Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024, News

Klassiker-Check: Thomas Wörtche über Jim Thompson

Die ganze Palette der Schwarzen Romantik – in neuem Kontext

In Zeiten des allgemeinen, also auch kriminalliterarischen Kuschelns gegen die böse Welt könnte man sich mal wieder an einen bedeutenden Störenfried erinnern – an Jim Thompson. Findet Thomas Wörtche.

Bevor Deputy Sheriff Lou Ford einen jugendlichen Kleinkriminellen seelenruhig mit dessen Gürtel in einer Gefängniszelle erhängt, um einen Mord zu verschleiern, den der Gesetzeshüter selbst begangen hat, erklärt er seinem Opfer den Lauf der Dinge: „Wir leben in einer verkehrten Welt, weißt du. Die Polizisten spielen die Gangsterrollen, und die Gangster sorgen für Recht und Ordnung. Die Politiker halten Predigten und die Prediger machen in Politik. Die Steuereinnehmer wirtschaften in die eigene Tasche. (…) Es ist eine verkehrte Welt, und ich fürchte, so bleibt sie auch. Und ich will dir auch sagen, warum. Weil kein Mensch, fast kein Mensch, sich daran stößt.“ Ignorantia, Gleichgültigkeit, die man in der Renaissance noch mitsamt anderen Lastern aus dem Garten der Tugend (wie auf dem berühmten allegorischen Gemälde von Andrea Mantegna zu sehen) vertreiben wollte, wird in den USA der McCarthy-Zeit zynische Zeitdiagnose, zeigt die humanistische Wertewelt in Trümmern und dient als Freibrief für so ziemliche alles Scheußliche, Niedrige und Gemeine. Lou Ford, die Hauptfigur von Jim Thompsons Roman „The Killer Inside Me“ (1952), ist einer der berühmtesten Psychopathen der Literaturgeschichte und Thompsons Gesamtwerk hätte dem Philosophen der „negativen Gefühlsreaktionen“, Aurel Kolnai, als Katalog für eine Systematik des Widerwärtigen dienen können.

Jim-Thompson-Romane, so konstatierte bei aller Bewunderung Jean-Patrick Manchette, seien „weil er eine Art Irrer war, (…) ein einziger Wirrwarr von Phantasmen“ und keineswegs, wie immer gerne behauptet gesellschaftskritisch, sondern „völlig daneben, was historische und gesellschaftliche Bemühungen betrifft.“

Der französischen Kritiker und Autor Alfred Eibel, der ihn 1970 während eines kurzen Aufenthalts in Paris getroffen hatte, schrieb, Thompson habe „….das zerknittert furchige Gesicht eines alten Schauspielers, wie Rudolf Platte, wie ein ermüdeter Fisch, wie jemand, den das Leben von A bis Z reingelegt hat, weil er selbst nicht bescheißen kann.“ Die Biographie bestätigt den Eindruck. James Myers Thompson, später Jim Thompson, wuchs im Westen der USA auf. Geboren 1907, wurde er von seinen Eltern durch die Staaten Texas, Nebraska und Oklahoma geschleppt, immer auf der Suche nach Verdienstmöglichkeiten. Der Vater, man würde sagen: ein schräger Vogel, verdiente viel Geld im Ölgeschäft, verlor wieder alles, verdingte sich neben anderen Jobs auch als US-Marshall. Aus dieser Zeit rührte das Bonmot von Jim Thompson, er sei im Gefängnis geboren. Die Familie hauste gerade in einer Dienstwohnung über dem Zellentrakt einer Polizeistation. Vermutlich hätte er sich auch über das hartnäckige Gerücht amüsiert, er sei 1977 aus Armut verhungert. Was insofern richtig ist, als dass der moribunde, nicht gerade reich gewordene Thompson keine Nahrung mehr aufnehmen mochte. Aber das sind so die Narrative, die einer „Fan-Gemeinde“ flugs zur Mythologisierung, oder, mindestens, zur Legendenbildung gerade recht kommen. Die Romantik des Noirs eben, die letztendlich einen psychologisierenden Blick auf Literatur präferiert. Eine Lesart, für die sich alle Romane von Jim Thompson nachgerade anbieten. Und damit eine Lesart, die Manchettes Diktum von der geringen gesellschaftskritischen Relevanz der Thompson-Romane bestätigt.

Sein Vater sollte für Thompsons Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man findet ihn in einer Reihe von Romanen in den verschiedensten Rollen wenig schmeichelhaft porträtiert. Thompsons eigenes Leben folgte dem Muster des Auf und Ab, seine Jugend-Autobiographie „Bad Boy“ sowie die erdrückend materialreiche Biographie von Roberto Polito („Savage Art“) zeichnen die Stationen nach.

Noch mehr Aufschluss gibt im Zuge einer kleinen Thompson-Reihe im Heyne-Verlag (in den 2010er Jahren) sein erstmals auf Deutsch erschienener Roman-Erstling „Now and on Earth“ (1942), in dem Thompson semi-autobiographisch als „Jimmie Dillon“ von seinem Autorenleben erzählt und von seiner Tätigkeit im „Federal Writers Project“, einer Art Fördermaßnahme für Schriftsteller im Zuge des New Deals während der Großen Depression der 1930er Jahre, die unter anderen Saul Bellow, Zora Neale Hurston oder Nelson Algren als Sprungbrett diente. (Hier bei uns besprochen.) Thompson kam immer wieder der Alkohol in die Quere, weniger eine sehr kurzfristige Mitgliedschaft in der amerikanischen Kommunistischen Partei. „Now and on Earth“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich durchschlagen muss, tyrannisiert von einer grässlichen Familie, vor allem von den Frauen der Clans. Aber auch die Geschichte eines Mannes, der sich zu viel gefallen lässt, der notfalls lächelt und seinen Frust auf eher neurotische Weise verarbeitet. „Now and on Earth“ ist noch kein „typischer“ Thompson-Roman voller Gewalteruptionen, sondern eine eher beklemmende Studie über die Lage der arbeitenden Klasse in den USA des Kriegsbooms. 

Dieser Jimmie „Dilly“ Dillon ist ein noch einigermaßen friedlicher Prototyp von Thompsons späteren Figuren, die er vor allem in den Jahren seit ca. 1952 entwickeln sollte. Die Umstände waren Thompson einmal wirklich günstig:  Die sogenannten Paperback Originals kamen auf, die bezahlbare Literatur für eine breite Öffentlichkeit möglich machten (und damit die Pulps, die billigen Heftchen unterschiedlicher Qualität, verdrängten). Ein Verlag, Lions Books, der eine neue Programmlinie entwickeln wollte, tauchte auf. Und damit der kompetente Lektor Arnold Hano, der den nicht einfachen und immer wieder im Suff abstürzenden Thompson zu handhaben wusste. All das addierte sich zu einer dichten, kreativen Phase – mit Klassikern wie u.a. „Recoil“ (1953), „Savage Night“ (1953), „A Hell of a Woman“ (1954), „After Dark, My Sweet …“ (1954) – 1959 kam „The Getaway“ dazu, 1963 „The Grifters“ und schließlich 1964 „Pop 1280“.

Lou Ford, der mörderische Deputy ist misogyn, weil er von seinem Mutterersatz, der Haushälterin, als Kind sexuell belästigt wurde. Dazu ein Sadist und Killer mit ödipaler Vaterfixierung, der seinen mentalen Verfall akribisch beobachtet. Andere Figuren ticken ähnlich, sind zudem krank, impotent, versehrt. Im Fall von „Savage Night“ ist es ein kleinwüchsiger Killer mit Kindheitstrauma, der allmählich wahnsinnig wird, während er seinen sexuellen Obsessionen in small town America nachgeht und den Tod herbei halluziniert.

Wichtig ist letzterer Roman, weil Thompson mit formalen Experimenten aufwartet, die ihn neben der inhaltlichen Rigorosität zu einem Bindeglied zwischen Populärer Kultur und Avantgarde machte, wie es der belgische Kritiker Luc Sante auf den Punkt brachte.  Obwohl man an diesem Punkt vorsichtig sein muss: Formaler Innovator, ja – für Crime Fiction, aber gemessen an der Avantgarde des 20. Jahrhunderts strenggenommen eher nicht. Obwohl wiederum obwohl: Die Verschmelzung von plot-driven narration und modernen Techniken ist dann doch wieder eine künstlerische Leistung, die zur Entgrenzung von „Genre“ einen großen Anteil hat, zumal zu so einem frühen Zeitpunkt. Da konnte höchstens Chester Himes mithalten.

Thompson lässt seinen Profi-Killer Carl Bigelow die Kontrolle verlieren, indem er ihn peu à peu als Erzählinstanz demontiert, die auf den eigenen Tod zustrebt und diesen Tod wider jede Dichtungslogik in der ersten Person erzählt. Dazu benutzt Thompson Phantasmen, die aus den Bildwelten eines Hieronymus Bosch stammen könnten. Eine Farm, auf der inmitten wilder Ziegen Vaginas angebaut werden, flicht Thompson genauso selbstverständlich in seine Prosa ein wie er den Kleinstadt-Cop Ford William Wordsworth zitieren lässt oder sich über „George Saul Patre, the inventor of Essentialism“ lustig macht. Selbst eine Art literarische split screen benutzt Thompson: In „A Hell of a Woman“ sind die letzten Seiten aus zwei Bewusstseinszuständen des irre gewordenen Anti-Helden Dolly Dillon zusammenmontiert. Der hatte aus Schwäche, Habgier, Geilheit und einem zutiefst gestörten Verhältnis zu Frauen angefangen, Leute umzubringen und Geld zu rauben, bis ihm und seiner leicht retardierten Freundin (kein Sex, aber eine ungute Fixierung) ein noch widerlicheres Individuum alles geraubte Geld abnimmt.

Sam Peckinpah, der aus den ersten beiden Dritteln von „Getaway“ 1972 einen erfolgreichen Gangster-Film mit Steve McQueen, Ali McGraw und Al Lettieri machte (und so für Thompsons Revival in den 1970er Jahren sorgte -wobei Ross Thomas 1989 mit „The Fourth Durango“ auf das von Peckinpah weggelassene Drittel des Thompson-Romans ironisch replizierte), inszeniert am Anfang die Gleichzeitigkeit von Handlung analog durch split screen, während die französische Verfilmung von „A Hell of a Woman“ von Alain Corneau das Irrewerden den Schauspielkünsten von Patrick Dewaere überlässt. Wobei gerade Corneaus Film, der programmatisch „Série Noir“ (1979) heißt, die Affinität von Thompson und der literarischen Avantgarde sichtbar macht. Corneau ist ein Regisseur, der mit „Genre“ eigenwillig avanciert umgeht, die Adaption und die Dialoge stammen von Georges Perec, einem der literarischen Masterminds des 20. Jahrhunderts. Jim Thompson liefert für solche Konzepte die idealen Vorlagen, weil seine Geschichten „nicht echt sind und schon gar nicht authentisch, aber in sich plausibel durch die Mise en forme“, eben den Film Noir, wie Norbert Grob richtig beobachtete. 

Auch ein anderer Avantgardist interessierte sich für Thompson: Stanley Kubrick, der fand, dass niemand so überzeugend aus dem Hirn eines Psychopathen schreiben könne wie Thompson, engagierte ihn als Drehbuchautor für „The Killing“ und für „Paths of Glory“, doch die Kooperation endete im Fiasko. Thompson fühlte sich um seine Anteile betrogen und verwickelte sich in frustrierende, aussichtslose Rechtsstreite. Nein, er war kein Mann, der weiß, wie man selber bescheißt.

Kubricks Interesse indes war logisch. Thompson und seine Themen – ganz die Palette der Schwarzen Romantik, neu kontextualisiert im ländlichen Amerika – wurzeln mit ihren Topoi  und Motiven der sexuellen und gewalttätigen Grenzüberschreitungen, den gespaltenen Persönlichkeiten, der Ver- und Entfremdung tief im europäischen 19. und frühen 20. Jahrhundert, wie ja Kubricks Werk sich ebenso aus diesen Quellen speist.

Am besten hatte vermutlich Bernard Tavernier mit seiner Verfilmung von „Pop 1280“ als „Der Saustall“ (1981) verstanden, wie „universal“ Thompsons Geschichten über die bösartigen Seiten von homo sapiens sind: Er konnte ohne Probleme die Handlung und auch den religiös-wahnhaften, sexuell obsessiven, rassistischen und brutalen Dorfpolizisten Nick Corey ins frankophone Afrika der Kolonialzeit verlegen. Überdies hatte Tavernier bei diesem Film auch ein Gespür für den Dreck und das Eklig-Verkommene von Thompsons Szenarien, nicht nur symbolisch-psychologisch, sondern ganz buchstäblich. 

Es war allerdings mutig von Heyne, auch „Child of Rage“ (1972; dt. „Blind vor Wut“, Ü: Peter Torberg) erstmals zu übersetzen. Thompson versucht in diesem gescheiterten Spätwerk noch einmal, alle seine Themen zu bündeln und in die Gegenwart der 1970er Jahre zu platzieren. Heraus kommt ein monströses Machwerk über einen schwarzen jungen Mann mit weißer Mutter, für ihn die „einzige“ Frau. Weil sie aber eine Hure ist, beginnt er sie zu erniedrigen und zu quälen, so wie er auch mit kaltem Hass auf seine Hautfarbe und Herkunft alle Menschen um sich herum terrorisiert, weil er sich für Jesus hält. Das ist leider noch nicht einmal ästhetisch radikal wie etwa der finale Exzess in dem Fragment „Plan B“ von Chester Himes, dessen Werk, s.o., ansonsten manche Parallelen mit dem von Thompson aufweist. Thompson, der aus einer unplausiblen „schwarzen“ Perspektive erzählt, gerät der als großer Wurf gedachte letzte Roman bloß zu einer gewaltpornographischen und redundanten Bracchiallümmelei.

Obwohl – selbst dieses Debakel zeigt ihn als Schriftsteller der Grenzverletzungen auf vielen Ebenen. Auch formal: er hat keine reinen Gangsterromane geschrieben, keine urbanen Noir-Etüden, keine Country Noirs und keine Psychothriller, im Grunde fast nichts, was irgendeinem Sub-Genre voll und ganz angehören würde. Das Aufweichen solcher Kategorien ist literarhistorisch bemerkenswert.

Dass viele Autoren (bezeichnenderweise gibt es in diesem Register nur sehr wenige Autorinnen) des „Country Noir“ sich – vielleicht nolens volens – immer noch im Schatten von Jim Thompson tummeln oder an ihm abarbeiten (etwa über den Topos des Kleinstadtsheriffs oder der ländlichen Femme Fatale, die alles tut, um ihrem provinziellen Leben zu entfliehen) ist, nach weit über 70 Jahren, erstaunlich und nicht gerade ein Signal für literarische Evolution.  Einschlägige und letztlich wenig konkrete Äußerungen der Coen-Brüder oder Quentin Tarrantino, Jim Thompson sei ihnen „Inspiration“ gewesen, sprechen natürlich Aficionados an, die sich dann als „Kenner“ oder Brüder im Geiste fühlen dürfen. Jedoch: „Jim Thompson was absolutely sui generis“, meinte Marc Jaffe, sein Lektor bei Signet/NAL.

Thompson-Romane sind ein eigenes Genre – in der Bandbreite von unangenehm, verstörend bis antipatico. Sie sind ein Teil der großen Gegenströmung der „Nicht-mehr-schönen-Künste“. Das macht vermutlich ihr Faszinosum aus.

                                                                                   Thomas Wörtche

Die Urfassung erschien in „DIE ZEIT Krimi Spezial, 31.10.2012“. Der aktuelle Text ist mild redigiert und ergänzt.
© 10.2012/07.2024 Thomas Wörtche

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