sie als Historikerin nicht zuständig.

In einigen Rezensionen wird „Das Haus am Gordon Place“ als Spionagethriller gelobt, tatsächlich verweigert sich Urbach dem angepriesenen Thrill. Es ist eine Spannung, die sie auf jeder Zeitebene unterschiedlich einsetzt, auch um uns beschädigte Schicksale aus einer schwierigen Zeit emotional nahe zu bringen. Vergangenheit und Gegenwart verbindet sie mit einer sicher eingesetzten Dosis Suspense, die den Leser weitertreibt, was auch zeigt, dass sie sich in der britischen Kriminal- und Spionageliteratur auskennt. Handwerklich geschickt stoßen unterschiedliche Spielarten des Genres aufeinander oder verbinden sich, um beim Blick zurück und in die Gegenwart beste Unterhaltung mit Tiefe und Erkenntnis zu liefern.

Unterschätze niemals die Nachwirkungen der Vergangenheit auf das Heute und die Zukunft. Du könntest das nächste Opfer sein.

Roland Keller

Karina Urbach: Das Haus am Gordon Place. Limes Verlag, München 2024. 384 Seiten, 18 Euro.

Anm. d. Red.: Siehe zu dem Buch in unserer Mai-Ausgabe auch unseren Geheimdienstexperten Bodo V. Hechelhammer: Spionageroman mit Kopfkino.

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