Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Bodo V. Hechelhammer: Spionageroman mit Kopfkino

Bodo V. Hechelhammer über ”Das Haus am Gordon Place“ von Karina Urbach

„… John le Carré würde ich am liebsten vierteilen.
Er behauptet, unsere Arbeit sei eine Welt
des eiskalten Verrats. Das ist sie eben nicht.
Sie beruht auf Vertrauen. Du kannst keinen
Agenten führen ohne gegenseitiges Vertrauen.“
(MI6-Geheimdienstoffizierin Daphne Park über ihren ehemaligen Kollegen,
den Schriftseller John le Carré)

Achtung, Spione! Es kann gut sein, dass beim Lesen diesess Spionagethrillers unwillkürlich im Kopf Anton Karas auf der Zither das Harry-Lime-Thema anfängt zu spielen und man Seite für Seite immer mehr Teil in eine lange nachhallende Spionagejagd hineingezogen wird, Schritt für Schritt, wie einst Joseph Cotton in die Wiener Nachkriegs-Kanalisation. Verantwortlich für dieses Kopfkino im besten Sinne des Wortes ist der zweite Roman von Karina Urbach, „Das Haus am Gordon Place“, denn Der dritte Mann (Originaltitel: The Third Man), der Spionagefilm-Klassiker von Carol Reed aus dem Jahr 1949, nach dem Drehbuch von Graham Greene, spielt darin eine tragende Rolle. Dies kommt nicht von ungefähr, denn „Das Haus am Gordon Place“ erzählt ein echte Spionagegeschichte um dem ikonischen Filmdreh mit Orson Welles.

Karina Urbach, geboren 1971 in Düsseldorf und aufgewachsen in München, ist eine habilitierte deutsche Historikerin und bekannte Autorin. Sie hat sich exzellent mit der Geschichte Großbritanniens auseinandergesetzt und zahlreiche historische Fachbücher verfasst. Nachdem sie lange Zeit in Cambridge gearbeitet hat, promovierte sie dort 1996 über einen britischen Botschafter in Berlin. Im Jahr 2009 habilitierte sie sich über die politischen Verbindungen des europäischen Adels im 20. Jahrhundert. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit hat Karina Urbach auch für historische Dokumentationen von BBC und ZDF gearbeitet. Im Jahr 2013 gab sie ein Buch über die Rolle des britischen Geheimdienstes in Europa heraus. Geschichte allein scheint für Karina Urbach jedoch nicht genug gewesen zu sein. Sie begann Romane zu schreiben und veröffentlichte 2017 ihr Erstlingswerk „Cambridge 5. Zeit der Verräter“ unter dem Pseudonym Hannah Coler (hier von mir besprochen). Das Buch wurde 2018 mit dem Crime Cologne Award ausgezeichnet. Heute schreibt Karina Urbach unter ihrem eigenen Namen weiter an fesselnden Romanen und bleibt dabei ihrer Leidenschaft für Geschichte treu.

Karina Urbans Krimi entführt den Leser auf zwei miteinander verwobene Zeitebenen. Zunächst befinden wir uns in der Gegenwart, genauer gesagt in London, wo der Geschichtsprofessor Hunt im Haus am Gordon Place lebt. Dieses Haus birgt ein Geheimnis, denn nach einem Mord an seinem Nachbarn entdeckt Hunt, gemeinsam mit der MI6-Agentin Emma, dass hier früher die britische Geheimagentin Daphne Parson gelebt hat. Als Emma Hunt um seine Mitarbeit bittet, da er nun in Daphne Parsons ehemaliger Wohnung wohnt, beginnt eine spannende Zusammenarbeit. Es stellt sich heraus, dass nicht nur das Mordopfer, sondern auch andere Bewohner des Hauses Verbindungen zu Ereignissen aus dem Jahr 1948 in Wien haben.

Orson Welles in DER DRITTE MANN © wiki-commons

Die Handlung führt uns nun in die Nachkriegszeit nach Wien im Jahr 1948. Dort arbeitet Daphne Parson als britische MI6-Agentin in einem Abhörtunnel unter der Stadt, um den sowjetischen Telefonverkehr zu überwachen. Als sie die Stimme eines SS-Offiziers erkennt, der sie einst gefoltert hat, beschließt sie Rache zu nehmen. Eine Gelegenheit bietet sich, als das Filmteam von Der dritte Mann im sowjetischen Sektor am Wiener Prater dreht. Daphne schließt sich der Crew an, um unbemerkt in den sowjetischen Sektor zu gelangen.

Der Roman springt geschickt zwischen den Zeitebenen hin und her und zeigt, wie Hunt und Spencer durch aufwendige Recherchen und Gespräche mit Zeitzeugen langsam aber sicher den Geheimnissen der Vergangenheit auf die Spur kommen. Letztendlich führen ihre Ermittlungen auch zur Aufklärung des Mordes und enthüllen eine fesselnde Spionagegeschichte.

Bereits im Jahr 2019 veranstaltete das Grazer Geheimdienst-Institut, das Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies, eine Tagung zum siebzigsten Jahrestag des ikonischen Films Der dritte Mann. Dabei wurden die kaum bekannten geheimdienstlichen Hintergründe des Films beleuchtet und in einer umfassenden Publikation im Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies (JIPSS) veröffentlicht. Es wurde deutlich, dass viele der Akteure des Films Verbindungen zu Nachrichtendiensten hatten. Der Drehbuchautor Graham Greene, selbst Geheimagent, stand in enger Freundschaft mit Kim Philby, einem berüchtigten sowjetischen Doppelagenten, und auch der Produzent Alexander Korda hatte seine Verbindungen. Es war also keine Überraschung, dass die Handlung des Films auf realen Ereignissen basierte und direkt aus Greenes Recherchen im Auftrag des britischen MI6 entstand.

Eine interessante Geschichte für sich ist auch die Figur der Daphne Parson, die einen realen Bezug zu Daphne Park (1921-2010) hat. Park war nicht nur Diplomatin, sondern auch eine Top-Agentin des MI6. Während ihrer Karriere war sie unter anderem in Moskau (1954-1956), im Kongo (1959-1961), in Sambia (1964-1967) und in Hanoi (1969-1971) tätig – zu Beginn ihrer Karriere auch in Wien von 1946 bis 1948, während der Zeit der Filmarbeiten.

Karina Urbachs temporeicher Spionageroman entführt den Leser in eine Welt voller Geheimnisse und Intrigen. Mit fundierten Recherchen verwebt die Autorin geschickt Gegenwart und Vergangenheit, wobei historische Fakten als Grundlage dienen. Dabei gelingt es ihr, mit wahren Begebenheiten und realen Personen zu spielen und so eine fesselnde Geschichte zu erschaffen. Die Spannung des Romans wird von Anfang an durch die detaillierten historischen Hintergrundinformationen und den packenden Schreibstil der Autorin aufrechterhalten. Jede Seite birgt neue Enthüllungen und Wendungen, die den Leser in Atem halten und für beste Unterhaltung sorgen.

Die Mischung aus historischen Fakten und fiktiven Elementen macht das Buch zu einem faszinierenden Leseerlebnis, das den Leser bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht.

Karina Urbach: Das Haus am Gordon Place. Limes Verlag, München 2024. 384 Seiten, 18 Euro.

Bodo V. Hechelhammer kam als Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND) – mit einem kundigen Faible für die populärkulturellen Spiegelungen der Agenten- und Geheimdienstwelt – mit uns in Kontakt und ist seitdem ein geschätzter Autor. „Geheimdienst ist besonders spannend unter kulturhistorischer Sicht“, ein Interview von Alf Mayer mit dem Autor über das Buch Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956 hier
Alf Mayers Besprechung von Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten hier. – 2022 von Bodo V. Hechelhammer erschienen: Rolf Kauka. Fürst der Füchse, hier bei uns besprochenein Textauszug hier.

Seine Texte bei CrimeMag hier

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