Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Allgemein, Highlights, Highlights 2024

Highlights 2024 – Johannes Groschupf, Günther Grosser, Peter Hammans, Bodo V. Hechelhammer

Johannes Groschupf: Mit Ricarda Lang und Friedrich Merz an der Champagner-Bar im Adlon

2024 war das Jahr der glücklichen Recherche. Ich wollte einen Thriller schreiben, der in der Berliner Kunstwelt spielt: Künstler und Galeristen und Sammler, Ausstellungen und Auktionen.

Im Januar saß ich an einem Samstag von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens im eiskalten Atelier des begnadeten Malers Daniel Mohr und spielte Skat, um an Insiderinformationen zu kommen. Wir waren zu viert, hockten in Mantel und Mütze, von wimmernden Heizlüftern umgeben, mischten mit klammen Fingern, rauchten Kette, tranken Glühwein auf ex, reizten uns um Kopf und Kragen und ließen beim Null ouvert die Hosen runter. Die Ramsch-Runden danach ruinierten meinen Kontostand, aber ich hatte das Vertrauen meines Gewährsmannes erlangt.

Später folgten vertrauliche Gespräche in der „Victoriabar“ auf der Potsdamer Straße; wir tranken Corpse Reviver und Moscow Mule, das eine oder andere Hildegard-Knef-Gedeck wurde eingeläutet; danach verlor ich den Überblick. (Die Notizen jener Nacht sind leider sehr unleserlich. Westerwelles Mann hat ihn mal gesammelt und Ackermann von der Deutschen Bank wurde mit seiner Limousine vorgefahren in den Neuköllner Hinterhof. Die Rede war von Kokain, von Julia Stoschek, von früh verbrannten Künstlern, ach komm, machst du mir noch einen?).

Dann war ich im Boros-Bunker an der Reinhardtstraße, in der Sammlung Hoffmann in der Sophie-Gips-Höfen.

Und wenn schon Kunst und Glamour, dann doch bitte auch zum Bundespresseball! Ein Kollege besorgte die Einladungen, ich lieh mir einen Smoking samt Hemd und Kummerbund bei Frau Feuerstein in Charlottenburg und kam mit meiner Frau noch grade rechtzeitig ins Hotel Adlon, um den Eröffnungstanz von Frank-Walter Steinmeier mitzukriegen. Wir steppten von Champagner-Bar zur Austern-Theke und zurück.

Friedrich Merz eilte durch die engen Gänge, eine Dame im Schlepptau, hinter ihnen Eckart von Hirschhausen, ebenfalls mit Dame. Die Bigband der Bundeswehr gab alles, die Menge schwofte, neben mir Ricarda Lang im grellroten Abendkleid.

In den nächsten Wochen: Ein Gallery-Dinner unter den Bildern von Yvonne Andreini; Peter Raue erzählte in der Neuen Nationalgalerie, wie er den Barnett Newman nach Berlin geholt hat. Das Gallery Weekend: Ostberliner Aktfotos von Gundula Schulze Eldowy in einer Moabiter Hinterhof-Kapelle; Gedränge auf den Höfen der Potsdamer Straße: Teenies in Elefantenbeinhosen und bretonischen Fischerhemden, Frauen in Sommerkleid und ausgelatschten Westernstiefeln, ein Mann mit schwarzer Hornbrille mit rubinroten Gläsern. Was macht die Kunst? SM-Figuren auf gestapelten Energy-Drink-Dosen, darüber eine Discokugel. „Ich finde die Komposition toll“, sagt einer. „Wart ihr schon in der Warhol-Ausstellung? Ich weiß nicht. Ziemlich monothematisch.“

Daneben römische Statuen, übermalt. Gegenüber im Laden von Murkudis: T-Shirts mit dem Versprechen „You can buy taste“.

Wenn ich nicht die Berliner Kunstwelt erkundete, saß ich mit Sozialarbeitern und Psychologen vom Tegeler Gefängnis im Friedrichshainer „Tibet-Haus“ und aß Fried Momos, während wir über die Männer in Sicherungsverwahrung redeten. Oder ich versah meinen Dienst als Hilfsschöffe im Berliner Kriminalgericht in einem langen Prozess um eine georgische Einbrecherbande, die in der Berliner Peripherie aktiv gewesen war: Einfamilienhäuser hinter schützenden Hecken und Terrassentüren, die mit Kuhfuß oder Schraubendreher leicht zu knacken sind. So ging der Frühling hin.

Die Sommerauktion von Grisebach stand an, ich fuhr hin. Vor mir saß ein älterer Herr, das lange graue Haar zum Zopf gebunden, die Hände ruhten auf dem silbernen Knauf seines Gehstocks. Daneben eine Dame mit weißer Perlenkette auf schwarzem Pullover. Vorn der Auktionator: „Kommen wir zu Noldes Marschlandschaft. Ein ganz wunderbares Blatt.“ – „100.000, eine schöne runde Zahl. Möchten Sie noch einsteigen?“ – „480 nehme ich auch. 500. 530. 550 gegen Sie alle hier im Saal.“ Polke kam nur bis 85.000 und ging zurück in den Nachverkauf. Ich hatte meinen Fetting gesehen: „mad clown“, Arcyl auf Leinwand, 160 mal 120; er fing bei 25, 30, 35.000 an und entwickelte sich gut bis 68.000 Euro, dann war er weg, vielen Dank. Der kam zu mir ins Manuskript.

Den Sommer verbrachte ich in der glühend heißen Stadt und schrieb. In der Staatsbibliothek war es kühl, und ich liebte meinen Platz, ich liebte das tägliche Schreiben. Romina Winter war wieder da, Jacques Lippold machte sich breit und breiter, ein Lichterfelder Anwalt Richard Rückert tauchte auf und ein Künstler namens Tecke: „Ein rohes Ei im freien Fall“. Es gab genug zu erzählen.

Mittags lief ich hinunter zur Potsdamer Straße und aß zu Mittag in der Joseph-Roth-Diele. Georges Moustaki sang seine alten Lieder, Leonard Cohen, Marianne Faithful, ich nahm noch einen Espresso und ging zurück an meinen Platz. Mittlerweile grüßen mich die Aufseher an der Einlasskontrolle. Das Manuskript wuchs und gedieh. Fettings Clown lachte.

Anfang September gab ich das Manuskript ab, drei Tage später brachen meine Frau und ich von Basel auf in Richtung Jura-Gebirge. Jetzt lag das Schreiben hinter mir. Jetzt war es Essig mit Kunstwelt und Glamour. Eine Stunde hinter Basel begannen die Berge. Der erste Anstieg. Der erste Anstieg, der einfach nicht aufhörte. Mein Herz hämmerte, der Asphalt blickte mich schwarz und hart an. Hinter jeder Kurve eine neue Steigung, hinter jeder Erschöpfung eine neue Verzweiflung. Meine Frau fuhr locker vorneweg.

„Es ist nicht mehr weit“, sagte sie. „Stell dich nicht so an. Wir haben es gleich geschafft, dann geht es bergab.“ Ich wusste: Sie log mir dreist ins Gesicht. Mit jedem Tritt in die Pedale dachte ich an Flauberts Satz: „Ihr Herz war kalt wie ein Dachzimmer, dessen Fenster nach Norden geht.“

Es ging nicht bergab, es ging bergauf. Stundenlang bergauf. Tagelang bergauf. Steigung um Steigung, Serpentine für Serpentine. An Kühen und Pferden vorbei, an Felsen und Fichten und noch mehr Kühen und Pferden, verlassenen Gehöften und Warnschildern vor starken Anstiegen. Und es regnete. Es nieselte und schüttete aus vollen Kannen, es regnete Hunde und Katzen und Kühe. „Wir sind gleich da“, sagte meine Frau. Ich konnte nicht mehr, ich stieg ab und schob. Die letzte Demütigung, die tiefste Erniedrigung. Ich sehnte mich nach meinem Platz in der Staatsbibliothek.

Und als es dann doch bergab ging, versagten die Bremsen des Hinterrads. Der Wind schlug mir bretthart ins Gesicht, das Gewicht der Packtaschen und der aufgeschnallten Supermarkteinkäufe meiner Frau (warum muss sie eigentlich an jedem Supermarkt anhalten und einkaufen gehen?) beschleunigten zusätzlich die rasende Fahrt bergab. Ich wusste, wenn ich über das Vorderrad abbremste, flog ich über den Lenker in den dunkel dräuenden Wald.

Nein, ich flog nicht. Sondern kehrte nach drei Wochen schlank und drahtig nach Berlin zurück, ein Nichtraucher. Der 1. Lauf des Verlags war bereits eingetroffen, außerdem eine Einladung der Jungs vom Atelier zu einem kleinen Skatabend.

„Du gehst da nicht hin, auf keinen Fall!“, sagte meine Frau. „Du rennst in dein Verderben.“

Ich ging zum nächsten Späti, holte drei Tüten Chips, zwei Flaschen Wein, eine Packung Zigaretten. Dann machte ich mich auf zum Atelier in der Neuköllner Hobrechtstraße. Die Karten lagen bereit. Nichts geht über eine intensive Recherche. Das neue Buch, das neue Jahr kann kommen.

Der neue Roman »Skin City« von Johannes Groschupf in der Edition TW bei Suhrkamp erscheint am 24.02.2025. Seine Texte bei uns hier.

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Günther Grosser: Slapstick geht immer

Für mich als Zuschauer war das vergangene Jahr etwas dürftig: ein Stockhausen-Abend der Percussion de Strasbourg; ein paar Tanzabende: Amala Dianor („Dub“); Jo Fong & George Orange („The Rest of Our Lives“) beim Brighton Festival; Dance On in der Berlinischen Galerie („A Sky Like a Wall“); eine Operninszenierung: Kornél Mundruczós Version von Dvoraks „Rusalka“ an der Staatsoper; zwei große Theaterabende: „Ja nichts ist okay“ von René Pollesch an der Volksbühne und das brillante phantastische großartige Ensemble von Torsten Lensing im Berliner Festspielhaus mit „Verrückt nach Trost“. Sonst viel viel Mittelmaß, Selbstüberschätzung, Einfallslosigkeit – wenn nix mehr geht, geht immer noch Slapstick.

Im Kino waren „Verbrannte Erde“ von Thomas Arslan und natürlich „The Zone of Interest“,

im TV „Die Zweiflers“ und die Kafka-Serie.

Und dann noch das Einstürzende Neubauten-Konzert.

Für mich als Leser gab’s etwas mehr: Roman Ehrlichs „Videotime“, ein exzellenter Coming of Age-Roman über die letzten Zuckungen der analogen HiFi-Welt und die seltsame Ausstrahlung der B- und C-Movies aus der Videothek. Paul Lynchs ultrabittere Wanderungen durch einen künftigen irischen Bürgerkrieg in „Das Lied des Propheten“; zweimal deutsche Sozial-Geschichte mit Schmackes: Ulrich Peltzers „Der Ernst des Lebens“ sowie „Dämmerung“, der letzte Teil von Michael Kleebergs Trilogie um Charly Renn; und schließlich zwei erhellende und hell leuchtende Romane zur Ost/West-Debatte: Anne Rabes „Die Möglichkeit von Glück“ und „Gittersee“ von Charlotte Gneuß.

Günther Grosser: Autor zu Genre-Themen, u. a. viele Jahre mit einer monatlichen Krimikolumne in der Berliner Zeitung. Theatermacher, Regisseur, Leiter des English Theatre Berlin. Seine Texte bei uns hier.

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Peter Hammans: Die Fitzek-Sphäre – und einige Hinweise

Ich weiß nicht, ob es allgemein aufgefallen ist. Sollte es aber, denn 2024 ist im Marketing von Spannungstiteln eine neue Stufe erklommen worden. Eigentlich ist es eine ganz neue Sphäre, die sich da auftut, denn bisher war das eher internationalen Stars des Showbusiness oder bekannten Rockbands vorbehalten. Die Rede ist von Sebastian Fitzek (zum Autor muss man nichts mehr sagen) und seiner vorweihnachtlichen Arena-Tour, auf der er mit seinem neuen Thriller Das Kalendermädchen (dem Jahresbestseller 2024, wie sich gerade herausstellt) in fünfzehn Städten Deutschlands (Hamburg, Berlin, Köln, München, Mannheim, Nürnberg, Frankfurt …) die größten Hallen füllte und etwa 200 000 Besucher anzog.

Wenn man bedenkt, in welch kleinem Rahmen Lesungen oft stattfinden (hundert Besucher in einer Buchhandlung sind schon sehr ordentlich), dann wird der Sprung sichtbar, der hier getan wurde. Allerdings auch mit enormem logistischen Aufwand: Auf einer 360-Grad-Bühne präsentierte Fitzek, begleitet von einer dreiköpfigen A-cappela-Band aus USA, 24 Türchen, die einen Adventskalender ergaben. Hinter jedem Türchen steckte ein Bühnenshow-Element sowie ein Buchausschnitt aus seinem neuem Psychothriller. Welches Türchen geöffnet wurde, entschied das Publikum.

Auch daran wird sichtbar, dass es längst nicht mehr ums Lesen geht, sondern um „Fandom“, das mit einem Mega-Event bedient wird. Fitzek, der ehemalige Radiomoderator, ist ein begnadeter Entertainer, keine Frage. Aber natürlich gerät mit solch einer gigantischen Bühnenshow das Lesen als solches völlig in den Hintergrund. Und ebenso zwangsläufig werden damit Maßstäbe gesetzt, die der klägliche Rest des Autorenfeldes, selbst herausragende Köpfe darunter, kaum wird erfüllen können. What comes next?, fragt man sich unwillkürlich. Ist das noch zu toppen? Auch von Fitzek selbst? Möglicherweise werden damit Erwartungen geweckt, die auf Dauer nicht zu erfüllen sind. Oder, so denn andere Stars (Klüpfl & Kobr, Nele Neuhaus, you name them …) nachziehen, es kommt zu einer Inflationierung der Event-Shows.

Tut man dem gesamtgesellschaftlich durchaus bedrohten zarten Pflänzchen des Lesens, nicht zuletzt angesichts kurzer Aufmerksamkeitsspannen des Publikums, damit wirklich einen Gefallen, selbst wenn der PR-Effekt erheblich ist? Oder distanziert man auf diese Weise das Feld der übrigen Autoren wie ein Tadej Pogačar das Peloton auf der diesjährigen Tour de France? Lese-Doping vs. Ernüchterung? Man wird sehen …

Tipp 1

Die US-Autorin Megan Abbott, Platz 2 auf der Krimi-Jahresbestenliste 2024 mit Wage es nur!, hat soeben nachgelegt mit Hüte dich vor der Frau, einem raffinierten Psychothriller in ungewohntem Setting (Michigans wilde Upper Peninsula) mit Dr.Jekyll-und-Mr. Hyde-Elementen, in dem es letztlich um das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper geht. Damit arbeitet sich Abbott weiter aus der nischigen Noir-Ecke heraus, in der sie früher einmal beheimatet war, und öffnet sich thematisch für ein breiteres Publikum. Ich lasse mir hier als Übersetzer dieses Thrillers gerne eine gewisse Parteilichkeit nachsagen, aber dessen ungeachtet ist die neue Abbott einfach nur „top-notch“, auch stilistisch weit über „run of the mill“.

Tipp 2

Die bis dato unbekannte britische Autorin Marie Tierney hat bereits im Februar ‘24 mit Deadly Animals ein bemerkenswertes Debüt rausgehauen, das ihr allergrößtes Lob von vielen renommierten Kollegen und Kolleginnen eintrug (Mesmerizing, Peter James; Ecxeptional, Chris Whitaker) und mit dem sie im Juli auf Britanniens größtem Krimifestival in Harrogate auch gleich den Val McDermid Crime Debut Award abräumte. Geschuldet ist dies der Originalität des Plots: Die 13-jährige Ava hat nämlich ein ungewöhnliches Hobby, sie interessiert sich für den Prozess der Verwesung und sucht deshalb die Landstraßen in ihrer Nähe nach überfahrenen Tieren ab. Doch eines Nachts stolpert sie dabei über den leblosen Körper ihres Klassenkameraden Mickey Grant, dessen Leiche aussieht, als wäre ein wildes Tier über ihn hergefallen. Kurz darauf verschwindet ein weiterer Junge, und Ava macht sich auf die Suche nach dem Killer. Eine außergewöhnliche Revitalisierung des Serienkiller-Stoffs mit einer mindestens genauso außergewöhnlichen Heldin, die es wissen will. Wir auch – nämlich was als Nächstes von Marie Tierney kommt. A name to watch!   

Peter Hammans prägte lange Jahre das Krimi-Programm beim Verlag Droemer Knauer , betreute als Cheflektor unter anderem weltbekannte Bestsellerautoren wie John Katzenbach und Val McDermid. Jetzt lebt und arbeitet er frei und gerade für Frank Nowatzkis Pulp Master Megan Abbott übersetzt („Hüte dich vor der Frau“). Seine Reminiszenz zum Siebzigsten für Thomas Wörtche bei uns hier.

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Bodo V. Hechelhammer: Yippee-ki-yay, motherfucker

Weihnachten, die Zeit der Besinnlichkeit und des Schenkens. Man könnte es aber auch in diesem Jahr nennen: Die Zeit der Ignoranz und des kollektiven Selbstbetrugs. Während wir uns um den festlich geschmückten Baum versammeln, erscheinen weltweit immer zahlreicher Konflikte und Kriege, wie die ungebetenen Gäste auf einer Weihnachtsfeier. In der Ukraine wird weitergekämpft, während im Nahen Osten die Raketen fröhlich durch die Luft fliegen. Ein Hoch auf den Frieden. Und während wir uns mit Glühwein und Plätzchen stärken, können wir nur hoffen, dass Terroristen in ihren festlichen Anzügen nicht auch noch einen weiteren Auftritt planen oder Irre mit dem Auto auf den Weihnachtsmarkt vorfahren. Schließlich ist Weihnachten die Zeit der Wunder oder zumindest der Illusionen.

Inmitten dieser düsteren Realität gibt es immer noch Menschen, die behaupten, Kevin – Allein in New York sei sogar ein Weihnachtsfilm. Natürlich. Und Donald Trump ist der Weihnachtsmann. Der ehemalige und bald schon wieder künftige Präsident der USA hat sich nicht nur in den Film gedrängt, sondern auch gleich seine eigene Reality-Show aus Amerika und der Weltpolitik gemacht. Wer braucht schon eine Handlung, wenn man eine überlange rote Krawatte hat. Das ist inzwischen leider kein Film mehr, das ist ein Lehrstück über amerikanische Werte und deren Abwesenheit. So haben wir im November alle festgestellt: Die Amerikaner wählen lieber einen alten verurteilten weißen Mann als eine farbige Frau. Merry Christmas.

Und dann gibt es da noch Der kleine Lord, ein weiterer Weihnachtsklassiker, der uns lehrt, dass das Gute immer siegt – solange man genug Geld hat. Umfragen besagen, dass dieser Kitschfilm der beliebteste bei den Deutschen ist. Gut so. Schließlich wählen ja auch 20 Prozent der Wähler die AfD und feiern damit den Aufstieg des Populismus wie ein Kind an Heiligabend. Cedric mag zwar süß sein, aber er ist nichts weiter als ein kleiner Aristokrat in spe, der allen lehrt, dass Eigentum heilig ist und Charity nur ein hübsches Wort. Zufall? Wohl kaum. Denn in Deutschland ist wie in keinem anderen Land in Europa das Eigentum so ungerecht verteilt. Die wohlhabendsten zehn Prozent besitzen zusammen etwa 60 Prozent des Gesamtvermögens, während die unteren 20 Prozent gar nichts haben. Oh, Dem Golden Slippers! Ein Hoch auf den Kapitalismus und seine festlichen Nationalmärchen.

Im Zeitalter von Streamingdiensten wird gerne zur Weihnachtszeit auch die Harry Potter-Reihe geschaut. Weihnachtsfilme ohne Frage. Schließlich kamen die Filme kurz vor Heiligabend in die Kinos, feiert Harry sein erstes echtes Weihnachten in Hogwarts und lernt dabei Rechtschaffenheit, Moral und Loyalität kennen. Werte, die dringend gebraucht werden, besonders wenn man bedenkt, dass im neuen Jahr wieder Wahlen anstehen. Und Potter wusste, das Schlechte auf der Welt muss entschieden bekämpft werden, mögen die Kosten auch noch so hoch sein.

Wie soll man aufs neue Jahr blicken, wenn das alte noch im Kopf steckt. Bruce Willis hat dazu einmal klargestellt: Stirb langsam sei gar kein Weihnachtsfilm. Dem kann man nur maximal widersprechen, denn wenn man ehrlich ist, ist es der ultimativste Weihnachtsfilm unserer Zeit. Weihnachten dreht sich um Hoffnung und die Möglichkeit, dass alles am Ende doch gut wird. Eine Botschaft, die in der besinnlichen Zeit des Jahres besonders wichtig ist. Der perfekte Weihnachtsfilm endet schließlich mit einem Happy End, nachdem die Protagonisten unzählige Herausforderungen überwunden haben, eine Gemeinschaft entstanden ist oder sich ein Wunder ereignet hat. Und was könnte schöner sein als die Vorstellung, dass Terroristen oder Kriegstreiber oder das Böse-dessen-Name-nicht-genannt-werden-muss Jahr für Jahr aufs Neue scheitern? Yippee-ki-yay, motherfucker!

Bodo V. Hechelhammer kam als Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND) – mit einem kundigen Faible für die populärkulturellen Spiegelungen der Agenten- und Geheimdienstwelt – mit uns in Kontakt und ist seitdem ein geschätzter Autor. „Geheimdienst ist besonders spannend unter kulturhistorischer Sicht“, ein Interview von Alf Mayer mit dem Autor über das Buch Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956 hier. Alf Mayers Besprechung von Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten hier.2022 von ihm erschienen: Rolf Kauka. Fürst der Füchse, hier bei uns besprochen, ein Textauszug hier.

Seine Texte bei uns hier

          

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